Part 11
Er hatte schon recht, aber es kam doch nie einer, der etwas vom Backen verstand. Man mußte ihnen jeden einzelnen Griff zeigen, sogar wie sie ein Blech oder den Mehllöffel anzufassen hatten. Und ehe man es ihnen zeigte, hatte man es zehnmal selbst gemacht. Manche begriffen es ja rasch. Manche aber standen ewig im Wege herum und hielten nur auf. Wir bekamen einen Konditor, der mit dem einfachsten Blätterteig nicht fertig wurde, und doch konnte er Zeugnisse vorzeigen, daß er in ersten Konditoreien gearbeitet hatte.
Es waren nur die Fremden, die ausländischen Arbeiter, an denen Senjor Doux verdienen und die er ausbeuten konnte. Die mexikanischen Arbeiter ließen sich nicht so ausbeuten. Sie machten das zwei, drei, höchstens vier Wochen mit, dann sagten sie: „Das ist zu viel Arbeit“ und hörten auf. Dann hatten sie aber auch genügend Geld, daß sie einen kleinen Handel mit Zigaretten, Kaugummi, Ledergürteln, Revolvertaschen, Backwaren, Zuckerwaren, kandierten Früchten, frischem Obst oder ähnlichen Dingen anfangen konnten. Der Handel brachte ihnen vielleicht nur einen Peso durchschnittlich im Tag, aber sie richteten sich damit ein und waren freie Männer, die nicht andern Leuten ihre Knochen verkauften. Manche dieser kleinen Händler kamen immer höher rauf, bis sie sich in einer winkligen Nebengasse ein dunkles kleines Lokal mieten konnten, das sie zu einem Laden einrichteten. Wir dagegen blieben immer versklavt. Wir gaben uns mit dem Peso Reingewinn, den wir als freie Männer hätten machen können, nicht zufrieden. Wir verdienten ja auch viel mehr. Einen Peso und fünfzig Centavos den Tag und Essen und Wohnung. Und wir stellten höhere Ansprüche an das Leben. Jene Leute, die nur gerade so lange arbeiteten, bis sie genügend verdient hatten, um sich selbständig zu machen, gaben sich mit einer Zwirnhose für drei Pesos fünfzig Centavos zufrieden. Eine solche Hose war uns natürlich nicht gut genug. Unsre mußte sieben oder acht Pesos kosten. In einer andern glaubten wir uns nicht sehen lassen zu können, ohne unsre Würde als Weißer zu verlieren. Jene freien Leute kauften rohe Stiefel für sieben oder acht Pesos. In solchen Stiefeln konnten wir nicht über die Straße gehen. Wie hätte denn das ausgesehen? Schon der Mädchen wegen konnten wir das nicht tun. Unsre Stiefel kosteten nie unter sechzehn oder achtzehn Pesos. Wir waren ja auch Weiße. Und um das bleiben zu können in den Augen der übrigen Weißen, der Amerikaner, der Engländer, der Spanier, mußten wir Sklaven bleiben. Adel verpflichtet. Nirgends mehr als in tropischen Ländern, die eine eingeborene Bevölkerung haben so groß, daß die Weißen nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen.
Freilich, wenngleich wir uns auch die größte Mühe gaben, Kaste zu behalten, wir lebten dennoch in einer merkwürdigen Schwebestellung. Die Amerikaner, Engländer und Spanier zählten uns nicht zu ihresgleichen. Für die waren wir doch nur das dreckige Proletariat, und das blieben wir auch. Zu den Mischblütigen gehörten wir auch nicht. Für die waren wir die fremden Bettler, der Schlamm, der den wohlhabenden Weißen in der ganzen Welt nachfolgt und ihnen an den Fersen haftet, wohin sie auch immer gehen. Diese Großen machen natürlich den Schlamm, aber wenn sie ihn wegräumen sollen, dann gehen sie heim.
