Chapter 4
Ein einziges Mal regte sich etwas, aber das war nicht im Schlafzimmer, sondern ein Stockwerk tiefer: Vater Bindegerst hatte im Schwips seine Schnapsflasche fallen lassen und war gegen die Drechslerbank getaumelt.
Am nächsten Vormittag traf Katharina ein.
Sie tat, als sei gar nichts vorgefallen, stellte das Handköfferchen auf den Vorplatzschrank, legte Hut und Mantel ab, schlüpfte in einen alten Rock und begann in der Küche zu wirtschaften.
Adolf war schon frühzeitig aufgestanden, er saß zerknirscht im Wohnzimmer, nachdenkend darüber, mit welchem Kitt er seine in die Brüche gegangene Ehe wieder zusammenheften könne.
»Ach Gott«, sagte er sich bekümmert, »was hilft des jedz alls? Unn wann ich se mit der zähste Zärtlichkeit zusammebabb, so hat #doch# en Sprung unn bleibt invalid! Ich habb merr die Eh' vorgestellt wie en wunnerscheene Borzellandeller, von dem ich mit meim Kättche nix wie lauder Sießigkeite fresse wollt', -- unnn jedz is der Deller kapores, unn e Eck is abgestumbt, unn merr derf'n vor fremde Leut gar net mehr gucke lasse! Unn die Sießigkeite, -- ach, ich glaab als, 's werd nix wie Handkäs, unn Handkäs eß ich gar net gern...«
Plötzlich war es ihm, als höre er in der Küche Jemanden hantieren. Ein freudiger Schreck elektrisierte ihn, er sprang auf und eilte hinaus.
Da stand Katharina am Herd und rührte einen brodelnden Kochtopf.
»Kättche!« frohlockte er, glückselig, sie wieder zu sehen, »mei lieb Kättche, wannstde wißt, was ich for Angst um Dich gehabbt habb! Bistde dann gut gefahrn? Willstde Dich net e bissi umlege? Du werst mied sei'!«
Aber Katharina würdigte ihren Gatten keiner Antwort. Mit einem verächtlichen Seitenblick auf ihn rührte sie weiter den Kochtopf.
»Willstde merr net wenigstens Gu'n Morsche sage?« bat Adolf.
»Gu'n Morsche, Hansworscht!« sagte Katharina. Aber nicht scherzhaft, sondern bissig und gehässig, in einem Tonfall, der keine Fortsetzung des Gesprächs zuließ.
Da schlich Adolf geknickt wieder ins Wohnzimmer.
»Was habb ich'r nor gedhaa?« jammerte er vor sich hin. »Ich habb'r doch kaa aanzig bees Wörtche gewwe! -- No ja, ich bin kaa Kavalier, ich kann kaa so scheene Sprüch mache wie die nowle Leut, ich kann kaa Affedänz uffiehrn unn erumhippe wie die Judde ums goldene Kalb, -- awwer des hat se doch #vorher# gewißt!
Unn daß ich se lieb habb, des #muß# se doch spiern! Ich habb's doch #aach# gespiert, wie se merr uff de Kopp gehaage hat!
Unn die Lieb is doch, waaß Gott, e dausendmal stärker Instrument als wie e Faust! Unn ich maan als, so e werklich Lieb als wie die meinigt, die #muß# se doch merke!
Wann merr in so e Menscheherz ereiruft: »Ich lieb Dich!«, dann kann doch des Echo net zurickrufe: »Steih merr de Buckel enuff!« Des wär doch gege die ganz Nadurgeschicht!
Awwer vielleicht habb ich se #doch# beleidigt, unn waaß es gar net? Vielleicht is merr doch erjend so e Wörtche erausgerutscht, was ich besser erunnergeschluckt hätt, unn was err weh gedhaa hat? Der Mensch babbelt ja soviel dumm Zeug, unn aach der Keenig Salomo hat gewiß in seim Lewe 'n ganze Haufe Stuß geredt, -- es steht bloß net in der Biwel drin. Awwer was kann ich'r bloß Verkehrtes gesacht hawwe?«
Er sann und sann und kam zu keinem Ergebnis. Er trat vor den Spiegel und betrachtete wehmütig seine Kratzwunde an der Stirn und das verschwollene Auge und flüsterte: »Schee guck ich aus! Wunnerschee! Wann des so weitergeht, laß ich mich bei meiner silwerne Hochzeit in Spiritus setze!«
Und da Katharina nicht zu ihm hereinkam, tappte er die Treppe hinunter in die Werkstatt seines Schwiegervaters und meldete: »Gu'n Morsche, Vadder! Unn se wär' widder da!«
»E Erdbewe wär merr liewer!« sagte Bindegerst.
