Part 16
Während der ganzen Zeit war das Pferd angebunden. Bald sehr lang, bald sehr kurz. Endlich wagte ich das Aufsitzen. Ich verband ihm die Augen und sprang auf. Es stand und zitterte am ganzen Leibe. Sofort war ich wieder herunter. Ich klopfte es auf den Nacken, auf den Rücken und sprach unausgesetzt mit ihm. Wieder sprang ich auf. Es drehte sich und wendete sich, sprang aber nur wenig. Bald ließ es auch das Springen sein, nachdem es sich gegen den Baum gestoßen hatte. Nun blieb ich im Sattel sitzen und schlug mit den Füßen in den Bügeln gegen die Weichen. Nur beim ersten Male wurde es unruhig, dann wußte es, daß es davon nicht stürbe. Endlich band ich das Tuch los. Das Pferd gucke sich um. Ich, oben sitzend, sprach beruhigend auf das Tier ein, klopfte es, und wieder fühlte es, daß ihm nichts Böses geschehe. Dann kam der Prüfungstag, ob es überhaupt zum Reiten zu gebrauchen sei. Ich hatte schon immer mit der Gerte hinten ein wenig aufgeklopft, damit es sich auch an dieses Signal gewöhne. Nun saß ich wieder auf und ließ losbinden. Es stand ganz ruhig, denn es wußte ja nicht, was es tun solle. Ich gab ihm einen Klaps mit der Gerte, aber es reagierte nicht. Nun bekam es einen unerwarteten tüchtigen Hieb, und da setzte es los. Ich hatte es gut in der Hand, und es war Platz genug zum Auslaufen. Ich ließ es nun erst einmal rennen, hielt aber mehr und mehr zurück, bis es das Gefühl bekam, daß dies ein Signal sei zum Halten oder zum Fallen in eine andre Gangart. Es wurde ein gutes Pferd, sein kühner Stolz wurde nicht gebrochen. Ich nannte es Gitano.
Zuerst blockierten wir die Stiere aus, weil ich mir einen Leitstier suchen mußte. Wir kreisten die ein, die wir haben wollten, und trieben sie in einen Korral. Dort ließ ich die, die ich für die geeignetsten hielt, hungern. Nebenher wurden unausgesetzt die zwei- und dreijährigen Kühe ausblockiert, die Ochsen und die übrigen Stiere. Ich sah mir jedes einzelne der Tiere an, ob es gesund sei, dann kamen alle in eine große umzäunte Weide, damit die, die den Transport mitzumachen hatten, wußten, daß sie zusammengehörten. Als wir etwa dreihundert blockiert hatten und sie in der Sperrweide waren, hielt ich die Stiere für reif.
Ich jagte sie in die Sperrweide, und hier ging der Entscheidungskampf, wer der Leitstier sein würde, los. Die keinen Wert darauf legten, Herrscher zu sein, drückten sich so weit wie möglich. Fünf kämpften sich aus. Der Sieger raste, noch schwer blutend, gleich auf eine der schönsten Kühe, die sich schon erwartungsvoll herangedrängt hatten. Die übrigen Stiere mußten wir sofort doktern. Als der Sieger ausgetobt hatte und wieder Vernunft annahm, bekam er auch seine Medizin. Denn wenn man die Wunden nicht gleich behandelt, sind in ein paar Tagen dicke Würmer drin, und die wieder herauszukriegen, dauert lange. Inzwischen kann das Tier draufgehen.
Fängt es an zu magern, setzt eine andre Gefahr ein. Dann wird es von den Zecken bei lebendigem Leibe aufgefressen. Die Zecken gehen hauptsächlich an magerndes Vieh, an gesundes gehen sie nur in kleiner Anzahl, die sich leicht bekämpfen läßt.
18
Als wir die tausend Köpfe ausblockiert hatten, gab mir Mr. Pratt fünf drauf als Krankgut, weil zwischen tausend Stück Vieh immer einiges sein mochte, das krank war, ohne daß man es gleich sah, und das den Transport nicht aushielt.
