Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt

Part 6

Chapter 62,975 wordsPublic domain

Viele der Entstellungen entstehen freilich auch ohne Schuld des Apparates. Zuweilen sind solche durch nachlässiges Arbeiten der Beamten veranlaßt. So wurde ein berühmter Arzt auf eine nutzlose Reise geschickt durch ein Telegramm folgenden Inhalts: „Kommen Sie nicht zu spät.“ Das Ursprungstelegramm hatte gelautet: „Kommen Sie nicht, zu spät.“ Bei der Beförderung der Depesche wurde aber das Komma fortgelassen, und so erwuchs dem Empfänger die Unannehmlichkeit einer nutzlosen Reise. Andere Irrtümer entstehen dadurch, daß die Aufgeber sich eine zu kurze Abfassung des Telegramms gestatten. Diese ist, nebenbei bemerkt, auch Ursache, daß zuweilen im Privatverkehr ganz sonderbare Telegramme vorkommen, wie: „Onkel soeben gestorben, komme mit dem Kurierzug“; oder: „Geld erhalten, danke bestens, nächstens mehr“. Ein anderer, nicht weniger häufiger Fehler der Aufgeber ist schlechte Schrift. Einige gelungene Beispiele von hierdurch veranlaßten Entstellungen mögen diesen Abschnitt beschließen. Ein Kellermeister erhielt einst zu seiner großen Verwunderung von seinem Herrn den telegraphischen Auftrag, ihm sofort „~ten bobs~“ (zehn Faustschläge) zu senden, da er derselben dringend bedürfe. Die „~ten bobs~“ waren aber ursprünglich „~tin boxes~“ (zinnerne Büchsen). So telegraphierte auch gelegentlich der Versammlungen, welche vor einigen Jahren in Braemar periodisch stattfanden, ein Graf nach Edinburg, man möge ihm einen „~cocked hat~“ (Dreimaster-Hut) senden. „~Cocked hat~“ wurde indes zu „~coocked ham~“ (gekochter Schinken) gemacht, den man auch sogleich absandte, zu maßloser Überraschung und Entrüstung des hohen Herrn. Ein anderes Telegramm erhielt man mit folgendem Inhalt: „Bitte, schicken Sie mir Ihr Schwein (~pig~) an den Bahnhof entgegen“; es sollte heißen „~gig~“ (ein Wagen). In einem Falle hatte ein Telegraphenbeamter zu Philadelphia Quartier für eine Anzahl „~prisoners~“ (Gefangene), anstatt für ebensoviel ~persons~ (Personen) bestellt; ein anderer hatte in einer Depesche, in welcher eine auf Reisen befindliche Tochter, die von ihrer Mutter lange Zeit keine Nachricht erhalten hatte, ihre Besorgnis hierüber mit den Worten ausdrücken wollte: „ich bin ängstlich (~worried~)“, statt des Wortes „~worried~“ das Wort „~married~“ (verheiratet) substituiert. Diese der Mutter ganz unvorbereitet gekommene Mitteilung veranlaßte dieselbe, da sie sich durch eine so übereilige und selbständige Handlungsweise ihrer Tochter aufs tiefste verletzt fühlte, eine ganze Flut von eben nicht schmeichelhaften Herzensergießungen auf das Haupt der Unschuldigen auszuschütten. Ein anderer Schnitzer, der ernstlicherer Natur war und in Cleveland (Ohio), wohin die Depesche aufgegeben war, bedeutende Aufregung hervorrief, bestand darin, daß der Telegraphenbeamte in dem Telegramm sagte: Präsident Hayes „starb“ (~died~), während er sagen wollte: Präsident Hayes „dinierte“ (~dined~).

Fünftes Kapitel.

Der Telegraph als Verkehrsmittel[26].

Durch das erfolgreiche Zusammenwirken von Forschern und Erfindern war der Telegraph zwar zu einem äußerst praktischen Verkehrsmittel gestaltet worden; an einer allgemeinen Verwertung desselben im Dienste des öffentlichen Lebens fehlte indes noch viel.

