Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 7

Chapter 73,745 wordsPublic domain

Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren, stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.

»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits zu stellen habe.«

Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht, bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute Nacht.«

Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig, kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart auf Marias Schultern.

Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.

Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«

»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur –«

»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt. Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«

»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht hat.«

»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«

Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm Sinn, nicht gesellschaftlich.«

Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist, äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr orientiert ist. Stimmt das?«

Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«

»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«

»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«

Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«

»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«

»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«

»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«

Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will –«

»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.

Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«

Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«

Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.

Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«

Maria versprach es.

Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser kleiner Fisch.

Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen hatte.

In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: »Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«

Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es von neuem.