Dann bekam ich hundert Pesos Wegegeld und einige Schecks, die ich unterwegs einlösen durfte, wenn mir Geld fehlte. Ferner erhielt ich den Lieferschein und endlich eine Karte, eine Land- und Wegkarte.
Von dieser Karte, obgleich sie eine amtliche Karte war, will ich besser nicht sprechen; denn auf eine Karte aus Papier kann man alles mögliche zeichnen: Wege, Flußläufe, Dörfer, Städte, Grasflächen, Teiche, Gebirgspässe und was sonst nicht noch alles. Das Papier weigert sich nicht, das alles aufzunehmen.
Aber was darauf gezeichnet ist, braucht noch lange nicht in Wirklichkeit auch da zu sein. Ich habe auf Reisen Karten gehabt, amtliche Karten, die als die besten galten. Da war eine Stadt mit Namen drauf gezeichnet. Als ich zu der Stelle kam, war noch nicht einmal eine Indianerhütte zu finden. Die Stadt war vor zwanzig Jahren geplant worden und wurde seitdem in jeder Karte geführt, obgleich nie jemand daran ging, sich dort niederzulassen. Das wäre auch nicht gut gegangen, weil da meilenweite Sümpfe und Moraste waren.
Böser ist es schon mit solchen Sachen, die nicht auf die Karte gemalt sind, die aber in Wirklichkeit vorhanden sind, und, was das Allerschlimmste ist, ganz unerwartet vorhanden sind.
Es ist unangenehm, wenn man denkt, man kommt in ein sandiges Gelände und verschwindet mit seiner ganzen Herde in einem Sumpf. Und es ist ebenso peinlich, wenn auf der Karte eine schön grün gemalte Prärie eingezeichnet ist, und in Wahrheit ist es eine weite Sandwüste oder ein unwegsames Felsengebirge, das man zu kreuzen hat. Reist man allein, so ist das schon widerwärtig genug. Reist man aber in Begleitung einer Rinderherde, für deren Wohl man verantwortlich ist, so fängt es an, tragisch zu werden. Die Herde will essen und trinken, sie soll kein Gewicht verlieren, sondern zunehmen. Und am zweiten Tage fängt das arme Vieh in seinen Durstqualen an zu brüllen, daß man nur gleich so mitbrüllen möchte aus Mitleid.
Wären die Karten aber wieder gut, so gut wie sie in den alten dichtbesiedelten Ländern sind, dann könnte man solche großen Herden nicht züchten und nicht transportieren. Mr. Pratt hatte zwölftausend Stück Rindvieh, und er war nur ein kleiner Züchter. Denn wie sollen gute Karten gemacht werden, wenn weder das Geld dafür vorhanden ist noch die Bevölkerung, die ein Bedürfnis für solche Karten hat? Die großen Minen- und Ölkompanien machen sich ihre Karten selbst, aber nur gerade die Distrikte, wo sie interessiert sind, und in diese Karten zeichnen sie nur eben das ein, was für die Kompanie speziellen Wert hat. Im Verhältnis zur Größe des Landes sind diese Distrikte nur Pünktchen auf der Karte.
Ein Kompaß war für meine Zwecke ohne Nutzen, weil er nicht das sagt, was man wissen will, und das ist: Wo sind die Weiden? Wo ist Wasser für tausend Köpfe Vieh? Wo sind die Pässe über die Gebirge? Wo sind die Furten durch die Ströme?
Drei Packmulas nahm ich mir mit und Medizin, um krank werdendes Vieh zu doktern, Kreolin, Alkohol, Salbe und eine Eisensäge, falls Hörner gekappt werden müssen. Denn die Hörner des Viehes unterliegen hier denselben Krankheiten wie die Zähne der zivilisierten Menschen. Die Fäule frißt im Innern des Hornes, und das Tier magert ab, weil es vor Zahnschmerzen – richtiger Hornschmerzen – nicht mehr frißt.
