Der Wobbly

Part 9

Chapter 93,582 wordsPublic domain

Kaum waren sie abgeführt, da kam Morales zurück, der drei Stunden abgelöst worden war und jetzt wiederkam, um seinen Posten von neuem anzutreten. Als er hörte, was geschehen war, rief er rein: „Du Hundesohn da drin,“ er meinte Doux damit, „jetzt geht es dir schlecht, das sollst du mal sehen. Bis jetzt haben wir nur Spaß gemacht. Aber wenn du das nicht anders haben willst, wir können auch noch eine andre Flöte blasen.“

Morales ging sofort zum Bureau des Syndikats.

Zehn Minuten darauf war schon der Sekretär auf der Wache.

„Was wollen Sie?“

„Sofort her mit dem Inspektor. Mit dem werde ich jetzt mal ein Wörtchen reden. Der ist besoffen.“

Der Inspektor kam, und der Sekretär wollte seine verhafteten Leute sehen. Auch diese Leute kamen, und der Sekretär fragte nun nach dem Polizeidirektor. Auch der kam, wurde ganz aufgeregt, als er den Sekretär des Syndikats sah, und machte sich gleich an das Geschäft.

„Warum haben Sie den Mann geschlagen?“ fragte der Direktor.

„Er hat die Leute im Café beschimpft.“

Der Direktor sah ihn jetzt voller Wut an: „Wo steht, daß Sie einen Mann, der jemand beschimpft und sonst nichts tut, schlagen dürfen?“

Lamas wollte was sagen, aber der Direktor fiel ihm gleich ins Wort: „Kennen Ihre Instruktion nicht!“ Er wandte sich zum Schreiber: „Schreiben Sie, Lamas ist in Unkenntnis über seine Instruktionen.“

Dann sagte er zu Lamas: „Das ist hier kein guter Platz für Sie. Ich werde sehen, daß ich ein Dorf für Sie kriege, wo Sie kein Unheil anrichten können. Und wenn noch mal etwas Ähnliches vorkommt, werden wir ohne Sie fertig werden müssen. Wird uns nicht schwerfallen. Warum haben Sie die Leute hier verhaftet?“

„Die haben alle Gäste und Senjor Doux beschimpft“, sagte Lamas schüchtern.

„Beschimpft. Beschimpft. Was heißt das, beschimpft?“

„Sie haben Hurensohn gesagt“, verteidigte sich Lamas.

„Wenn Sie jeden verhaften wollen, der Hurensohn sagt, dann werden Sie wohl gleich um das ganze Land eine Gefängnismauer ziehen müssen. Ich glaube, Sie sind nicht ganz richtig im Kopfe.“

„Sie haben die Leute aber auch noch bedroht.“ Es klang recht kläglich, was Lamas sagte und wie er es sagte.

„Bedroht. Was verstehen Sie denn darunter?“

„Sie haben gesagt, sie wollen Senjor Doux erschlagen.“

„Das haben wir nicht gesagt“, riefen die Verhafteten.

Der Direktor sah Lamas ironisch an und sagte: „Hat zu Ihnen noch nie jemand gesagt, daß er Sie erschlagen wolle? Haben Sie dann Ihre Frau und Ihre Freunde und Bekannten auch gleich verhaftet und mit dem Revolverkolben über den Kopf geschlagen?“

„Das schien aber hier sehr ernst zu sein“, sagte Lamas.

