Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 18

Chapter 183,656 wordsPublic domain

Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«

»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter zeigten.

»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«

»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.

»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«

Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«

Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch ab,« sagte er scharf.

»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.

»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin verbindlich.

Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer Verbeugung.

Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.«

Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«

Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: »Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins Haus führen müssen?«

Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß brennt.«

»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.

Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«# Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.

* * * * *

Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie Schiffbrüchige.

Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«

Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in der Nacht herüberkommt.«

Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«

Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«

Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben wollen –«

Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«

Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde nachkommen.

Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«

Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.

Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.

Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...

Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.

Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine #bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.«

Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um den Arzt zu holen.

Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«

Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.

* * * * *

Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.

Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.