Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt
Part 18
Die Sammlung des Postmuseums in Berlin enthält über 5000 verschiedene Arten von Postwertzeichen, von denen allein in Europa über 2500 ausgegeben wurden. Das Zimmer, in welchem dieselbe untergebracht ist, erfreut sich stets eines außerordentlichen Zuspruchs, wenn die Räume des Museums dem Publikum zugängig sind. „Gefährlich geradezu aber wird der Ansturm,“ wie Ferdinand Hennicke launig sagt, „wenn die Berliner Schulen Ferien haben. Dann marschiert Jung-Deutschland geschlossen in das betreffende Zimmer ein und wankt und weicht nicht von den philatelistischen Schätzen, bis die Glocke den Schluß der Vorstellung verkündet.“
Eines der bedeutendsten Hilfsmittel für den Sammler von Fach ist das Katalog-Album von Arthur Maury, ein mit wirklicher Gelehrsamkeit geschriebenes Buch.
3. +Die Postkarte[108].+ Die erste Idee zur Einführung von Postkarten ist von dem jetzigen Leiter des deutschen Reichspostwesens, Staatssekretär ~Dr.~ v. Stephan, ausgegangen. Derselbe hatte schon in seiner Dienststellung als Geheimer Postrat beim frühern preußischen Generalpostamte letzterem einen bezüglichen Vorschlag unterbreitet, war aber damit nicht durchgedrungen. Diese Denkschrift datiert vom Oktober 1865. Sie kam in Karlsruhe auf der fünften Postkonferenz zur Sprache und erweckte das besondere Interesse des geistreichen, weitblickenden Sektionsrats Kolbensteiner, des spätern österreichischen General-Post- und Telegraphendirektors. Durch dessen Einfluß und unter der Fürsprache des Professors ~Dr.~ Herrmann an der Militärakademie zu Wiener-Neustadt trat die Postkarten-Einrichtung für die österreichisch-ungarische Monarchie am 1. Oktober 1869 ins Leben. Die neuen Karten entsprachen völlig dem von ihrem Erfinder ~Dr.~ v. Stephan schon im Jahre 1865 ausgesprochenen Gedanken. Der sofortige Konsum in Österreich stellte sich für ein einziges Quartal auf 2930000 Stück. Deutschland führte die Postkarte im Juni 1870 ein. Die erste Ausgabe der +norddeutschen+ Postkarten fand in Berlin am 25. Juni 1870 statt. Ein wie großes Verlangen nach dem neuen Verkehrsmittel sich geltend machte, und wie sehr dieses einem wirklichen Bedürfnis entsprach, geht daraus hervor, daß die Zahl der allein an diesem +einen+ Tage in Berlin abgesetzten Postkarten 45468 Stück betrug.
Von nah und fern, sogar aus dem Westen Amerikas, gingen dem Generalpostamte nach Ausgabe der ersten Postkarten Danksagungsschreiben zu, mittels deren die Absender ihrer Freude über die neue Einrichtung Ausdruck verliehen. Besonders aber erwies sich die Postkarte im deutsch-französischen Krieg als ein ganz unschätzbares Hilfsmittel, in bündiger und gedrängter Kürze Nachrichten von einem beginnenden Kampfe oder von einer glücklich überstandenen Schlacht in die Heimat gelangen zu lassen. Von den Truppen wurde auch in der That von den Postkarten der umfassendste Gebrauch gemacht. Auf rund zehn Millionen beziffert sich die Zahl der bis Ende Dezember 1870 zwischen den Truppen und den Angehörigen in der Heimat gewechselten Karten. Jeder Postzug führte Massen von Postkarten mit sich, welche zum Teil auf den Schlachtfeldern auf den Rücken der Kameraden geschrieben worden waren, um den Angehörigen in der Heimat sogleich nach den gewaltigen Katastrophen die ersehnten Nachrichten über das Ergehen der Ihrigen zu bringen. Wie manche Thräne der bangenden Ungewißheit ist in jener Zeit durch den Eingang einer Karte getrocknet worden; wie manche verzweifelnde Gattin hat durch sie Trost und Beruhigung gefunden!
Die französische Regierung der nationalen Verteidigung folgte am 29. September 1870 sofort dem Beispiele Deutschlands; dann kamen nach dem Kriege die französischen Karten wieder in Fortfall, und erst Anfang 1873 wurden sie wieder eingeführt. Luxemburg dekretierte die Postkarten am 1. September 1870, die Schweiz am 23. Juli 1870, Großbritannien am 1. Oktober 1870, Belgien und die Niederlande am 1. Januar 1871, Dänemark am 1. April 1871, Finnland im Juni 1871, Schweden und Norwegen am 1. Januar 1872, Rußland an eben demselben Tage, Spanien verfügte die Postkarten-Einrichtung am 1. Dezember 1873, ebenso Serbien und Rumänien. Italien folgte am 1. Januar 1874, Griechenland 1876, Türkei 1877, Portugal 1878. Zu den einfachen Postkarten kamen bald solche mit +Antwortkarten+.