Aber Adolf wunderte sich schon nicht mehr über diese liebenswürdige väterliche Äußerung. Er hockte sich auf einen Schemel, stützte den Kopf in die Hände und frug erschöpft: »Is se immer so?«
»Immer!« bestätigte der Alte. »Immer! Nor manchmal net! Manchmal is se noch schlimmer. Bis jedz hastde se nor Schottisch danze sehe, awwer baß emal uff, wann se erscht Galopp danzt! Da kannstde Dei blau Wunner erlewe! Des Rezept zu dem Danz hat se von ihrer selig Mudder geerbt, grad wie des Rezept zum Quetschekuche! Ich sag Derrsch, Adolf, des Lewe is e Gemeinheit! E groß Gemeinheit! Zeit wärsch, daß e neue Sintflut komme dhät, awwer #ohne# Arche Noah! Vier Woche sollt's nix als wie Schnaps regne, daß merr all drin versaufe, -- des wär wenigstens e scheener Dod!«
Es entstand eine Pause, die Bindegerst dazu benutzte, seiner stillen Geliebten zuzusprechen. Er genierte sich jetzt gar nicht mehr vor seinem Schwiegersohn.
»Warum hastde merr dann des net frieher gesacht?« stöhnte Adolf.
Bindegerst lachte dröhnend. »Warum ich Derr des net frieher gesacht habb? -- Guck Derr emal den ahle Schrank in der Eck aa! Des Schloß is kabutt, unn in der Rickwand is e Mordsriß, ich habb'n bloß e bissi zugebabbt. Wann jedz e Kundschaft käm unn wollt den Bawel kaafe, maanstde, ich wer' sage: »Lasse Se die Finger dervoo! Der Schrank is de Transbort net wert!« Maanstde, ich bin so meschugge? Naa, mei Liewer! Aapreise wer' ich'm de Schrank unn hunnert Jahr Garandie geww ich'm, dem Olwel! Unn so mach ich's mit #alle# Möwel, -- aach mit de lewennige! Braach ich mit #fremde# Aage zu gucke? Ich guck mit meine eigne nix!«
Da fühlte Adolf Borges, daß er auch von seinem Schwiegervater verlassen war.
Das Herz krampfte sich ihm zusammen und er hatte ein bitteres Wort auf der Zunge.
Aber noch ehe er es aussprechen konnte, kreischte eine Stimme von oben: »Macht, daß'r enuffkimmt! Der Kaffee is fertich!«
Es war Katharina, deren Ahnungsvermögen ihr gesagt hatte, daß sie es nicht zu einem Bündnis der beiden Männer kommen lassen dürfe, und daß es unklug sei, sie zu lange allein beisammen zu lassen.
Ein schweigsames Frühstück war es. Keines wollte ein Wort sprechen. Nur der alte Bindegerst bemerkte einmal zwischen zwei Schlucken Kaffee: »Im Odewald soll's frieher Hexe gewwe hawwe!«
Da warf ihm Katharina einen bitterbösen Blick zu. Erst kaute sie den Bissen fertig, den sie im Mund hatte, dann erwiderte sie: »Unn in Offebach, da gibbts sogar heut noch Rindviecher!«
Jede dieser Bosheiten Katharinas, auch wenn sie nicht gegen ihn selbst gerichtet war, verwundete Adolf wie ein Schlangenbiß. Er konnte es begreifen, daß ein Mensch in plötzlicher Erregung sich vergaß, schrie und tobte, wie das zuweilen der dicke Herr Schröder tat, wenn er seinen nervösen Tag hatte, aber unfaßbar war ihm diese sich ewig gleichbleibende, kaltblütige Bosheit.
Wie konnte ein Mensch so bis zum Rande vollgeladen sein mit Tücke und Streitsucht? Und gar ein weibliches Wesen?
Die wenigen Frauen, die er, der Frauenfremde, bisher hatte beobachten können, waren alle ganz anders gewesen.
