Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten
Part 7
„Mein +Un+glaubensgenosse +Spinoza+“ sagt +Heine+. „Wir von Gottes +Un+gnaden Taglöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte“ usw.... beginnt bei +Lichtenberg+ ein nicht weiter ausgeführtes Manifest dieser Unglücklichen, die jedenfalls auf solche Titulatur mehr Anrecht haben als Könige und Fürstlichkeiten auf die unmodifizierte.
Eine Form der Anspielung ist schließlich auch die +Auslassung+, der Verdichtung ohne Ersatzbildung vergleichbar. Eigentlich wird bei jeder Anspielung etwas ausgelassen, nämlich die zur Anspielung hinführenden Gedankenwege. Es kommt nur darauf an, ob die Lücke das Augenfälligere ist oder der die Lücke teilweise ausfüllende Ersatz in dem Wortlaut der Anspielung. So kämen wir über eine Reihe von Beispielen von der krassen Auslassung zur eigentlichen Anspielung zurück.
Auslassung ohne Ersatz findet sich in folgendem Beispiel: In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein dritter: +Wenn der X. das hört, bekommt er wieder eine Ohrfeige.+ Zur Technik dieses Witzes gehört zunächst die Verblüffung über den scheinbaren Widersinn, denn eine Ohrfeige bekommen, leuchtet uns als unmittelbare Folge davon, daß man etwas gehört hat, keineswegs ein. Der Widersinn vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: +dann schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden, daß+ usw. Anspielung durch Auslassung und Widersinn sind also die technischen Mittel dieses Witzes.
+Heine+: „+Er lobt sich so stark, daß die Räucherkerzchen im Preise steigen.+“ Diese Lücke ist leicht auszufüllen. Das Ausgelassene ist durch eine Folgerung ersetzt, die nun als Anspielung auf dasselbe zurückleitet. Eigenlob stinkt.
Nun wieder einmal die beiden Juden vor dem Badehause!
„+Schon wieder ein Jahr vergangen!+“ seufzt der eine.
[Sidenote: Anspielung durch Auslassung.]
Diese Beispiele lassen wohl keinen Zweifel bestehen, daß die Auslassung zur Anspielung gehört.
Eine immer noch auffällige Lücke findet sich in nachstehendem Beispiel, das doch ein echter und richtiger Anspielungswitz ist. Nach einem Künstlerfest in Wien wurde ein Scherzbuch herausgegeben, in welchem unter anderen folgender, höchst merkwürdiger Sinnspruch verzeichnet stand:
„+Eine Frau ist wie ein Regenschirm. Man nimmt sich dann doch einen Komfortabel.+“
Ein Regenschirm schützt nicht genug vor dem Regen. Das „dann doch“ kann nur heißen: wenn es tüchtig regnet, und ein Komfortabel ist ein öffentliches Fuhrwerk. Da wir es aber hier mit der Form des Gleichnisses zu tun haben, wollen wir die eingehendere Untersuchung dieses Witzes auf einen späteren Moment verschieben.
Ein wahres Wespennest der stachligsten Anspielungen, enthalten +Heines+ „Bäder von Lucca“, die von dieser Form des Witzes die kunstvollste Verwendung zu polemischen Zwecken (gegen den Grafen +Platen+) machen. Lange zuvor, ehe der Leser diese Verwendung ahnen kann, wird einem gewissen Thema, das sich zur direkten Darstellung besonders schlecht eignet, durch Anspielungen aus dem mannigfaltigsten Material präludiert, z. B. in den Wortverdrehungen des Hirsch-Hyacinth: „Sie sind zu korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein +Diarrhetikus+, kurz und gut, Sie sind ganz mein Anti+podex+.“ -- „Venus +Urinia+“ -- die dicke Gudel von +Dreckwall+ in Hamburg -- u. dgl., dann nehmen die Begebenheiten, von denen der Dichter erzählt, eine Wendung, die zunächst nur von dem unartigen Mutwillen des Dichters zu zeugen scheint, bald aber ihre symbolische Beziehung zur polemischen Absicht enthüllt und sich somit gleichfalls als Anspielung kundgibt. Endlich bricht der Angriff auf +Platen+ los und nun sprudeln und quellen die Anspielungen auf das bereits bekannt gewordene Thema der Männerliebe des Grafen aus jedem der Sätze, die +Heine+ gegen das Talent und den Charakter seines Gegners richtet, z. B.:
„Wenn auch die Musen ihm nicht hold sind, so hat er doch den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anzutun; denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen Rundung sich nie edel aussprechen.“
„Es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar wird. Unser erlauchter Vogel hätte besser getan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den Kopf gezeigt hätte.“
Die Anspielung ist vielleicht das gebräuchlichste und am leichtesten zu handhabende Mittel des Witzes und liegt den meisten der kurzlebigen Witzproduktionen zu Grunde, die wir in unsere Unterhaltung einzuflechten gewöhnt sind, und welche eine Ablösung von diesem Mutterboden und selbständige Konservierung nicht vertragen. Gerade bei ihr werden wir aber von neuem an jenes Verhältnis gemahnt, das begonnen hat, uns an der Schätzung der Witztechnik irre zu machen. Auch die Anspielung ist nicht etwa an sich witzig, es gibt korrekt gebildete Anspielungen, die auf diesen Charakter keinen Anspruch haben. Witzig ist nur die „witzige“ Anspielung, so daß das Kennzeichen des Witzes, das wir bis in die Technik verfolgt haben, uns dort wieder entschwindet.