Das Reichspostamt hat von Privatpersonen mehrfach Proben erhalten, wieviel auf dies handgroße Blatt Papier geschrieben werden kann. Eine dieser Postkarten enthält, wenn auch mit einiger Mühe, so doch immer noch lesbar, mit Tinte geschrieben, die Gedichte: „Der Gang nach dem Eisenhammer“, „Der Graf von Habsburg“, „Der Handschuh“ und „Das Mädchen aus der Fremde“, was nach der Angabe des Einsenders eine Summe von 4255 Worten darstellt. Ein noch größeres Kunststück aber hat, Zeitungsnachrichten zufolge, ein Korporal in Hermannstadt geliefert, der auf die Rückseite einer einzigen Postkarte 8777 Worte geschrieben haben soll. Wenn diese Ergebnisse schon bei gewöhnlicher Schrift erzielt worden sind, so läßt sich denken, wie viel mehr noch die Postkarte ausgenutzt werden kann, wenn man die Stenographie zu Hilfe nimmt. In dieser Beziehung hat wohl ein englischer Stenograph das denkbar Möglichste geleistet; derselbe brachte es zuwege, auf eine großbritannische Postkarte, die der deutschen noch dazu an Größe nachsteht, 33363 Worte zu schreiben.
Das Reichspostmuseum in Berlin enthält eine Postkarte, welche die Reise um die Welt gemacht hat. Aufgegeben in Chemnitz am 12. November 1878 und zum Zwecke anderweiter Adressierung und sofortiger Weitersendung an die betreffenden auswärtigen Konsulate gerichtet, ist die Karte an ihrem Abgangsort am 11. März 1878, mithin nach 119 Tagen, wieder eingetroffen. Die betreffende Karte nahm ihren Weg über Neapel, Alexandrien, Suez, Shanghai, Nagasaki, Yokohama, San Francisco, Philadelphia, New-York und Queenstown.
Dasselbe Museum enthält auch eine Sammlung aller seit Einführung der Postkarten amtlich ausgegebenen Formulare. Die +kleinsten+ aller Postkarten sind die der Insel +Neufundland+, welche eine Länge von 11,4 cm bei einer Breite von 7 cm haben. Die deutschen Sind um 3,0 cm länger und 1,8 cm höher. Daß überhaupt die Postkarten aller Länder in ihrer äußern Form so viel wie möglich übereinstimmen, ist eine Folge des Postvertrages, durch welchen festgestellt ist, daß sie eine bestimmte Größe, nämlich 14 cm in der Länge und 9 cm in der Breite, nicht überschreiten dürfen.
Wegen ihrer +Ausstattung+ bemerkenswert sind die ebenerwähnten Postkarten der Insel +Neufundland+. Die aus weißem Papier hergestellten, mit Randverzierungen geschmückten Formulare tragen in grüner Farbe den Vermerk „~Newfoundland~“ und „~Post-Card~“ auf einem netzartigen, fein ausgeführten Untergrunde, welch letzterer von einem aus der linken untern Ecke der Karte ausgehenden und über die ganze Fläche sich ausbreitenden Strahlenbündel durchschossen ist. Einen nicht weniger bunten Anblick gewähren die Karten der Republik +Guatemala+ mit schwarzem Druck auf Chamois-Papier. Sie führen in der Mitte der obern Hälfte ihrer Vorderseite einen Frauenkopf in ovalem Rahmen (mit der Umschrift „~¼ Quartillo real~“), welcher mit Arabesken von Blätterwerk umgeben ist, und unter dem sich in verziertem Druck die Angabe „~Cartas postales de la Republica de Guatemala~“ befindet. Ferner sind hier noch die +Helgoländer+ weißen Welt-Postkarten zu 10 Pf. zu erwähnen, welche mit ihrer Umrahmung zusammengeknoteter Taue und ihren aus stiller See aufsteigenden Felsblöcken, die sich zu den einzelnen Buchstaben des Wortes „Helgoland“ zusammensetzen, zugleich bildlich ihren Ursprung von dem kleinen Eilande zur Anschauung bringen. Über „Helgoland“ steht „~Union postale universelle~“ und links in der obern Ecke das helgoländische Wappen mit einem Wimpel, welcher den Wertstempel von 5 ~farthings~ trägt. Daß der Wertstempel in der obern linken Ecke steht, findet man sonst nur bei den Briefkarten von Italien und der Schweiz. Bei denjenigen von Cuba, Guatemala, Portorico und Spanien befindet er sich oben in der Mitte. Alle anderen Briefkarten sind in der rechten obern Ecke gestempelt. Betreffs der Postkarten mit Antwort ist noch erwähnenswert, daß diejenigen von Finnland und Schweden sich von denen anderer Länder dadurch unterscheiden, daß sie nicht an der breiten, sondern an der schmalen Seite gespalten sind.
