Der Widerspenstigen Zähmung

Chapter 9

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Er kannte aus Romanen und Zeitungsgeschichten die heroische Geste, mit der sich betrogene Gatten zu rächen pflegen. Aber zu dieser Geste hätte er sich nie aufraffen können. Denn er verspürte keinen Rachedurst. Nicht einmal richtig »böse sein« konnte er dem Herrn Hippenstiel, -- nur traurig war er, trostlos traurig.

Alle Sterne seines Himmels waren erloschen, tiefschwarze Nacht umbrodelte ihn.

»Was haww ich eigentlich von mei'm ganze Lewe gehabbt? E Fußball bin ich, den wo die Herrn Feldmann unn Schröder vom Geschäft uff die Post, von der Post haam, unn von dahaam ins Geschäft gekickt hawwe! Unn wie e Fußball bin ich von alle Mensche nor mit Fußtritte beehrt worn. -- Naa, daß ich gerecht bleib, e paar aastännige Mensche haww ich #doch# kenne gelernt: de Herr Bernheim, der merr immer sei Butterbrod zor Vesper gewwe hat, »Da, Adolf, freß!« unn de Schröder, des gutmiedig Zwaazentnerferkel, unn de Herr Baldrian, der mich zum himmlische Delefonfräulein ausbilde wollt'. Des warn gute Mensche, unn wann die groß Schnaps-Sintflut komme dhät, wo der ahl Bindegerst davoo geschwermt hat, dann dhät ich de liewe Gott bitte: »Nemm die drei mit in die Arch', se verdiene's! Die iwwerig Menschheit kannstde ruhig versaufe lasse! Mich zu allererscht! Ich kann sowieso net schwimme! Wann ich aach e Fußball bin.

Unn ich habb doch emal Wunner geglaabt, was ich for e Mordskerl bin. Damals, wie merr verlobt warn, wie ich mit'm Kättche awends am Mää spaziern gange bin. Ach, wär' ich doch damals gestolwert unn ereigeborzelt! Da hätte wenigstens die Fisch was zu lache gehabbt! ...«

»Adolf,« sagte Katharina am dritten Tag nach Bindegersts Begräbnis, »des Haus geheert jedz uns!«

»Ja,« sagte Adolf, »jedz geheert's uns. Merr könne's verkaafe, wannstde maanst.«

»Schafskobb!« fuhr ihn Katharina an. »Des guckt Derr widder ganz ähnlich! Nix werd verkaaft! Awwer unne die Werkstatt unn de Lade wer' ich vermiete. Verstanne?«

Und sie führte diese Absicht sogleich aus. Als Adolf einige Tage später ins Geschäft ging, arbeiteten schon drunten die Handwerker an der Auffrischung der Räume.

Und am nächsten Mittag turnte vor dem Schaufenster ein Mann auf einem Gestell herum und pinselte in großen Buchstaben den Namen einer Firma auf die Glasscheibe.

»Gottlieb« stand da. Der Nachnamen war noch nicht geboren.

Drüben an der Ladentüre stand Herr Hippenstiel und schaute dem Malkünstler zu.

»Gu'n Dach, Herr Borges!« rief er hinüber.

Aber Adolf gab keine Antwort.

»Wann ich mich nur e bissi verstelle könnt!« murmelte er. »Wann ich nor so e bissi Katzefreundlichkeit heuchele könnt! Awwer ich bring's net fertich. So was dummes wie ich werd net zum zweite Mal geborn!«

Er ging geradewegs ins Geschäft, denn auch das Abholen der Geschäftsschlüssel in Herrn Feldmanns Wohnung besorgte längst der neue, junge Ausläufer.

