Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 20

Chapter 203,554 wordsPublic domain

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt zurückkehrte.

Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.

* * * * *

Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.

Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.

Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was ihn umgab.

Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die Pferde entführt waren.

Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber nicht als Verlorene.

Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen Ganzen.

Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch leer und sinnlos.

Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, etwas Unsagbares von Verkettung.

Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.

Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das Zimmer.

* * * * *

Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er starrte auf das tönerne Gefäß.

Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.

»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.

»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«

Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.

»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich mokieren, scheint mir ...«

Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«

Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr Doktor Sparre ...«

Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«

In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.

»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das Leben.«

Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.

Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«

Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.

Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.

Er schwieg.

»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind schläft spinnwebdünn heute.«

Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete er nieder und betete.

Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer nicht. Was wird werden, Graf?«

Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.

Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«

Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich heimbringen, sondern einen Sohn.«

»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau von Gravenreuth mit bleichen Lippen.

Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe werden und im Gesetz, denk ich.«

Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.

»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.

Jost

Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach zu ihm:

Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub des letzten Gerichts.

Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.

* * * * *

In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt Lieferungsgeschäfte anzutragen.

Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.

Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?