„Um Ihre Haut oder um was? Hat einer von denen, die Sie verhaftet haben, jemand geschlagen oder beraubt oder das Café des Senjor Doux demoliert? Sicher nicht, denn dann würden Sie mir das gleich erzählt haben. Wir und Sie sind dazu da, um das Eigentum und die Person des Senjor Doux zu schützen, aber es steht nicht in der Verfassung, daß wir dazu da seien, ihm zu helfen, Löhne zu zahlen, von denen kein Mensch leben kann, und ihm zu helfen, seine Leute jeden Tag so lange zu beschäftigen, daß sie nicht einmal mehr Zeit finden, mit ihrer Familie spazierengehen zu können. Wenn die Leute sich das gefallen lassen, das geht uns nichts an; aber wenn sie es sich nicht mehr länger gefallen lassen wollen, dann ist es nicht unsre Aufgabe, die Leute deshalb zu verhaften. Warum verträgt sich Senjor Doux nicht mit seinen Leuten? Dann hätte er gleich Ruhe. Aber diese Unordnung kann nicht weitergehen. Das kann ja zu Ruhestörungen führen. Ich werde sofort anordnen, daß das Café La Aurora für zwei Monate geschlossen wird. Dann ist da Ruhe.“

Er wandte sich zum Schreiber: „Füllen Sie gleich das Schließungsdokument aus, für zwei Monate. Ich werde es unterzeichnen und beim Gouverneur verantworten. Und Sie, Senjor Lamas, betrachten sich als vorläufig Ihres Dienstes enthoben, bis ich vom Gouverneur unterrichtet bin, wohin Sie versetzt werden. Die Verhafteten sind entlassen. Außerdem irgendwelche Beschwerden?“

„Nein“, erklärten die Leute.

Der Direktor stand auf, gab dem Sekretär des Syndikats, der sich verabschiedete, die Hand und sagte zu ihm: „Wir haben ja nun in der Angelegenheit nichts mehr zu tun. Das Weitere liegt jetzt bei Ihnen. Es war gut, daß ich so schnell zu erreichen war. Es sind immer noch welche da, die nicht mitkönnen.“

„Oder die nicht mitwollen, weil sie gebunden sind“, setzte der Sekretär fort.

„Er wird einen Platz bekommen, wo er Ersparnisse machen kann, weil er keine Ausgaben hat. Ich habe schon einen Platz für ihn, eine Banditenregion. Wenn er etwas wert ist, da kann er es zeigen. Und wenn er nichts wert ist, werden wir ihn feuern. Er gehört immer noch zu dem alten Stock, die glauben, daß die Diktatur die einzig richtige Form des Regierens ist. Wir haben sie bald alle raus, und es ist ganz gut, wenn die Letzten, die wir drin haben, in alte Fehler verfallen und sich uns so zu erkennen geben.“

„Ha!“ rief der Sekretär aus, „in den Staaten drüben sind diese alten Fehler urmoderne Einrichtungen.“

„Weiß ich,“ erwiderte der Direktor, „aber wenn wir schon vieles nachmachen, so müssen wir doch nicht alles nachmachen, und besonders müssen wir nicht das nachmachen, was in unsre Zeit nicht mehr hineinpaßt. Diese Mittel waren einmal gut, vielleicht, heute sind sie die dümmsten Mittel, die man anwenden kann. Und sie werden auch drüben nur von Eseln angewandt; und Esel haben die da drüben ja viel mehr als wir, wenn es sich um zweibeinige handelt.“

5

Die beiden Beamten mit ihren grünen Schnüren am Rock kamen zu Senjor Doux und übergaben ihm das Dokument. Doux bekam einen heillosen Schreck und schrie zu seiner Frau: „Na ja, da haben wir ja die Bolschewistenregierung. Die haben mir einen netten Streich gespielt.“

„Was ist denn los?“ sagte seine Frau näherkommend.

„Die haben uns geschlossen.“

„Ich habe es dir ja immer gesagt, laß uns nicht hierhergehen. Das ist ein ganz verrücktes Land, wo es weder Recht noch Gesetz gibt. Du kannst nur immer Steuer zahlen, und zwar tüchtig, aber zu sagen hast du nichts.“

„Sie müssen gleich zumachen,“ sagte nun der Beamte, der das Protokoll überreicht hatte, „sonst gibt es ein Strafmandat über hundert Pesos.“

„Die Gäste werden doch wohl noch ihre Getränke austrinken dürfen?“ fragte Senjor Doux.

