Der Widerspenstigen Zähmung

Chapter 7

Chapter 73,611 wordsPublic domain

Adolf ertrug alle diese Niederträchtigkeiten widerspruchslos. Nur manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und starrte vor sich hin, aber keine Klage kam über seine Lippen.

Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch unerschütterliche Geduld zu zähmen. Nicht aus Trotz war er in das Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht gelangt war, daß sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte.

»Wann se mich weniger guckt,« sagte er sich, »wern sich ihr Nerve beruhige! Es leiht ja bloß an de Nerve, -- 's Herz is net schlecht. #Sie# kann ja doch schließlich nix dafor, daß ich zu arm bin, um se in e Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache. Unn älder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best Massag' for nerwöse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthäärche werd der Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Häärche wern die Weiwer vernimftig. Wann merr älder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller unn verdräglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide Seite Ruhebänkcher uffgestellt wär'n: »Da, ruh Dich e bissi ab unn geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf!«

Tückischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre Rache zu kühlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater fern. Sie tat so, als habe er überhaupt keinen Anspruch auf das Kind, sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind während seiner Abwesenheit getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht.

Selbst die Ankunft des ersten Zähnchens, die doch in allen Familien als festliches Ereignis betrachtet wird, überging sie mit Stillschweigen.

Hatte Adolf den Jungen auf dem Schoß, sich an ihm zu erfreuen, so fand sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen.

Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe für seinen Papa. Sobald er das Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die Ärmchen nach ihm aus, wollte getätschelt sein. Ja, der kleine Wurm wußte ganz genau die Zeit, wann Adolf mittags und abends aus dem Geschäft kam, und fing schon eine Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu verlangen.

Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbösen Blick zu.

Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer. Den größten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstübchen, und es war, als sei er wieder wie ehemals der »möblierte Herr« und nicht der Gatte, der Ernährer der Familie.

Nun saß er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab die Menschlein wie kleine Käfer in den Straßen krabbeln, aber er ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Märchenhofstaates. Manchmal überwältigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: »Ich wollt, ich hätt e groß Insektepulverspritz, so groß wie e Kanon, damit ich euch Käwwer da drunne beweise könnt, was ich for e Menschefreund bin!«

Das Schneeball-Orakel hatte richtig prophezeit: Gustav wuchs heran zu einem blonden Büblein, seine blauen Augen wurden denen des Vaters immer ähnlicher. Er lernte laufen und drollig plappern. Einer der ersten Sätze seines Sprachschatzes war die selbstgebildete Beschwerde: »Mama bees!«

Nur allzu deutlich zeigte es sich, daß das Kind seine Mutter fürchtete; es beobachtete beim Spielen jede Bewegung Katharinas, als erwarte es jeden Augenblick Schelte oder Schläge.

Für Adolf Borges wurde das Kind eine Art Fetisch. Er trieb eine abgöttische Verehrung mit ihm, einen Gottesdienst, dessen Zeremoniell in der Hauptsache darin bestand, auf allen Vieren vor ihm herumzurutschen und dabei zu krähen, zu bellen, zu miauen.

»Mach nor Dei Hose kabutt!« geiferte Katharina. »Mach se nor hie! Merr könne's uns ja leiste! Merr hawwe's ja!«

Bei seinen Geschäftsgängen machte Adolf, wenn es irgend möglich war, einen kleinen Umweg, um schnell einen Augenblick in die Wohnung hinaufspringen und sein Kind sehen zu können. Das trug ihm dann zwei Rüffel ein, einen von Katharina und einen von Herrn Feldmann, -- aber was lag daran?

Er gewöhnte sich allerlei Fertigkeiten an, dem Kleinen damit eine Freude zu bereiten: er lernte aus Zeitungspapier Schiffe und Helme bauen, aus Lappen, die er sich im Geschäft von den Flickmamsells schenken ließ, mit der Schere Tiere und Menschen schnitzeln, aus Holzstückchen Bausteine zimmern.

Mit gespannten Augen und glühenden Bäckchen sah Gustav ihm zu, neugierig, was es werde, und lispelte, mit der Zunge leise anstoßend: »Was machß'n Du da?«

Und dieses »Was machß'n Du da??« beseligte Adolf stets von neuem. Dieses freudige, dankbare, wißbegierige »Was machß'n Du da??« lag ihm Tag und Nacht wie eine süße Melodie in den Ohren, ward ihm zum geflügelten Wort.

