Der Widerspenstigen Zähmung

Chapter 3

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Auch Vater Bindegerst hatte sich in sein Feiertagsgewand gehüllt, und Katharina prangte wieder in ihrer weißen Bluse.

Die Bluse war nicht mehr ganz so blütenweiß wie damals, als sie den ersten Angriff unternommen hatte: in der Taillengegend zeigte sie deutliche Fingerabdrücke von Adolfs Händen.

Und nun saßen sich die beiden Männer gegenüber, während Katharina im Nebenzimmer auf des Vaters Ruf wartete, wie die Kinder bei der Weihnachtsbescherung auf das Klingelzeichen, und Adolf drehte verlegen seinen Zylinder in der Hand und wußte nicht, wie beginnen.

Und dachte: »Genau so sitzt der liewe Gott uff seim Thronsessel unn dhut die Erd' zwische seine Händ drehe, unn iwwerall, wo er se mit seine Fingerspitze beriehrt, werd's Friehling unn die Blumme sprosse! Unn manchmal werft er die Erd' wie e Gummiball in die Luft unn fängt se widder uff, unn wann er se emal falle läßt, dann krieht die ganz Erdeherrlichkeit die Kränk, unn all die Häuser borzele zusamme, unn dene Herrn Feldmann unn Schröder ihr Geschäftshaus aach, unn der dick Herr Schröder werd in de Trimmer erumfuhrwerke unn werd kreische: »Adolf, was schdehn Se da unn halte Maulaffe feil? Nemme Se die Schipp unn de Besem unn kehrn Se de Dreck eweck!«

Und endlich hatte Adolf den Zylinder genug in der Hand gedreht, er raffte sich auf und stotterte: »Herr Bindegerst, ich waaß net, ob Se vielleicht bemerkt hawwe....«

Und Vater Bindegerst unterbrach würdevoll: »Jawohl, Herr Borges, ich #habb# bemerkt!«

Da wurde es ihm schon bedeutend leichter ums Herz, und er fuhr fort: »Se hawwe neemlich e Dochter, Herr Bindegerst....«

»Jawohl, ich #habb# e Dochter!« bestätigte Herr Bindegerst.

»Unn Ihne Ihr Dochter ... se is nämlich so e gut Mädche, unn so e Engelche....«

»Jawohl, se #is# e Engelche!« bekräftigte Herr Bindegerst. Und dachte: Wen die Götter verderwe wolle, den strafe se mit Blindheit.

»Unn Ihne Ihr Fräulein Dochter unn ich ... indem ich'r nämlich in der ledzte Zeit nahgetrete bin...«

»Oho!« sagte Vater Bindegerst. »Was muß ich heern? #Wie# nah sin Se err getrete?«

Da kam die Weihe des Augenblicks über den kleinen Schwärmer Adolf und er rief: »So nah, daß ich ihr Herz deutlich habb schlage heern, unn des goldig Herzche hat als gebumbert: »Adolfche! Mei Adolfche!« hat's gebumbert, unn #mei# Herz hat #mit#gebumbert: »Kättche, mei Silwerkättche«, unn wege dere Bumberei bin ich heut da, unn sag Ihne: Lasse Se dere Bumberei de kerchliche Sege gewwe! Ich bin kaa Milljonär, ich kann Ihne Ihrer Dochter kaa Audomobil kaafe, awwer Trambahn fahrn lasse kann ich se, unn satt zu esse werd se hawwe, unn gucke Se sich emal mei Händ aa: uff dene Händ wer' ich se drage. Es sin solide, kräftige Händ, unn Ihne Ihr Dochter werd gut druff sitze! Herr Bindegerst, Se könne zwaa Mensche glicklich mache, -- sage Se »Ja!«

Vater Bindegerst war ganz paff über die Beredsamkeit seines Schwiegersohnes und er dachte sich: »Des werstde Derr aach noch abgewöhne!« laut aber sagte er: »Se wisse net, was Se verlange! Awwer, wann's Kättche nix dagege hat, mein Sege hawwe Se! Nor aans sag ich Ihne: Se misse aus'm Haus ziehe! Ich kann kaa jung Liewespärche um mich braache!«

Und er rief: »Kättche, komm emal erei! Der Herr Borges is da unn muß so needig emal heierate!«

Und wenige Sekunden später lag Katharina in seinen Armen und Adolf glaubte, die ganze Welt erobert zu haben.