Ich habe die Anspielung gelegentlich als „+indirekte Darstellung+“ bezeichnet und werde nun darauf aufmerksam, daß man sehr wohl die verschiedenen Arten der Anspielung mit der Darstellung durch das Gegenteil und mit den noch zu erwähnenden Techniken zu einer einzigen großen Gruppe vereinigen kann, für welche „+indirekte Darstellung+“ der umfassendste Namen wäre. +Denkfehler+ -- +Unifizierung+ -- +indirekte Darstellung+ heißen also die Gesichtspunkte, unter welche sich die uns bekannt gewordenen Techniken des Gedankenwitzes bringen ließen.
Bei fortgesetzter Untersuchung unseres Materials glauben wir nun eine neue Unterart der indirekten Darstellung zu erkennen, die sich scharf charakterisieren, aber nur durch wenige Beispiele belegen läßt. Es ist dies die Darstellung +durch ein Kleines+ oder +Kleinstes+, welche die Aufgabe löst, einen ganzen Charakter durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen. Die Anreihung dieser Gruppe an die Anspielung wird durch die Erwägung ermöglicht, daß ja diese Winzigkeit mit dem Darzustellenden in Zusammenhang steht, sich als Folgerung aus ihm ableiten läßt, z. B.:
„Ein galizischer Jude fährt in der Eisenbahn und hat es sich recht bequem gemacht, den Rock aufgeknöpft, die Füße auf die Bank gelegt. Da steigt ein modern gekleideter Herr ein. Sofort nimmt sich der Jude zusammen, setzt sich in bescheidene Positur. Der Fremde blättert in einem Buch, rechnet, besinnt sich und richtet plötzlich an den Juden die Frage: ‚Ich bitte Sie, wann haben wir Jomkipur?‘ (Versöhnungstag.) ‚+Aesoi+,‘ sagt der Jude und legt die Füße wieder auf die Bank, ehe er Antwort gibt.“
Es wird nicht abzuweisen sein, daß diese Darstellung durch ein Kleines an die Tendenz zur Ersparnis anknüpft, welche wir nach der Erforschung der Wortwitztechnik als das letzte Gemeinsame übrig behalten haben.
Ein ganz ähnliches Beispiel ist folgendes:
Der Arzt, der gebeten worden ist, der Frau Baronin bei ihrer Entbindung beizustehen, erklärt den Moment für noch nicht gekommen und schlägt dem Baron unterdes eine Kartenpartie im Nebenzimmer vor. Nach einer Weile dringt der Wehruf der Frau Baronin an das Ohr der beiden Männer. „+Ah mon dieu, que je souffre!+“ Der Gemahl springt auf, aber der Arzt wehrt ab: „Es ist nichts, spielen wir weiter.“ Eine Weile später hört man die Kreißende wieder: „+Mein Gott, mein Gott, was für Schmerzen!+“ -- „Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Professor?“ fragt der Baron. -- „Nein, nein, es ist noch nicht Zeit.“ -- Endlich hört man aus dem Nebenzimmer ein unverkennbares: „+Ai, waih, waih+“ geschrien; da wirft der Arzt die Karten weg und sagt: „Es ist Zeit.“
Wie der Schmerz durch alle Schichtungen der Erziehung die ursprüngliche Natur durchbrechen läßt, und wie eine wichtige Entscheidung mit Recht von einer scheinbar belanglosen Äußerung abhängig gemacht wird, das zeigt beides dieser gute Witz an dem Beispiel der schrittweisen Veränderung der Klagerufe bei der gebärenden vornehmen Frau.
