Chapter 4
Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und beleuchtete das schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war ganz beschmutzt, ihre Stiefel waren kothig, der Rock im Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie watete.
»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre weißen Zähne leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. Fröstelnd knöpfte sie ihren Überwurf zu.
»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen mit unseren Köpfen.«
Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen, großen Augen auf den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren Blicke, daß der Oberrichter ausrief: »Komm' also, setze dich zu mir in den Wagen. Ich werde dich nach Hause führen.«
»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki melancholisch. »Was thun Sie?«
»Auf meine Verantwortung!«
»/Juventus ventus/,« murrte Inokai.
Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die Wärme der Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter mit einem leichten Schwunge wie eine Wildkatze.
Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.
»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend. Dann zog er den kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn über ihre Knie. Er betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn, sie war ein wenig heiß, aber wie glatt, wie süß anzufühlen! Das Blut des Oberrichters begann zu sieden.
»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte unterdessen auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph Agoston, der seinen Kopf an einen sicheren Ort gelegt hat, nach Waitzen.«
»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte im letzten Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt: »Unseren Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet die roten Lippen des Zigeunermädchens und mißt mit dem Arm ihren schönen schlanken Leib.«
»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du entflohen?«
»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre wachte, einzuschlafen und er schlief ein.«
»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?«
»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.«
»Und die anderen?«
»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht kommen. Hier zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen müssen, dort gab es ein prächtiges Mittagmahl, Braten, dreierlei geschmackvolle Fruchtgattungen. Auch Mamaliga[12] gab es vielleicht dort. Das Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.«
[12] Kuchen aus Maismehl.
»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.«
»Ich freute mich über die Kleider.«
»Und du hast sie schon satt?«
»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.«
»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel Leid über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!«
Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub.
»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich es einmal aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.«
Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte sie und weinte.
Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf, um ihn von seiner Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich: »Ich bin kein Bischof.« Als er den Kopf des Mädchens aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm zusammen, sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen Augen umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich gereute es ihn ... und er ließ es wieder los.
»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? Mach' keine Dummheiten und küsse mir die Hand nicht, denn sonst werde ich deinen Zopf an den Wagen binden, damit du deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den Menschen in Verwirrung bringst!«
Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.
»Nun, soll ich es an den Wagen binden?«
»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft, ruhig.
»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an etwas anderes.«
Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der Hand die Stirne.
»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man deinen Zopf bis zum Grund abschneiden müsse.«
Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese glänzten selbst im Finstern.
»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher nicht hört, was ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht an. Noch näher. Fürchte nichts, ich werde Dich nicht küssen.«
»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.«
»Dein Haar muß abgeschnitten werden.«
»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.«
»Dann mußt du vom Wagen steigen ...«
Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung.
»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug Macht, um dich zu schützen. Wer weiß übrigens, was mit mir geschieht. Ein schlimmes Schicksal steht mir bevor. Du mußt also absteigen, das ist gewiß.«
»Aber warum?«
»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist, als der Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als sie, dann würdest du jetzt bei mir bleiben und kein Haar würde dir gekrümmt werden.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet sich ein Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen gekauft. Wenn du vom Wagen springst, wirst du dich irgendwo als Bursch verkleiden; ich lege dir auch ein paar Dukaten in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge sein, was glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht erkennen.«
Czinna seufzte und fing an zu weinen.
»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach Kecskemét zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und bei meinem Vater als wandernder Schneidergeselle, der Arbeit sucht, einkehren.«
Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf.
»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens kann ich Sie täglich sehen.«
»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein ernster Zustand. Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, so wirst du ihm diesen Ring zeigen, zum Zeichen dessen, daß ich es wünsche.«
»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch mündlich sagen.«
»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch und zog einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend.
Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber ohne Ring aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater soll nicht ahnen, niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung bedeckt. Ich wünsche es so.«
»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna.
»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen, so lange es noch dunkel ist.«
In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher man die Mähnen der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der Oberrichter hervorzog, zitterte seine Hand, wie erst, als er die prächtigen Zöpfe erfaßte, um dieselben zu vernichten.
»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere fallen.
»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die Scheere erfassend. Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald war abgeschnitten. Das Mädchen lächelte mit kronenlosem Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen die schweren Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus der Kiste nahm.
»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du an das Ufer der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst und wirst dein abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch legen, wie es die einen Selbstmord begehenden Mädchen zu thun pflegen, welche ihre Kleider dort zurücklassen und nur ihren Schmerz mitnehmen ...«
»Alles wird so sein ... alles.«
»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente vom Wagen des Kriston.
»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber.