Zu den reinblütigen Eingeborenen gehörten wir auch nicht. Auch diese wollten nichts mit uns zu tun haben. Alle diese und sieben Achtel der Halbblütigen waren Proleten wie wir, aber es trennte uns doch eine Welt voneinander, die nicht überbrückt werden konnte. Sprache, Volksvergangenheit, Sitten, Gebräuche, Anschauungen, Ideen waren so trennend, daß sich kein gemeinsames Band zeigen konnte.
Laßt es gehen, wie es will. Laßt uns leben. Und das wollen wir.
9
Wir hatten wieder mal Lohn ausbezahlt bekommen. Osuna und ich gingen einkaufen. Er kaufte einen neuen Hut, Hemd und neue Stiefel; ich legte mir eine neue Hose und ein Paar schöne braune Schuhe zu. Wir gingen gleich nach Hause und zogen das an. Dann sagte Osuna: „Was tun wir denn mit dem Geld, das wir jetzt noch übrig haben?“
„Das möchte ich wissen“, sagte ich. „Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Überflüssige Sachen zulegen, hat gar keinen Zweck.“
„Nein, das hat gar keinen Zweck“, bestätigte Osuna.
„Das Geld hier in der Tasche behalten, wäre eine Dummheit“, fuhr ich fort.
„Das wäre gewiß eine sehr große Dummheit“, gab Osuna zu. „Es wird einem ja doch gleich gestohlen.“
„Es auf die Bank zu tragen, halte ich auch nicht für gut“, erklärte ich.
„Wir würden uns damit nur lächerlich machen, wenn wir mit unsern paar Pesos da angerückt kommen und sagen, daß man uns damit ein Konto eröffnen soll“, sagte Osuna, und er hatte recht.
„Zweifellos würden wir uns damit unsterblich blamieren“, unterstrich ich die kluge Bemerkung Osunas. „Außerdem ist die Bank jetzt schon geschlossen. Während der Geschäftsstunden haben wir auch gar keine Zeit hinzugehen.“
„Was sollen wir nur tun mit dem Geld? Auf Tequila habe ich gar keinen Appetit.“ Das sagte Osuna.
„Ich kann ihn nicht riechen.“ Das sagte ich.
„Wissen Sie, was wir tun könnten?“ fragte Osuna.
„Ja?“
„Wir könnten runtergehen zu den Senjoritas.“
„Das Beste, was wir tun können“, antwortete ich. „Dann wissen wir wenigstens, wo unser Geld geblieben ist, und wir können es auch gar nicht besser anlegen.“
„Richtig“, sagte Osuna. „Da sprechen Sie die Wahrheit. Wir sehen ja jetzt ganz anständig aus und können uns da sehen lassen. Immer die Backstube vor Augen oder die Kammer, da wird man noch ganz verrückt.“
„Ja,“ sagte ich, „und die Photographien tun es auch nicht für immer. Ich glaube überhaupt, wir müssen uns mal nach einigen neuen Photographien umsehen. Ich kann diese Frauenzimmer nun bald nicht mehr angucken.“
„Ich auch nicht“, gab Osuna zu. „Es ist beinahe so, als ob man mit ihnen verheiratet wäre. Sie mischen sich bereits in alles rein, und sie scheinen sich in der Tat um alles zu bekümmern, was wir tun. Ich bin es nun leid. Man kennt sie schon zu gut, und ich will mal andre Gesichter sehen.“
Osuna stand auf von dem Rand des Bettgestells, ging zur Wand und riß die ganzen schönen nackten Frauen herunter. Dann legten wir jeder einen Peso beiseite, versteckten die beiden Pesos in einem alten Schuh und machten aus, daß wir morgen nachmittag neue Frauen und neue „Vorgänge“ kaufen würden, um unsre einsamen Kammerwände damit zu zieren und unsre Phantasie nicht verhungern zu lassen. Um auch die richtige Auswahl treffen zu können und zu wissen, was am eindrucksvollsten auf unsre Phantasie wirken könne, machten wir uns jetzt elegant und suchten nach den Wirklichkeiten des Lebens, wo es nicht nüchtern, sondern schön ist, ohne der Betäubung durch den Tequila zu bedürfen.
