Der Widerspenstigen Zähmung

Chapter 8

Chapter 83,762 wordsPublic domain

»Se sollte mich dodschlage unn ausstoppe unn als Modellfigur ins Schaufenster stelle,« dachte er. »Dann dhät ich all die neue Kleider trage, viel scheenere Kleider, als wie ich in meim ganze Lewe getrage habb. Unn ich dhät e recht liewenswerdig Gesicht mache unn dhät als e bissi mit de Aage zwinkere, daß recht viel Kundschaft ereikäm unn kaafe dhät, dann der Herr Schröder is immer aastännig zu merr gewese. Nor wann der eklig Kassierer vorbeikäm, dhät ich die Zung erausstrecke. Unn vielleicht käm aach als des Kättche voriwwer unn dhät dem Prinz odder Korferscht, wo se dann geheierat hätt, des Schaufenster zeige: »Guck, des is mei erschter Mann!« Unn vielleicht dhät se'm aach sage: »Ich unglicklich Fraa! Auslaafer hätt ich hawwe könne, unn en Korferscht muß ich kriehe!«

Er lächelte vor sich hin. Ein Lächeln, in dem viel Mitleid mit sich selbst lag.

Sein Eheleben war ein unheilbar Kranker, das sah er nun selbst ein. Weder mit Gewalt, wie es Petruchio in dem Theaterstück fertig gebracht hatte, noch mit Güte war eine Widerspenstige wie Katharina zu zähmen.

»Merr secht, daß aus der ehelich Lieb mit de Jahrn die still Freundschaft erausschluppt wie e Hinkelche aus'm Ei, -- awwer mei Eh' is e Windei. Da schluppt kaa Freundschaft eraus unn kaa Kameradschaft, unn wann ich noch hunnert Jahr druff erumbrüt'! Des Ei, des hat der Deiwel gelegt.«

Äußerlich freilich war seine Ehe seit einiger Zeit geruhiger geworden. Katharina machte ihm kaum mehr Szenen, sie schien es nicht mehr der Mühe wert zu halten. Sie behandelte ihn jetzt mit einem verächtlichen Lächeln, sie benahm sich ihm gegenüber etwa wie ein Lehrer, der einen Schüler endgültig aufgegeben hat. »Wozu sich noch über solch einen Menschen ärgern? Da ist ja doch Hopfen und Malz verloren.«

Adolf bekam pünktlich sein Essen, sein Zimmer wurde aufgeräumt, seine Wäsche wurde gewaschen und geflickt, -- mehr hatte er nicht zu beanspruchen.

Um so eifriger beschäftigte sich Katharina nun mit sich selbst. In ihr war offenbar endlich die weibliche Putzsucht erwacht; sie, die bisher stets im Aufzug einer Aufwaschfrau im Hause herumgetobt hatte, begann plötzlich Wert auf proppere Kleidung und eine ordentliche Frisur zu legen. Sie abonnierte eine billige Modenzeitung, schneiderte sich nette Blusen, ja sie fing sogar an, ihre Fingernägel zu pflegen. Sie wurde eine gute Kundin des blondgelockten Herrn Hippenstiel.

Das Glanzstück ihrer Ausstattung war ein greller, knalligbunter Sonnenschirm, der jedem Negerhäuptling zur Zier gereicht hätte. In der Wüste hätte der Sonnenschirm sicherlich sehr dekorativ gewirkt, -- in Offenbach blieben die Leute stehen, wenn Käthchen das Monstrum spazierentrug, und dachten: »Da muß e Farwe-Fabrik explodiert sei'!«

Katharina aber hatte sich von je wenig um die Meinung anderer Sterblicher gekümmert; sie fand den Schirm wundervoll, und sie machte es den Kritikern gegenüber wie der Esel in der Fabel, der behauptete, die Nachtigall beneide ihn um seine schöne Stimme.

Adolf hatte anfangs die Änderung in Katharinas Kleidung mit freudiger Hoffnung gesehen. »Se will mich an sich locke!« sagte er sich. »Se will merr widder gefalle.«

Und er beschloß, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, und dachte schon daran, sein Dachstubenexil aufzugeben.

Aber der erste Annäherungsversuch wurde mit so unverkennbarem Hohn aufgenommen, daß er keinen zweiten wagte. Obwohl ihn Bindegerst dazu ermunterte.