Da waren die Geschäftsfräuleins, kleine Kücken, die sorglos-heiter herumpiepsten und in dem großen Hof des Lebens nach Liebschaften pickten; da waren die Gattinnen seiner Chefs, solide gutgenudelte Hennen, die würdevoll gackerten und herablassend mit dem Kopf zu nicken verstanden; da waren die Damen der Kundschaft, Federvieh von allen Sorten, jeden Alters und jeder Rasse, -- aber so ein giftgeschwollener Truthahn wie Katharina war ihm noch nie unter die Augen gekommen.
Als das Frühstück abgeräumt war und er wieder allein im Zimmer saß, grübelte er von neuem über sein Schicksal nach. Und mit der kindlichen Gutmütigkeit, die ihn für jede menschliche Schlechtigkeit eine Entschuldigung suchen ließ, redete er sich ein: »Vielleicht kann se gar nix dafor, daß se so is? Ihr Mudder soll ja e bees Reibeise' gewese sei', unn iwwer ihrn Vadder geht merr aach allmählich e Petroliumlamp uff! Wie hätt des arm Mädche da annerschter wern könne? In eme Eisschrank kann kaa Veilche gedeihe. Wer waaß, wie se mei Kättche mit Schmiß unn Schenne uffgezoge hawwe! Unn jetz hält se die ganz Welt for e Generalversammlung von Verbrecher und Bösewichter. Ich muß recht lieb zu err sei unn recht gut, dann werd se sich gewiß ännern. Geduld muß ich hawwe, daß se Vertraue zu merr krieht! Unn wann se erscht merkt, ich maan's werklich gut mit err, ich will se net ausnitze, dann werd zuerscht e Wandlung mit ihrm #Herzche# vor sich gehe, unn dann, so Gott will, aach e Wandlung mit ihr'm #Schnawwel#!«
Und er begann sogleich, einen Versuch auf diesem Wege zu machen; leise schlich er in die Küche hinaus, trippelte auf den Zehenspitzen von hinten an Katharina heran und drückte blitzschnell einen Kuß auf ihren Nacken.
Ein heftiger Ellbogenstoß in die Magengegend war die Antwort. »Du bist wohl net bei Trost? Was soll dann des haaße? Scher dich zum Deiwel, Faulenzer!«
Dieses Wort verletzte Adolf Borges tief. Faulenzer hatte ihn noch niemand genannt. Daß ihn Herr Feldmann und der eklige Kassierer mit allerhand Kosenamen aus Brehms Tierleben belegten, war er gewohnt, aber Faulheit, -- nein, dieses Laster hatte ihm noch niemand vorgeworfen.
Hatte er nicht sein Leben lang geschafft wie ein Packesel? Und jetzt sagte seine eigene Frau ...
»Ja, glotz mich nor aa!« schrie Katharina. »Du hast mich wohl noch net richtich beguckt? Soll ich Derr e Fodografie schenke? -- Jawohl, e Fauldier bistde! Was gehstde net in Dei Geschäft?«
»Awwer Kättche«, verteidigte sich Adolf, »awwer Kättche, ich habb doch noch fimf Däg Urlaub! Was solle se dann von merr denke, wann ich mitte in meiner Hochzeitsreis zurickkomm!«
»Die wern schonn sowieso wisse, was se von Derr zu denke hawwe! Bildste Derr vielleicht ei', ich will Dich die fimf Däg hier erumlungern hawwe? Zum Nixdhun haww ich Dich net geheierat!«
Und plötzlich im Ton umschlagend fing sie an zu jammern: »O Gott, ich unglicklich Fraa! Prinze unn Korferschte hätt ich hawwe könne, unn so en Schlappschwanz, so'n draurige, muß ich nemme!«
Adolf wartete nicht, bis der Ton zum zweiten Mal umschlug und wieder die keifende Roheit zum Vorschein kam. Er ging hinaus, setzte seine Mütze auf und lief ins Geschäft.
Und als er vor dem Geschäftshaus stand und in die großen Schaufenster blickte, in denen die Modellpuppen standen, die er so oft abgestaubt hatte, da war ihm, als sei dieses Haus seine eigentliche Heimat, als sei #hier# seine Familie, und sein Heim bei Katharina sei nur eine Schlafstätte, in der er aus Mitleid geduldet wurde.