Es war bereits Abend geworden. Wir hatten ziemlich weit zu gehen, denn die Senjoritas wohnten am Rande der Stadt. Sie bewohnten ein ganzes Viertel für sich allein. Das war ihnen ebenso lieb wie den Männern, die nach der Schönheit des Lebens suchten, ohne Verpflichtungen dafür übernehmen zu müssen, wenn sie die Schönheiten genießen dürfen.
Es tönte uns gleich Musik entgegen und frohes Lachen. Mit jedem Schritt, den wir näher kamen, vergaßen wir mehr und mehr die Trockenheit und die Stumpfheit des Lebens. Die entsetzliche Nüchternheit des Lebens kann man auch im Tequila vergessen, aber doch nicht so. Es bleibt immer ein wüster Strudel im Kopf zurück und ein dickes dreckiges Gefühl im Munde. Nein, Schönheit ist, wo Musik ist und rotbemalte Mädchenlippen lachen.
An den Häusern entlang waren zementierte Fußwege, kaum zwei Schritte breit. Die Straße lag einen Meter oder zuweilen noch viel mehr tiefer als die Fußsteige. Es führten keine Stufen hinunter, sondern wenn man auf die Straße wollte, mußte man einen gewagten Sprung machen. Diese Straßen waren lehmige Moraste, Schlamm und große Wasserlachen füllten das Straßenbett. Und dieser Morast und die Wasserlachen waren dick und stinkig. Große Steine und irgendwo abgebrochene Zementbrocken lagen wahllos umher. Tiefe Löcher machten die Straßen so gut wie unpassierbar. Trotzdem arbeiteten sich Autos und Droschken durch diese Straßen, um Gäste zu bringen, zu erwarten oder abzuholen. Zuweilen blieben die Autos in den morastigen Löchern stecken. Und mit furchtbarem Geknatter, Heulen, Schießen, Knallen, Keuchen und Stampfen arbeiteten sie sich wieder heraus und weiter. Aber die Autoführer und die Droschkenkutscher schimpften nicht. Sie lachten nur und nahmen das alles als einen Spaß, der mit dazu gehöre, und ohne den das Viertel hier nicht das sein könnte, was es wirklich ist.
An Straßenecken standen kleine Musikkapellen, die sehr gut spielten, viel besser spielten als die Straßenkapellen in der Stadt, wo sie so dick herumwimmelten, daß sie sich die Füße gegenseitig abtraten. Jede dieser Kapellen hatte eine Geige, eine Baßgeige, eine Klarinette und eine Flöte. Manche hatten keine Flöte, sondern dafür eine Trompete. Andre wieder hatten nur Geige, Baßgeige und Gitarre. Die waren beinahe immer die besten. Wenn sie gespielt hatten, gingen sie einsammeln. Es gab selten jemand etwas. Meist gaben eigentlich nur die Senjoritas den Musikern etwas Geld.
Aber dann gingen die Kapellen auch wieder in die Restaurants und spielten dort. Dort bekamen sie schon eher etwas, häufig aber auch nichts. Das Dasein der Künstler. Dem die Musik am besten gefiel, dem sie am meisten sagte und am meisten gab, hatte kein Geld, um sie zu bezahlen. Und die andern, die zahlen konnten und es auch manchmal taten, sagten, es seien Bettelmusikanten, und sie sollten doch lieber „It ain’t goin’ rain’ no’ mo’ –“ spielen, statt diese blöden Opern. Es waren aber keine Opern, sondern es waren altmexikanische Lieder und Gesänge, die so süß klangen und doch so voller Kraft waren.