»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war in der That kein Wunder. Damals waren die Komitate noch Jungfrauen bezüglich des Straßenbaues. Die Klage, daß man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße nenne, hatte damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen die Straße selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind schon Menschen passiert und wenn sie schon passierten, »dann können auch wir dort wandeln.«
Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß bis zur Achse im Moraste drin, welcher beim Mondschein einer grünseidenen Wiese glich. Dieses Alföld, welches Petöfi ein offenes Buch nennt, ist eine tolle Gegend. Bei Tage zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser, des Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm glauben?)
Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge beinahe rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung er wählen sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen versuchte in anderer Richtung sein Glück. Auch dieser geriet in den Morast.
»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?«
Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.
»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den >Höllenteichen< befinden,« sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein Durchgang sein. Ich habe oft von den Fuhrleuten gehört, daß man zwischen den Seen zum rechten Wege gelangen könne.«
»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.«
»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon oft Ochsen nach Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen Herbstes. Wie, wenn er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, dort im letzten Wagen, wecke deinen Bruder Márton auf.«
Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte den schlafenden Alten aus Leibeskräften.
»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?«
»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den Weg nach Kecskemét?«
»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.
»Wir befinden uns hier bei den >Höllenteichen<. Die ersten zwei Wagen stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um sich, wo wir einen Ausweg finden.«
Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam das erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder Sterne.
»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?«
»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der eine Sumpf ist wie der andere.«
Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. Mit einem Male richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinüber: »Siehst du, mein lieber Sohn, diesseits des großen Bären die zwei kleinen Sterne, der eine ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger, aber kleiner, sie befinden sich gerade einander gegenüber?«
»Ich sehe, Marczi Bácsi.«[13]
[13] Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.
»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber. Dort ist der Weg.«
Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der alles ins Reine gebracht hat.
Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurückgelangt war, befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt war sie während der eingetretenen Verwirrung verschwunden, nur der große aufgelöste Zopf dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die herrlichen Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in kleinen Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fäden sanken leise nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, als flögen sie hinweg; das grünliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblüten ... Nachdem man endlich in Sicherheit war, da hielt des Oberrichters Hand nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand.
»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein Mädchen geraten? Auf welchem Wagen ist sie?«
Von überall kam die Antwort: »Hier ist sie nicht! Hier auch nicht.«
»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf, »daß sie nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!«
Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte man ohne Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern und von Dörfern zu Tanyen. Nur hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den richtigen Pfad wies.
»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort neben dem kleinen Bären steht ...«
Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des Himmelszeltes. Die Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen mit seinem blauen Felde ist allezeit unveränderlich. Von dort herab maß er denn auch den Weg von Pest bis zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid, er sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen förmlich Staub aufwirbelte .....
Sechstes Kapitel.
Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze auf; hier und dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!« »Vivat!« und dergleichen mehr. Der glänzend beredte Paul Fekete büffelte gerade an einer Rede, welche also begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen und achtungswerten Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann, denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses achtungswerten und weisen Mannes.)
Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, kurz, es wurden große Vorbereitungen getroffen, und man hätte vielleicht sogar die großen Glocken geläutet, wenn Herr Poroßnoki nicht bei Czegléd, von seinem richtigen Verstande geleitet, Pali, den schmucken Csikós, auf ein Roß gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu sagen, daß man keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit keine Ursache vorhanden sei.
Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig und ärgerlich sah man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zäunen den Einzug der Vorsteher mit an. Kein einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu die Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!..
Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse Flügel, man erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt, wie Kecskemét sich selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf die vielen kostbaren Geschenke und Schätze einen Kaftan hingeworfen.
Schmach und Schande!
Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben und den Kaftan auch nach Hause bringen? Am nächsten Tage sammelten sich große Mengen vor dem Stadthause; die angeseheneren Bürger gingen in den Saal hinauf, um hier aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu vernehmen. So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition.
Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten draußen, schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine Melodie zu dem Verse, der soeben herrenlos auf den Lippen des Pöbels geboren worden war:
»Kecskemét, magst glücklich sein, Kaisers Kaftan ist ja dein!«
Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten noch die Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, schrieen sie der Menge höhnisch zu:
»Hält der Kaftan auch warm?«
Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. Finster saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai, ganz weichherzig und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze des Oberrichters leuchteten noch Mut und Trotz.
Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön komponierten Rede, und er begann mit dem Herrgott, der Kecskemét so häufig heimsucht, daß man ihn bereits als einen hier zuständigen Einwohner betrachten konnte. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen (der Herrgott ist Zeuge!) und sie konnten nichts dafür, daß der Plan in Trümmer ging.
Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!
Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede würde vielleicht gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht bei den Details, wo Poroßnoki mit großem Pathos sagte: »Und wir erschienen am Mittwoch vor Sr. Majestät dem türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,« hätte, wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen: »Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?«
Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern und von da ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem anderen. Die Autorität sank und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon alles aufloderte.
»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen! Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen nähen lassen! Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum Kinderspott gemacht! Ich komme gerade von draußen und da schreien die Köröser auf dem Platze: >Hält der Kaftan auch warm?< Eine solche Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!«
Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden Augen, brüllender Stimme und drohender Faust wütete er:
»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!«
Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste.
»Danken Sie ab!«
Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger werdenden Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen Stuhl um, knöpfte von seiner Weste das Stadtsiegel los, welches dort an einer Kette hing und warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste Ecke des Saales kollerte.
»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte zur Thür.
Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.
»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich vor Gott und Menschen an, daß du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke gespielt, daß du die Schätze unserer heiligen Mutterkirche verkauft hast. Du bist der Gefangene der Stadt!«
»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák.
Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten hätte, Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür hinter sich zuschlagend. Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem allgemeinen Willen unterwerfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem entstandenen Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum Präsidentenstuhle.
»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein neuer Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. Ein katholischer, ein kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.«
»So ist's!« schrie die Menge.
Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, Balázs Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, als sich die Menge zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um zu beraten und sein erster Beschluß war die Gefangennahme des jungen Lestyák.
Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz seines Herzens, seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst griff er zum Bügeleisen und wollte die Haiducken totschlagen. Als man ihm das Bügeleisen aus der Hand riß, brachte er aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung, welche er wie Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas warf.
»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber Vater,« sagte ein wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das dauert nicht ewig.«
»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine Fäuste wie ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét, wie Sodom und Gomora wehe ward.«
»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max.
»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie ein altes Weib. »Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib wie die anderen. Sie läuft immer neuen Männern nach. Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis hatte und ihn verließ, zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.«
Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen eines Wahnsinnigen die Scheere und begann einen neuen Dolman, den er eben fertig gestellt hatte, in Stücke zu zerschneiden, indem er heiser röchelte:
»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.«
Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und auch den armen Max schleppte man in den dumpfen Kerker des Stadthauses. Er lief ihm nach, aber bei der Thoreinfahrt wankten seine alten Beine und er konnte erst an der Thürschwelle rufen:
»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort erlösen, deine Freiheit erringen.«
Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache! Man ging einfach zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl zu erwirken, daß man ihn sofort frei lasse. Wenn das Herz des Ofner Pascha nicht zu erweichen war, ging man zum Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen wir an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune war, dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, oder nach Fülek zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten Falle kann auch Herr Csuda die Freilassung anordnen, wenn es nicht das Einfachste ist, sich an den hochgebornen Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle diese wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét.
Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich anbot, er war ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche.
Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen und die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen giebt auf das Haus acht, übernimmt die Bestellungen und hält die ungeduldigen Kundschaften mit Worten hin, die Magd Erzsike hingegen kocht für ihn und sucht ihn auszuforschen.
»Aber dann mein Sohn Laczi? -- nicht wahr du heißt Laczi? -- treibe keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich warne dich, denn das ist mein Patenkind.«
So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten Winter kehrte er zurück.
Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen strengen Winter und es war in der That so. Die kämpfenden Parteien standen viel Elend aus. Von den Kriegern des Herrn Thököly erfroren hundert bis zu Weihnachten. Wegen des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die Lebensmittel knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten auch dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war.
An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem Ferman des Ofner Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich ein Trupp des übel beleumundeten Kalgaer Sultans vor die Stadt, unter der Führung Olaj Begs, mit sehr vielen in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern und er sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:
»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht acht Wagen Brot, vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und viertausendfünfhundert Gulden schickt, werde ich sie nachmittags selbst mit meinen Soldaten holen und von den Köpfen der Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn ein Richter hat an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!«
Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken liefen in voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen Olaj Beg Brot backe, daß man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen solchen Aderlaß erträgt man jetzt nicht.
Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er mit Unterwürfigkeit hereinhumpelte.
»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh ...
»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.«
»Wegen des Sohnes?«
»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen.«
»Wenn wir ihn freilassen.«
»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. »Übrigens wie Euer Gnaden wollen.«
Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha überflogen hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, denn der gute Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus, ohne eine kleine Gemütlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch jetzt standen dort die wenigen Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch stark juckt.«
»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend. »Wir gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät Abend, auch ist der Kerkermeister nicht hier. Wir werden unseren Bruder morgen früh schon herauslassen.«
Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung fand ihn schon vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein häßliches Wetter, ein großer Nebel ballte sich zusammen und auch der Schnee fiel still herab. Die Stadtherren kamen früh genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht einen guten Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen Kollegen mitzuteilen.