Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen
Chapter 10
Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand aussieht.«
»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie werden mich dafür entschädigen.«
»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
Maria lächelte belustigt.
»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas Kissen.
Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
»Nur meine Meinung von mir selbst.«
»Sonst nichts?«
»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar sind.«
Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«
Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«
Er verschwand.
Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den Schwatzhaften endlich über die Schwelle.
Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.
Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche ebenfalls im Mond schimmerte.
»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.
Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: »Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that’s a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.«
Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?«
Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend. »Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. »Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief überliefern zu dürfen.«
»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.
»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber noch ein paar Nägel in den Deckel.«
»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die Wette,« bemerkte Maria.
»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«
»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.
»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine lange Hölle sie andern bereitet hatten.«
Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.
»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie weißer Bernstein.«
Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«
»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«
Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, seien Sie nicht lustig genug.«
»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«
Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«
Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«
Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«
Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«
Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: »Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«
»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.
»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«
Golowin starrte sie sprachlos an.