Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz
Chapter 17
Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten. Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie die Gedanken darüber nicht heiterer machte.
Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus, und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig, und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle #potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch war die schwere Stunde ihres Leibes nah.
In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund, und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft, deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist wenigstens mal ein Lustiger.«
Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden, hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen, blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe, und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux# beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.
Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.
Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten. Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor. Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde, daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom. Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.
Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten. Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen. Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben würde.
Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen, kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der andern im Auge hat.
Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«
Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter ergab, war auch nicht erfreulich.
Chronica
Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen gemäße Glückszustand inkarniert habe.
Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.
Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei, heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein Stallbursch die Krätze bekam.
Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase, so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln. Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz. Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.
Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht. Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn, worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit Stöcken an eine morsche Tür trommelt.
Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld, Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang, zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind. Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all dem immer übellauniger.
Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden; sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens; Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter, Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.
Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und Totentanz.
Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm; der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel, und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten, stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum, brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.
Lady Craven kicherte.
Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier, falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum, der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg den Kopf abhackte.
Die Lady schauderte.
Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.
Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde; doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe entgegennahm.
Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«.
Maßregeln eines Philanthropen
Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten, Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten, keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen Wandel neue Unzufriedenheit zu säen.
Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.
Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste, die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen. Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.
In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters, bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.
Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.
Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen, eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls. Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften, ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch Brummen.
Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut, hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der krank und hungrig ist.
Die Bürger und ihre Stadt
Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende, gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen, Säuglinge schreien.