Eigentlich war die Musik ja überflüssig. Aber hier konnte nicht genug Musik sein. Schönheit und Liebe war doch überall herum. In jedem Lokal wurde getanzt. Jedes Lokal hatte seine Senjoritas, die mit den Herren lächeln und tanzen und trinken mußten, und deren Aufgabe es war, den Herrn zu veranlassen, daß er Geld ausgebe. Dafür bekamen die Senjoritas auch je einen Raum im Hinterhause des Restaurants, wo sie sich mit ihrem Herrn ungestört vergnügen konnten, und sie brauchten für den Raum keine Miete zu bezahlen, und die Wäsche wurde ihnen auch noch gestellt. Denn Wäsche wird viel gebraucht.
Und überall wurde getanzt. Jeder durfte tanzen, wie er wollte. Und jedes Paar durfte tanzen, wie es wollte. Es war kein Tanzordner da, und die Leutchen durften sich im Tanz alles sagen, was sie auf dem Herzen hatten, ohne sich der Sprache zu bedienen. Niemand hinderte sie daran, so zu tanzen, daß eigentlich, wenn es gerecht zuginge, jeder von ihnen zwanzig Jahre Zuchthaus bekommen müßte. Aber es ging ja eben nicht gerecht zu, und darum tanzten alle so, daß ihnen die Engel im Himmel hätten zuschauen dürfen, ohne zu erröten.
Zuweilen tanzte aber doch ein Paar in der Weise, daß des Satans Großmutter ihr Gesicht in der Schürze verbergen mußte, wenn sie es sah. Aber sie sah es ja nicht, und andre Leute kümmerten sich nicht darum, und die vorbeipatrouillierenden Polizisten steckten sich eine Zigarette an und sahen lächelnd zu oder gingen weiter, weil es sie langweilte. Das Paar langweilte es nach einer Runde selbst, und es tanzte wieder den Engeln zur Freude, weil es schöner war und das andre niemandem zum Ärgernis wurde.
Eine Negerin aus Virginia trat auf in der Casa Roja, wo wir gerade vorbeikamen. Sie tanzte mitten im Lokal. Bauchtanz. Aber der wahre Bauchtanz, der echte und unverfälschte. Der Bauchtanz war es, den Eva erfand, als sie das Paradies los war und sich frei bewegen konnte. Nicht nur alle Herren, sondern auch alle Senjoritas, die im Lokal waren, standen auf, um dieses Kunstwerk zu sehen und Gesten zu lernen, die ihnen von Nutzen sein konnten, wenn sie nicht allein schliefen. Und in alle Türen drängten die Herren und die Senjoritas, die auf der Straße waren; denn die Türen waren offen. Kunst ist das, was unsre Seele jubeln macht. Und der Bauchtanz der Negerin aus Virginia war reife und vollendete Kunst. Auch sie war eine Senjorita und hatte ihr Haus hier, um darin mit Herren zu plaudern. Aber keiner der Herren, der sie eben tanzen gesehen hatte, wagte sie anzusprechen. Sie war himmelhoch über alle die Senjoritas hier emporgeflogen. Sie war gottbegnadete Künstlerin, und keiner der Herren glaubte so viele Pesos in seiner Tasche zu haben, daß er es wagen dürfe, mit ihr zu gehen. Ein tosender Beifall brach aus, als sie geendet hatte und niedergesunken war auf den Fußboden. Dort kniete sie, die Arme zurückgeworfen, den Leib mit den quellenden Brüsten drehend und schiebend wie in einem letzten aushauchenden Seufzer, der dem letzten müden Tropfen einer sterbenden Bergquelle folgt. Dann mit einem kurzen, schmerzhaften Ruck zog sie den Unterleib zurück und ließ den Kopf matt und müde sinken, bis die Stirn den Boden berührte. Nun sprang sie auf mit einem jubelnden Schrei gesunder und vollbefriedigter Freude, stand schlank und gerade im Saal, die linke Hand in die Hüfte gepreßt, den rechten Arm in runder weicher Geste hochgeworfen. Ihre Augen blitzten, und ihre weißen Zähne leuchteten zwischen den vollen Lippen hervor. Und sie lachte ein sieghaftes Lachen, streckte ihren Leib hervor mit einer Geste, als ob sie einen Kontinent einladen wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la alegria, senjores mios!“