»Du kannst sage, was De willst, Adolf, des war net gut, daß De da enuff gezoge bist! E Mann geheert bei sei Fraa! Sonst kimmt se uff dumme Gedanke! Odder hastde am End' noch die Absicht unn baust Derr e Nest uff de Schornstei' unn haust da drowwe als Klapperstorch?«

»Ich wollt, ich #wär# e Klapperstorch!« seufzte Adolf. »Dann könnt ich jeden Herbst nach Afrika ziehe, unn dhät merr die ahle Piramide aagucke unn dhät mit de Kamele e bissi polidisiern. Nor Kinner bringe dhät ich kaa. Dann ich glaab, ich könnt mich net trenne von dem Storchedeich. All die klaane Buwe unn Mädercher, wie se da erumplätschern in dem Deich unn uff de Blädder von dene Wasserrose Dambfschiffches fahrn, -- Vadder, muß des schee sei'!«

Bindegerst ließ ihn stehen. Auch er hatte Adolf längst aufgegeben. Wenn er ihn sah, summte er vor sich hin:

»O Gummizell, o Gummizell, Wie grien sin Deine Blätter!«

Im übrigen wich er Adolf aus, wo er irgend konnte. Es war, als habe der Alte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen, als fürchte er, das Gespräch könne auf ein Thema kommen, über das er nicht reden wollte oder durfte. Der ehedem so geschwätzige Drechslermeister wurde immer stiller, die Schnapsflasche war seine einzige Ansprache. Sie war von der heimlichen Geliebten zur offiziellen Kaiserin gestiegen, und Bindegerst hielt es für seine Pflicht, alle zehn Minuten eine Audienz bei ihr zu erbitten.

»Vadder, da steht Dei Schnapsflasch uff'm Disch!« mahnte Adolf einmal erschrocken, als er zum Nachtessen herunterkam.

Aber Bindegerst erwiderte: »Des is net die mei'! Die geheert'm Kättche!« Das hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz gegeben. Also auch Käthchen fing an ...

Aber er hatte nichts gesagt. Er wußte ja, sein Wort galt nichts. Vielleicht hatte Käthchen ganz recht, und es war tatsächlich das beste, das Leben, dieses zweifelhafte Geschenk, von dem man nicht wußte, ob es vom lieben Gott oder vom Teufel stammt, im Halbschlaf, in der Narkose des Alkohols zu verbringen? Vielleicht haben die Eltern Unrecht, die ihre Kinder zu eiserner Pflichterfüllung erziehen, und jene Leichtlebigen sind die besseren Eltern, die die Genußsucht ihrer Sprößlinge fröhlich und ungehemmt emporschießen lassen? Vielleicht ist der Fleiß nur eine törichte Angewohnheit, und die Ehrlichkeit nur eine Feigheit?

»Ich wer's #aach# emal mit'm Schnaps browiern!« nahm sich Adolf vor.

Aber er brachte es nicht übers Herz. Ihn ekelte davor. »In meim Alter lernt merr nix mehr dazu«, sagte er sich resigniert. »Net emal mehr e Laster! Dreißig Jahr frieher hätt ich 's Saufe aafange solle, dann wär vielleicht e glicklicher Mensch aus merr worn!«

Und er sann: »Weshalb dhut's Kättche drinke? Hat se'n Schmerz zu bedäuwe? Is se unglicklich? Unn #wann# se unglicklich is, wer annerschter kann draa schuld sei' wie #ich#? -- Awwer ich dhu err doch nix zu leid? Ich redd err doch in nix erei, ich gebb err doch Alles, was ich verdien, unn habb noch nie e Abrechnung verlangt? Awwer vielleicht is des grad der #Fehler#? Vielleicht faßt se des als Gleichgiltigkeit uff?«

Er spann diesen Gedankenfaden weiter, und die Frage überfiel ihn: »Lieb ich se eigentlich noch?«

Ach, das war eine schmerzliche Frage, -- viel, viel peinigender als die Frage, die er sich ehemals vorgelegt hatte: »Hat se #mich# eigentlich noch e bissi lieb?«

Liebte er Katharina noch? Wenn er sie nicht mehr liebte, dann lastete ja alle Schuld des Unglücks auf #ihm#, dann war #er# es ja, der die Ehe entweiht hatte, dann hatte er sie durch ein Gelübde an sich gelockt, das zu halten er nicht imstande war.