* * * * *
[Sidenote: Darstellung durch ein Kleines. -- Gleichnis.]
Eine andere Art der indirekten Darstellung, deren sich der Witz bedient, das +Gleichnis+, haben wir uns so lange aufgespart, weil dessen Beurteilung auf neue Schwierigkeiten stößt, oder Schwierigkeiten, die sich schon bei anderen Gelegenheiten ergeben haben, besonders deutlich erkennen läßt. Wir haben schon vorhin eingestanden, daß wir bei manchen zur Untersuchung vorliegenden Beispielen ein Schwanken, ob sie überhaupt den Witzen zuzurechnen seien, nicht zu bannen vermögen, und haben in dieser Unsicherheit eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen unserer Untersuchung erkannt. Bei keinem anderen Material empfinde ich aber diese Unsicherheit stärker und häufiger als bei den Gleichniswitzen. Die Empfindung, welche mir -- und scheinlich einer großen Anzahl anderer unter den nämlichen Bedingungen wie mir -- zu sagen pflegt: Dies ist ein Witz, dies darf man für einen Witz ausgeben, noch ehe der verborgene wesentliche Charakter des Witzes entdeckt ist; diese Empfindung läßt mich bei den witzigen Vergleichen am ehesten im Stiche. Wenn ich den Vergleich zuerst ohne Bedenken für einen Witz erklärt habe, so glaube ich einen Augenblick später zu bemerken, daß das Vergnügen, das er mir bereitet, von anderer Qualität ist, als welches ich einem Witz zu verdanken pflege, und der Umstand, daß die witzigen Vergleiche nur sehr selten das explosionsartige Lachen hervorzurufen vermögen, durch welches sich ein guter Witz bezeugt, macht es mir unmöglich, mich dem Zweifel wie sonst zu entziehen, indem ich mich auf die besten und effektvollsten Beispiele der Gattung einschränke.
Daß es ausgezeichnet schöne und wirksame Beispiele von Gleichnissen gibt, die uns den Eindruck des Witzes keineswegs machen, ist leicht zu zeigen. Der schöne Vergleich der durchgehenden Zärtlichkeit in Ottiliens Tagebuch mit dem roten Faden der englischen Marine (s. S. 14) ist ein solcher; auch ein anderes, das zu bewundern ich noch nicht müde geworden bin, und dessen Eindruck ich nicht überwunden habe, kann ich mir nicht versagen, im gleichen Sinne anzuführen. Es ist das Gleichnis, mit welchem Ferd. +Lassalle+ eine seiner berühmten Verteidigungsreden (Die Wissenschaft und die Arbeiter) geschlossen hat: „Ein Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem Wahlspruch gewidmet hat ‚Die Wissenschaft und die Arbeiter‘, dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege findet, keinen anderen Eindruck machen können, +als etwa das Springen einer Retorte dem in seine wissenschaftlichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der Materie, setzt er, sowie die Störung beseitigt ist, ruhig seine Forschungen und Arbeiten fort.+“
[Sidenote: Zweifel bei witzigen Vergleichen.]
Eine reiche Auswahl von treffenden und witzigen Gleichnissen findet man in den Schriften +Lichtenbergs+ (II. B. der Göttinger Ausgabe, 1853); von dort will ich auch das Material für unsere Untersuchung entnehmen.
„+Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen.+“
Das erscheint wohl witzig, aber bei näherem Zusehen merkt man, daß die witzige Wirkung nicht vom Vergleich selbst, sondern von einer Nebeneigenschaft desselben ausgeht. Die „Fackel der Wahrheit“ ist eigentlich kein neuer Vergleich, sondern ein längst gebräuchlicher und zur fixierten Phrase herabgesunken, wie es immer zutrifft, wenn ein Vergleich Glück hat und vom Sprachgebrauch akzeptiert wird. Während wir in der Redensart „die Fackel der Wahrheit“ den Vergleich kaum mehr bemerken, wird ihm bei +Lichtenberg+ die ursprüngliche Vollkraft wiedergegeben, da nun auf dem Vergleich weiter gebaut, eine Forderung aus ihm gezogen wird. Solches +Vollnehmen abgeblaßter+ Redensarten ist uns aber als Technik des Witzes bereits bekannt, es findet eine Stelle bei der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials (s. S. 24). Es könnte sehr wohl sein, daß der witzige Eindruck des +Lichtenberg+schen Satzes nur von der Anlehnung an diese Witztechnik herrührt.