Ein Haupthindernis bildeten schon die +hohen Gebühren+, welche für die Beförderung von Telegrammen festgesetzt waren. So enthält das erste preußische „Regulativ über die Benutzung der elektromagnetischen Staatstelegraphen seitens des Publikums“ vom 6. August 1849 einen „vorläufigen Tarif“, in welchem für jede Meile der Entfernung zwischen Aufgabe- und Bestimmungsort etwa 1½ Silbergroschen pro Wort berechnet sind. Nach diesem Tarif kostete ein einfaches Telegramm (20 Wörter) von Berlin nach Aachen (94 Meilen Linie) 5 Thlr. 6 Sgr., von Berlin nach Köln (84¾ Meilen) 4 Thlr. 20 Sgr. Für je 10 weitere Wörter wurde ein Viertel des ursprünglichen Betrags erhoben; zur Nachtzeit aufgegebene Telegramme kosteten das Doppelte. Ein in Berlin nach 9 Uhr abends für Aachen ausgeliefertes Telegramm von 50 Wörtern, das heute für 2,70 M. (27 Sgr.) befördert wird, kostete nach dem Tarif von 1849 18 Thlr. 6 Sgr. an Gebühren und 5 Sgr. an Bestellgeld, also 18 Thlr. 11 Sgr. oder 55,10 M.!

Auch in anderen Ländern stand es in dieser Beziehung anfangs nicht besser. In Frankreich z. B. war durch Gesetz vom 29. November 1850 ein Tarif aufgestellt worden, nach welchem für ein Telegramm von 20 Wörtern 3 Franken und außerdem 12 Centimen für je 10 km Entfernung erhoben wurden. Hiernach kam ein einfaches Telegramm von Calais nach Marseille etwa auf 17 Franken zu stehen.

Aber selbst abgesehen von den hohen Gebühren, die ja doch bald eine Ermäßigung erfuhren, so standen der allgemeinern Verwendung des Telegraphen gleichwohl noch eine Reihe anderer Hindernisse entgegen, teils +politischer+, teils +betriebstechnischer+ Art. Dieselben sollten indes nicht zu lange bestehen. „Die Telegraphie,“ sagt Fischer so schön, „ist ihrem Wesen nach ein internationales Institut. Vorzugsweise bestimmt, in weite Fernen zu wirken, und mit einer Kraft ausgerüstet, vor deren Schnelligkeit die Raumunterschiede des Erdballs zu verschwinden scheinen, kann der Telegraph nicht Halt machen vor den Hemmnissen, welche die politischen Abgrenzungen der Staaten dem Verkehr bereiten.“ Das Bestreben der Telegraphenverwaltungen zielte daher schon frühzeitig auf die Ausbildung +internationaler+ Einrichtungen, und diese Bemühungen waren denn auch, wie die folgenden Zeilen des nähern darthun werden, von dem glänzendsten Erfolge gekrönt.

Zunächst errichteten Preußen, Österreich, Bayern und Sachsen 1850 den +deutsch-österreichischen Telegraphenverein+, dem in den nächsten Jahren das übrige Deutschland und die Niederlande beitraten. In ähnlicher Weise schlossen sich die westlichen und südlichen Staaten Europas an Frankreich an. Beide Gruppen traten sodann durch einen 1852 von Preußen mit Frankreich und Belgien abgeschlossenen Vertrag in engere Beziehungen.

Der erste +internationale+ Kongreß wurde 1865 in +Paris+ abgehalten und war von 20 Staaten Europas beschickt. Er stellte namentlich gemeinsame Grundsätze für die Taxierung (+Zwanzig-Wort-Tarif+) und Abrechnung auf und brachte mehrere Erleichterungen in der Benutzung des Telegraphen. Als einheitlicher Apparat für den internationalen Dienst wurde der Morse-Apparat angenommen.