Und der arme Adolf Borges, dessen ganzes Wesen lichte Güte war, zermürbte sich in Selbstquälerei: kannst Du überhaupt lieben? So lieben, daß es nicht nur Dich, sondern auch den Gegenstand Deiner Liebe beseligt?

Oder war seine Liebe nur ein süßer Eigennutz? Zuckerzeug der Seele, das man behaglich lutscht, sich einen Genuß zu verschaffen?

»Hätt' ich's iwwer 's Herz gebracht, in die Dachstubb zu ziehe, wann ich se werklich noch lieb hätt'? Hätt' ich des in de erschte Jahrn von unserer Eh' gekönnt? Da haww ich doch net eischlafe könne, wenn ich se net newe merr gefiehlt habb!«

Aber ihm kamen selbst Zweifel, ob dies ein Prüfstein der Zuneigung sei.

»Merr werd doch älder, unn immer fordissimo singe, des kann kaa Mensch. Außer'm ahle Bindegerst. Is die Lieb werklich wie e geheizt Zimmer, wo merr von Zeit zu Zeit nachschürn muß, daß merr net erfriert? Kann merr die Lieb iwwerhaapts mit'm Thermometer nachmesse?«

Nein, so konnte er sich nicht über den Zustand seines Herzens klar werden. Er begann sich auszumalen, wie sein Leben wohl #ohne# Katharina aussehen würde?

Und da mußte er sich gestehen: nein, ohne Katharina konnte er sich sein Dasein nicht mehr vorstellen. Der Gedanke, daß sie vor ihm sterben könne, daß er sie überleben könne, war unmöglich. Katharinas Tod würde auch der seine sein.

Und er jubelte auf: »Ich lieb se noch! Gott sei Dank, ich lieb se! Net mit erer Lieb, die sich alle fimf Minute abknutsche muß, awwer mit 'rer Lieb, die wo aach des schlimmst häuslich Gewidder net entworzele kann! Ich lieb se noch! Unn wer net uffheern, se zu liewe! Grad wie de klaa Gustav!«

Er hatte sich von Herrn Schröder eine der ausrangierten Modellpuppen, die oben auf dem Speicher moderten, schenken lassen, eine jener Holzpuppen, die ehemals zum Ausstellen von Schulanzügen für Knaben gedient hatten, bis vornehmere Wachsfiguren ihnen dieses Amt abnahmen.

Diese Holzpuppe hatte er mit heimgenommen, hatte ihr Gustavchens Matrosenanzug angezogen.

Nun stand sie neben seinem Bett, und manchen Abend saß er davor, zupfte die Joppe zurecht, band ihr den Schlips und führte mit ihr die seltsamsten Gespräche.

Oder er rückte seinen Stuhl ganz dicht heran, schnitzelte aus Zeitungspapier Schiffchen und Helme, und ihm war, als höre er wieder das süße Stimmchen lispeln: »Was machß'n Du da??«

Und der Mann im Mond schüttelte den Kopf und murmelte: »Thät' er lieber Schnaps saufen! Das war' immer noch besser!«

Im Geschäft machten sie jetzt kaum mehr Witze über ihn, -- denn Witze macht man nur über Menschen und Dinge, die man innerlich ernst nimmt. Den kleinen Adolf aber betrachteten die übrigen Angestellten lediglich noch als Gnadenbrotempfänger. Der neue Ausläufer, ein fixer, mundgewandter Kerl, hatte fast alle Packarbeit an sich gerissen, und an Adolf Borges erinnerte man sich eigentlich nur noch am Tage der Gehaltszahlung.

Und auch da schien man ihn einmal zu vergessen. Denn der eklige Kassierer, der jedem Angestellten am Monatsschluß das Gehalt in verschlossenem Briefumschlag aushändigte, überging ihn. Verdutzt wartete Adolf, bis es Zeit für ihn war, die Pakete zur Post zu bringen, dann klopfte er an die angelehnte Türe des Privatkontors.

»No, Adolf, was is dann?« frug väterlich der dicke Herr Schröder.