Der Beamte sah nach der Uhr und sagte: „Eine halbe Stunde, dann ist Schluß. Sie kriegen einen Wachtmann her, der aufpaßt, daß Sie keine Gäste aufnehmen für das Lokal. Den Wachtmann müssen Sie bezahlen. Das ist ein Beamter.“

„Ich auch noch den Wachtbeamten bezahlen?“

„Sie glauben doch nicht etwa, daß wir ihn bezahlen? Wir haben kein Geld dafür, um umsonst aufzupassen, daß Sie das Protokoll auch einhalten.“

Die beiden Beamten gingen raus und stellten sich vor die Tür, um die halbe Stunde Gnadenzeit abzuwarten. Als sie um war, riefen sie hinein, und Senjor Doux schloß wütend die Türen. Nur der Gang für das Hotel blieb offen, weil das Hotel ja die Ruhe und Sicherheit nicht gestört hatte. Im Lokal aber zog keine Ruhe ein, sondern es wurde lebhafter, als es je in den letzten Tagen gewesen war. Die Douxens gerieten sich in die Haare. Sie wurde wie eine Furie, jeder Centavo, der dem Geschäft verlorenging, fraß an ihrem Herzen. Sie watschelte in ihren Pantoffeln hin und her zwischen den Tischen und machte dem Manne das Dasein heiß. Sie trug nur Hänger, gerade so übergeworfen. Die dicken fleischigen Waden waren frei und steckten in hellgelben seidenen Strümpfen. Nacken und der Oberteil der Brust waren auch frei, fleischig und quabbelig. Nur ihre Jugend hielt diese ausgewachsenen Massen in einer Form, die nicht gerade häßlich wirkte, sondern mehr verlockend. Aber fünf Jahre mehr würden das Verlockende sicher auslöschen, und das Häßliche würde nicht nur bleiben, sondern verstärkt werden. Die Arme guckten ihrer ganzen Länge nach nackt aus den Ärmellöchern des Hängers. Sie hätte, nach dem Aussehen ihrer Arme zu urteilen, als Ringkämpferin auftreten können. Aber es war nur quabbeliges Fleisch, wie alles übrige ihres Körpers. Im Nacken hatte sie einen Fleischwulst, der vorläufig nur schüchtern sich hervorwagte, aber in einigen Jahren Landmarke sein würde. So wie sie jetzt herumlief, lief sie immer im Lokal herum. Wäre es ein andres Lokal gewesen, man hätte sie gut für eine Bordellmutter halten können, mit der nicht gut zu spaßen war. Die Hänger wechselte sie zuweilen. Sie hatte einen grauen, einen rosafarbenen, einen grünen, einen dunkelgelben und einen hellvioletten. Ob sie irgendein andres Kleid besaß, weiß ich nicht. Ich habe nie ein andres an ihr gesehen.

Senjor Doux lief auch stets in Hemd und Hose umher. Nur wenn er zum Markt ging, setzte er einen Hut auf. Er trug immer eine schwarze Hose, die er mit einem schmalen Ledergürtel hielt, ein weißes Hemd mit Kragen und schwarzem Schlips. Sein Bauch stand spitz vor, als ob er am Aufblasen sei. Auch die Senjora schien einen ähnlichen spitzen Bauch zu haben. Man konnte das nur nicht so beurteilen, weil der Hänger das ausglich. Aber was sie vorn zuviel hatte, fehlte ihr hinten. Das heißt, hinten war schon allerlei vorhanden; aber das proportionale Verhältnis zum Bauch war doch nicht kräftig genug, um der ganzen Figur die mollige Form zu geben. Und weil vorn viel mehr war als hinten, so sah es in dem Hänger immer so aus, als ob sie hinten nur das Allernotwendigste habe, und als ob selbst dieses Allernotwendigste gerade am Überlegen sei, ob es nicht auch noch nach vorn rutschen solle. Jedenfalls brauchte Senjor Doux nicht verlegen sein, er konnte gut etwas in den Händen halten und brauchte nicht zu befürchten, sich an Knochen wund zu stoßen. „Du bist ja rein verrückt gewesen,“ schrie sie auf ihn ein, „hier in dieses wahnsinnige Land zu gehen.“

