Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz
Chapter 18
Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht; es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht; es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle, dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt, wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige Trost.
Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in Edelsteinketten.
Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen- und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas, feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen dafür, daß sie schwitzten und sich plagten.
Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl, nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen, auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten, konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es brennt.
Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und schoben die Finger zwischen die Knie.
Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis. Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes über dieser Stadt von Mürrischen.
So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.
Jahrmarkt
Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe, schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.
Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte, Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer, den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte, seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.
Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner, Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.
Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen, murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander: was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen, dritter Platz ein Groschen.«
Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.
Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes, sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach, abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen. Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.
Gelächter!
Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden. Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel des Oktoberabends.
Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen kollerte, der Gaumen war wund.
Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.
Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?
Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete, berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung, die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.
Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war, daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings, ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern, verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch; Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen, feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter den Vorhang zu kommen.
Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt fanden.
Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger, Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen, Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern, Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus wurde.
Unterm Mond
In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte Wandlung geschehen.
Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt. Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen, und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln, Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.
Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter, wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich. Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne, daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer, Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und glückselig zumute war.
Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß, schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.
Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen, niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert wie an Marktvormittagen.
Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht; als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an. Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel; geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der Mond kam über die Dächer und wunderte sich.
Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale; die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren, Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.