Es folgte ein kurzes Schweigen, dann donnerte der Beifall aufs neue los, und die Musik setzte mit einem Schmettern ein, das einige Takte dauerte, während die Negerin, ihr dünnes Kleid zupfend und sich das Haar zurückstreichend, zu ihrem Platze ging, wo sie eine Flasche Bier und ein Glas stehen hatte. Alle Herren betrachteten sie mit einer scheuen Bewunderung, ohne sich ihr zu nähern und sie zu dem einsetzenden Foxtrott aufzufordern. Sie gingen zu den andern Senjoritas, die sich bescheidener benahmen und nicht Orkane erwarten ließen, die den gewandtesten Mann mit einer Fingerbewegung aus dem Sattel zu heben drohten. Die Senjoritas betrachteten die Negerin nicht als eine Nebenbuhlerin, die sich eines unlauteren Wettbewerbes bediente. Durchaus nicht. Sie gab dem Geschäft einen ganz ungeheuerlichen Schwung, der zehn Minuten vorher nicht zu spüren war. Die Herren hatten Feuer in den Augen, während sie bisher ziemlich gleichgültig und interesselos dreingeschaut hatten. Und die Senjoritas versuchten jetzt beim Tanzen einige der Bewegungen, die sie soeben gesehen hatten, nachzuahmen. Aber es sah häßlich aus und widerlich. Sie preßten sich hart an die Männer und spielten mit ihren hinteren Partien. Aber die Herren reagierten nur sehr schwach darauf und hielten sich auffallend steif zurück, bis die Senjoritas anfingen, die Gesten, die bei ihnen so aussahen, als ob ein kleiner Gemüsekrämer plötzlich die Reklame eines großen Warenhauses nachmachen möchte, aufzugeben und immer mehr zu lassen und in normaler Weise zu tanzen. Ja, nun benahmen sie sich wie die sogenannten anständigen Damen. Das gefiel den Herren viel besser und erinnerte sie sicher an ihre Bräute oder Frauen oder an begehrte Mädchen und brachte sie in die Stimmung, die allein für das Geschäft nutzbringend war.
Sie luden ihre Tänzerinnen ein, sich mit ihnen zu einer Flasche Bier oder einem Whisky an einen Tisch zu setzen. Sekt trinkt man nur, wo den Kleinen alles verboten und den Großen mehr erlaubt ist, als sie in normaler Weise leisten und genießen können. Wo Sekt getrunken werden muß, um lachen zu dürfen und sich der Schönheiten des Lebens zu erfreuen, artet die Unterhaltung häufig zur Schweinerei aus. Und an diesen Ausartungen mißt der Zensor seine Normalmeterstäbe ab, mit denen er den Kleinen die Länge des Vergnügens zumißt, die er ihnen zubilligt. Immer nur da, wo die Röcke nicht hochgehoben werden dürfen, begeht man Verbrechen und tut den törichten Unsinn, nachzusehen, was unter den Röcken ist.
10
Die Straßen waren voll von Händlern. Da waren Tische, wo es heiße Enchiladas gab. An andern gab es Kaffee. Wieder an andern kaltes Huhn oder gebratenen Fisch oder Roastbeef mit Brötchen oder mit Tortillas. Man konnte Salat kaufen, oder Bananen, Papayas, Äpfel, Weintrauben, Apfelsinen. Kleine Buden verkauften Zigaretten, Zigarren und Tabak. Andre Zeitungen und Zeitschriften. An vielen Tischen gab es Eiswasser in fünf oder sechs verschiedenen Sorten, Lemones, Hochata, Jamaica, Tamarindo, Pinja, Naranja, Papaya und was nicht noch. Dazwischen liefen Jungen und Frauen herum mit Körben oder Zigarrenkistchen. Sie verkauften Kaugummi, Süßigkeiten, getrocknete Kalavasaskerne, Peanuts, Obst und Blumen. Andre liefen herum mit Eimern mit Eiswasser, das sie glasweise abgaben. Hundert Menschen, wenn nicht mehr, fanden hier ihren Lebensunterhalt. Frauen trugen ihre Säuglinge auf den Armen oder führten kleine Kinder an der Hand, während sie ihrem Handel nachgingen. Weder die Sittlichkeit der halbwüchsigen Jungen, die ihre Zeitungen oder Zigaretten ausriefen, noch die der ehrbaren Handelsfrauen oder deren Kinder wurde vernichtet in dieser Umgebung. Wer Sittlichkeit hat, der verliert sie nicht, wenn er etwas sieht, das als Unsittlichkeit anzusehen ihn niemand gelehrt hat.