Mit Mrs. Pratt war ich in den Tagen, die wir für das Ausblockieren und Vorbereiten des Transportes brauchten, sehr gut Freund geworden. Sie war keineswegs ein solcher Hausdrachen, wie sie am ersten Tage erschienen war. Ganz im Gegenteil, sie war ein lustiger Bursche, immer vergnügt und guter Dinge. Sie hätte die Banditen bekämpft wie ein alter Rancher. Jetzt in den letzten drei Jahren kam es nur ganz selten vor, daß sich Banditen auf dem Rancho sehen ließen, aber vordem war beinahe jede Woche was los, und das Ranchohaus zeigte Dutzende von Kugellöchern.
Fluchen konnte Mrs. Pratt, daß es eine wahre Freude war, ihr zuzuhören. Das ging bei jedem zweiten Wort „Son of a bitch“, „Bastard“, „F-ing Injun“, „F-yeself“ und was der schönen Dinge mehr sind. Auf einem solchen Rancho ist es ja nun verflucht einsam, und die Nächte sind lang. Selbst im Hochsommer ist es um sieben Uhr stockfinster, weil es Dämmerungen nicht gibt. Und man konnte es Mrs. Pratt nicht verdenken, daß sie das Leben so intensiv lebte, wie es das Dasein auf einem Viehrancho nur zuläßt. Wie soll so eine arme Frau die überschüssigen Kräfte, die ihr verbleiben, weil sie nicht im Dorfe oder in der Stadt den ganzen Tag mit den Nachbarn herumschwätzen und klatschen kann, verwenden? Sie flucht wie ein alter Steuermann eines Klippers. Und alles ist „Hurensohn“, ihr Mann, ich, die Indianer, die Fliege, die in die Kaffeetasse fällt, das Indianermädchen in der Küche, der Finger, in den sie sich geschnitten hat, die Henne, die auf den Tisch flattert und die Suppenschüssel umwirft, ihr Pferd, das zu langsam läuft, na, kurz: jedes lebende und leblose Ding zwischen Himmel und Erdmittelpunkt ist ein Hurensohn.
Sie hatten ein Grammophon, und wir tanzten beinahe jeden Abend. Ich tanzte zwar lieber mit dem indianischen Küchenmädchen aus mancherlei Gründen, aber Mrs. Pratt tanzte bei weitem besser. Wir kamen zu so guten Verhältnissen miteinander, daß sie mir eines Abends in Gegenwart ihres Mannes ganz offen sagte, daß sie mich zu heiraten wünsche, falls ihr Mann stürbe oder sich scheiden ließe. Sie erklärte mir gleichfalls in Gegenwart ihres Mannes, daß sie mich recht gern habe, und daß mein einziger Fehler das Saufen sei. Aber das sei kein unausrottbarer Fehler, und sie würde mir diesen Fehler schon bald austreiben und mir den Tequila so lange mit Petroleum mischen, bis ich mich davor ekle. So habe sie ihrem Manne das Saufen auch abgewöhnt, dem Hurensohn.