»Was machß'n Du da??« lispelte er Bindegerst zu, wenn dieser seine Schnapsflasche an den Mund setzte. Und dann lachten sie Beide Tränen.

»Was machß'n Du da??« sagte er, wenn der Gasmann kam und den Gasometer ablas.

Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: »Was machß'n Du da, ahl Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dhät'n des hieführn, wann #mir Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?!«

In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergänge in den Stadtwald oder in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie keinen Gefallen mehr an diesen Ausflügen gefunden. In der Regel saß sie Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, während Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte.

Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag stillsitzen mochte, machte eine Änderung des Sonntagprogramms notwendig. Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei einer günstigen Gelegenheit erklärte: »Adolf, mach's Gustavche fertich! Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe!«

Katharina stutzte. Dann sagte sie: »Schert Euch zum Deiwel!«

Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als aussichtslos aufgegeben und begnügte sich damit, Vater und Kind mit erprobter Technik #einzeln# zu quälen.

Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von schwieligen Männerhänden geführt, durch die Stadt und ins Freie. Sein Vater erklärte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den Kinderaugen bieten, die Denkmäler, Kirchtürme, Bäume, Blumen, Wiesen, Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straßenbahn, die Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vögelchen.

Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schätze offenbarte allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen Fläschchen, Kämme, Bürsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich schneidigen Männerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den süßen Grisettenköpfchen, und -- o Wunder! -- da hingen auch Zöpfe, an denen gar kein Mensch wuchs!

Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergängen zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu erklären, dann erzählte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst für eine Märchenwelt zu bunt.

Wurde Gustav müde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank.

Während einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal plötzlich, indem er Adolfs Hand ergriff: »Adolf, -- mich drickt ebbes! Des war damals net schee von merr mit dene vierdausend Mark ... Ich hätt's net dhun gesollt .... awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne ...«

Ergriffen, gerührt von dieser Selbstanklage schüttelte der überraschte Adolf wehmütig den Kopf und lächelte versöhnlich: »Laß gut sei', Großvadder! 's is net mehr zu ännern!«

»Awwer leid dhut merrsch! No, vielleicht kimmt doch emal e Gelegeheit, wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!«

»Redde merr net driwwer, Großvadder! Ich war Derr nie bees deswege! Werklich net!« schnitt Adolf das Gespräch ab.

Aber es war ihm so vorgekommen, als verschwiege ihm sein Schwiegervater irgend etwas, als sei die Selbstanklage eigentlich die Einleitung zu einer Selbstentschuldigung wegen irgend eines ganz anderen, ihm noch unbekannten Unrechts gewesen.

Und er war auf dem Heimweg sehr nachdenklich und köpfte zerstreut Blumen und Pilze, so daß ihn Gustav wiederholt fragen mußte: »Babba, -- was machß'n Du da??«

* * * * *

Die nächsten Jahre in Adolfs Leben leierten sich ab wie ein Drehorgellied.

Die Jahreszeiten führten die ewigen Kämpfe miteinander auf, alljährlich feierte der Frühling seine Auferstehung, um von neuem gekreuzigt zu werden.

Die alte Tante Klio, die ja auch mit der Zeit moderner geworden ist, tippte gleichmütig auf ihrer Schreibmaschine Weltgeschichte. Und wie alle Schreibmaschinendamen tippte auch sie gelegentlich daneben, und daraus entstand mancherlei Unangenehmes für die Menschheit. So hatte sie bei der Eintragung von Adolfs Eheschließung den Namen Katharina mit lauter großen Buchstaben, den Namen Adolf aber mit kleinem Anfangsbuchstaben getippt, und daher stammte das ganze Unglück der Borgesschen Ehe.

Gustav war sechs Jahre alt, in einigen Wochen sollte er in die Volksschule kommen.

»Gott sei Dank, daß es endlich e Ruh gibbt im Haus!« sagte Katharina. »Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub!«

Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im Hause Feldmann & Schröder und verlangte nach seinem Schwiegersohn. »Adolf, komm gleich, der Bub is krank!«

Adolf Borges ließ das Paket, an dem er herumschnürte, fallen und rannte zu Herrn Schröder.