„Ich?“ schrie er zurück. „Warst du es nicht, die jeden Tag mir die Ohren volljaulte, daß hier das Geld auf der Straße läge, und daß man es nur aufzuschaufeln brauche?“

„Du gemeiner Lügner, du,“ brüllte sie los, „du dreckiger Marseiller Zuhälter, der du bist, hast du nicht mein ganzes Geld abgehoben und mir gesagt, daß es hier tausend Prozent bringe in zwei Jahren?“

„Habe ich vielleicht nicht recht damit gehabt? Wir sind hierhergekommen mit nichts. Oder wieviel haben wir denn gehabt? Achthundert Pesos. Oder vielleicht mehr? Und jetzt haben sie mir schon achtundsechzig tausend Pesos für das Haus und Café geboten. Und ich verkaufe es nicht dafür, weil es viel mehr wert ist.“

„Mehr wert? Mehr wert?“ erboste sie sich. „Nicht einen Dreck ist es wert. Wo denn? Es ist zu. Die werden dir kaum die Ziegelsteine bezahlen. Aber das habe ich dir ja schon damals gesagt, als die neue Regierung herankam. Wie heißt denn der Hund, der Obregon, der Spitzbube! Da war es vorbei.“

„Wir haben doch erst seitdem angefangen, zu etwas zu kommen. Oder vielleicht vorher? Vorher vielleicht? Wo wir einhundert Pesos nach den andern schmieren mußten, um die Augen aufbehalten zu dürfen. Jeder hielt die offne Hand hin.“

„Und jetzt,“ widersprach sie ihm, „ist es jetzt anders? Jetzt stehen die Leute immer mit der offnen Hand da. Erst die Küche, nun die Kellner, und du wirst sehen, die Bäckerei kommt auch noch hintennach. Dann können wir heimfahren, bettelarm.“

„Laß mich jetzt in Ruhe, zum Donnerwetter nochmal“, schrie er in voller Wut. „Du verdirbst alles mit deiner Habgier und mit deinem verfluchten Geiz.“

„Ich geizig? Geizig ich? Wo ich doch das ganze Geld zusammenhalten muß, weil du es sonst verhuren würdest mit den Weibsbildern. Und das nennst du geizig? Du freilich kümmerst dich nicht um die Kinder und was daraus wird. Du gehst huren, und ich habe die Kinder am Halse.“

Da hörten wir ja feine Familiengeheimnisse. Ich glaube kaum, daß die Senjora recht hatte; denn ich wüßte nicht, wann er sich Zeit genommen hätte, Seitensprünge zu machen. Aber solche Auseinandersetzung war wohl das, was man „ein eheliches Zwiegespräch“ nennt. Denn die beiden lebten in durchaus glücklicher Ehe und Harmonie. Diese glückliche Ehe wurde nur eben dadurch gestört, daß Arbeiter anfingen, aufzuwachen und die Gewinne derer zu überrechnen, für die sie arbeiteten. Solches Überrechnen stört zuweilen Könige und ganze Staaten. Warum soll es nicht auch die Harmonie von Ehen stören?

Diese ehelichen Zwiegespräche wurden in den nächsten Tagen nicht nur heftiger, sondern auch häufiger. Sie füllten das ganze Tagesleben der beiden Doux aus und zogen sich die ganze Nacht hin, während die beiden nebeneinander im Bett lagen. Dadurch lernten wir das ganze Leben der beiden kennen, von dem Tage an, wo sie geboren wurden, bis zu der Stunde, wo sie sich im Bett schlugen, Lampen und Waschschüsseln und Nachttöpfe zerhämmerten. Das alles hatte ihr Freund, der Polizeiinspektor verursacht. Sie aber behaupteten, die junge Organisation, das „Syndikat der Hotel- und Restaurantangestellten“ sei schuld. Nicht schuld an den ehelichen Liebesgesprächen, wohl aber an der allmählichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Lande.