Hunderte von ehrbaren Frauen und Mädchen und Kindern und ganzen Familien hatten den ganzen Tag hindurch das Quartier der Senjoritas zu passieren, um zu ihren Wohnungen zu gelangen. Sie fühlten sich nicht gefährdet. Sie konnten einen andern Weg wählen, wenn sie wollten; aber der Weg durch das Quartier war kürzer. Und wenn man mit einer Frau, die etwas vom Leben verstand, darüber sprach, so sagte sie: „Einen Mann zu gewinnen und zu behalten, ist nicht so schwer; aber jeden Tag ein halbes Dutzend Männer zu gewinnen, ist eine Kunst. Warum soll ich mit Entrüstung auf die Senjoritas sehen? Ich glaube, die Entrüstung und das Ärgernis bei vielen ehrbaren Frauen kommt nur daher, weil es ihnen nicht gelänge, sich auf diese Art ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Herren wollen für ihr Geld etwas haben, und die Mehrzahl der ehrbaren Frauen ist zu langweilig, zu dumm, zu häßlich, um den Herren das geben zu können, wofür die Herren zahlen. Um ihre Nachteile zu verschleiern, nennen sie sich anständig, und sie haben große Mühe, ihrem eignen Manne zu gefallen.“ Und die Dame, die das sagte, war die ehrbar angetraute Frau eines wohlsituierten Kaufmannes in der Stadt, der einem vornehmen Klub als Mitglied angehörte. Und sie war eine schöne Frau, die sich gut und geschmackvoll zu kleiden verstand und sicher nie einem andern Manne als dem ihrigen auch nur die kleinste Gunstbezeigung erwiesen hatte. Aber sie war ja auch keine Puritanerin, sondern eine Tochter aus alter spanisch-mexikanischer Familie. In puritanischer Umgebung können solche Anschauungen nicht wachsen, und wenn sie auftauchen, sind sie widerwärtig.
Es kam ein junger Amerikaner eines Tages hierher. Er hatte eine sehr hübsche junge Frau und drei niedliche Kinderchen. Ich wurde bei ihm zum Dinner eingeladen. Vor Tisch und nach Tisch betete er, und Sonntags vergaß er nicht, mit seiner Frau die amerikanische Kirche zu besuchen. Als er mich bat, ihm die Stadt zu zeigen, sagte er: „Ich habe gehört, hier in diesen Ländern gibt es das und das. Wo ist denn das?“ Ich zeigte es ihm, und er besuchte mehr als eine der Senjoritas. Als er dann wieder zurückreiste, sagte er mir: „Das ist doch ein schrecklich unsittliches Land. Dem Himmel sei Dank, daß so etwas bei uns nicht gestattet ist.“
Da log er zum zweitenmal. Es war gestattet. Wie alles gestattet ist, was gegen die natürlichen Triebe des Menschen gerichtet ist. Es wurde gestattet durch Vergewaltigung von Frauen und Kindern, durch Verheiratung elfjähriger Mädchen an fünfzigjährige reiche Männer, die sich nach acht Wochen wieder scheiden ließen. Es wurde gestattet durch das Herumschleichen von Frauen und Mädchen in den Seitengassen zur Abend- und Nachtzeit. Es wurde gestattet dadurch, daß von hundert Männern wenigstens fünfzehn und von hundert Frauen und Mädchen achtzehn an üblen Krankheiten litten, die in den dunklen Seitengassen wucherten und wuchsen. Dann werden Millionen und aber Millionen von Dollar ausgegeben, um diesen Krankheiten, von denen zu sprechen schamlos ist, Einhalt zu gebieten, während hunderttausend Dollar genügten, sie auf das kleinste Maß zu beschränken, dadurch, daß man den Leutchen Gelegenheit gibt, sich innerhalb beleuchteter vier Wände guten Abend zu sagen, Wasser und Seife zur Hand zu haben und die ganze Sache ebenso als Geschäft zu betrachten wie die bezahlte Krankenpflege, das Dampfbad oder das Massieren. Aber wenn das von diesem natürlichen und gesunden Standpunkt aus betrachtet würde, hätten ja die alten Betschwestern, die kastrierten Traktätchenschreiber und die sabbernden Verkünder Goldner Regeln nichts mehr zu tun. Wohin mit ihnen so schnell? Man kann sie doch nicht eingraben. Sie würden ja nicht einmal Dung machen, weil sie zu trocken, zu ledern und zu saftlos sind.