Er ward beinahe gutgelaunt, als er vor den erstaunten Herrn Schröder hintrat, um sich zurück zu melden. Er freute sich auf die erlösende Arbeit.
Und es ging ihm durch den Kopf: »Die Arweit is doch des wahre Baradies! Unn die ganz Geschicht mit dem Ebbelbaam, die glaaw ich iwwerhaapts net! Die Sach werd ganz annerschter gewese sei'. Der Adam-selig hat sich aafach #gelangweilt# in dem baradiesische Palmegarte unn hat zum liewe Gott gesacht: »Mensch«, hat'r zum liewe Gott gesacht, »Mensch, ich komm um vor Langweil! Schmeiß mich enaus aus dem Garte, odder ich vertrampel Derr 's Gras!« Unn weil der liewe Gott e gescheider Mann is, hat er erwiddert: »Adamche, ich will Derr e Uniwersalmedizin erfinne gege die Langweil unn gege jeddes Unbehage unn jedde Unzufriddenheit!« Unn er hat die #Arweit# erfunne. Unn da war die Schöpfung erscht richtich fertich!«
»No??« sagte Herr Schröder. »No, schonn widder zurick? Was is dann?«
»Ach, wisse Se«, meinte Adolf verlegen, »es war so schleecht Wetter, da bin ich liewer widder haam!«
»Hm!« machte Herr Schröder bedenklich. »Hm ... ich habb immer gemaant, bei Regewetter liebt sich's am scheenste!«
Aber weil der dicke Herr Schröder mit Recht fand, Adolfs Privatangelegenheiten gingen ihn eigentlich nichts an, forschte er nicht weiter.
Weniger zartfühlend waren die Angestellten der Firma. Sie kicherten, als sie das »scheppe Adolfche« wieder auftauchen sahen, sie machten Witze, daß die Damen rot wurden, und der erste Reisende stichelte, mit einer Anspielung auf Adolfs Stirnwunde: »Merr sollt dem Odewald widder emal die Fingernägel schneide! Maane Se net aach?«
Der eklige Kassierer aber grinste: »E schee Aussicht misse Se gehabbt hawwe vom Melibokus! Ihr Aag is #jedz# noch ganz geschwolle!«
An diesen schmerzhaften Stichelreden beteiligte sich nur ein einziges Mitglied der Firma nicht, der zweite Buchhalter Heinrich Baldrian. Das war überhaupt ein eigentümliches Männlein, eines von den Menschenkindern, denen das Leben so ziemlich alles schuldig geblieben ist, und die dennoch mit einer Miene herumlaufen, als seien sie selbst jedermann etwas schuldig. Dieses alte Buchhalterchen war ein unglückseliges Geschöpf, ein Kunstenthusiast, dessen Talent zu seinem großen Schmerz nicht ausreichte, selbstschöpferisch zu sein. Er hatte in seinen jungen Jahren dicke Hefte voll Gedichte geschrieben, ja sogar Dramen verfaßt, und hatte wohl auch eine Zeitlang, ermuntert durch den Beifall kritikloser Freunde, an sich geglaubt wie der Schneider von Ulm an seine Flügel.
Bis ihm mit zunehmendem Alter die Erkenntnis dämmerte, daß er in den Gärten der Poesie auf geliehenen Stelzen herumstolperte. Da hatte er seine sämtlichen Werke verbrannt. Aber seine große Sehnsucht hatte er nicht mitverbrennen können.
Heinrich Baldrian war ein einsamer Mensch geworden; stolz und unglücklich zugleich in seiner Einsamkeit. Das Wissen, das er sich durch fieberhaftes Lesen angeeignet hatte, die stille Würde, die die Beschäftigung mit ewiger Kunst dem Jünger verleiht, ließen ihn die Beteiligung an den billigen Späßen der übrigen Angestellten verschmähen; Adolf Borges war einer der wenigen Menschen, in denen er verwandte Anlagen zu ahnen glaubte. Von dem aber trennte ihn die tiefe Kluft des Bildungsunterschiedes. Er mußte sich damit begnügen, dem »scheppe Adolfche« stets ein freundliches Benehmen zu zeigen und im unvermeidlichen geschäftlichen Umgang ihm jene kleinen Höflichkeiten des Herzens zu beweisen, die so wohl tun.