Mir war nicht bange davor. Das Resultat, das sie bei Mr. Pratt erzielt hatte, gab mir die Sicherheit, daß wenn ich Mrs. Pratt als nachgelassene Witwe eines Tages heiraten sollte, ich keine Sorge zu haben brauche, daß ich den Tequila oder sonst etwas abschwören müßte. Wenn Mr. Pratt die Wege fand und er den Petroleum nicht herausschmeckte, was bei dem Tequila überhaupt schwer ist, weil er an und für sich nach Petroleum schmeckt, so würde ich wohl auch zu der einem Manne zukommenden Ration gelangen. Schließlich mußte man ja auch Vieh verkaufen in der Stadt, und da konnte sie einem ja nicht immer nachlaufen, auch wenn sie mitreisen sollte. „Nur nicht von Weibern sich unterkriegen lassen, wenn man etwas für notwendig und vernünftig hält. Es führt zu nichts Gutem, und man gewöhnt sich nur Laster an, die man nicht wieder los wird. Entweder man säuft, oder man läuft mit andern Weibsbildern herum“, sagte mir Mr. Pratt. „Eine Erholung von der Ehe muß der Mensch doch haben, wenn er das Leben ertragen will.“
Er hatte ganz recht. Am besten, man stellt der Frau vorher die Frage:
„Soll ich zum Tequila halten oder lieber Mäuschen jagen?“ Jedenfalls, wenn es dazu kommen sollte, daß es mit Mrs. Pratt und mir ernst wird, werde ich ihr diese Frage stellen. Dann habe ich von vornherein die Offensive ergriffen, und sie kann sich entscheiden. Ich glaube dann nicht, daß sie mir den Tequila mit Petroleum mischen wird, sondern sie wird eine gute Sorte im Hause halten. Wenigstens für die Nachtkappe. Sie ist eine feine Frau, Mrs. Pratt. Ich lasse nichts auf sie kommen. Eine Frau, die mit dem wildesten Pferd fertig wird, die fluchen kann, daß sich ein Wachtmeister vor Scham in eine Erdhöhle verkriechen muß, die ihrem Manne alle Wünsche und jede Laune erfüllt – wie er mir einmal vertraulich erzählte, ohne dabei seine Frau zu beleidigen –, vor der die indianischen Cowboys zittern und die Banditen nicht wagen, die Veranda zu betreten, eine Frau, die mir in Gegenwart ihres Mannes, den sie liebt, ganz sachlich erklärt, daß sie mich zu heiraten wünscht, wenn er stirbt, oder wenn er ihr fortläuft – verflucht noch mal, eine solche Frau kann einen wohl bis in den tiefsten Busch und in die fernsten Gedanken verfolgen, auch wenn man sich sonst nicht gerade viel aus dem kreuzgottverfluchten Weibsvolk macht.
„He, cantinero, una botella de tequila, eine ganze Flasche. Auf dein Wohl, Ethel Pratt. Ich besaufe mich jetzt auf deine Gesundheit. Der Petroleumgeschmack soll mich erinnern an – na – na ja, an dich, ganz wie du bist, an alles, was du hast. Salud, Ethel!“
Sie stand auf der Veranda und winkte mit der Hand: „Viel Glück, Boy. Sind immer willkommen auf dem Rancho. Hey, Suarez, du Himmelhund, du verdreckter Sohn einer alten gottverfluchten alten Hure, siehst du denn nicht, daß der schwarze Jungstier ausbricht, er bockt, der Hurensohn von einem Stier. Wo hast du denn deine stinkenden verfi– Augen? Well boy, good-bye!“
Ich schwenkte den Hut, und Gitano fegte ab mit mir.
19
Es ging los, das Geschrei und das Gejohle, das Zurufen, das Heulen und Schrillen der Indianer, das Pfeifen der kurzstieligen Peitschen, das Trampeln der Hufe, das Toben einer scheu werdenden Kolonne, die plötzlich losraste und einblockiert werden mußte, damit sie den Anschluß an den Haupttrupp nicht verliere. Den ersten Tag begleitet uns Mr. Pratt. Der erste Tag gehört mit zu den härtesten. Die Herde ist noch zu lose. Das Zusammengehörigkeitsgefühl stellt sich erst nach einigen Tagen des Transportes ein. Dann kennt die Herde die Leitstiere und bekommt den Geruch der Verwandtschaft zueinander. Dann bildet sich die Familie oder, eigentlich besser, das Volk. Nach einigen Tagen weiß jedes Tier, daß es hier zu diesem Trupp gehört, und sie bleiben zusammen.