»Ich habb kaan Lohn krieht, Herr Schröder. Ich bin vergesse worn.«

Herr Schröder sah ihn erstaunt an. »Awwer Adolf,« sagte er vorwurfsvoll, »Se hawwe'n doch schonn längst! Ihne Ihr Fraa hat'n doch vor acht Dag perseenlich abgeholt. Unn hat sich aach noch Vorschuß gewwe lasse uff's nächste Mal! Wisse Se dann des net?«

»Doch!« stotterte Adolf. »Nadierlich!... Entschuldige Se bloß... mei Kobb... mei Gedächtnis läßt mich als im Stich...«

Er lief schnell hinaus. Er fürchtete, man könne ihm seine Bestürzung, sein Entsetzen ansehen. Die Kunst der Verstellung hatte er nie beherrscht.

Als Adolf an diesem Abend das Postgebäude verließ, trat Herr Heinrich Baldrian, der offenbar auf ihn gewartet hatte, auf ihn zu.

»Gu'n Abend, Adolf«, redete er ihn an. »Wollen wir nicht 'n Stückchen zusammengehen?«

»Wann Se sich net scheniern, mit so'me schäwige arme Deiwel zu laafe«, erwiderte Adolf bitter.

»Reden Se kein' Unsinn!« sprach Herr Baldrian. »Wir können aber auch 'n Glas Bier zusammen trinken, wenn Ihnen das lieber ist?«

»Naa, Herr Baldrian, des geht net! Ich habb kaa Zeit, ich muß haam bei's Gustavche!«

Heinrich Baldrian sah ihn von der Seite an. Was sagte Adolf da?

Einige Minuten schritten sie schweigend nebeneinander.

Dann hub Herr Baldrian an: »Adolf, ich hab' heut Abend die kleine Szene zwischen Herrn Schröder und Ihnen beobachtet, -- hm, wenn Sie vielleicht etwas Geld brauchen?«

Unwillkürlich blieb Adolf stehen. Er war leichenblaß geworden.

»Nun ja,« sagte Herr Baldrian, »ich geb's Ihnen gern. Wirklich. Und kein Mensch wird's erfahrn. Mein Ehrenwort.«

Er hatte noch mehr sagen wollen, aber erschrocken hielt er inne.

Denn Adolf lehnte an einem Laternenpfahl, das Gesicht in den Händen bergend, und haltloses Weinen schüttelte seinen Körper.

»Aber Herr Borges, was ist Ihnen denn? Wenn ich das gewußt hätte... Ich wollt' Ihnen ja nicht weh tun...«

Da raffte sich Adolf wieder auf, richtete seine nassen, blauen Kinderaugen stumm auf den Begleiter. Und es war Herrn Baldrian, als hätte er noch nie in so dankbare, treue Augen geblickt.

Ganz beschämt fühlte er sich, und wie abwehrend meinte er, in grenzenloser Verlegenheit: »Aber Adolf, Sie überschätzen das... Das ist gar kein so großes Opfer für mich!«

Adolf drückte seine Hand und flüsterte: »Ich waaß, Herr Baldrian, ich waaß!... Sage Se nix mehr, sage Se nix mehr... Ich waaß schonn!...«

Und nach einer Weile: »Sin Se froh, Herr Baldrian, daß merr uff der Gass' sin, unn daß die Laderne so hell brenne, -- sonst dhät ich jedz vor Ihne nidderkniee... Herr Baldrian, Se wisse ja net, wie dankbar so e eisamer Mensch sei' kann!«

Oh doch, das wußte Heinrich Baldrian nur zu gut. Und deshalb sprach er im Weitergehen: »Adolf, ich bin vielleicht noch viel einsamer gewesen als Sie! Aber man muß das Leben nicht so wichtig nehmen. Schattenbilder, sonst nichts. Zur Freude am Leben gelangt man erst, wenn einem das Leben gleichgültig geworden ist. Der liebe Gott hat den Menschen aus Erde gemacht, heißt es -- aber an dem Tag muß es beständig geregnet haben, und so ist der Mensch aus lauter Schmutz entstanden. Schmutz, wohin man sieht -- vergoldeter Schmutz, versilberter Schmutz oder unbeschönigter, purer Schmutz. Aber das macht nichts. Das ist sogar ganz lustig, wenn man erst einmal dahinter gekommen ist. Solang man sein Glück von den Menschen erhofft, ist man zur Einsamkeit verdammt. Man muß sich jenseits des Lebens umsehen und seine arme Seele mit den überirdischen Stationen telephonisch verbinden lassen, mit der Religion, oder der Dichtkunst, oder der Musik, oder der Philosophie. Und das schönste ist: wenn man so mitten im besten Telephongespräch ist, dann merkt man auf einmal, daß das Fräulein in der himmlischen Telephonzentrale wieder einmal geschlafen hat, und daß man #mit sich selbst# verbunden ist.«