Adolf kümmerte sich nicht um die Spötteleien, die ihn empfingen. Mit einer wahren Wollust stürzte er sich in seine Arbeit. Noch nie war ihm das Paketschnüren so köstlich erschienen.
Ihm war zumute wie einem verlaufenen Hund, der wieder heimgefunden hat.
Und als er bei der Arbeit in einem der hohen Wandspiegel zufällig seine Kratzwunde erblickte, lächelte er vor sich hin: »Guck emal: e Kron haww ich aach! Mit zwaa Zinke! Der aa Zinke is schonn fast verheilt! Wie weit's der Mensch doch bringe kann!«
Und als ihn Herr Feldmann zum ersten Male wieder ein Kamel nannte, da war ihm wie einem aus der Fremde Heimgekehrten, der zum ersten Mal die Muttersprache wieder hört.
»Alles uff der Welt is Gewohnheit!« sagte er sich. »Unn ich wer' mich schonn aach am Kättche sei Grobheite geweehne! Ich habb mich ja aach an des Gekrisch von dene Katze geweehnt! Unn wer waaß: vielleicht is es beim Kättche gradso wie bei de Katze, unn se kreischt bloß #aus Lieb# so? -- Gewohnheit is alles, unn ich bin iwwerzeigt: wann der Mensch mit Zahnweh uff die Welt käm', dhät 'r se gar net spiern, sonnern er käm' sich krank vor, wann er emal #kaa# Zahnweh hätt'!«
Einige Tage später erlebte Adolf Borges eine neue eheliche Überraschung.
Als er abends aus dem Geschäft heimkam, empfing ihn Katharina mit der kurzen, aber vielsagenden Frage: »No??«
»Was is, lieb Kättche?« fragte Adolf.
»Wannsde noch emal »Lieb Kättche« sagst, haag ich Derr 'n Kochlöffel uff die Schnut!« gab Katharina diese Zärtlichkeit zurück. »Des dumm Gebabbel mecht mich ganz nervös! Nächsdens kimmstde noch mit Glacehandschuh unn Frack in die Kich! Des misse ja schee iwwerspannte Weiwer gewese sei', mit dene Du Dich frieher erumgedriwwe hast!«
»Awwer Kättche, ich schwör Derrsch: Du bist des erscht weiblich Wese, des wo --
»Halt's Maul! Heut is doch Gehaltsdag gewese? Wo is 's Geld?«
»Awwer Kättche, --«
»Gebb's Geld eraus! Maanstde vielleicht, ich kann von der #Luft# wertschafte? Mach kaa lange Umschdänd, des kann ich net verdrage!«
Adolf sah ein, daß sie nicht von der Luft wirtschaften könne. Widerspruchslos zog er seine Geldbörse hervor und zählte den Inhalt auf den Tisch.
»Is des alles?«
»Ja! Mehr haww ich net!«
»For so en schäwige Gehalt dhät ich dene was peife! S' is zum Haar-Ausroppe! Prinze unn Korferschte hätt' ich heierate könne! -- Da sin fimf Mark, des muß lange! Merk Derrsch!«
So ähnlich muß es den Kaufleuten im 16. Jahrhundert zu Mute gewesen sein, wenn Herr Götz von Berlichingen oder ein anderer Raubritter sie auf der Landstraße ausplünderte.
Aber lange hielt die Bitterkeit bei Adolf Borges nicht an. Er war ja eine der harmlosen Seelen, die sogar zu einem Raubritter gesagt hätten: »Von Ihr'm Standpunkt hawwe Se recht! Entschuldige Se nor, daß ich net mehr bei merr habb! Könnte Se merr vielleicht sage, Herr Raubridder, wie ich am schnellste widder haamkomm?«
»Des Kättche hat vielleicht ganz recht«, dachte er. »Sparsamkeit is e Dugend. Vielleicht is des Geld bei ihr besser uffgehowwe wie bei mir. Es is ja aach als Mann mei Plicht unn Schuldigkeit, daß ich se ernähr. Dadafor soll ich aach ihr Herr sei'!«
Aber unbehaglich war es doch, nicht mehr frei über seine Einnahmen verfügen zu können und über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen zu müssen. Fünf Mark, -- das reichte ja kaum, das Fläschchen Bier zum Frühstück und zur Vesper zu bezahlen. Fünf Mark, damit konnte er doch unmöglich seine kleinen Ausgaben bestreiten. Wie würde das werden, wenn er einmal eine neue Mütze brauchte oder einen neuen Hosenträger? Sollte er dann Katharina um Geld bitten? Um das Geld, das er selbst verdient hatte?
