Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 14

Chapter 143,528 wordsPublic domain

Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.

Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.

Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.

Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.

In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug aus der Halle.

Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.

Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.

Ungnad

Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.

In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.

Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.

Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.

Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.

Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.

Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.

Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.

* * * * *

Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische Lobredner.

Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.

Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.

Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit dann wirklich machte.