Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen
Chapter 6
Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen, und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück, zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine in ihr verborgene Magie.
Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher, menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den Kinderchen weiter ergangen ist.«
War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen, aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden. Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte, sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck taugliche Person empfahl.
Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert, Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen, daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück unbefangener Werbung.
So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist; unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine einfache Güte an sich.
Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge erschossen.
Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm. »Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz. Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen ihr verloren.
Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief; die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen. Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter. Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria lächelte.
Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt. Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich sind?
Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir, sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte ein klagender Chorgesang.
In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht, sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich nicht zu sagen.
Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben, heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang. Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit, wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria; »es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel, die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an. Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir, ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer, horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten. Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu kümmern.«
»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung der jungen Fürstin.
»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren. Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine unappetitliche Geschichte!«
»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen auch innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen zusammen und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher; »darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es geht an den Kragen.«
Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan. Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich, das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen. Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo’s ums Leben geht, hört sich die Billigkeit auf.«
Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und in Gottes Hand stehe man schließlich überall.