Als sie beide jenes Stadium erreicht hatten, in dem sie mit der Absicht umging, ihm Rattengift in den Kaffee zu mischen, und er die ganze Nacht hindurch an das Rasiermesser dachte, mit dem er ihr die Kehle durchschneiden wolle, bewies er, daß der Mann der Frau überlegen ist.

Er ging zum Polizeidirektor und fragte, was zu tun sei, um die zweimonatige Schließung des Lokals aufzuheben. Der Polizeidirektor sagte ihm, daß er da gar nichts tun könne; die Schließung sei für zwei Monate angeordnet, der Gouverneur habe es bestätigt, und ehe die zwei Monate nicht vorüber seien, könne er nicht wieder öffnen.

„Dann bin ich bankrott“, sagte Senjor Doux. „Und dann haben die Kellner und Bäcker keine Arbeit mehr.“

„Machen Sie sich nur darum keine Sorge, Senjor,“ erwiderte der Direktor, „solange Leute Brot essen wollen, so lange werden auch Leute, die Brot backen, Arbeit finden, und solange jemand im Café sitzen und Erdbeereis löffeln will, wird man auch Kellner verlangen, die es ihm auf den Tisch stellen. Das sehen Sie ja an der ‚La Moderna‘, die ist jetzt immer gut besucht. Alle Ihre Gäste sind da. Aber ich kann nichts tun. Das Lokal ist geschlossen, und es bleibt zwei Monate geschlossen.“

Am Nachmittag dieses Tages traf Senjor Doux den Morales.

„Hören Sie, Morales, ich will alles bewilligen,“ sagte ihm Doux in bescheidener Ansprache, „können Sie nicht dafür sorgen, daß mein Lokal wieder aufgemacht wird?“

Morales sah ihn von oben bis unten an und gab ihm zur Antwort: „Wer sind Sie denn? Ach so, Sie sind ja der Doux vom Café La Aurora. Wir haben mit Ihnen nichts zu tun. Unsre Beziehungen sind nun gelöst. Wenn Sie was wollen, gehen Sie zum Syndikat. Aber uns geht das nichts an. Adios.“

Senjor Doux schrieb einen Brief an das Syndikat, daß er den Herrn Sekretär sprechen wolle, er bitte ihn höflichst, zu ihm zu kommen, um die Angelegenheit in dem Kellnerstreik mit ihm zu besprechen. Am andern Tage erhielt Senjor Doux die Antwort vom Syndikat. Es waren keine Höflichkeitsfloskeln darin enthalten, sondern nur in einem kurzen klaren Satze war gesagt: „Wenn Sie etwas vom Syndikat wünschen, das Bureau ist: Calle Madero Nr. 18. Segundo Piso. Der Sekretär.“

Er hielt es nicht einmal für nötig, der Sekretär, seinen Namen zu nennen. Was blieb Senjor Doux übrig, er mußte gehen; denn das Rasiermesser verfolgte ihn Tag und Nacht, und selbst wenn er aß, hatte er das Gefühl, daß sein Tischmesser ein Rasiermesser sei. „Setzen Sie sich da in den Vorraum“, sagte ein Arbeiter, der im Bureau aushalf. „Wir haben noch zu tun, eine Besprechung. Es wird nicht lange dauern.“ Es dauerte aber doch über eine halbe Stunde, und Senjor Doux hatte inzwischen Zeit, die Sinnsprüche, die an den Wänden hingen, auswendig zu lernen. Jeder dieser Sprüche erregte zuerst seine Wut. Je länger er sie aber studierte, desto mehr Angst bekam er vor den Dingen, die ihm hinter der Tür bevorstanden, wo er eine Schreibmaschine klappern hörte.