Er nahm sich vor, nur einen Teil der Trinkgelder, die er hie und da bekam, an Katharina abzuliefern und den Rest für sich zu behalten. Die ganzen Beträge seinem kleinen Geheimfond einzuverleiben, hätte ihm sein Gewissen nie erlaubt. Wie eine Unterschlagung wäre ihm das erschienen.
Und dann hatte er ja auf der Sparkasse noch etwas über viertausend Mark stehen. Katharina wußte wohl darum, aber es wurde nie davon gesprochen, so wenig, wie je von einer Mitgift die Rede gewesen war.
Und doch kam im dritten Jahre seiner Schmerzensehe die Rede auf diese Ersparnisse: der alte Bindegerst war es, der sich plötzlich lebhaft für das Sparkassenguthaben Adolfs interessierte.
Ihm bekam die Ehe seines Schwiegersohnes ausgezeichnet. Einen besseren Blitzableiter für die häuslichen Gewitter hatte er sich gar nicht wünschen können. Mit einer gewissen inneren Befriedigung sah er mit an, wie sich alle die Donnerwetter und Hagelschläge, denen bisher er selbst preisgegeben gewesen war, auf Adolfs Haupt entluden, während er im Trockenen saß. Er machte sich sogar das Vergnügen, heimlich ein bißchen zu hetzen, indem er einerseits Katharinas Ansprüche aufstachelte, andrerseits seinem Schwiegersohn soufflierte: »Laß Derr nix gefalle! Mach en Stormaagriff! Soll ich merr e Trombet' kaafe unn zor Attack blose? Mensch, du blamierst unser ganz Geschlecht!«
Da Katharina nicht viel Zeit und Lust fand, sich um den Alten zu kümmern, wurde er geradezu übermütig. Eines Tages heftete er an die Treppentüre seiner Werkstatt ein Plakat: »Weibern ist der Eintritt strengstens verboten!«
Und amüsierte sich königlich, als Katharina diesen, auf sie gemünzten Zettel wütend in tausend Fetzen riß.
Aber wenn er der Knechtschaft seiner Tochter entronnen war, so war er dafür um so schimpflicher unter eine andere Tyrannei geraten: unter die Knute seiner stillen Geliebten. Er trank nicht mehr, er soff.
Er feierte an seiner Drechslerbank und oben im Dachstübchen stille Gelage, trank dem Mann im Monde und den Katzen zu und hielt mit sich selbst Volksversammlungen ab, in denen er das Thema: »Das Leben ist eine Gemeinheit!« von allen Seiten beleuchtete.
Überkam ihn der Weltschmerz, so sang er mit den Katzen Duette, die erst ein Ende nahmen, wenn zwei Fäuste an die Türe donnerten und die bissigste Katze des Hauses schrie: »Willstde Dei Maul halte, ahl Volleul! Schämstde Dich net vor der Nachbarschaft?«
Dann versicherte Bindegerst, die Nachbarschaft könne ihn sonst etwas. Aber er stellte seinen Meistersang ein.
»Ich glaab, Du riechst nach Schnaps?« sagte einmal Adolf seinem Schwiegervater.
»Hastde gedenkt, ich wer' nach Veilcher rieche?« erwiderte Bindegerst. »Wann Derr mei Duft net baßt, hättstde halt in e Bodanisierbüchs heierate solle, statt in unser Familje! Steck Dei Nos net in mein Privatgeruch, des bitt ich merr aus!«
Und Adolf hatte, wie immer, geschwiegen.
Bindegersts Hände waren jetzt öfters #unter# als #über# der Drechslerbank. Und die Affenköpfe seiner Spazierstöcke nahmen immer seltsamere Formen an. Die Glasaugen saßen jetzt mitunter an Stellen, an denen ein Naturforscher weit eher die Ohren vermutet hätte, und sein letztes Meisterwerk besaß sogar wie weiland Polyphem nur ein einziges Auge mitten auf der Stirn.
