Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 17

Chapter 173,563 wordsPublic domain

Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.

Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.

Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?

Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.

Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.

Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.

An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«

Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.

Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.

Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter Barbara der Angstschweiß ausbricht.«

Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch viel leiser, und lief davon.

* * * * *

Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter allen Vieren richtete er Verwirrung an.

Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.

Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.

Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.

Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute nacht, wenn du willst.

Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.

Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins Netz.

In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.

Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose kränkt einen nicht.«

Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen dürfe.

Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto überfallen.

Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird schießen.«

»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«

Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu können.«

Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie Piquet zu spielen.

* * * * *

Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller wurde.

Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen müsse.

Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.

Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?

Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.

»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«

Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«

»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.

»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.

Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.

Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu fürchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.

* * * * *

Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.