Ein weit umfassenderer Vertrag ward durch die im Juni und Juli 1868 in +Wien+ tagende +internationale Telegraphenkonferenz+ bearbeitet. Ein wichtiges Ergebnis dieser Konferenz war z. B. die innige Verbindung sämtlicher europäischen und asiatischen Telegraphenverwaltungen. Die bedeutsamsten Neuerungen aber waren die Zulassung des Hughes-Apparates für die Korrespondenz zwischen den Hauptplätzen der Vereinsstaaten, sowie die +Einrichtung des internationalen Bureaus der Telegraphenverwaltungen in Bern+. Letzteres besorgt unter anderem auch die Herausgabe des ausgezeichnet redigierten „~Journal télégraphique~“. Auch die nächsten Konferenzen (zu Rom 1871, St. Petersburg 1875, London 1879) haben die internationale Telegraphie einer immer vollkommenern Organisation zugeführt. Keine befriedigende Lösung fand indes auf all diesen Konferenzen die +Tariffrage+. Zwar hatte schon auf der Konferenz zu St. Petersburg der deutsche Generalpostmeister ~Dr.~ von Stephan auf die Unhaltbarkeit des damaligen Tarifwesens hingewiesen. Nachdem aber die Petersburger Konferenz in dieser Beziehung erfolglos verlaufen war, ging die deutsche Telegraphenverwaltung zunächst innerhalb ihres eigenen Gebietes mit einer grundlegenden Umgestaltung des Tarifwesens vor.

Mit dem 1. März 1876 trat im Deutschen Reiche an Stelle des Gebührensatzes für die Depesche von 20 Worten ein Tarifsystem in Kraft, nach welchem die Taxe für das Telegramm aus zwei Teilen zusammengesetzt ist: einer festen, von der Länge des Telegramms unabhängigen Gebühr -- der Grundtaxe (20 Pf.) -- und der für die einzelnen Wörter zu entrichtenden Worttaxe von 5 Pf.

Dieses Worttarifsystem hat sich sehr bald sowohl für das Publikum, wie für die Verwaltung als durchaus vorteilhaft bewährt; für ersteres, indem es demselben gestattet, die Depesche so kurz zu fassen, als es seinem Korrespondenzbedürfnis entspricht, für letztere, indem der Telegraph von dem Ballaste überflüssiger Zeichen befreit und eben dadurch in den Stand gesetzt wird, in derselben Zeit einer größern Zahl von Menschen dienstbar zu sein. In der That betrug denn auch 1875 die Länge eines Telegramms im innern Verkehr durchschnittlich 18,32 Wörter, +nach+ Einführung des Worttarifs aber 1876 14,24, 1880 12,14 und 1881 gar nur noch 11,90 Wörter.

Der deutsche Worttarif fand aber auch bei den Nachbarstaaten sehr bald Anklang; so brachten die Schweiz, Frankreich und Österreich-Ungarn schon in den nächsten Jahren denselben im innern Verkehr zur Anwendung.

Auf diese Erfolge gestützt, hat die deutsche Telegraphenverwaltung der fünften Telegraphenkonferenz in London 1879 Vorschläge zur einheitlichen Regelung des Tarifwesens innerhalb der europäischen Staaten unterbreitet. Die Hauptanträge lauteten:

1. Der Tarif für das +internationale europäische+ Telegramm setzt sich zusammen: ~a.~ aus einer festen Gebühr von 50 Centimen, ~b.~ aus einer Gebühr für jedes Wort von 20 Centimen.

2. Jede Verwaltung bezieht ungeteilt die Gesamtgebühren für die aus ihrem Gebiete herrührenden Telegramme und bestreitet daraus die etwaigen Land- und See-Transit-Gebühren.

