Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 9

Chapter 93,758 wordsPublic domain

»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber gehen, es ist Zeit.«

Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.

Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu können.

»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.«

Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«

»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. »Ich denke viel über Sie nach.«

Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. »Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«

Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen, Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann schoß er davon.

Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.

Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.

Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört. Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als gefürchteter Name genannt.

Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom Meer her tönten Schüsse.

Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.

Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: »Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: »Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; aber jedenfalls doch zu einem Mann.«

Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie sich?«

Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.«

Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor der Treppe unschlüssig stehen.

All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.

Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.

»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige Worte unter vier Augen zu sprechen.«

Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den fragenden Ausdruck.

Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild hängen lassen.«

»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen hat,« erwiderte Maria kühl.

»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«

Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?