Endlich kam der Arbeiter und sagte: „Senjor, der Sekretär will Sie sprechen.“

6

Senjor Doux schluckte, als er den kleinen Raum des Sekretärs betrat. Er hatte beabsichtigt, dem Sekretär gleich fest in die Augen zu sehen; aber er kam nicht dazu. Denn hinter dem Sekretär war über die ganze Wand eine Fahne, zur Hälfte rot, zur andern Hälfte schwarz, gespannt und darüber stand in dicken Lettern:

¡Proletarios del mundo, unios! (Proletarier aller Länder, vereinigt euch!)

Das machte Senjor Doux ganz verwirrt. Er hatte plötzlich den Eindruck, als ob da vor ihm nicht der Sekretär sitze, sondern alle Kellner der ganzen Welt ihn wütend anblickten. Seine Stimme, die so fest sein sollte, wurde ganz zaghaft, als er nun sagte: „Guten Tag, ich bin Senjor Doux vom Café La Aurora.“

„Gut. Setzen Sie sich. Was wünschen Sie?“ fragte der Sekretär.

„Ich möchte gern wissen, ob Sie veranlassen können, daß mein Café wieder geöffnet wird.“

„Das können wir veranlassen“, erwiderte der Sekretär. „Sie brauchen nur die Bedingungen zu erfüllen.“

„Oh, ich bin bereit, alles zu bewilligen, was die Kellner fordern.“

Der Sekretär nahm einen kleinen Zettel, warf einen Blick darauf und sagte: „Die Forderungen sind nicht mehr die gleichen, die gestellt wurden, als die Kellner Ihnen die Mitteilung machten.“

„Nicht mehr die gleichen?“ schluckte Doux erschreckt.

„Nein. Es sind fünfzehn Pesos die Woche“, sagte der Sekretär geschäftsmäßig.

„Die forderten aber nur zwölf.“

„Das ist leicht möglich. Aber dann wurde gestreikt. Und Sie verlangen doch nicht etwa, daß die Leute umsonst streiken. Jetzt macht es fünfzehn. Hätten Sie gleich bewilligt, wäre es bei zwölf geblieben.“

„Gut,“ erwiderte Doux, sich aufrichtend, „ich bewillige die fünfzehn Pesos.“

„Freitag ist Zahltag. Freitags für die ganze Woche. Diese unpünktlichen Zahlungen können wir nicht mehr zulassen“, sagte der Sekretär.

„Aber das kann ich nicht so ohne weiteres machen. Wir haben das immer so gemacht, daß wir zahlten, wenn wir das Geld eben gerade dazu frei hatten.“

Der Sekretär sah auf: „Was Sie immer getan haben, geht uns nichts an. Wir bestimmen, was Sie von nun an zu tun haben. Mit dieser alten Wirtschaft, wie sie Hunderte von Jahren bestanden hat, wollen wir nun endlich ein Ende machen. Da ist die Arbeit, hier ist der Lohn, Ebenso pünktlich wie Sie die Arbeit von den Leuten verlangen, haben Sie den Lohn zu zahlen!“

„Das wird aber schwer gehen“, verteidigte Doux seine Position. „Dann fehlt mir oft das Geld für Einkäufe.“

„Das kümmert uns nichts. Löhne gehen vor, sonst fehlen den Leuten die Pesos, um _ihre_ Einkäufe zu machen. Und wir denken, es ist besser, daß Ihnen das Geld für Einkäufe fehlt als den Arbeitern.“

Senjor Doux atmete schwer. „Aber am Samstag ist doch erst die Woche um. Warum soll ich da Freitag schon den Lohn zahlen?“

„Warum? Warum? Ist Ihnen denn das nicht klar?“ Der Sekretär tat ganz erstaunt. „Der Arbeiter borgt Ihnen ja sowieso schon fünf Tage Lohn. Er gibt Ihnen seine Arbeitskraft fünf volle Tage, während Sie mit dem Kapital Geschäfte machen. Wie kommt denn der Arbeiter überhaupt dazu, Ihnen fünf Tage Arbeit zu borgen? Eigentlich sollten Sie Montag früh im voraus für die ganze Woche bezahlen, das würde sich gehören. Aber so weit wollen wir nicht gehen.“

„Gut, also damit bin ich auch einverstanden. Auch mit dem einen Vollessen und dem Kaffee mit Zugebäck. Dann ist ja wohl das alles in Ordnung?“ Senjor Doux stand auf.