Drunten im Hof aber spielte wieder der Orgelmann:

»Katharinchen mit dem Selleriekopp, _Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp!«

In dieser Nacht gab es in dem Hause in drei verschiedenen Zimmern drei glückliche Menschen:

In seiner Dachkammer saß Adolf und jauchzte: »Ich habb se! Ich habb se! Unn wann der Herr Feldmann hunnertmal Recht hätt unn ich wär e Kamel, so gescheit war ich doch, daß ich merr des scheenste Kamelweibche geholt habb, was es iwwerhaapts uff dere Welt gibbt!«

Und in ihrem Bett lag Katharina und schmunzelte mit funkelnden Augen: »Ich habb'n! Fest haww ich'n! No, wart nor!«

Und vor dem Krug mit dem Trompeter von Stolzenfels am Rhein saß der alte Bindegerst und rieb sich die Hände und lachte in sich hinein: »Se hawwe sich! Ich bin se los!«

Und nach einer Weile: »Ich hätt's net glaabt, daß se noch aan krieht!«

Und wieder nach einer Weile: »Arm Adolfche! Du werst Aage mache!« ....

Acht Tage später trat Adolf vor Herrn Schröder, an den sich die Angestellten mit ihren Bitten lieber wandten als an Herrn Feldmann, und sagte: »Herr Schröder, ich dhät um acht Däg Urlaub bitte, ich möcht uff die Hochzeitsreis'!«

Und der dicke Herr Schröder sah ihn erschrocken an: »Sin Se meschugge?«

Aber als er Adolfs glückstrahlende Augen sah, dämpfte er die Stimme und meinte väterlich: »Es is zwar net schee von Ihne, daß Se grad #mitte in der Saison# ans Heierate denke, awwer, no, wern Se glicklich! Se könne aach #zeh#' Dag bleiwe! Unn was des Hochzeitsgeschenk betrifft, -- ich wer' mit meim Kompanjon redde!«

Und im ganzen Geschäft steckten sie die Köpfe zusammen, und die männlichen Angestellten sagten: »Merr wolle zusammelege unn em 'n Wecker kaafe, sonst schlaft er in der Hochzeitsnacht ei'!«

Und die Damen sagten: »Wie muß die ausgucke, die #den# genomme hat!«

Denn der Mensch ist ein edles Wesen und freut sich darüber, wenn sein Nächster glücklich ist.

Und dann kam die Trauung und eines Montags Morgen geleitete Vater Bindegerst das frischgebackene Ehepaar zum Bahnhof, um es zwecks Hochzeitsreise der Eisenbahn anzuvertrauen.

Der schöne Odenwald war das Reiseziel, und der glückliche Adolf stand in Gedanken bereits auf dem Gipfel des Melibokus und zeigte seiner zarten Gattin die Welt und sagte: »Guck, Kättche, des alles geheert uns! Wann's aach net unser Eigedum is, merr hawwe doch e Hypothek druff, e Herzenshypothek! Unn die Wälder misse uns ihrn Duft unn ihr Anemone als Hypothekezinse gewwe, unn die Quelle ihr Rausche unn ihrn silwerige Glanz, unn die Vögelcher ihrn Gesang. Guck, lieb Kättche, des Alles, was de guckst, haww ich Derr mit in die Eh' gebracht! Die Nadur, die is e groß' Sparkass', viel greeßer wie die Offebächer Städtisch' Sparkass', unn noch dausendmal sicherer. Und wann merr emal in Not komme dhäte, in #Seelennot# maan ich, dann gehn merr eifach enaus in die Nadur unn hewe in dere Sparkass' en Poste Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End!«

Solche Träumereien pflegten dem kleinen Adolf schon von Kindsbeinen an nicht gut zu bekommen, und auch diesmal führten sie einen unerwünschten Zwischenfall herbei. Er stolperte nämlich beim Besteigen des Kupees, und das Köfferchen polterte auf den Bahnsteig zurück.