Dieselbe Beurteilung wird gewiß auch für einen anderen witzigen Vergleich desselben Autors gelten können:
„+Ein großes Licht+ war der Mann eben nicht, aber ein großer +Leuchter+ .... Er war Professor der Philosophie.“
Einen Gelehrten ein großes Licht, ein „lumen mundi“, zu heißen, ist längst kein wirksamer Vergleich mehr, mag er ursprünglich als Witz gewirkt haben oder nicht. Aber man frischt den Vergleich auf, man gibt ihm seine Vollkraft wieder, indem man eine Modifikation aus ihm ableitet und solcher Art einen zweiten, neuen, Vergleich aus ihm gewinnt. Die Art, wie der zweite Vergleich entstanden ist, scheint die Bedingung des Witzes zu enthalten, nicht die beiden Vergleiche selbst. Es wäre dies ein Fall der nämlichen Witztechnik wie im Beispiele von der Fackel.
Aus einem anderen, aber ähnlich zu beurteilenden Grunde erscheint folgender Vergleich als witzig:
„Ich sehe die +Rezensionen+ als eine Art von +Kinderkrankheit+ an, die die neugeborenen Bücher mehr oder weniger befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben, und die schwächlichen oft durchkommen. Manche bekommen sie gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch +Amulette+ von +Vorrede+ und +Dedikation+ vorzubeugen, oder sie gar durch +eigene Urteile zu makulieren+; es hilft aber nicht immer.“
Der Vergleich der Rezensionen mit den Kinderkrankheiten ist zuerst nur auf das Befallenwerden, kurz nachdem sie das Licht der Welt erblickt haben, gegründet. Ob er soweit witzig ist, getraue ich mich nicht zu entscheiden. Aber dann wird er fortgeführt; es ergibt sich, daß die weiteren Schicksale der neuen Bücher innerhalb des Rahmens des nämlichen Gleichnisses oder durch angelehnte Gleichnisse dargestellt werden können. Solche Fortsetzung einer Vergleichung ist unzweifelhaft witzig, aber wir wissen bereits, dank welcher Technik sie so erscheint; es ist ein Fall von +Unifizierung+, Herstellung eines ungeahnten Zusammenhanges. Der Charakter der Unifizierung wird aber dadurch nicht geändert, daß dieselbe hier in der Anreihung an ein erstes Gleichnis besteht.
Bei einer Reihe anderer Vergleichungen ist man versucht, den unleugbar vorliegenden witzigen Eindruck auf ein anderes Moment zu schieben, welches wiederum mit der Natur des Gleichnisses an sich nichts zu tun hat. Es sind dies Vergleichungen, die eine auffällige Zusammenstellung, oft eine absurd klingende Vereinigung enthalten, oder sich durch eine solche als Ergebnis des Vergleiches ersetzen. Die Mehrzahl der +Lichtenberg+schen Beispiele gehören dieser Gruppe an.
„Es ist schade, daß man bei Schriftstellern die +gelehrten Eingeweide+ nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie gegessen haben.“ „Die gelehrten Eingeweide,“ das ist eine verblüffende, eigentlich absurde Attribuierung, die sich erst durch die Vergleichung aufklärt. Wie wäre es, wenn der witzige Eindruck dieses Vergleiches ganz und voll auf den verblüffenden Charakter dieser Zusammenstellung zurückginge? Dies entspräche einem der uns gut bekannten Mittel des Witzes, der Darstellung durch +Widersinn+.
