Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 15

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Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«

Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.

Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein die Reise fortsetzte.

Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das Maß vor.

Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges Gespenst.

Man saß aufrecht und hielt sich bereit.

* * * * *

Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.

Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.

An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.

Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«

Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und anmutig, das reine Wunder.

Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.

* * * * *

Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner vollkommenen Diskretion.

Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so verdrießlich waren.

Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.

Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der Boreas auf alten Bildern.

»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. »Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet liegen.«

Ferry Sponeck seufzte.

Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«

Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.

Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man Geschrei, fernes Geschrei.«

»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. »Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«

Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

* * * * *

Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.

Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.

* * * * *

Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.

In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig schluckte.

Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«

Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.

Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst überzogen.

Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, sondern auch, weil man sie schonen müsse.

Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:

Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.

Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«

Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr schlimm.«

* * * * *

Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, oft Pein.

Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in sicherer Hut.