Freilich darf man nicht glauben, daß sie so schön zusammenbleiben wie eine Schafherde in Europa, die von einem Hirten und einem Hunde zusammengehalten wird. Solche Rinder, die ihr bisheriges Leben auf einer unermeßlichen Prärie verbracht haben, sind an Räumlichkeiten gewöhnt. Sie drängen nicht aufeinander, sie streuen fortgesetzt. Die paar Hunde, die wir mit hatten, konnten nicht viel schaffen. Sie ermüdeten und waren nur für Kleinarbeit zu gebrauchen. Immerfort mußte blockiert und eingekreist werden. Ein unausgesetztes Galoppieren und Schreien und Schrillen.
Ich hatte eine Trillerpfeife als Signalpfeife für die Boys, und der Vormann hatte eine einfache Pfeife, damit man beide Signale unterscheiden konnte. Dem Vormann gab ich die Spitze, und ich nahm den Schwanz. In der Rückgarde übersieht man besser das ganze Feld des Transports. Es läßt sich besser dirigieren, während die Front natürlich auch wieder ihre besonderen Kniffe verlangt.
Oh, was für einen schöneren Anblick gibt es, als so eine Riesenherde gesunder halbwilder Rinder! Dort vor einem trampt und stampft sie, die breiten Nacken, die runden Leiber, die mächtigen stolzen Hörner. Das ist ein wogendes Meer voll unsagbarer Schönheit. Gigantische Stärke lebendiger Natur gebändigt unter einem Willen. Und jedes Hörnerpaar ist ein Leben für sich, ein Leben mit eignem Willen, eignen Wünschen, eignen Gedanken, eignen Gefühlen.
Von der Höhe seines Pferdes aus überblickt man das Gewoge der Hörner und Nacken. Man könnte so von einem Rücken zum andern Rücken über die ganze Herde wandern bis zu den läutenden Stieren an der Front.
Die Tiere brüllten ab und zu, oder zankten sich und stießen sich. Es wurde geschrien und gerufen. Die Glocken läuteten. Die Sonne lachte und glühte. Alles war grün. Das Land des ewigen Sommers. O du schönes, o du wunderschönes, uraltes, sagen- und liederreiches Land Mexiko! Deinesgleichen gibt es nicht wieder auf dieser Erde.
Ich mußte singen. Und ich sang, was immer mir einfiel, Choräle und süße Volkslieder, Liebeslieder und Gassenhauer, Opernarien, Sauflieder und Dirnenlieder. Was kümmerte mich der Inhalt der Lieder? Was ging mich die Melodie der Lieder an? Ich sang aus froher freier Herzensfreude.
Und welch eine Zauberluft! Der heiße Odem des tropischen Busches, die warme, schwüle Ausdünstung dieser Masse von wandernden Rindern, die schweren Wellen eines fernen Sumpfes, die vom Winde getragen herüberwogten.
Dicke Schwärme summender Beißfliegen und andrer Insekten kreisten über der trottenden Herde, und dicke Schwaden schillernder grüner Fliegen folgten uns nach, um sofort über den Dünger herzufallen. In ganzen Völkern begleiteten uns Schwarzvögel, die sich auf die Rücken der Tiere niedersetzten, um die Zecken aus der Haut zu picken. Millionen von Lebewesen fanden ihre Nahrung durch diese gewaltige Herde. Leben und Leben, und überall nichts als Leben.
Unser Marsch führte nun einige Tage über Landwege. Zu beiden Seiten waren die Felder und Weiden eingezäunt mit Stacheldraht.
Umzäunte Weiden dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung des Besitzers nicht eingebrochen werden. Unsre Herde mußte auf den Wegen weiden. Sie hatte reichlich zu fressen, und wir trafen auch genügend Pfuhle an, die noch von der Regenzeit her mit Wasser gefüllt waren.
Aber wenn Autos oder Fuhrwerke oder Karawanen die Wege passierten, gab es Arbeit. Wir mußten die Tiere zur Seite drängen. Dabei scheuten sie, brachen aus oder kehrten um und rasten einzeln oder in Trupps kilometerweit zurück, und wir hatten hinterherzujagen und sie wieder zum Anschluß zu bringen.