So redete Herr Heinrich Baldrian wohl eine halbe Stunde lang.

Aber Adolf Borges schüttelte verneinend den Kopf. »Se maane's gut, ich spier's, unn es dhut merr wohl, so wohl -- awwer des is All zu hoch for mich! Ich geheer' scheints zu dem #unbeschönigte# Schmutz. Ich versteh nix von der Philosophie unn all dem Zeug, unn #wann# ich ebbes dervoo verstehn dhät, dhät merrsch aach nix nitze! Des verseehnt merr mei Kättche net, unnn gebbt merr aach mei Gustavche net widder. -- Gu'n Nacht, Herr Baldrian! Schlafe Se wohl! Grieße Se merr des himmlisch Delefon, -- awwer ich bin e armer Schlucker unn kann merr kaan Delefonanschluß leiste!«

Dies war der letzte Abend in Adolfs Leben, an dem die Nächstenliebe seinen Weg kreuzte. Und bald dämmerte der Abend, der sein letztes bißchen Glückshoffnung in Scherben schlug.

Er saß Katharina gegenüber am Abendtisch und würgte schweigend das bescheidene Essen herunter. Das war nicht das beseligende Schweigen, das zwischen zwei Freunden webt, die des groben Werkzeugs der Sprache zur Sicherung gegenseitiger Hingabe nicht bedürfen, ein verbittertes Schweigen war es, hinter dem das Mißtrauen lauerte, ein Schweigen, das die Angst vor bösen Worten diktierte.

Katharina hatte sich nach ihrer neuen Gewohnheit so durchdringend parfümiert, daß der süßliche Geruch sogar den scharfen Duft der marinierten Heringe übertäubte. »Wo nor der Vadder bleibt?« sagte Adolf schließlich. »Die Quellkartoffle wern ganz kalt.«

»Dann soll er se #kalt# fresse!« knurrte Katharina. »Ich habb'm schonn zwaamal gerufe, die Gorjel kann ich merr net aus'm Hals kreische!«

Adolf aß weiter. Aber als nach einer Viertelstunde Bindegerst noch immer nicht erschien, stand er auf. »Ich wer' en hole!«

Er tastete die Treppe hinunter, auf der aus Sparsamkeit kein Licht brannte.

Das Geräusch des Holzsägens drang an sein Ohr.

Er schmunzelte. Was mochte der Alte zu so später Stunde noch für ein Kunstwerk zusammenzimmern? Welche Arbeit nahm ihn so gefangen, daß er sogar das wiederholte Zeichen zum Essen überhört hätte?

Aber plötzlich lief es Adolf eiskalt über den Rücken. Das war kein Holzsägen ... das war ein langgezogenes Röcheln...

Er sprang atemlos die Stiege hinab, riß die Türe zur Werkstatt auf.

Da lag der alte Bindegerst mit geschlossenen Augen neben der Drechslerbank am Boden. Die Hände griffen mit gekrümmten Fingern nach dem Hinterkopf, aus dem das Blut sickerte, und mit dem Schnaps der zerbrochenen Flasche eine schmierige Lache bildete.

»Vadder, was is Derr?«

Adolf kniete neben ihm nieder, versuchte den Ächzenden aufzurichten.

»Vadder«, wimmerte er. »Vadder, so redd doch 'n Ton!«

Aber der Alte gab keine Antwort. Nur sein Röcheln klang noch schärfer, und sein Gesicht verzerrte sich in doppeltem Schmerz.

Adolf stand auf. Instinktiv erkannnte er, was geschehen war. Der Alte hatte, wie so oft, im Schnapsrausch das Gleichgewicht verloren, war gegen die Drechslerbank getaumelt und mit dem Hinterkopf in eines der geschärften, spitzigen Werkzeuge gefallen.