»Ich glaab, se dhäte's iwwerhaapts net merke, wann ich dahaam bleiwe dhät! An mich denkt kaa Mensch!«

Mit dieser Behauptung tat Adolf Borges der Menschheit wieder einmal Unrecht. Denn gerade an diesem Nachmittag sagte der dicke Herr Schröder zu seinem Teilhaber:

»Hermann, nächste Woch' werd's dreißig Jahr, daß der Adolf bei uns is. Maanstde net, merr sollt da erjend ebbes mache?«

»Schreib emal an die Kasern, vielleicht halte se e Parad for en ab!«

»Da werd'r kaan Wert druff lege. Awwer e Geschenk könnt mer'm doch gewwe. Es braacht ja net gleich e Milljon koste. Unn aach'm Personal sollt merrsch sage, daß se so e klaa Feier veraastalte. Der Herr Baldrian könnt die Festredd halte, ich glaab, dem leiht so was! -- Unn 's war doch aach e Reklam' fors Geschäft, wann's in die Zeidung käm.«

»Mach, was De willst! Mir is worscht, ich bin kaa' Danzlehrer!«

Als Adolf Abends nach Hause kam, war der Mann mit dem Malgestell verschwunden.

Und Adolf las auf der Glasscheibe:

Gottlieb Hippenstiel Coiffeur und Friseur

Ausführung aller Haararbeiten zu billigsten Preisen.

* * * * *

Eine unbändige Wut überkam ihn.

Also an #ihn# hatte Katharina den Laden vermietet. So weit trieb sie den Zynismus.

Er stürmte hinauf, bereit, Katharina zu prügeln, zu mißhandeln.

Aber schon auf der Treppe wurde er in seinem Entschluß schwankend. Was nützte es, eine Szene zu machen? Gar keinen Wert hatte es. Es war ja doch Alles aus.

Und als er vor der Wohnungstüre stand, hörte er drinnen zwei lachende Stimmen.

Da stieg er langsam zur Dachstube. Er schloß das Fenster, denn draußen regnete es.

Er nahm das Bild Gustavchens von der Wand, betrachtete es lange, lange.

Dann drehte er es um, schnitt es aus dem Rahmen, zerriß es in kleine Fetzen, stopfte sie in den Ofen und verbrannte sie.

Ganz ruhig und bedächtig tat er das.

Wie ein sorglicher Familienvater, der seine Angelegenheiten ordnet.

Dann zog er der Holzfigur den Matrosenanzug aus. Er rollte ihn zusammen, schnürte ihn mit dem Schlips fest.

Nahm das Bündel unter den Arm und stieg langsam, auf den Zehenspitzen, die Treppe hinab.

An der Wohnungstüre blieb er einen Augenblick stehen.

Und nun schlich er durch die naßtrüben Straßen, dem Main zu.

Das Bündelchen mit Gustavs Matrosenanzug hielt er dicht an sich gepreßt.

»Babba, was machß'n Du da??« frug plötzlich ein Stimmchen.

»Ich geh ins Wasser, Gustavche! Versaufe dhu ich mich!«

»Warum dann, Babba?«

»Da bistde noch zu jung dazu, des verstehstde noch net, mei Liebling.«

»Awwer 's Wasser is doch so kalt, Babba?«

»Des spier' ich net mehr, mei Kind. Ich habb kaa Gefiehl mehr. Laß' mich nor mache!«

Das Zwiegespräch verstummte.

Bis nach einer Weile das Stimmchen wieder begann: »Die Mama is bees!«

»Des mußtde net sage, lieb Gustavche! Die Mama kann nix dafor. Du mußt Dei Mama lieb hawwe!«

Der Regen geißelte sein Gesicht. Er eilte, ans Ziel zu kommen.

* * * * *

Auf einem der großen Mainkähne saßen schwatzend drei Schiffer, in dichten Sturmmänteln und Kapuzen. Der Jüngste von ihnen spielte Ziehharmonika.

»Hastde nix plumpse heern?« frug der eine.

»Mir war's aach so! 's werd e Bierflasch ins Wasser gefalle sei'!«

»Hoffentlich kaa volle!« lachte der Frager.

Sie wandten sich wieder ihrem unterbrochenen Schwatz zu.

Und die Ziehharmonika spielte gedehnt:

»Katharinchen mit dem Selleriekopp, _Allez_ hopphopphopp, _Allez_ hopphopphopp... «

=Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn=

End of Project Gutenberg's Der Widerspenstigen Zähmung, by Karl Ettlinger