Viel schwerer war die Arbeit, wenn wir auf offne Weiden kamen, wo andres Vieh in großen Herden bereits weidete, oft ohne Aufsicht. Nicht immer, aber doch zuweilen mischen sich die Herden, und man muß sie lösen. Wir hatten einmal dreiviertel Tag zu arbeiten, um die Mischung zu lösen. Denn von dem fremden Vieh darf man nicht ein einziges Stück aus Versehen mitführen. Das gibt heillosen Spektakel. Ich und an letzter Stelle Mr. Pratt waren verantwortlich für Vieh, das durch unsern Transport einer andern Herde verlorenging.
Zuweilen wird man die fremden Tiere nicht los. Sie wollen durchaus folgen. Vielleicht, daß sie den Stier mögen, oder daß sie den Geruch unsrer Herde lieben. Ebenso kommt es vor, daß sich ein Stück unsrer Herde mit einer weidenden Herde mischt und dort nicht mehr heraus will, sondern bei jener fremden Herde bleiben möchte. Das soll man auch immer gleich wissen, daß man ein fremdes Stück in der eignen Herde transportiert, oder daß ein eignes Stück dort zurückgeblieben ist. Die Brandzeichen sind oft sehr ähnlich, oft sehr verwischt und unleserlich.
Es ist dann gut, wenn man die eigne Herde gut erzogen hat, so daß sie sich nicht mit den andern mischt und die fremden Tiere ganz von selbst ausscheidet.
Jagt man die fremde Herde beiseite, was der Vormann zu tun hatte mit Hilfe eines der Treiber, ehe unsre Herde nahe kam, so konnte es doch auch oft geschehen, daß einige Dutzend Köpfe der eignen Herde glaubten, sie seien gemeint, und mit der fremden Herde davonjagten. Dann wurde das Durcheinander beinahe unentwirrbar, und es kostete Schweiß und Kehlen, die von dem vielen Schreien rauh waren wie Sandpapier.
Ein General braucht sich gar nichts auf seine Kunst einzubilden. Ein Armeekorps Soldaten über Land zu bringen, ist die reine Spielerei gegenüber der Arbeit, tausend Köpfe wild aufgewachsener Rinder durch unwegsames und halbzivilisiertes Land zu transportieren. Den Soldaten kann man sagen, was man von ihnen will. Rinderherden kann man nichts sagen, da hat man alles selbst zu tun. Man ist Kommandant und Kommandierter in derselben Person.
Gegen fünf Uhr des Nachmittags machten wir in der Regel halt. Manchmal früher, manchmal später. Das hing davon ab, ob wir Weide hatten und Wasser. Einen Tag können es die Tiere ohne Wasser aushalten, wenn sie frisches Gras haben, im Notfalle auch zwei Tage. Aber am dritten Tage wird die Sache bedenklich. Hatte ich keinen Führer bekommen können, oder war kein Wasser zu sehen, dann ließ ich die Tiere laufen. In den meisten Fällen fanden sie selbst Wasser. Aber das Wasser lag dann oft so, daß wir einen, zwei oder gar drei Tage, wenn nicht mehr, in unsrer Weglinie verloren, weil wir ganz quer abwandern mußten.
Wir bildeten zwei Lager des Nachts. Eines in Front, eines im Schwanz. Es wurde Feuer gemacht, Kaffee gekocht, Bohnen oder Reis gekocht, Brot gebacken und getrocknetes Fleisch dazu gegessen. Dann wickelten wir uns in unsre Decken und schliefen auf der glatten Erde, mit dem Kopf auf dem Sattel.
Zwei Wachen mit Ablösung stellte ich aus, um Tiger zu verscheuchen, und um zu verhindern, daß einzelne Tiere abstreuen. Unter dem Vieh gibt es ebensogut Nachtbummler wie unter den Menschen.
Die Tiere sind lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen zu weiden. Wir ließen ihnen Zeit, und dann ging es weiter. Mittag rasteten wir abermals, damit die Tiere sich etwas suchen konnten, und damit sie verdauen und käuen können.