Diese Vorschläge bedeuteten eine durchgreifende Reform des ganzen Telegraphenwesens. Nicht nur wurde hierdurch an Stelle vielfältiger und abweichender Tarifsysteme eine einheitliche Grundlage für die Tarifbildung und gleichzeitig eine wesentliche Herabsetzung der Gebühr für die internationale Korrespondenz erstrebt, sondern auch das bisherige weitläufige und verwickelte Abrechnungswesen zwischen den bei der Beförderung beteiligten Staaten mußte durch die Einführung des auch im Weltpostverein glänzend durchgeführten Ausgleichungsgrundsatzes teils ganz beseitigt, teils außerordentlich vereinfacht werden. Es kam indes auf der Londoner Konferenz nur zu einer Würdigung der gemachten Vorschläge, nicht aber zu deren Annahme; dagegen wurde die allgemeine Durchführung des Worttarifs einstimmig angenommen.

Auf der +sechsten internationalen Telegraphenkonferenz zu Berlin+ im Jahre 1885 wiederholte die deutsche Reichs-Telegraphenverwaltung ihre Anträge. Die Vorbedingungen zu einem Erfolge waren aber auch diesmal nicht gerade vielversprechende, namentlich wenn man erwägt, daß es zur Einführung der in Aussicht genommenen Umformung der Grundlagen des Tarifierungssystems der +Einstimmigkeit+ aller vertretenen Verwaltungen bedurfte. Gleichwohl gelangte die Telegraphenkonferenz in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem nach mehrfacher Richtung hin günstigen Ergebnisse. Zwar wurde nicht die deutscherseits ursprünglich ins Auge gefaßte Gleichmäßigkeit der Gesamtgebühr für die internationale telegraphische Korrespondenz innerhalb Europas (bei gleicher Wortzahl der Telegramme natürlich), wohl aber die Gleichmäßigkeit der seitens der einzelnen Verwaltungen für die europäische Korrespondenz zur Erhebung kommenden Wortgebühr erreicht. Ferner kam der reine Worttarif zur Geltung, indem sowohl die Grundtaxe, als auch jene mit der Grundtaxe gleichbedeutende Zuschlagsgebühr von fünf Worten zur wirklichen Wortzahl der Telegramme abgeschafft wurde.

Für den +außereuropäischen+ Verkehr gelang es, dank dem opferwilligen Vorgehen einzelner Verwaltungen und dem Entgegenkommen verschiedener Kabelgesellschaften, für eine Anzahl außereuropäischer Beziehungen, beispielsweise für die Korrespondenz mit Indien, Japan und Brasilien, erhebliche Gebührenermäßigungen zu erzielen; für andere, nicht minder wichtige Verbindungen stehen Herabsetzungen der Taxen in bestimmter Aussicht.

Als Zeitpunkt für das Inkrafttreten der Beschlüsse der Telegraphenkonferenz wurde der 1. Juli 1886 festgestellt, als Ort des Zusammentritts der nächsten für das Jahr 1890 in Aussicht genommenen internationalen Telegraphenkonferenz die Stadt Paris gewählt.

Gegenwärtig umfaßt der +internationale Telegraphenverein+ folgende Gebiete: Deutschland, Österreich, Ungarn, die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg, Belgien, Frankreich mit Algier und Tunis, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Rußland mit Kaukasien und Russisch-Asien, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Türkei mit Türkisch-Asien, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Persien, Britisch-Indien, Birma, Siam, Französisch-Cochinchina, Niederländisch-Indien, Japan, Ägypten, das Kapland, Natal, Senegambien, Brasilien, Victoria, Südaustralien, Neu-Südwales, Tasmania und Neu-Seeland. Auch die +Commercial Cable Company+ ist dem Verein beigetreten. (Siehe die Karte.)

Sechstes Kapitel.

Statistik des Telegraphenwesens[27].