»Kannstde net achtbasse, dappischer Olwel?!« fuhr ihn Katharina heftig an. »Net emal e Handtasch' kann der dumm Mensch drage!«

Tieferschrocken sah Adolf sie an. Und blickte in zwei Katzenaugen, die höhnisch und unheilkündend funkelten.

Da senkte er den Kopf.

Der alte Bindegerst aber dachte: »Es geht schonn los! Se fängt schonn aa! -- No, viel Vergniege!!«

Während Adolf das Köfferchen, das aufgegangen und seinen Inhalt auf den Bahnsteig verstreut hatte, zusammenraffte, machte sich Katharina im Innern des Abteils zu schaffen. Sie nahm den Herrenhut, mit dem der eine Ecksitz belegt war, und warf ihn mit energischer Geste ins Gepäcknetz. Dann setzte sie sich selbst auf den Platz.

Und als kurz vor der Abfahrt des Zuges ein älterer Herr einstieg und verwundert bemerkte: »Diesen Platz hatte ich mit meinem Hut belegt!«, erhielt er mit bösartiger Betonung die Antwort: »Dann hätte Se Ihrn Deckel uff den Blatz, unn net da owwe hie lege solle!«

Adolf hielt es für seine Pflicht, seiner Frau beizuspringen, und betonte, der Platz sei allerdings unbelegt gewesen. Es war ihm nicht wohl bei dieser Lüge.

Aber Katharina hatte keinen Sinn für solche ritterliche Beihilfe. »Halt Dei Maul!« herrschte sie ihn gereizt an. »Ich wer' mit dem Herrche da schonn allaans fertich! Da bin ich schonn mit ganz annern Leut fertich worn!«

Der Herr lächelte und schwieg.

Und auch Adolf schwieg. Aber er lächelte nicht dabei. In seinen Kinderaugen standen zwei große Tränen.

Und dann pfiff die Lokomotive, und der Zug fuhr ab.

Vater Bindegerst winkte noch einmal kurz mit der Hand, dann drehte er sich um und ging heim. Das Gewissen schlug ihm, er verfiel in Selbstvorwürfe und indem er die Bahnsteigkarte abgab, murmelte er, zum Erstaunen des Schaffners: »Ich hätt's #doch# net dhun solle!«

Katharina schmiegte sich trotzig in den Eckplatz, starrte die Decke an und schmollte. Denn dies ist die Universalwaffe aller Frauen, die im Unrecht sind.

Mit diesem Zug fuhr Adolf Borges direkt in die Hölle.

Vater Bindegerst saß einsam in seiner Werkstatt und drechselte an einem Spazierstock. Es sollte ein kleines Kunstwerk werden: den Griff bildete ein Affenkopf mit fletschenden Zähnen, und gerade war Meister Bindegerst dabei, in diesen Kopf die braungelben Glasaugen einzusetzen.

Unser Meister fühlte sich mehr als Künstler denn als Zoologe, und so ist es begreiflich, daß man den Affenkopf auch recht gut für einen Kaninchenschädel oder eine Bulldogge halten konnte; ja, der geschmackvolle Käufer dieses Spazierstockes äußerte sogar, als er ihn erstand: »Schad, daß der Rehbock kaa Geweih hat!«

Vier Tage schon war Bindegerst nun Junggeselle. Das junge Paar hatte noch nichts von sich hören lassen, und er war darüber keineswegs erstaunt. Kannte er doch sein holdes Töchterlein viel zu gut, als daß er hätte befürchten können, sie werde die Verschwendung einer Ansichtspostkarte an ihn dulden.

Katharina war geizig. Noch viel geiziger, als es die Natur bei der Verteilung weiblicher Reize gegen sie gewesen war.

Der liebe Gott und der Teufel sind scharfe Konkurrenten, und hat der liebe Gott den Adam nach seinem Ebenbilde geschaffen, so ließ es sich der Teufel nicht nehmen, manche Eva nach dem seinigen zu bilden. In der Person Katharinas war ihm ein Prachtexemplar gelungen, und alle in der Hölle schmorenden Kunstkritiker (und das waren nicht wenige) stimmten darin überein, er habe zu Katharina seine eigene Großmutter als Modell genommen.