+Lichtenberg+ hat dieselbe Vergleichung der Aufnahme von Lese- und Lernstoff mit der Aufnahme von physischer Nahrung auch zu einem anderen Witz verwendet:
„Er hielt sehr viel vom +Lernen auf der Stube+ und war also gänzlich für +gelehrte Stallfütterung+.“
Die nämliche absurde oder mindestens auffällige Attribuierung, welche, wie wir zu merken beginnen, der eigentliche Träger des Witzes ist, zeigen andere Gleichnisse desselben Autors:
„Das ist die +Wetterseite meiner moralischen Konstitution+, da kann ich etwas aushalten.“
„Jeder Mensch hat auch seine +moralische Backside+, die er nicht +ohne Not+ zeigt und die er so lange als möglich mit den +Hosen des guten Anstandes+ zudeckt.“
Die „moralische Backside“, das ist die auffällige Attribuierung, die als Resultat einer Vergleichung da steht. Dazu kommt aber eine Fortführung des Vergleiches mit einem regelrechten Wortspiel („Not“) und einer zweiten noch ungewöhnlicheren Zusammenstellung („Die Hosen des guten Anstandes“), die vielleicht selbst an sich witzig ist, denn die Hosen werden dadurch, daß sie die Hosen des guten Anstandes sind, selbst gleichsam witzig. Es darf uns dann nicht wundernehmen, wenn wir vom Ganzen den Eindruck eines sehr witzigen Vergleiches empfangen; wir beginnen zu merken, daß wir ganz allgemein dazu neigen, einen Charakter, welcher nur an einem Teil des Ganzen haftet, in unserer Schätzung auf dieses Ganze auszudehnen. Die „Hosen des guten Anstandes“ erinnern übrigens an einen ähnlichen verblüffenden Vers von +Heine+:
„+Bis mir endlich alle Knöpfe rissen an der Hose der Geduld.+“
Es ist unverkennbar, daß diese beiden letzten Vergleichungen einen Charakter an sich tragen, den man nicht an allen guten, d. h. zutreffenden Gleichnissen wiederfinden kann. Sie sind in hohem Grade „+herabziehend+“, könnte man sagen, sie stellen ein Ding hoher Kategorie, ein Abstraktum (hier: den guten Anstand, die Geduld) mit einem Ding sehr konkreter Natur und selbst niedriger Art (der Hose) zusammen. Ob diese Eigentümlichkeit etwas mit dem Witz zu schaffen hat, werden wir noch in einem anderen Zusammenhange in Erwägung ziehen müssen. Versuchen wir hier ein anderes Beispiel, in dem der herabziehende Charakter ganz besonders deutlich ist, zu analysieren. Der Kommis Weinberl in +Nestroys+ Posse „+Einen Jux will er sich machen+“, der sich ausmalt, wie er einmal als solider alter Handelsherr seiner Jugendtage gedenken wird, sagt: „Wenn so im traulichen Gespräch +das Eis aufg’hackt wird vor dem Magazin der Erinnerung, wann die G’wölbtür der Vorzeit wieder aufg’sperrt und die Pudel der Phantasie voll ang’raumt wird mit Waren von ehemals+.“ Das sind sicherlich Vergleichungen von Abstrakten mit sehr gewöhnlichen konkreten Dingen, aber der Witz hängt -- ausschließlich oder nur zum Teile -- an dem Umstand, daß ein Kommis sich dieser Vergleichungen bedient, die aus dem Bereiche seiner alltäglichen Tätigkeit genommen sind. Das Abstrakte aber in Beziehung zu diesem Gewöhnlichen, das ihn sonst ausfüllt, zu bringen, ist ein Akt von +Unifizierung+.
Kehren wir zu den +Lichtenberg+schen Vergleichen zurück.
„+Die Bewegungsgründe,[31] woraus man etwas tut, könnten so wie die 32 Winde geordnet und ihre Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B. Brot–Brot–Ruhm oder Ruhm–Ruhm–Brot.+“
Wie so häufig bei den +Lichtenberg+schen Witzen ist auch hier der Eindruck des Treffenden, Geistreichen, Scharfsinnigen so vorherrschend, daß unser Urteil über den Charakter des Witzigen hiedurch irregeführt wird. Wenn in einem solchen Ausspruch etwas Witz sich dem ausgezeichneten Sinn beimengt, werden wir wahrscheinlich verleitet, das Ganze für einen vortrefflichen Witz zu erklären. Ich möchte vielmehr die Behauptung wagen, daß alles, was hieran wirklich witzig ist, aus dem Befremden über die sonderbare Kombination „Brot--Brot--Ruhm“ hervorgeht. Also als Witz eine Darstellung durch Widersinn.