Wieder kniete er nieder.

»Vadder, kennstde mich dann net? Ich bin doch der Adolf!«

Er rüttelte den Bewußtlosen.

Da schlug Bindegerst die Augen auf. Seine Hände tasteten an Adolfs Ärmel. Er richtete den Kopf ein wenig empor, sank aber gleich wieder zurück.

»Willstde Wasser, Vadder? So sag doch ebbes ... ich fercht mich ja so!«

Die Lippen des Sterbenden bewegten sich, aber er brachte kein Wort hervor.

»Willstde merr was sage, Vadder?«

Ein kaum sichtbares Kopfnicken.

Adolf riß ihm die Joppe auf, nestelte mit zitternden Händen den Kragen ab. Das schien dem Verblutenden wohl zu tun.

»Adolf ... Adolf ... ich habb Derrsch versproche ... weilsde merr mit dem Sparkassebuch ...«

»Awwer Vadder, des is doch jedz ganz egal, des dhut doch nix ...«

»Adolf ...!«

»Ja, Vadder?«

Er beugte sein Ohr dicht zu Bindegersts Mund. Aber die Worte ertranken in rasselndem Stöhnen.

Adolf umarmte den zuckenden Leib, küßte die Stirn verzweifelt.

Noch einmal kehrte das Bewußtsein auf kurze Augenblicke zurück.

»Adolf ... Du bist ... zu gut for se ...«

»Nein, Vadder! Nein!« jammerte Adolf. »Sag des net!«

»... Adolf ... des Kättche unn der Hippestiel ... der Friseer ... schon iwwer zwaa Jahr ... Adolf!!«

Er versuchte sich aufzurichten, seine angstvoll geweiteten Augen starrten in unbekannte Ferne. »...ich wollt Derrsch schon immer ... die zwaa ... des Kättche unn der Hippestiel... die zwaa...«

Er ballte die Faust, sein Leib wälzte sich in der Lache, seine Linke griff in die Scherben der Flasche, zerkrallte sie. Aber er fühlte nichts mehr.

Adolf rannte die Treppe hinauf. »Kättche, der Vadder sterbt!«

Ein gellender Schrei antwortete ihm.

Dann war er allein.

Er schloß die Türe zur Treppe. Eisige Ruhe überkam ihn. Noch nie in seinem Leben hatte er die Dinge so klar gesehen.

Was geschah hier? Sein Schwiegervater starb. Gut, alle Menschen müssen sterben. Auch sein Gustavchen hatte sterben müssen. Und war doch so jung gewesen.

Aber weshalb hatte Katharina so geschrieen? Das war der Schrei tiefsten Schmerzes gewesen. Also liebte sie doch einen Menschen, ihren Vater. -- Ihren Sohn, ihren Gatten hatte sie nie geliebt. Merkwürdig.

Aber mit dem Vater hatte sie ja unter einer Decke gesteckt. Die Beiden hatten ja gemeinsames Spiel gespielt, sie hatte ihn betrogen, und der Alte wußte es -- seit zwei Jahren -- --

Plötzlich griff er mit den Händen an den Hinterkopf, so wie es vorhin Bindegerst getan hatte.

»Ich will nix wisse!« stöhnte er. »Ich will nix wisse!«

Er ging wieder hinunter in die Werkstatt.

Da lag der alte Bindegerst ganz still. Und Käthchen saß auf dem Schemel, auf dem er einst dem Alten beim Schnitzen der Wiege und dann beim Zimmern des Grabkreuzes zugeschaut hatte, und weinte, wie er sie noch nie hatte weinen sehen.

Es trieb ihn unwillkürlich, sie zu trösten, er hob die Hand, sie zu streicheln, aber er zog die Hand wieder zurück, als habe er sie glühendem Eisen genähert. Und ging hinaus.

Und wieder kam der Zug zum Friedhof, der Pfarrer redete, die Nachbarn drückten ihm beileidsbezeigend die Hand, und Herr Hippenstiel trug wieder seinen tadellos gebügelten Zylinder und die erstklassigen schwarzen Glacéhandschuhe.

Adolf beobachtete ihn genau. Er lauerte, ob der Friseur und Käthchen einen Blick wechseln würden.