Bindegerst nutzte die Abwesenheit seiner Tochter nach Kräften aus. Er ließ an dem Glaslüster seiner Werkstatt sämtliche Flammen brennen, denn nun war ja niemand da, der sie ihm bis auf eine vor der Nase ausschraubte und dabei keifte: »Du findst wohl Dei Geld uff der Gass'? Odder bistde vielleicht an dere Gasgesellschaft #bedeiligt#?! Ei, ich dhät merr an Deiner Stell noch e Petroliumlamp uff de #Hinnern# binde, daß die Illumination fertich is!«

Gott sei Dank, jetzt war niemand da, der so etwas sagte.

Und er konnte jetzt auch, wie Hans Sachs in den »Meistersingern«, zu seiner Arbeit sein Lieblingslied singen, ohne daß sich plötzlich ein bissiger Kopf in der Türe zeigte und ihn anschrie: »Hör uff mit dem Gegröhl! Sonst laaft die Milch zusamme!«

Und Meister Bindegerst sang doch so schön! Nur konnte man bei seinem Lied, wie bei dem Affenkopf des Spazierstocks, nicht recht unterscheiden, was es eigentlich vorstellen sollte! Dafür aber sang er stets fortissimo. Denn was ein richtiger Musiker ist, der ist nicht zimperlich.

Vor allem aber konnte sich der unbeaufsichtigte Herr Papa jetzt einmal gründlich seiner heimlichen Geliebten widmen.

Ja, Vater Bindegerst hatte eine stille Liebe. Nicht etwa, wie schlechte Menschen vermuten werden, ein weibliches Wesen, -- o nein, seine Geliebte war keines der Geschöpfe, die unsere Liebe so oft mit Undank lohnen, die einen Herkules an den Spinnrocken demütigen, einem Simson die Haare schneiden und als Honorar für ein bißchen Schleiertanz einen Heiligenkopf fordern, nein, seine Geliebte war jenes Wesen, das noch keinen Anbeter unerhört gelassen hat und dem dennoch jeder Liebhaber dauernd treu bleibt: seine Geliebte war der Alkohol.

Was für eine musterhafte Geliebte ist doch der Schnaps! Sie beansprucht keine neuen Röckchen, Blusen und Spitzenhemdchen, sie ist jahrein, jahraus mit dem schlichten Gewande einer alten Glasflasche zufrieden. Sie beansprucht nicht, ins Theater, Kino und Kabarett geführt zu werden, sie begnügt sich mit dem dunklen Plätzchen unter einer Drechslerbank. Sie sucht sich keine modernen Hüte aus und läßt dir die schreckenerregende Rechnung schicken, nein, sie trägt im Frühling, Sommer, Herbst und Winter denselben abgebrochenen Korkstopfen.

Und überkommt dich die Stunde der Zärtlichkeit und du kneifst sie zur Einleitung in die Wangen, so murrt sie niemals: »Laß mich! Ich bin jetzt nicht aufgelegt!«, sondern sie lächelt dich, verführerisch wie immer, an: »Trinke merr noch e Tröppche!«

Herr Drechslermeister Bindegerst war nicht der Joseph, einer solchen Verführungskunst zu widerstehen. Alle Viertelstunde hörte er es unter der Drechslerbank hervorkichern, und galant und ritterlich faßte er alsdann die Geliebte um die glatte Taille, hob sie ans Tageslicht oder ans Gaslicht, drückte auf ihren Hals seine trockenen Lippen, wischte sich nach einem langen, langen Kuß mit dem Handrücken den Schnabel und stellte fest: »Es schmeckt scheußlich, awwer 's is nahrhaft! Der Mensch is e Maschin unn muß von Zeit zu Zeit geölt wern! No, öle merr noch e Tröppche!« ...

Seine Hoffnung, das neue Ehepaar dauernd ausquartieren zu können und Alleinherrscher im Hause zu werden, hatte sich freilich nicht erfüllt. Wohl hatte Adolf, der Nachgiebige, dem Vorschlag beigestimmt, aber Katharina hatte höhnisch erklärt: »Nix do! Die Wohnung nemme #mir#! Unn du ziehst enuff ins Dachstibbche!«

Und mit gewohnter Tatkraft hatte sie sogleich mit dem Umräumen begonnen. Sie brauchte dazu keinen Dienstmann, ihre robusten Arme bewältigten die schwersten Kisten und Kästen mühelos.