Die Senjoritas sprachen alle mehrere Sprachen. Die nur Spanisch sprechen konnten, hatten wenig Erfolg. Sie mußten sich mit den Peons begnügen, und diese armen Teufel konnten nur gerade den denkbar kleinsten Betrag in diesen Spekulationen anlegen. Diese ungebildeten Senjoritas wohnten in den abgelegensten Teilen des Quartiers, wo die Zimmer am billigsten waren, am einfachsten möbliert, und wo die Musikkapellen nur so gelegentlich hinkamen, wenn in den andern Sektionen die Konkurrenz zu groß war. Hier in dieser Sektion trugen die Senjoritas Kleider so einfach, daß sie mit ihnen sofort zur Stadt hätten gehen können, ohne aufzufallen. Die Einnahmen reichten kaum zur Schminke und zum Puder; aber Wasser, Seife, antiseptische Lösung, für jeden Besucher reine Tücher mußten sie haben. Denn der Gast, der da vorbeikam, konnte ganz gut der Inspektor der Gesundheitskommission sein, der plötzlich das Zimmer betrat, nach dem Gesundheitspaß fragte und sich die Materialien für die Sauberkeit ansehen wollte, Puder, Schminke und Parfüm brauchten nicht in Ordnung sein, aber die andern Materialien mußten in vorschriftsmäßiger Verfassung sein, sonst gab es Quarantäne, und die war kostspielig und war mehr gefürchtet als Geldstrafe oder Gefängnis.
Es gab keine Sklaverei. Jede Senjorita war frei. Sie durfte morgen oder sofort das Haus verlassen. Keine alte Hökerin, kein Faulenzer hielt sie unter irgendeiner Form von Pfand für Mietschulden, Kostgeld oder Wäscherechnungen. Die Miete mußte eine Woche im voraus bezahlt werden. Wer nicht bezahlen konnte, mußte das Quartier verlassen. Wer auf der Straße zu Geschäftszwecken angetroffen wurde, kam in Quarantäne. Für Privatzwecke durfte sie aber auf den öffentlichen Straßen spazierengehen, soviel sie wollte, und wann sie wollte. In der Goldnen Sektion, die am Eingang des Quartiers war, wo alles im strahlenden Lichte der Tanzsalons lag, wohnten die Französinnen. Sie sprachen ein rasend schnelles Französisch, und sie alle schworen, daß sie aus Paris seien. Aber mehr als die Hälfte hatten Paris nie gesehen, sondern kamen aus London, aus Berlin, aus Warschau, aus Budapest, aus Petersburg oder aus Städten noch viel ferner von Paris. Keine von ihnen konnte die Erlaubnis erhalten, hier in dieses Land zu kommen, weil Damen, die sich diesem ehrenwerten Geschäft widmen oder widmen wollen, die Einreise nicht erlaubt ist. Aber sie waren alle hier und waren alle eingereist. Jede mit Hilfe eines andern Tricks.