Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Chapter 12

Chapter 123,517 wordsPublic domain

Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.

Lukardis

Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen vermocht hätte.

Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines zwischen Bretter geklemmten Stuhls.

Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.

Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis seine Kräfte den Transport erlauben würden.

Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der Gesellschaft sein.

Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.

Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.

Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches begangen habe.

»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.

»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«

»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.

»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände verschränkend.

Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.

»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«

»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. »Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«

Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.

Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«

Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.

Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht schreckte und daß sie schweigen durfte.

Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zurückkehrte.