=1. Stand des Telegraphenverkehrs in Europa für das Jahr 1882.=

=Staatstelegraphen.=

+---------------+----------------------------------- | Länge (in km) | Anzahl der Länder. +-------+-------+----------+---------+-------------- |der |der |Stationen.|Apparate.|aufgelieferten |Linien.|Drähte.| | |Telegramme. -------------------+-------+-------+----------+---------+-------------- Deutschland |74313 |265058 | 10803 |14174 |15091576 Großbritannien u. | | | | | Irland |43632 |213254 | 5747 |15107 |30652277 Frankreich |75091 |232451 | 6319 | 9217 |23987237 Rußland, | | | | | europäisches |94057 |173547 | 2824 | 2962 | 9059470 Italien |27788 | 93974 | 2590 | 2789 | 6251593 Österreich |23545 | 63525 | 2696 | 3812 | 5135554 Türkei, | | | | | europäische |23388 | 41688 | 464 | 1240 | 1133286 Spanien |21094 | 46223 | 647 | 803 | 2425335 Ungarn |14569 | 37706 | 1173 | 1697 | 2558025 Belgien | 6147 | 29122 | 855 | 1487 | 2892577 Schweden | 8373 | 20433 | 823 | 955 | 840391 Schweiz | 6743 | 16335 | 1160 | 1698 | 2308774 Norwegen | 7574 | 13757 | 300 | 467 | 719365 Niederlande | 4132 | 15486 | 443 | 562 | 2553510 Dänemark | 3653 | 10105 | 316 | 313 | 721478 Rumänien | 4621 | 9636 | 214 | 510 | 1041518 Portugal | 4469 | 11335 | 220 | 360 | 544665 Griechenland | 4667 | 5743 | 112 | 195 | 485186 Serbien | 2252 | 3258 | 68 | 127 | 224887 Luxemburg | 310 | 536 | 63 | 38 | 53036 Montenegro (1880) | 338 | 338 | 15 | 15 | ? Bulgarien | 2498 | 3503 | 44 | 95 | 237408 Bosnien-Herzegowina| 2492 | 4758 | 88 | 112 | 298603 -------------------+-------+-------+----------+---------+-------------- +Europa+ (rund) |455746 |1311774| 37984 |58825 |109215721

Nach dieser Tabelle besitzt in Europa die größte +Länge der Linien+ +Rußland+ mit 94057 km; ihm kommen zunächst Frankreich mit 75091 und Deutschland mit 74313 km. Die geringste Länge der Linien findet sich in Luxemburg (310 km) und Montenegro (338 km). -- Wesentlich anders als bezüglich der Länge der Linien gruppieren sich die Staaten hinsichtlich der +Länge der Drähte+. Hier kommt in erster Linie das +Deutsche Reich+ mit 265058 km; daran reihen sich Frankreich mit 232451 und Großbritannien und Irland mit 213254 km. Rußland mit 173547 km erscheint hier erst an vierter Stelle. In letzter Reihe stehen auch nach diesem Gesichtspunkte Montenegro (338 km) und Luxemburg (536 km).

Die meisten Telegraphen+stationen+ weist in Europa das +Deutsche Reich+ auf: 10803; in den beiden nachfolgenden Staaten, Frankreich und Großbritannien mit Irland, sinkt deren Zahl schon auf 6319, beziehungsweise 5747. Österreich-Ungarn besitzt 3869, Rußland 2824.

Die wenigsten Telegraphenanstalten zählen Bulgarien (44) und Montenegro (15)[28].

Im Besitze der meisten +Apparate+ ist in Europa +Großbritannien+ und +Irland+; es hat deren 15107. Ihm kommt ganz nahe Deutschland mit 14174. Frankreich verfügt über 9217, Österreich-Ungarn über 5504 und Rußland über 2962. Die wenigsten Apparate weisen aus: Montenegro (15) und Luxemburg (38).

Das meistgebräuchliche +System+ ist das +Morse+sche. Nach der Statistik, die nach offiziellen Dokumenten des internationalen Telegraphenbureaus zu Bern für das Jahr 1883 zusammengestellt worden ist, waren auf dem ganzen Erdenrunde (es fehlen nur die Privatgesellschaften Nordamerikas) 65543 Telegraphen-Apparate im Betriebe, darunter 42830 Morse-, 1665 Hughes-Apparate und 19048 verschiedener Systeme.

