Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz

Chapter 13

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»Er kam und erzählte mir, was ihm geschehen war,« fuhr Hanna fort; »das Gespräch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat mich, ihm zu helfen. Wie sich denken läßt, war er an dem, was ihm mein Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache natürlich. Ich hatte es ja schon über und über satt, das widerliche Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er möge sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur Bedingung, daß er nicht noch einmal ins Haus käme, ich würde ihn in seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er möge mich erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines Telephongesprächs gewesen, ich wußte, wo der Vater zu suchen sei. Ich fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich höre Stimmen, Gelächter, ich stoße die Person zurück, die mich aufhalten will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fünf, sechs Leuten sitzt, darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend. Es muß ein merkwürdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen, aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins. Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und blaß geht er voran, führt mich in einen Raum überm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun abspielte. Das Beschämende liegt darin, daß ich mich unterkriegen ließ, daß ich zu Kreuze kroch, daß ich ihm glaubte, genau wie Hubert Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor fürchtete ich mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die Willenskraft gebrochen, der stürmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit hatte, nahm er mich unterm Arm, führte mich ins Hotel, begleitete mich aufs Zimmer, wünschte mir gute Nacht, küßte mich auf die Stirn und ging. Am nächsten Morgen erschien er schon sehr früh, wir fuhren mit seinem Wagen zurück, unterwegs fragte er, ob Cäcilie schon wieder zu Hause sei, und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwähne das, weil sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will, tückischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen läßt, mit welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstände und Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besänftigt, abermals getäuscht, er hatte ihm ein lügnerisches Ehrenwort gegeben. Cäcilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehört, einem Mann der Wissenschaft dazu, einem der Koryphäen der Nation, der seinem Ankläger und zu fürchtenden Verfolger die eigene Tochter als Köder hinwirft? Ich gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewiß, aber das hat seine tieferen Gründe noch, über die werd ich schon noch mit dir sprechen. Ich muß ja endlich auch mal mein Herz ausschütten, es zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefähr denken. Hubert Gottlieben wurde der Page Cäcilies, ihr Schleppträger; ihr Vergötterer. Mein Vater begünstigte sein Werben, wo und wie er konnte, und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft beherrschte ihn dermaßen, daß einen in seiner Nähe das Erbarmen ankam, und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Cäcilie litt zum erstenmal, denn der Mensch war ihr wert; was er sich wünschte, konnte sie ihm nicht sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lästig wie die der andern. Fast mütterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da faßte Cäcilie ihren Entschluß und schrieb an Frau Doktor Gnad, daß sie sogleich bei ihr Unterkunft suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die ohnmächtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und außerdem quälte mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke quälte auch Hubert; bisweilen schien er sich zu besinnen; das böse Gewissen sah ihm aus den Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert für den Abend, nach der Rückkehr von Meersburg, zu einer Unterredung bestellt. Ich war aber mit Cäcilie übereingekommen, daß diese Unterredung verhindert werden müsse, und auf dem letzten Spaziergang brachte sie Hubert auch dahin, daß er abzureisen versprach, allerdings mußte sie ihm geloben, daß sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle, daß sie ihn rufen würde, und daß er dann die entscheidende Frage an sie richten dürfe. Als wir danach allein waren, erzählte sie es mir mit allen Zeichen der Sorge und Bedrängnis und fügte hinzu, sie könne sich nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fühle sich dieser Liebe gegenüber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte, ohne daß sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwürfe, daß sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...«

Ein Schweigen entstand. »Ich sehe, ich fange an zu sehen«, sagte Dietrich. »Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang hinunterrollt.«

»Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, daß die Geschichte mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war«, sprach Hanna leise. »Es hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was für dich haben. Es war so hübsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich hätte dafür noch ganz andere Dinge erfinden können. Nimmst du mirs übel?«

»Es war nicht rechtschaffen,« sagte Dietrich betrübt, »aber ich nehms dir nicht übel, jetzt wo ich weiß, wie tapfer du warst.«

Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie.

In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn unruhig umher. Er sah immerfort das über sich gebeugte Antlitz mit seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er dieses Antlitz liebte, oder als müsse er es lieben kraft eines geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich fürchtete wie ein alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hände vergraben saß er die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute, sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein Schleier, den der Wind trägt. Als der Schatten in der Ecke angelangt war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine; nur eine nimm und vergiß die andere nicht ...

Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschöpfter und unerschöpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er spürte die Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und sehnsüchtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschöpf. »Cäcilie,« flüsterte er, »Cäcilie.« Und dann: »Hanna«, und wieder: »Hanna.«

Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straßen, im aufgeweichten Schnee, plötzlich entschloß er sich, zu Frau Landgraf zu gehen. Hanna war, wie er wußte, um diese Stunde in der Universität, wo sie historische Vorlesungen hörte, Frau Landgraf war zu Hause und empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte, Platz zu nehmen, sagte sie: »Es ist mir wirklich kaum mehr möglich, diesen Widerwärtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus, schlagen einen Ton an, - man schämt sich krank.«

Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grübelte er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. »Wär ich Ihre Mutter, so würde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten,« sagte sie mit anziehendem Lächeln; »Sie sehen überanstrengt aus.«

Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm, als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen. Hannas Worte über ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorübereilen an dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen müssen.

Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. »Doktor Kelling?« erwiderte sie zögernd; »ich höre, daß es ihm nicht gut geht; ich höre, daß er seit einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verläßt. Er hat sich den Besuch auch seiner nächsten Freunde verbeten.« Sie erhob sich, zog an den Vorhangschnüren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: »Ist Ihnen bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, daß er es war, der den Revolver hergegeben hat?«

»Er? Doktor Kelling?« fragte Dietrich zurück und stand gleichfalls auf.

»Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.«

»Hanna? Sie wollen sagen Cäcilie, gnädige Frau ...«

»Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.«

Dietrich starrte sie an. Er war so weiß geworden wie der Schnee, der den Fensterrahmen umkränzte. »Aber wieso denn Hanna?« murmelte er, lallte er fast.

»Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt,« sagte Frau Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; »so nebenhin, ganz trocken, wie es seine Art ist, ohne weitere Erläuterung. Im September gab er ihr die Waffe, bevor sie mit Cäcilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn Hanna, er möge ihr den Revolver für die Dauer der Reise leihen; sie fühle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen neuen zu kaufen. Hätte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der Revolver Cäcilie in die Hände gekommen, und sie hat ihn zu sich genommen, ohne daß es Hanna wußte. Ich habe mit Hanna darüber gesprochen; auch sie hat keine andere Erklärung. Kelling macht sich natürlich die schwersten Vorwürfe. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich daß Sie über diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen davon erzählt. Daß sie es nicht getan hat, beweist mir, daß das arme Kind unter dem Gedanken leidet.«

»Sie glauben?« sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: »Ja, es ist möglich, daß sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberfläche, und sie hat viele Tiefen.«

Frau Landgraf antwortete: »Meine Töchter waren wie zwei Äste, die vom Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum Schluß konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, daß mir oft zumute war, ich müsse den Urgrund der Geschlechter aufwühlen, um das Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde näher, und aus der Erde quillt die Stärke. Aber die Mutter ist nicht allein, es ist noch der Vater da; wenn der kein guter Gärtner ist, wenn er mit dem Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ...« Sie ging im Zimmer auf und ab und wiederholte erschütternd: »Mit dem Beil, mit dem Beil ...«

Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich, die Wege verloren sich, der bläuliche Schatten aus der vergangenen Nacht gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurück. Er war so beklommen und beladen, daß es ihn nicht überraschte, als die Tür aufging und Hanna eintrat; es war eine Vervollständigung der schwankenden Gesichte.

Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse, wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war, wenig Eintrag tat. »Ich wußte, daß du da bist,« sagte sie zu Dietrich, »den ganzen Morgen hatte ich das Gefühl, du kämst zur Mutter.«

Sie machte sich am Bücherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hände auf dem Rücken, an die Säule des hohen Regales. »Ich weiß natürlich auch, daß ihr von dem Revolver gesprochen habt«, sagte sie in berechnet leichtem Ton. »Na, und was denkst du darüber, Dietrich Oberlin? Sprich dich nur offen aus. Was denkst du?«

Aber Dietrich schwieg.

Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte er zunächst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor.

Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, daß sie, sie könne noch nicht sagen für wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an.

Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen

Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch, aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu viele Ungewißheit bedränge ihn.

Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe, müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen; zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft. Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen. Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich, Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell, möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich, Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«

Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner. Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders haben wolle, als er sei?

Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles. Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen? Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre, sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz, denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so sollst du mich in deinem Sinn bewahren.«

War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht. Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen, aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet, gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie, so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles Geredete wird Lüge.«

So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm, was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis, Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung.

Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen, das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse sie wieder zu ihm.

Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.