Seitdem in Deutschland auch die von der +Privatindustrie+ hergestellten Postkarten verwendet werden dürfen, ist den Korrespondenten das denkbar größte Maß von Bequemlichkeit gewährt. In allen größeren Städten stehen gegenwärtig in bedeutenderen Papiergeschäften Postkarten zum Verkaufe, die auf ihrer Rückseite die Mitteilungen für ganz bestimmte Zwecke gleich vorgedruckt enthalten und von den Absendern nur noch mit der Aufschrift zu versehen sind.
Wenn auch vielen der erwähnten Karten eine tiefere Bedeutung nicht zuzumessen ist, so zeigt doch, neben dem wahrhaft riesigen Verbrauch der gewöhnlichen Karten, ihr Vorhandensein und ihre immerhin nicht unbedeutende Benutzung ebenfalls, wie sehr die Postkarte beliebt geworden, und wie die Erwartungen, welche der Erfinder der Postkarte in seiner Denkschrift an sie knüpfte, sich nicht allein erfüllt haben, sondern in Wirklichkeit noch übertroffen wurden.
Von Nachteil ist der massenhafte Verbrauch von Postkarten nur für die Kunst der „Briefstellerei“; wird sie doch schon jetzt als eine verlorene Kunst beklagt.
Zum Schlusse sei noch erwähnt, wie in den ersten Monaten nach Einführung der Postkarte dieselbe zu tausenderlei üblen und losen Streichen benutzt wurde. Besonders zeigte sich das muntere und lebenslustige Wien anfangs unerschöpflich in der Ausbildung des neuen Genres der „Korrespondenzkarten-Witze“.
4. +Die Zeitungen+[109]. Zeitungen kennt bereits das Altertum. Das erste Bild einer solchen haben wir in den römischen ~Annales maximi~, und der Urvater aller Journalisten ist der ~Pontifex maximus~. Nicht lange nach Gründung der Stadt Rom nämlich, wahrscheinlich unter Numa, wurde es dem Oberpriester zur Pflicht gemacht, die Chronik, welche er zu führen verbunden war, auf eherne Tafeln zu schreiben und öffentlich auszustellen, so daß jeder aus dem Volke sich über das kürzlich Vorgefallene regelmäßige, vielleicht wöchentliche Kunde einholen konnte, und nicht bloß das Geschehene allein gelangte auf diese Weise zur Veröffentlichung, auch Bestimmungen der Regierung wurden angeschlagen, so daß die ~annales maximi~ auch den Charakter einer +offiziellen+ Zeitung an sich trugen.
Wohl durch vier bis fünf Jahrhunderte blieb die ursprüngliche Form unverändert, bis endlich die Abfassung dieser Zeitung mit dem Oberpriester P. Mucius ein Ende nahm und dieselbe durch ein Tageblatt, die ~Acta populi romani diurna~, ersetzt wurde, denen sich unter Cäsar noch die ~Acta senatus~ zugesellten.
Das Volk wurde jetzt von den täglichen Vorgängen, namentlich von allen wichtigen Beratungen und Beschlüssen des Senates, in Kenntnis gesetzt, und so sehen wir tatsächlich zu Anfang unserer Zeitrechnung Rom im Besitze von zwei eminent politischen Zeitungen.
Mit dem Eintritt der Kaiserzeit verschmolzen die bisher bestehenden zwei Zeitungen in +eine Staatszeitung+. Leider blieb uns kein Exemplar derselben erhalten, doch sind wir durch ihr entnommene Anführungen gleichzeitiger Schriftsteller über deren Inhalt genügend unterrichtet. Die Kriegsnachrichten fehlten z. B. niemals. Die Schlachten und Erstürmungen eingenommener Plätze waren ausführlich gegeben. Gladiatorenkämpfe, wunderbare Naturerscheinungen, Volksfeste fanden darin ihre Beschreibung. Der größte Teil der Staatszeitung war aber mit Hofnachrichten gefüllt; Feste und Ceremonien ebenso, wie die Reisen des Kaisers waren ausführlich geschildert, sein Lob und Preis passenden und unpassenden Orts angebracht. Auch das Inseratenwesen scheint schon bestanden zu haben; denn die Staatszeitung veröffentlichte nicht nur die öffentlichen Versteigerungen und Bauunternehmungen, sondern auch Privatmitteilungen von Sterbefällen, Hochzeitsanzeigen u. s. w. Im +wesentlichen+ stimmte demnach die römische Staatszeitung mit unseren +heutigen+ Blättern überein.