»Ich muß haam, Herr Schröder ... mei Bub, der Gustav ... er is krank, Herr Schröder.«

Und dabei liefen ihm schon die Tränen über die Wangen.

»No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf!« tröstete der dicke Chef. »Gehe Se nor! -- Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se großgezoge, unn mit Schmerze nemmt merr später de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net so deuer!«

Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstückweise Bericht. Das Kind hatte schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken wollen. »Ich habb Derrsch net gesacht, daß De Dich net uffregst!« Und dann hatte es gehustet, über Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber und ächzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte beständig in seiner Bewußtlosigkeit: »Babba, was machß'n Du da??«

»Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit!« pustete der alte Bindegerst.

Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbärtchen und einem goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fühlte den Puls. Er öffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rücken.

Katharina saß am Fußende des Bettes und harrte des Ergebnisses der Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Maßnahmen des Arztes.

Adolf hingegen konnte seine Aufregung nicht zügeln, er trat von einem Bein aufs andere, seine Augen hingen mit unendlich rührendem, verzweifeltem Hilfeflehen am Munde des Arztes, die Untersuchung schien eine Ewigkeit zu dauern.

Der Doktor deckte den Kranken wieder zu.

»Es ist ernst,« sagte er. »Zumal das Kind unterernährt ist. Wie alt ist der Junge?«

Adolf konnte nicht antworten. Er mußte sich an einen Stuhl klammern, um Haltung zu bewahren.

»Sechs Jahr', Herr Dokter!« sagte Katharina mit sicherer Härte.

»War er schon öfters krank?«

»Nein, Herr Dokter.«

»Das Herz ist schwach.«

Der Blick des Arztes fiel zufällig in den Spiegel über dem Sofa, er drehte selbstgefällig die Spitzen seines Schnurrbärtchens, rückte den Kneifer zurecht. Ein lautes Schluchzen veranlaßte ihn, den Kopf zu wenden. »Na, Herr Borges, man braucht die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Kinder sind manchmal überraschend widerstandsfähig. Allerdings --«

Er trat wieder zum Bett, warf noch einen kurzen Blick auf das Kind.

»Sie scheinen sehr an dem Jungen zu hängen, Herr Borges?«

Adolf nickte.

»Es ist wohl Ihr Einziger?«

Adolf sank an dem Bett auf die Knie, ergriff das herabhängende, fiebernde Händchen und bedeckte es mit Küssen.

»Tja,« sagte der Arzt, »tja ...!«

Er wartete einen Augenblick, sah ungeduldig auf die Taschenuhr. »Ich würde Ihnen empfehlen, den Kleinen ins Spital bringen zu lassen. Er hat dort doch eine bessere Pflege. Es ist auch nicht sonderlich gut geheizt bei Ihnen. -- Ich werde nachher an die Sanitätskolonne telephonieren. Einstweilen können Sie ihm ja diese Tropfen geben.«

Er schrieb ein Rezept und gab es Adolf, der es hastig zusammenknitterte, aufsprang und in die Apotheke lief.

Dreiviertel Stunden mußte er warten, bis das Rezept ausgeführt war.

Er saß auf einer Bank an der Wand und sah die Käufer kommen und gehen; Leute, die harmlose Dinge kauften wie Hustenbonbons, Watte, Lysoform; vergrämte Mütterchen, die gleich ihm auf Arzneien warten mußten; kokette Dienstmädchen, die mit dem Provisor poussierten; und alle Menschen kamen ihm so beneidenswert, so glücklich vor.

Als er wieder zu Hause eintraf, war das Gustavchen schon abgeholt.

Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt ihn gebieterisch zurück.

»Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, -- ich habb mich erkunnigt.«

Und der alte Bindegerst sagte: »Des war e netter Mensch, der Dokter. So mitfiehlend.«

Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, daß in dem »Geschlechtsleben des Menschen« irgend ein Aufschluß über Gustavs Krankheit zu finden war, aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stünde doch irgend ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben könne. Vielleicht konnte er den Ärzten doch irgend etwas sagen, an das sie gerade nicht dachten.

Drei Tage später war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn dahingerafft.

Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fällen anfangs nur das Gefühl eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspüren, bis dann beim Verbinden, beim Heilungsprozeß die unerträglichen Qualen einsetzen, so empfand Adolf zunächst nur eine dumpfe Betäubung. Das Unglück war zu groß, um in seiner ganzen Schwere erfaßt werden zu können. Er hörte die Worte der Krankenschwester: »Ihr Sohn ist leider gestern Abend sanft entschlummert«, aber er konnte sich nichts dabei denken.