Aber Katharina hielt während der ganzen Dauer des Begräbnisses das Taschentuch vors Gesicht und schluchzte ununterbrochen.

Und Adolf dachte: »Vielleicht haww ich'n in der Uffregung falsch verstanne. Vielleicht hat er aach in der Besoffeheit net gewißt, was er redt. Odder vielleicht hat'r ganz was annerscht sage wolle, unn die Wörter sin em im Sterwe dorchenanner komme? Könnte ich'n nur aus der Erd' kratze unn en noch emal frage!«

Er nahm sich vor, Hippenstiels Laden zu besuchen. Er wollte sich rasieren lassen und dabei genau auf das Benehmen Hippenstiels und des Gehilfen achten: irgendwie würden sie sich schon verraten, durch ein Lächeln, ein Zucken der Mundwinkel, eine unwillkürliche Geste. Oh, ihm würde nichts entgehen.

Aber er führte den Plan nicht aus. Ihm fehlte die Tatkraft. Er besaß nicht den Mut, dem Unglück entschlossen entgegenzutreten. Er wußte nicht, daß das Unglück eines jener Raubtiere ist, die keinen Angriff wagen, wenn man ihnen furchtlos ins Auge sieht.

Statt sich durch rasches Zugreifen Gewißheit zu verschaffen, fing er an zu grübeln, zu kombinieren, wie es seine Art war.

Er rief sich jene Szene draußen auf der Waldbank ins Gedächtnis zurück, als Bindegerst ihn so unvermutet wegen des Sparkassenbuchs um Verzeihung gebeten hatte: »Vielleicht kimmt doch emal e Gelegenheit, wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«

Was hatte der Vater damit gemeint? Hatte er Adolf damals schon die Augen öffnen wollen? War das eine Andeutung gewesen, die er nicht verstanden hatte?

Er hatte ja auch im Sterben vom Sparkassenbuch zu lallen begonnen. Sollte die Enthüllung der versprochene Dank sein?

Und wie ihm Bindegerst in der letzten Zeit ausgewichen war! Und sein Vorwurf »des war net gut, daß De da enuffgezoge bist!« Hatte der Alte deutlicher sein können? Und das Alles hatte er überhört.

»Ich bin blind«, sagte sich Adolf. »Wie die Kinner, wann se Blindekuh spiele, laaf ich mit verbunnene Aage erum, unn dapp nach rechts, unn dapp nach links, unn erwisch nix, sonnern reiß merr nor an de Bäum unn Hecke die Händ blutig! Ich bin dümmer wie die Bolizei erlaabt, unn grad uff #dem# Gebiet erlaabt doch die Bolizei mehr wie uff jeddem annern. Ich bin e Kamel, so groß, daß es in der ganze Wüst' kaan Blatz hätt'. Wie der Verstand ausgedeilt worn is, muß ich geschlafe hawwe. Awwer ich glaab als, der Verstand is iwwerhaapts net #ausgedeilt# worn, sonnern der liewe Gott hat'n unner die Mensche geschmisse, wie die reiche Leut als Klaageld unner die Buwe schmeiße, unn die Frechste hawwe am meiste erwischt.«

Konnte sich der alte Mann nicht überhaupt getäuscht haben? Wenn seine Anklage sich nur auf leeren Verdacht gründete? Einen Beweis hatte er ja nicht gegeben.

Aber war Katharinas verändertes Wesen nicht Beweis genug? Für wen zierte und schmückte sie sich? Und parfümierte sich, daß es kaum auszuhalten war? Und behandelte ihn mit offenkundiger Verachtung? Mit der Verachtung, die dem Manne, der sich betrügen läßt, nur allzu reichlich gebührt?

Adolf wußte nicht, was er glauben sollte. Denn er #wollte# nicht glauben. Ihm war zumute wie einem schuldigen Verbrecher vor der Urteilsverkündung. Er bebte: gibt es kein Mittel, gar kein Mittel, die Entscheidung hinauszuzögern?

Nun wich er Katharina aus, wie ehemals Bindegerst ihm. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, nicht mit ihr sprechen. Gleichgültiges brachte er nicht über die Lippen, und den Verdacht, der ihm die Seele beschwerte, wollte er nicht preisgeben.