Für solche Mißgeburten von Spazierstöcken fanden sich begreiflicherweise wenig Käufer, und dies war der Grund, weshalb sich Bindegerst plötzlich für Adolfs Sparkassenbuch zu interessieren begann.
Schon beim Abendessen hatte Bindegerst mit Adolf zu fußeln angefangen. Nicht zärtlich und kosend, sondern mit Offenbächer Derbheit. Er trat ihm wider das Schienbein, daß sein Schwiegersohn sämtliche Engel im Himmel und sämtliche Teufel in der Hölle gleichzeitig _fortissimo_ singen hörte.
Und als Katharina einen Augenblick hinausgegangen war, um eine neue Schüssel Kartoffeln zu holen, flüsterte er geschwind: »Adolf, komm nachher emal enuff in die Dachstubb, ich habb mit Derr zu redde!«
Währen Katharina das Geschirr abspülte, schlich Adolf hinauf.
»Was is dann, Vadder?«
»Hock dich emal uffs Bett! Da sitzstde weich unn fällst net so leicht um!«
Es wurde Adolf unbehaglich. Was konnte sein Schwiegervater von ihm wollen? Bindegerst machte ein so feierliches Gesicht. Sicherlich hatte er keine erfreuliche Mitteilung in Bereitschaft.
»Wannstde Dich vielleicht erst emal stärke willst?« frug der Alte und hielt ihm die Schnapsflasche hin.
»Ich sauf kaan Schnaps, Vadder!«
»Weilsde net waaßt, was gut is! Schnaps is gut for die Cholera, secht e ahl Sprichwort. Ich will net draa schuld sei', wann e neu Epidemie ausbricht!«
Er hob die Flasche und labte sich. Wischte sich den Mund und zog aus der rechten Hosentasche ein zerknittertes Papier.
»Hockstde gut? -- Dann les emal!«
Adolf entfaltete den Wisch, strich ihn glatt und las.
Es war eine gerichtliche Vorladung. Gast & Co. gegen Konrad Bindegerst wegen Forderung.
»E Gemeinheit!« erwiderte Bindegerst Adolfs fragenden Blick. »Des ganz menschlich Lewe is e Gemeinheit! Wege lumbige dreidausendfimfhunnert Mark verklagt aan die Lumbegesellschaft! Da gibbts Barone, die hawwe e Milljon Schulde unn kaa Mensch verklagt se! Awwer der Middelstand, der muß ja immer draa glaawe! Uff uns solide Berjersleut, da reit' ja der Staat erum wie e dressierter Aff uff'me Kamel!«
Und er hielt eine lange Entrüstungsrede über die unerhörten Zustände, die nach seiner Ansicht in Mitteleuropa, und zwar #nur# in Mitteleuropa herrschten.
»Ja, Vadder, bistde dann des viele Geld #schuldig#?«
»#Nadierlich# bin ich's schuldig! Maanstde, die verklage mich aus Jux? Merr hawwe doch kaa Fastnacht! Freilich bin ich's ihne schuldig, dere Saubagasch! For Holzlieferunge!«
»Dann mußtde's aach zahle!« entschied Adolf.
Bindegerst beguckte ihn spöttisch. »Merr könnt glaawe, Du hättst studiert! Du reddst wie e Amtsrichter! Awwer zahl emal, wannsde kaa Geld hast! Kann ich hexe? Hokuspokus, da is e Milljard? Kann ich merr Goldsticker aus der Nos ziehe, odder Dausendmarkschei aus 'me ahle Zylinner? -- Ich habb 'n Dalles, den könnt merr for Geld gucke lasse! Pleite bin ich! Unn da verklagt mich die Saubande uff so en Haufe Geld! Kaum zwaa Jahr bin ich'r des bissi Geld schuldig, kaum siwwe Mal hawwe se mich gemahnt, unn gleich wern se so ricksichtslos!«
Adolf dachte nach. Das war ja eine schöne Überraschung. Er hatte seinen Schwiegervater nie reich geschätzt, er hatte nie auf eine Erbschaft spekuliert, aber er hatte es als Selbstverständlichkeit betrachtet, daß die Drechslerei gut ging und ihren Mann ernährte. Nie hatte er wahrgenommen, daß seinen Schwiegervater Schulden bedrückten, -- und nun plötzlich diese Eröffnung.
»Ja, wie is dann des nor meeglich?« stotterte er.