Adolfs Habseligkeiten wanderten treppabwärts in die kleine Dreizimmerwohnung, und des Vaters kleine Schätze stiegen hinauf in den Giebel.

Bei dieser günstigen Gelegenheit unterzog sie das Eigentum ihres Papas einer gründlichen Musterung, und sie machte dabei allerhand überraschende Entdeckungen. Nicht nur stieß sie zu ihrer Wut in einer Westentasche auf zwei Kinobillets, die für den gleichen Tag gültig waren und auf zwei nebeneinander gelegene Plätze lauteten, sondern sie fand auch die kleine Bibliothek, die sich der verschwenderische »alte Esel« zugelegt hatte.

Um ihn nicht in falschen Verdacht zu bringen, sei festgestellt, daß diese Bücherei nur aus drei Werken bestand, nämlich: »Der bayrische Hiasl«, »Das Geschlechtsleben des Menschen« und »Was muß der Jüngling vor der Ehe wissen?«

Und noch etwas anderes fand sie: einen Mahnbrief der Firma, die ihm das Holz für seine Drechslerarbeiten lieferte. Wann sie endlich ihr Geld bekommen werde, frug sie an und drohte in unerquicklichen Wendungen mit einer Klage.

Im ersten Augenblick dachte Katharina, die niemals sprachlose, daran, ihrem Vater eine Szene zu machen, eine jener Szenen, die sich bei ihr zu einem fünfaktigen Monolog auszuwachsen pflegten und beim geringsten Widerspruch sogar zu einer Trilogie anschwollen.

Aber sie befürchtete eine Trübung ihres Brautstandes, denn die weibliche Zungenfertigkeit ist etwas, was der Jüngling #nicht# vor der Ehe zu wissen braucht.

Sie begnügte sich daher damit, in großen Bleistiftzügen unter den Brief zu schreiben: »Gelesen. Katharina.«

Dann legte sie ihn wieder in die Schublade, in der sie ihn gefunden hatte. Das genügte. Nun würde der Vater schon merken, daß sie eine neue Waffe gegen ihn besaß, und sein Verhalten danach einrichten.

Hierin täuschte sie sich allerdings. Der alte Sünder empfand keineswegs das Bedürfnis, den Mahnbrief wiederholt zu lesen, und ließ ihn ruhig in der Schublade schlummern, bis ihn die Mäuse fraßen.

So war es gekommen, daß Vater Bindegerst sein eigener Zimmerherr wurde. Er hatte damals, als er Adolf die Dachhöhle anpries, viel Gutes von der Behausung da droben zu erzählen gewußt und sie »e schee Zimmerche« genannt, -- nun, da er selbst darin wohnen mußte, fand er, daß sie ein Saustall ersten Ranges sei.

Ihm mangelte die edle Selbstbescheidung seines Schwiegersohnes, er verspürte nicht die geringste Lust, seinen Kopf zum Dachfenster hinauszustrecken und an den Anblick der kleinen Menschlein da unten philosophierende, lächelnde Betrachtungen zu knüpfen. Er benutzte das Fenster lediglich dazu, manchmal höchst unbekümmert hinauszuspucken. Für den Mondschein hatte er gar nichts übrig, und den musikalischen Katzen konnte ein so hervorragender Sänger wie er, schon aus künstlerischem Grundsatz nicht wohlgesinnt sein.

»Wann nor der Blitz die ganz Bud' zusammehaage wollt'!« dachte er, wenn er in dem wackeligen Bett lag. »Nächstens quardiert mich mei liewenswerdig Dochter noch in eme #Luftballon# ei'! Odder se zieht merr e Schnor dorch die Nos unn läßt mich als Drache steie! Die Kränk soll se kriehe! Awwer gleich!!«

Nun, Gott sei Dank, jetzt hatte er vorerst seine Ruhe vor dem vermaledeiten Familienglück!

Gerade hatte Bindegerst in seiner festlich beleuchteten Werkstatt wieder traute Zwiesprache mit seiner heimlichen Geliebten gehalten und wischte sich den Schnabel ab, um seiner schnapsologischen Ernährungstheorie Ausdruck zu geben, als es leise an die Türe klopfte.