[Sidenote: Sonderbare Attribuierungen.]
Die sonderbare Zusammenstellung oder absurde Attribuierung kann als Ergebnis eines Vergleiches für sich allein hingestellt werden:
+Lichtenberg+: +Eine zweischläfrige Frau -- Ein einschläfriger Kirchenstuhl.+ Hinter beiden steckt der Vergleich mit einem Bett, bei beiden wirkt außer der Verblüffung noch das technische Moment der +Anspielung+ mit, das eine Mal an die einschläfernde Wirkung von Predigten, das andere Mal an das nie zu erschöpfende Thema der geschlechtlichen Beziehungen.
Haben wir bisher gefunden, daß eine Vergleichung, so oft sie uns witzig erschien, diesen Eindruck der Beimengung einer der uns bekannten Witztechniken verdankte, so scheinen einige andere Beispiele endlich dafür zu zeugen, daß ein Vergleich auch an und für sich witzig sein kann.
+Lichtenbergs+ Charakteristik gewisser Oden:
„Sie sind das in der Poesie, was Jakob Böhms unsterbliche Werke in Prose sind, +eine Art von Pickenick, wobei der Verfasser die Worte und der Leser den Sinn stellen+.“
„Wenn er +philosophiert+, so wirft er gewöhnlich +ein angenehmes Mondlicht+ über die Gegenstände, das im ganzen gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.“
Oder +Heine+: „+Ihr Gesicht glich einem Kodex palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchsschrift eines Kirchenvatertextes die halb erloschenen Verse eines altgriechischen Liebesdichters hervorlauschen.+“
Oder die fortgesetzte Vergleichung mit starker herabsetzender Tendenz in den „Bädern von Lucca“.
„Der +katholische Pfaffe+ treibt es mehr wie ein Kommis, der in einer +großen Handlung+ angestellt ist; die Kirche, das große Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte Beschäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitet lässig, wie jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und viele Kollegen hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkt bleibt -- nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und noch mehr dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Bankerott seinen Lebensunterhalt verlöre. Der +protestantische Pfaffe+ hingegen ist überall selbst Prinzipal und treibt die Religionsgeschäfte für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein katholischer Gewerbegenosse, sondern nur einen +Kleinhandel+; und da er demselben allein vorstehen muß, darf er nicht lässig sein, er muß seine +Glaubensartikel+ den Leuten anrühmen, die Artikel seiner Konkurrenten herabsetzen, und als echter Kleinhändler steht er in seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid gegen alle großen Häuser, absonderlich gegen das große Haus in Rom, das viele tausend Buchhalter und Packknechte besoldet und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.“
Angesichts dieser, wie vieler anderer Beispiele können wir doch nicht mehr in Abrede stellen, daß ein Vergleich auch an sich witzig sein mag, ohne daß dieser Eindruck auf eine Komplikation mit einer der bekannten Witztechniken zu beziehen wäre. Es entgeht uns aber dann völlig, wodurch der witzige Charakter des Gleichnisses bestimmt ist, da er gewiß nicht am Gleichnis als Ausdrucksform des Gedankens oder an der Operation des Vergleiches haftet. Wir können nicht anders als das Gleichnis unter die Arten der „indirekten Darstellung“ aufnehmen, deren sich die Witztechnik bedient, und müssen das Problem unerledigt lassen, das uns beim Gleichnis weit deutlicher als bei den früher behandelten Mitteln des Witzes entgegengetreten ist. Es muß wohl auch seinen besonderen Grund haben, wenn uns die Entscheidung, ob etwas ein Witz ist oder nicht, beim Gleichnis mehr Schwierigkeiten bereitet als bei anderen Ausdrucksformen.
Einen Grund aber, uns zu beklagen, daß diese erste Untersuchung ergebnislos verlaufen sei, bietet uns auch diese Lücke in unserem Verständnis nicht. Bei dem intimen Zusammenhang, den wir den verschiedenen Eigenschaften des Witzes zuzuschreiben bereit sein mußten, wäre es unvorsichtig gewesen zu erwarten, wir könnten eine Seite des Problems voll aufklären, ehe wir noch einen Blick auf die anderen geworfen haben. Wir werden das Problem nun wohl an anderer Stelle angreifen müssen.
[Sidenote: Zusammenfassung über die Witztechnik.]