Bis plötzlich der Gedanke: »Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen!« die Wunde mit glühendem Eisen ausbrannte.

Er fand nicht die Kraft, alle jene Gänge und Meldungen zu erledigen, die in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte alle diese Dinge mit der Selbstverständlichkeit und nüchternen Klarheit, die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein, bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nähte an Adolfs Kleiderärmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschäft, ihr Mann könne die nächsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid für die Beerdigung.

Nichts vergaß sie; man hätte meinen können, sie hätte seit Jahren Bestattungen arrangiert.

Dann kam der Tag der Beisetzung.

Die Firma Feldmann & Schröder hatte einen Kranz geschickt, von den Angestellten waren nur Herr Heinrich Baldrian und eine der Putzfrauen erschienen, denn der Herbstausverkauf war in vollem Gang. Einige Nachbarn hatten sich eingefunden, darunter der blondlockige Herr Hippenstiel in einem frischgebügelten, seidengefütterten Überzieher, tadellos gebürstetem Zylinder und erstklassigen schwarzen Glacéhandschuhen.

Adolf sah nichts, er weinte ununterbrochen, sodaß ihm Katharina während der Ansprache des Pfarrers einen Stoß mit dem Ellbogen gab: »Was solle dann die Leut denke!«

Zuletzt schritten die Menschen an ihm vorbei, drückten ihm die Hand, murmelten irgend etwas, was er nicht verstand und nicht verstehen wollte, und dann war er plötzlich wieder zu Hause, im Dachzimmerchen, und nach einer Weile hörte er Katharina schreien: »Komm erunner, der Kaffee is aagericht!«

Sie hatte für ihn kein Wort des Trostes. Sie hatte ihm bei Lebzeiten des Kindes nie erzählt, was der Junge getrieben hatte, sie sprach auch nach Gustavs Tode nie mit dem Vater von ihm. Und als Adolf anregte, eine Photographie Gustavchens vergrößern und einrahmen zu lassen, sagte sie nur: »Des kann merr ja!«

Sie sprach kein Wort, als Adolf das Kinderbettchen aus dem Schlafzimmer hinauftrug in seine Dachbehausung und es neben seinem Bett aufstellte. Sie ließ ihn ruhig den Matrosenanzug, den Gustav Sonntags getragen hatte, hinaufnehmen und in dem Schrank mit dem kaputenen Schlüssel verwahren.

Und als dann das vergrößerte Bild vom Photographen kam, hatte sie nichts dagegen einzuwenden, daß Adolf es oben in seinem Zimmerchen aufhängte. Aber die Rechnung fand sie zu teuer.

Bindegerst, dem der Verlust Gustavchens sehr nahe ging, ersäufte seinen Kummer in Schnaps. Er war mitunter sinnlos betrunken und gröhlte dann allerhand unanständige Lieder, von denen man nicht recht wußte, wo er sie eigentlich her hatte. In seinen nüchternen Stunden arbeitete er an einem Grabkreuz für sein Enkelkind.

Und wie ehemals der Entstehung des Kinderbettes sah Adolf nun dem Werden des Totenzeichens zu. Aber sie scherzten nicht mehr bei der Arbeit, er machte keine Verschönerungsvorschläge, er redete auch den alten Bindegerst nicht mehr mit »Großvadder« an, sondern degradierte ihn zum »Vadder«.

Und acht Tage nach der Einschaufelung Gustavchens gingen die beiden hinaus auf den Kirchhof und richteten das Holzkreuz auf.

Adolf war seltsam ruhig während dieser traurigen Verrichtung, diesmal war es der alte Bindegerst, der seine Tränen nicht meistern konnte. Er jammerte ein über das andere Mal: »Wie merr der Bub fehlt... wie merr der Bub fehlt!«

Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich während der letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der fröstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt.

Man hat auf Gemälden oft die Pest als einen Dämon dargestellt, vor dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdämon ist auch der Herbst. In seinen gelben Mantel gehüllt, schreitet er über die Erde, und unter seinem Geschwür-zerfressenen Fuß sterben die Blumen und Gräser. Er haucht die Bäume an, und die Zweige verdorren, die Blätter werden vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur.

Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel.

Vor langer Zeit, als ihn noch fröhliche Träume umgaukelten, hatte er inmitten blühenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an dieses Mißgeschick mit resigniertem Humor lächelnde Betrachtungen geknüpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige Gedankenverbindung, ein. Ach, wie hätte es jetzt seinen Gram gekühlt, den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu können und den Seelenschmerz durch körperlichen Schmerz zu betäuben!

Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bäume vor, die ihre leeren Äste gleich Querbalken streckten, und er dachte: »Merr sollt sich uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dhät ein schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se ein finne! Unn e Eichhörnche käm' gehippt unn dhät mich aaglotze unn dhät denke: >So'n große Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan geguckt!< Unn e Vögelche käm', unn dhät sich uff mei Schulter hocke, unn ließ' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht hätte, dann hätt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des praktisch Kättche dhät sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe<!«

Seine Gedanken verwirrten sich, und plötzlich tauchte aus der Wirrnis eine andere Episode seines Lebens auf, und er sah sich im Odenwald stehen, auf dem Gipfel des Melibokus, wie er dem Käthchen die Welt zeigte: »Guck, lieb Kättche, die Nadur, die is e groß Sparkass, viel größer als wie die Offebächer Städtisch Sparkass, unn wann merr emal in Seelennot komme, dann hewe merr aafach in dere Sparkass en Poste Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End'!«

Und nun war die Seelennot da, aber die Natur spendete keinen Trost, das Guthaben war erschöpft, und er fühlte, nie wieder würde ihm diese Sparkasse Erquickung auszahlen.

Ja, Bindegerst hatte recht: das Leben ist eine Gemeinheit. Eine so unbarmherzige Gemeinheit, daß die guten Kerle, wie Adolf Borges, niemals mit ihm zurecht kommen können.

»Wann des so weider geht,« sagte Herr Feldmann, »dann misse merr'n halt entlasse. Der packt uns ja die ganz Waar dorchenanner, babbt die verkehrte Adresse uff die verkehrte Paketcher, -- es geht net mehr!«

Der dicke Herr Schröder ließ seinen Teilhaber ausschimpfen, dann bemerkte er: »Entlasse? 'N Mann, wo so lang im Geschäft is?«

»Wann'r awwer doch Alles verkehrt mecht?«

»Wo so lang im Geschäft is?«

»Wann awwer doch alles Ermahne unn Zuredde nix hilft?«

»Wo so lang im Geschäft is?«

»Solle merr'n vielleicht for's Nixdhun unn Verkehrtmache füttern?« schrie nun Herr Feldmann wütend.

»Ja, des solle merr!« sprach der dicke Schröder mit Überzeugung. »Weil e Mensch kaa gespalte Fedder is, die merr wegwerft, wann merr se kabutt geschriwwe hat. Ich gebb's zu, der Adolf is net mehr, was er war. Seit sei Bub dod is, scheint 'm Alles worscht zu sei', unn ich habb mich schonn grie unn blau geärjert iwwer die ewig Leichebittermien'. Dann ich will #vergniegte# Mensche um mich gucke, mei Lewe is merr selwer mies genuch! -- Awwer entlasse? Naa, Hermann, des mache merr net. Wer emal bald dreißig Jahr im Geschäft is, der is bei merr pensionsberechtigt. Net bei 'ner Pensionsanstalt mit hunnert Paragraphe unn sechshunnert Klausle, sonnern bei der Pensionsanstalt da drin!«

Und damit schlug er sich auf den dicken Bauch, ungefähr in die Gegend, wo sein Herz saß, das zwar ein Fettherz war, aber ein sehr gutes Fettherz.

»Mach, was De willst!« brummte Herr Feldmann.

»Des is e ahl Gewohnheit von merr, daß ich mach, was ich will. Unn se is merr bis jedz gut bekomme. Also merr wern de Adolf #net# entlasse. Awwer en zweite Auslaafer wern merr dazu angaschiern, en junge, der em so nach unn nach die Arweit aus de Finger nemmt. Des werd's Geschäft aach noch trage könne, ohne daß es pleite werd!«

So tauchte ein zweiter Ausläufer in der Firma Feldmann & Schröder auf, und Adolf, der sich zu Hause so überflüssig vorkam, kam sich bald auch im Geschäft überflüssig vor.