Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen
Chapter 2
Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich geworden ist, – aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter: Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist selber Auge.«
Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
* * * * *
Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare Erstmaligkeit.
Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt, umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten verwischt.
Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, wohin man kam.
Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
* * * * *
Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings im Lesen und Schreiben.
Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum vorhanden für ihn.
Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling, indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben. Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura, der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich später.
Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen gewirkten Vielfältigkeit.
Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er sah noch kein Ziel.
Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
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»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr vermittelnd dazwischen.
»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in ihm drin, der ganze Mensch.«
Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so weiß.«
Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
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