Mit dem Verfalle Roms verfiel auch das Zeitungswesen, und unter den Trümmerhaufen, in welche die wiederholten Einfälle unserer Vorfahren die Stadt verwandelten, wurde und blieb das Zeitungswesen begraben.
Ein schwacher Wiederschein desselben glänzte indes noch einige Zeit hindurch am Hofe von Byzanz, wo sich die Schmeichelei der Höflinge in den ~Breviaria principum~ und ~Registra scribarum~ ablagerte. Aber auch dieses letzte Aufflackern des Lebensgeistes der Zeitung erlosch, als jene furchtbare Zeit über Europa hereinbrach, die für Jahrhunderte den Boden aller Länder mit Blut tränkte, überall die Schrecken des Krieges und Mordes, der Verwüstung und Zerstörung verbreitete und alle Völker aus ihren Wohnsitzen vertrieb.
Zu einer Neubelebung des Zeitungswesens kam es erst wieder mit der Erfindung der Buchdruckerkunst. Bis auf diese Zeit waren wie im Altertum heimkehrende Krieger oder länderdurchziehende Sänger die Neuigkeitsträger.
Was nun die Anfänge +unseres+ Zeitungswesens betrifft, so haben wir diese in den +brieflichen Mitteilungen+ zu suchen, welche die größeren Kaufleute Augsburgs, Nürnbergs, Hamburgs und anderer Städte durch festbesoldete Korrespondenten von den bedeutendsten auswärtigen Plätzen sich zusenden ließen. Diese Briefe enthielten nämlich nicht bloß Geschäftliches, sondern es waren ihnen auf besonderen Blättern auch politische Nachrichten beigefügt. Die letzteren wurden bald auch gedruckt und als +fliegende Blätter+ in weiteren Kreisen verbreitet. Das älteste derartige bis jetzt bekannte +Flugblatt+ stammt aus dem Jahre 1493. Diese unregelmäßig gemachten Mitteilungen befriedigten indes nicht lange. Die durch die Reformation in Deutschland hervorgerufenen Ereignisse haben das Bedürfnis nach regelmäßig und öfters erscheinenden Blättern geweckt und so deren Entstehung veranlaßt. Die +älteste, in regelmäßigen Fristen+ herausgegebene +Zeitung in deutscher Sprache+ ist 1609 in Straßburg i. E. erschienen[110]. Ihr Titel lautet wie folgt:
„Relation aller Fürnemmen und gedenkwürdigen Historien, so sich hin und wider in Hoch und Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott und Engelland, Hispanien, Hungarn, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türkey etc. Inn diesem 1609. Jahr verlauffen und zutragen möchten. Alles auff das trewlichst, wie ich solche bekommen und zu wegen bringen mag, in Truck verfertigen will.“
Als +zweitälteste deutsche Zeitung+ ist die von +Egenolf Emmel+ 1615 herausgegebene +Frankfurter Zeitung+ zu betrachten. Die drittälteste Zeitung Deutschlands begründete 1617 der Frankfurter Postmeister von den Birghden. In demselben Jahre erschienen noch eine Zeitung in +Berlin+ und die „Frankfurter Postavisen“. Aus dem Jahre 1618 stammt der „Fuldaische Postreiter“. Die älteste Zeitung, die in Nürnberg erschienen und uns erhalten ist, trägt die Jahreszahl 1620, und die erste Zeitung, die von Hamburg ausgegangen, gehört in das Jahr 1631. In Wien sollen gleichfalls schon frühe Zeitungen entstanden sein, doch datieren die aus frühester Zeit noch erhaltenen Zeitungsexemplare erst aus dem dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Die ersten Zeitungen in München wurden wohl 1628, beziehungsweise 1629 ausgegeben; sie heißen „Wöchentliche Ordinari-Zeitungen“, beziehungsweise „Ordentliche Wochentliche Postzeitungen“. Auch in Köln gab es im Jahre 1636 eine Zeitung, die den Titel führte: „Wochentliche Postzeitungen“.