»Erei, wer drauße is!« rief er.

Und herein schlich die klägliche Gestalt seines Schwiegersohns.

Quer über der Stirne prangte eine breite Kratzwunde und sein rechtes Auge war merkwürdig verschwollen.

Mit gesenktem Kopf blieb er in der Türe stehen.

Erstaunt sah Bindegerst von seiner Arbeit auf und gab heimlich mit dem Fuß seiner stillen Liebe einen Tritt, damit sie tiefer unter die Drechslerbank schlupfe.

»Ich bin widder da!« seufzte Adolf tonlos.

»Ich guck's!« bestätigte der Alte, und ein boshaftes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Er bedurfte keiner Erläuterung, er erriet alles. Nicht ohne Spott frug er: »Unn wo is dann 's Kättche?«

Hilflos zuckte Adolf die Achseln.

Ein Engel ging durchs Zimmer, -- eine in dieser Behausung höchst ungewohnte Erscheinung. Bindegerst wartete, ob sein Schwiegersohn nicht anfangen würde, die Geschichte seiner unterbrochenen Hochzeitsreise zu erzählen.

Aber Adolf schien völlig geistesabwesend. Er empfand nicht einmal das Beschämende seiner tragikomischen Lage; nur traurig war ihm zu Mute, traurig wie einem Kind, dem ein böser Hund die Lieblingspuppe entrissen hat und in Fetzen beißt.

Beinahe leid tat er seinem Schwiegervater.

»No, komm nor her!« sagte Bindegerst schließlich. »Vor #mir# braachstde kaa Angst zu hawwe: ich kratz net! Unn scheniern braachstde Dich #aach# net: die Handschrift is aach schonn uff #mei'm# Kopp zu lese gewese! Wann aach net mit so große Aafangsbuchstawe! -- Wie is'n des komme?«

Adolf machte eine müde, abwehrende Handbewegung.

Er wollte nicht darüber sprechen. Er hätte auch gar nicht so genau sagen können, wie sich die Unglücksszene entwickelt hatte. Mit einem ganz unbedeutenden Wortwechsel war es angegangen, er hatte die Unvorsichtigkeit besessen, in einer nebensächlichen Angelegenheit anderer Ansicht zu sein als das ihm angetraute Turteltäubchen, und plötzlich sah er sich einer tobenden Furie gegenüber und hörte zum ersten Mal den Aufschrei: »Prinze unn Korferschte hätt' ich heierate könne, unn Dich Schlappschwanz muß ich nemme!!« Und ehe er noch dazu kam, einzulenken, die grundlos Erregte zu beruhigen, und alles, was er gar nicht gesagt hatte, zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten, spürte er schon zehn Fingernägel im Gesicht.

Als er die Augen, seine erschrockenen blauen Kinderaugen, wieder öffnete, war Katharina verschwunden.

Da war er traurig zum Bahnhof gewankt und hatte sich eine Fahrkarte nach Offenbach gelöst.

Mit dem Wirt hatte er nicht erst abzurechnen brauchen, denn die Kasse führte Katharina.

Während der ganzen Eisenbahnfahrt hatte er zum Fenster hinausgestarrt, aber er hatte nichts gesehen von den Dörfern, Städten, Wiesen, Wäldern und Bergen, die vorbeihuschten.

Wie ein Fiebernder das Buch, das aufgeschlagen auf seiner Bettdecke liegt, liest, ohne daß die gedruckten Buchstaben sich seinem wirren Geiste zu Worten und Sätzen verbinden, so starrte er in das weitaufgeschlagene Bilderbuch der Natur und ward sich keines Schauens bewußt.

Ein Riesenspielzeug war die weite Landschaft, aufgestellt von der täppischen Hand eines Gigantenjungen, und ein hämischer Kobold blies nun das schöne Spielzeug mit dicken Backen um, so daß es in tollem Wirbel an dem Eisenbahnzug vorbeisauste.

Ein Traumwandler, ging Adolf durch die Straßen Offenbachs, instinktiv den Weg nach Hause findend, und nur einmal, in der Nähe der Schloßstraße, war er zu dem erschreckten Gedanken erwacht: »Wann Dich nor niemand aus'm Geschäft guckt! Was dhäte die sonst denke!«

Und schnell war er in eine Seitengasse eingebogen.