Die höchste +Zahl der Depeschen+ trifft auf +Großbritannien+ und +Irland+: 30652277. Ihm zunächst stehen Frankreich mit 23987237 und Deutschland mit 15091576. Hieran reihen sich Rußland mit 9059470 und Österreich-Ungarn mit 7693579 Depeschen. Die geringste Zahl von Depeschen trifft auf Luxemburg (53036).

Wie überall, so sind auch im Telegraphenverkehr die +relativen Zahlen+ von weit größerem Interesse als die +absoluten+. Erstere sind ja gewissermaßen ein +Gradmesser+ der Verkehrsbewegung, +ja der Kultur selbst+. Die Tabelle (S. 47) giebt uns hierüber nähern Aufschluß.

Die hohe Entwicklung des Telegraphennetzes in den einzelnen Ländern Europas veranschaulicht uns in nachstehender Tabelle vor allem die Angabe, +auf welchen Flächenraum eine Telegraphenanstalt entfällt+. In dieser Beziehung zeichnen sich unter den Staaten Europas vor allem +Belgien+ und die +Schweiz+ aus. Es befindet sich nämlich in Belgien schon auf 34,5 qkm und in der Schweiz auf 35,7 qkm ein telegraphisches Bureau. Am weitesten sind in dieser Hinsicht zurück Rußland, Bulgarien und Norwegen, wo ein Bureau erst auf 1908,5, beziehungsweise 1409,6 und 1060,6 qkm entfällt.

=Relativer Stand des Telegraphenverkehrs in den europäischen Staaten=

im Zusammenhange mit den maßgebenden Elementen.

A: Zahl der auf eine Station entfallenden qkm B: „ „ „ „ „ „ Einwohner. C: Länge (in km) der auf 100 qkm entfallenden Linien. D: Zahl der aufgelieferten Telegramme auf 100 Einwohner. E: Auf 1000 Einwohner kommen Besucher der Volksschule.

+--------+-------+-------+------+---- Länder. | A | B | C | D | E -------------------------+--------+-------+-------+------+---- Großbritannien und Irland| 55,1 | 6141 | 137,7 | 86,9 | 123 Schweiz | 35,7 | 2441 | 162,9 | 81,5 | 157 Frankreich und Corsica | 83,6 | 5952 | 142,1 | 63,7 | 133 Niederlande | 74,2 | 9420 | 125,7 | 61,2 | 134 Belgien | 34,5 | 6533 | 208,7 | 51,8 | 126 Norwegen | 1060,6 | 6410 | 23,8 | 37,4 | 135 Dänemark | 125,4 | 6268 | 94,7 | 36,4 | 123 Deutschland | 49,9 | 4187 | 138 | 33,4 | 157 Luxemburg | 41,1 | 3327 | 119,8 | 25,6 | 142 Bosnien-Herzegowina | 693,9 | 13164 | 40,8 | 25,8 | 28 Griechenland | 565,1 | 17619 | 73,7 | 24,6 | 50 Österreich | 111,3 | 8214 | 78 | 23,2 | 107 Italien | 114,4 | 11178 | 93,8 | 21,6 | 73 Rumänien | 748,4 | 23551 | 28,9 | 20,7 | 22 Schweden | 538,1 | 5556 | 19 | 18,4 | 146 Türkei | 565,5 | 14294 | 89,1 | 17,1 | -- Ungarn | 285,7 | 13308 | 45,2 | 16,4 | 110 Spanien | 783,7 | 25860 | 41,6 | 14,5 | 106 Serbien | 715,5 | 25294 | 46,3 | 13,1 | 22 Portugal | 419,3 | 20685 | 48,4 | 12 | 46 Bulgarien | 1409,6 | 45431 | 40,3 | 11,9 | 66 Rußland, europäisches | 1908,5 | 29624 | 17,4 | 10,8 | 23 Montenegro (1880) | 628,9 | 19067 | 35,8 | ? | -- +--------+-------+-------+------+---- +Europa+ (rund) | 258 | 8635 | 46 | 33 | --

Was die +Dichtigkeit+ des Telegraphennetzes betrifft, so befindet sich unter den Ländern Europas +Belgien+ mit 208,7 und die +Schweiz+ mit 162,9 km Linien auf je 100 qkm in der günstigsten Lage. Die geringste Dichtigkeit des Netzes zeigen Norwegen mit 23,8, Schweden mit 19 und Rußland mit 17,4 km Linien auf je 100 qkm.

