Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen
Chapter 11
Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, – bitte.«
Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.
»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. »Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«
Golowin schwieg noch immer.
»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«
Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: »Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«
Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.
Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.«
»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.
»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack auf einer Sandbank.«
»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«
Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage der Magie.«
Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.
»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte Hand.«
»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, Feuer gibt oder nicht.«
»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; »gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir Liebe.«
Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«
»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin zu ihr hinüber.
»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie ernst. »Ein Leben lang.«
»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.«
Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.«
Sie schwieg.
»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd; »Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«
»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«
»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.
»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen gewesen sein; man muß gegraben haben.«
»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«
»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«
Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: »Glauben Sie an das Ende?«
»An welches Ende?«
»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«
Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«
»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.
»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«
»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«
Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«
»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«
Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der Golowin betroffen machte.
»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten Tones.
Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.
»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten Kehricht weg.«
»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit – und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und mordet; er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.
Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.
Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre sein. Ich kann warten.«
Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«
Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele andere überflüssig macht.«
»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete Maria.
Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«
»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«
»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«
»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand.
Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und du öffnest dich wie ein Kelch ...«
Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.
Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«
Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.
»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.
Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.
»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere Wege sich nie mehr kreuzen.«
»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.
»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«
Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.