Bis jetzt hatte ich nur einen Stier verloren. Er hatte gekämpft und war so schwer gespießt worden, daß wir ihn abstechen mußten. Wir schnitten das beste Fleisch aus, schnitten es in schmale Streifen und trockneten es. Für den Verlust aber hatte eine Kuh ein Kalb geworfen, eine Nacht vorher. Das gibt eine neue Schwierigkeit. Das kleine Kälbchen kann den Marsch nicht mitmachen. Aber töten möchte man es auch nicht. Man möchte ihm gern sein junges freudiges Leben lassen, und man fühlt auch mit der Mutter, die es so liebevoll beleckt und abschleckt. Was blieb übrig? Ich nahm das Kälbchen zu mir aufs Pferd, und wir wechselten ab: alle halbe Stunde nahm es ein andrer aufs Pferd.
Das Kälbchen war unser Liebling. Es war eine Freude, rührend mitanzusehen, wenn wir haltmachten und die Mutter herbeikam, um ihr Kindchen in Empfang zu nehmen. Sobald wir es vom Pferde ließen, war die Mutter da. Sie wußte, daß das Kälbchen im Transport ist, und sie hielt sich immer in der Nähe des Reiters, der es vor sich im Sattel hatte. Das war eine Schleckerei und Leckerei, eine Blökerei und eine Brummerei, wenn wir das Kälbchen der Alten an den Euter setzten. Die Alte brachte sich bald um vor Freude.
Als das Kleine schwerer wurde, mußten wir es auf eines der Packmulas verladen. Es dauert lange, ehe so ein Jungtier marschieren kann. Hätten zu viele Kühe geworfen, dann wäre es uns nicht möglich gewesen, den Müttern diesen kleinen Liebesdienst zu erweisen. Aber es kam doch noch dreimal vor, und ich brachte es nicht fertig, die Kleinen zu töten.
20
Undankbar zu sein, ist eine Charaktereigenschaft der Menschen, die den Menschen so sehr Natur ist, daß man es am besten dabei bewenden läßt und sich deswegen nicht kränkt. Die Natur aber ist dankbar für jede Kleinigkeit, die man ihr erweist. Kein Tier und keine Pflanze vergißt den Trunk Wasser, den man ihnen spendet, oder die Handvoll Futter oder die Mütze voll Dünger, die man ihnen gab. So dankbar zeigten sich auch die Kälbchen und die Mütter der Kälbchen für den Liebesdienst, den wir ihnen erwiesen hatten.
Wir kamen an einen Fluß, und weder wir noch der Führer konnten eine Furt ausmachen. Weiter stromabwärts fanden wir eine Fähre. Aber der Fährmann forderte für jeden Kopf so viel, daß das Übersetzen eine beträchtliche Summe ausgemacht haben würde. Solange man die hohen Fähr- und Brückengelder sparen kann, tut man es; weil noch genügend Brücken und Fähren kommen können, die man unbedingt gebrauchen muß, wenn der Strom zu breit oder zu reißend ist, oder wenn man an den Fluß nicht heran kann.
Während ich mit dem Fährmann verhandelte, rastete die Herde etwa sechs Kilometer stromauf. Wir hielten hier für zwei Tage, weil vortreffliche Weide war und wir die Tiere einmal gründlich vollsaufen und gründlich baden lassen wollten. Sie müssen zuweilen baden, des Ungeziefers wegen, das beim Baden abstirbt. Die Tiere bleiben zu diesem Zweck stundenlang im Flusse stehen, an Stellen, wo ihnen das Wasser bis zur Hälfte des Bauches reicht.
Nun aber, nachdem die beiden Erholungstage vorüber waren, mußten wir den Fluß kreuzen. Die Herde mußte durch. Wir begannen zu treiben, aber sobald die Tiere den Boden verloren, kehrten sie zum Ufer zurück. Der Fluß war nicht sehr breit, hatte aber in der Mitte tiefe Rinnen.