In Bezug auf die +Leistungen+ im Telegraphendienst übertrifft in Europa +Großbritannien+ und +Irland+ alle anderen Staaten. Es kommen dort jährlich 86,9 Telegramme auf je 100 Einwohner. Demnächst ist der Verkehr am stärksten in der Schweiz mit 81,5. Am geringsten ist der telegraphische Verkehr in Europa in Portugal, Bulgarien und Rußland, wo 12, beziehungsweise 11,9 und 10,8 Depeschen auf je 100 Einwohner entfallen.

Der innere Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der telegraphischen Korrespondenz und dem allgemeinen Bildungsgrad der Bevölkerung tritt namentlich dann hervor, wenn man den in unserer Tabelle dargestellten Besuch der Volksschule mit der Relativzahl der Telegramme in Vergleich zieht. Freilich wirken hierbei auch specifische und lokale Umstände mit; die hohe Verhältnisziffer der Schweiz, 81 Depeschen auf 100 Einwohner, läßt sich z. B. auf die Lebhaftigkeit des +Fremdenverkehrs+ in diesem Versammlungsraum aller Nationen zurückführen; in England (87 Depeschen auf 100 Einwohner) ist es die Mächtigkeit der Handelsbewegung einzelner Centralplätze, welche trotz der Höhe des Tarifs die Verkehrsentwicklung beeinflußt.

Die nachfolgende Übersicht zeigt (nach +Veredarius+) den Bestand an Telegraphen-Linien und -Leitungen in den wichtigsten Ländern Europas nach dem Stand des Jahres 1884 (soweit nicht anders angegeben) nebst einigen Vergleichszahlen.

A: Telegraphen-Linien (einschließlich der Eisenb.) km B: „ Leitungen „ „ „ km C: Telegr.-Anst. (einsch. der d. Privatverk. geöffneten Eisenbahn-Telegr.-Anst.) D: Eine Telegraphenanstalt entfällt auf qkm E: „ „ „ „ Einw.

+-------+-------+------+--------+------ Länder. | A | B | C | D | E ------------------------------+-------+-------+------+--------+------ Belgien | 6299| 30934| 885| 33,3 | 6464 Dänemark mit den Faröern | 5902| 15157| 350| 113,2 | 5659 Deutschland | 100889| 357389| 12478| 43,2 | 3625 Frankreich | 98058| 353390| 8089| 65,3 | 4657 Großbritannien und Irland | 45355| 250465| 6027| 52,6 | 5967 Italien | 29374| 103256| 2915| 101,6 | 9930 Niederlande | 6932| 23429| 562| 58,5 | 7613 Norwegen | 8959| 16036| 314| 1013,4 | 6182 Österreich | 37807| 98094| 2903| 103,3 | 7628 Portugal m. Madeira u. Azoren | | | | | (1883) | 4871| 11611| 237| 389,2 | 19201 Rußland, europäisches (1883) | 123996| 237133| 2960| 1820,9 | 28263 Schweden | 12618| 31734| 856| 517,3 | 5378 Schweiz | 8234| 21583| 1214| 34,1 | 2333 Spanien | 26105| 64075| 882| 574,9 | 18970 Türkei, europäische (1882) | 23388| 41688| 464| 565,5 | 14294 Ungarn | 16543| 61619| 1349| 231,5 | 11595 ------------------------------+-------+-------+------+--------+------ In ganz +Europa+ (einschl. der| | | | | in obiger Übersicht nicht | | | | | aufgeführten Länder, rund) | 575000|1748000| 43100| 227,5 | 7657