„Setzen Sie sich nur noch einen Augenblick“, lud ihn der Sekretär ein. „Da sind noch einige Nebenfragen zu erledigen. Die Streiktage müssen Sie bezahlen.“

„Ich? Die Streiktage bezahlen?“ schrie Senjor Doux. „Ich soll auch noch die Faulenzerei bezahlen?“

„Streik ist keine Faulenzerei. Und wenn bei Ihnen gestreikt wird, müssen Sie den vollen Lohn weiter zahlen. Streik ist auch Arbeit. Sonst könnten Sie alle, die ganzen Hotelbesitzer und Kaffeehausbesitzer, uns ja zu einem langen Streik treiben, um unsre Kassen zu zerstören, so daß wir nie wieder streiken könnten. Nein, Senjor, darauf lassen wir uns nicht ein. Der Streik wird von uns finanziert. Wir sind nur die Lehnsbank für die Arbeiter. Aber zu zahlen haben Sie den Streik. Sie haben ja Zeit, reichlich, sich zu überlegen, ob Sie es zum Streik kommen lassen wollen oder nicht. Die Kriegskosten muß der bezahlen, der den Frieden braucht, um wieder Geschäfte zu machen.“

„Das ist die größte Ungerechtigkeit, die mir je vorgekommen ist“, rief Senjor Doux.

„Ich will Ihnen nicht die Ungerechtigkeiten hier vorzählen, die Sie und Ihresgleichen jahrelang verübt haben“, sagte der Sekretär.

„Es bleibt mir wohl nichts andres übrig, ich muß auch das bezahlen“, gestand Doux nun kleinlaut.

„Am besten gleich heute,“ erklärte der Sekretär, „denn morgen kostet es bereits einen Tag mehr.“

„Dann werde ich noch vor fünf Uhr herkommen und alles bezahlen“, sagte Senjor Doux und erhob sich abermals.

„Bringen Sie aber etwas mehr mit“, warf der Sekretär ein, während er sich gleichfalls erhob.

„Noch mehr?“ fragte Senjor Doux erschreckt.

„Ja, ich denke, Sie wollen doch das Café jetzt schon geöffnet haben und nicht erst nach zwei Monaten.“

„Ist denn das nicht damit verbunden, wenn ich alles bewillige?“ Senjor Doux wurde ganz nervös.

„Keineswegs“, erwiderte der Sekretär. „Das Schließen des Lokals hatte andre Gründe als den Streik. Das wissen Sie wohl recht gut. Sie haben den Inspektor aufgefordert, den Streikposten einen Denkzettel zu geben.“

„Das habe ich nicht getan“, wehrte sich Doux.

„Wir sind darüber andrer Meinung. Es ist jedenfalls in Ihrem Lokal geschehen, und Sie sind für die Vorgänge in Ihrem Lokal verantwortlich. Sie konnten es leicht verhindern, daß so etwas vorkommen konnte.“

„Dann sagen Sie doch schon, was ich noch zu tun habe“, drängte Senjor Doux.

„Sie haben zehntausend Pesos in die Kasse unsres Syndikats zu zahlen als Sühnegeld. Sobald Sie die Summe eingezahlt haben, werden wir für Sie die Garantie übernehmen, und dann kann das Café geöffnet werden, und die Siegel werden abgelöst.“

„Zehntausend Pesos soll ich zahlen?“ Senjor Doux war wieder in den Stuhl gefallen. Der Schweiß brach ihm aus.