Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz
Chapter 11
Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte, daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück, und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.
Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste, der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte er lachend.
Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich; ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen. Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich da.«
Dietrich nickte, bewegt und verwundert.
Was vermag denn ein Mensch?
Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er vernahm es hochaufhorchend.
Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie sich, ihm etwas daraus zu zeigen.
Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.
Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit, selbst die grausamste, beruhige.
Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein Recht zu haben.
»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen, dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei.
Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern, wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.
So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich Dietrich naiv.
»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut, die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig, hilflos ...«
Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand zu bieten.
Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu Cäcilie gedrungen sei.
Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein. »Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten, vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher Befugnis?
»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.
»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«
»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?«
»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es besagen?«
»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ... haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«
Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert es für Sie?«
Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen. Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen. Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«
Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.
Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von seinem Betragen denken solle?
Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis entstanden.
Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn ergriff.
Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt, die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.
Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.
»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander, als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig. Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht. Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«
Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte hauchend: »Und Ihr Vater?«
»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit. Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie. Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge, Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule, ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen; vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu diese Verstellung erst und dann die Freude?«
»Seltsam«, flüsterte Dietrich.
»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden. Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt. Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter. Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen und nichts anderes sonst?« -
»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ... verzeihen Sie ...«
»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen. Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen, ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür, daß ich nicht mehr bin - ?«
»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«
»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das: alles - ?«
Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«
»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.«
Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar. Sie lächelte rätselhaft dabei.
Bildnisse Cäcilies
Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was Grandioses.«
Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen. Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder Hinab, und wisse um kein Ziel.
Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick. Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen, seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in ihm; eine leichte süße musikalische Spannung.
Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt habe, oben im Kestnerschen Haus.
Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben. Daß du dort hausen sollst!«
Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an. Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar, drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.
Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch hatte man nur wenige Minuten zu gehen.
Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,« sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden, daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.
Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch. Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der redete.
Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so, in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit ihr.«
»Mit ihr? mit ...?«
»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch gemerkt; sie war ganz verstört.«
»Und was will er damit?«