Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 8

Chapter 83,728 wordsPublic domain

Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.

Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die Mauer gelehnt.

»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte sie regungslos.

»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; »niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«

Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: »Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«

Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der Schamlosen?«

»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«

Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; »geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie mich nicht.«

Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.«

»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.

An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann entfernte er sich.

Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.

Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.

In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?« fragte sie flüsternd.

Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«

»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.

»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen Sie.«

»O großer Gott!« murmelte die andere.

»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen Sie.«

»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«

»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen hat?« fragte Maria.

»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir getraut.«

»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«

Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«

»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man dadurch etwas Begangenes gutmachen.«

Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«

Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können Sie mich hören?«

»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.

»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand belauscht.«

Maria rückte näher.

»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie mich?«

»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.

»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn Monate.«

Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«

Maria lauschte mit weiten Augen stumm.

»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«

Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, »wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«

»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«

»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm gekommen, mit Fürst Grigorji?«