Und nun stand er in seiner Wohnung, die ihm mit einem Mal so fremd vorkam, und wurde von einer unbeschreiblichen Sehnsucht zerrissen, sich an eine mitfühlende Brust zu werfen, um sich den Schmerz von der Seele zu weinen.

Aber der alte Bindegerst mit seiner heimlichen Geliebten war dazu nicht die geeignete Persönlichkeit. Das empfand der arme Adolf nur allzu deutlich. Und so harrte er in der Türe, mit den Tränen kämpfend, und ihm war, eine eherne Faust würge ihm die Gurgel.

»Mach wenigstens die Dhür zu!« forderte ihn Bindegerst auf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. »Zugluft is net gut for so'n Schwerverwundete!«

Mechanisch gehorchte Adolf Borges und trat neben ihn an die Drechslerbank, stumpf seinem Beginnen zuschauend.

Vater Bindegerst war mit dem Einsetzen der Glasaugen fertig, er gab jetzt seinem Meisterwerk den letzten Glanz, indem er den Affenkopf mit Sandpapier abrieb. Er ließ sich Zeit dazu, und als er die Arbeit für vollendet hielt, hob er stolz den Spazierstock seinem Schwiegersohn unter die Nase und frug selbstbewußt: »No, for was for e Viech hältstde des?«

Dabei fiel sein Blick in Adolfs Augen und entrüstet fuhr er fort: »Bistde iwwergeschnappt? Ich glaab gar, Du willst flenne? Bistde e Mannsbild odder bistde e Schulbub, dem der Vadder 's Loch versohlt hat? Waastde, was #ich# an deiner Stell dhät?«

Adolf wußte es nicht.

Und deshalb belehrte ihn der alte Bindegerst, der sich dank der Abwesenheit seiner Tochter und durch den eingehenden Umgang mit seiner stillen Geliebten in sehr heldenhafter Stimmung befand, weiter: »Soll ich Derrsch sage? -- Baß emal uff!«

Und er ließ den Spazierstock mit dem Affen-Kaninchen-Bulldoggen-Rehbockkopf sausend durch die Luft pfeifen.

»Verschdehstde 's? Bedappelstde 's? #So# mußtde 's mache! Mobilisier Dich, Adolf! Des is die aanzig vernimftig Nadurheilmethod! Haag se, daß die Lappe fliehe! Mein Sege hastde derrzu! Gebb'r die Prichel zurück, net mit fimf Prozent, net mit zeh Prozent, sonnern verdreifach'r des Kapital! Verklopp se, bis ihr Buckel schillert wie e Regeboge! Sonst kriehstde Dei Lebtag in Deiner Eh' kaan Sonneschei!«

Und er begann eine Schimpfrede auf seine Tochter, eine Racherede, wie sie selbst der selige Cato senior in seinen besten Stunden nicht gegen Karthago zusammengebracht hat, er ließ kein gutes Haar an Katharina, nicht einmal ihren Quetschekuche ließ er mehr gelten, und er schloß seine Predigt mit der, durch einen Faustschlag auf die Drechslerbank unterstrichenen Pointe: »Hättstde liewer dem Deiwel sei Großmudder geheierat' statt dem Satansweib! Ihr ganz Mudder is se! Die war grad so aane! Gott, was ich mit der Fraa ausgestanne habb! No, der Deiwel habb se selig!«

Adolf Borges verstand von diesem ganzen Vortrag kein Wort.

Seine feuchten Kinderaugen starrten unverwandt auf den Fußboden, als erwarte er, daß jeden Augenblick aus einer Ritze des Fußbodens ein Zwerg hervorschlüpfen müsse, ein weißbärtiger, greiser Märchenzwerg mit einem goldenen Krönlein auf dem Kopf, um zu sprechen: »Adolf, das alles ist gar nicht Wirklichkeit! Hokuspokus tickeltackel, geh hinauf ins Schlafzimmer, dort wirst Du Dein liebes Weibchen im Bett finden, die schon lange auf Dich wartet, um Dich abzuküssen!«

Aber kein Zwerglein kam hervorgekrochen, und als Adolf endlich in das Schlafzimmer ging, da war es leer, und ach, so still.