Die bis jetzt angeführten Zeitungen waren nur Wochenblätter. Die erste +täglich+ erscheinende Zeitung kam 1660 in Leipzig zur Ausgabe. Der Titel der ersten Nummer ist folgender: „Erster Jahr Gang der Täglich neu umlauffenden Kriegs- und Welthändel oder zusammengetragene unparteyliche ~Nouvelles~ Wie sich die Im Jahr 1660 in und außer der Christenhait begeben und Von Tagen zu Tagen in Leipzig schriftlich einkommen In guter Ordnung und einem vornemlichen Stilo nebst einem Register unter Churfl. Durchl. zu Sachsen gnädigsten Freiheit also colligirt von Thimotheo Hitzschen. ~Lips. Not. P. C.~“
Was das Erscheinen von Zeitungen +außer Deutschland+ betrifft, so wurden solche zuerst zu +Venedig+ seit 1536 als handschriftliche Notizen, ~notizie scritte~, herausgegeben, und zwar aus Anlaß des Krieges dieser Republik mit der Türkei. Gegen Zahlung einer ~Gazzetta~[111], einer Scheidemünze, konnten diese Blätter an öffentlichen Orten gelesen werden. In +London+ erschienen auf Befehl Lord Burleighs beim Herannahen der Armada (1588) die ersten Zeitungen. Die erste +regelmäßige+ wöchentliche Zeitung aber kam in England erst seit 1622 zur Ausgabe. Gegen +Ende+ des 17. Jahrhunderts erschienen in England: Die Londoner Post, das Paketboot aus Holland, die fliegende Post, der alte Postmeister, der Postillon, der Postreiter. Diese Namen beweisen zugleich, in welch engem Zusammenhang das Zeitungswesen und die Post von Anfang an gestanden. In der That konnte ja eine Zeitung überhaupt erst regelmäßig erscheinen, seit es regelmäßige Postverbindungen gab und Nachrichten aus den verschiedenen Orten zu bestimmten Zeitpunkten eintrafen. Die enge Verbindung von Post und Zeitungswesen zeigt sich übrigens auch darin, daß Postmeister vielfach als Herausgeber von Zeitungen auftraten, so z. B. der schon erwähnte Postmeister von den Birghden in Frankfurt; ja der Name Postmeister wird sogar ganz gleichbedeutend mit „Zeitungsschreiber“ gebraucht, so in Stielers Abhandlung „Zeitungslust und Nutz“ (1695). In +Frankreich+ kennt man die ersten Blätter erst seit 1621.
Als die älteste gedruckte und regelmäßig ausgegebene Zeitung gilt die in Peking noch jetzt erscheinende Staatszeitung Sin-Pao (Neue Nachrichten).
Nach +Mulhall+[112] erschien die +erste+ Zeitung
im Jahre in Großbritannien 1622 „ Skandinavien 1644 „ Spanien 1704 „ Rußland 1714 „ Holland 1757 „ Belgien 1764 „ der Union 1704 „ Spanisch-Amerika 1728 „ Westindien 1731 „ Canada 1765 „ Brasilien 1780 „ Indien 1781 „ der Türkei 1797 „ Australien 1803 „ Afrika 1824 auf den Sandwich-Inseln 1835
In neuester Zeit hat das Zeitungswesen einen ganz außerordentlichen Aufschwung genommen. Für Deutschland läßt sich dies aus nachstehender Übersicht über die in die Zeitungspreisliste der deutschen Reichspost aufgenommenen Zeitungen und Zeitschriften entnehmen.
+-------------+-------+------------------------------------------- | Gesamtzahl |Zunahme|Von der Gesamtzahl der Zeitungen erschienen | der | in | in den Ländern des | in | in Jahr.|aufgenommenen|Prozen-| jetzigen Reichs- | Bayern u. | anderen | Zeitungen. | ten. | postgebietes. |Württemberg.| Ländern. -----+-------------+-------+--------------------+------------+--------- 1823 | 474 | -- | 243 | 41 | 190 1833 | 1159 | 140 | 646 | 67 | 446 1843 | 1310 | 13 | 788 | 71 | 451 1853 | 1751 | 34 | 1074 | 100 | 577 1863 | 2763 | 58 | 1642 | 148 | 973 1873 | 5579 | 102 | 2730 | 511 | 2338 1883 | 8529 | 53 | 4192 | 730 | 3607 1885 | 8925 | -- | -- | -- | --
1873 wurden im deutschen Reichspostgebiete durch die Postanstalten 248154482 Zeitungsnummern vertrieben. Für das Jahr 1884 stellt sich dieser Verkehr nach der Berner Statistik auf über 489 Mill. Nummern.
Das bedeutendste +Postzeitungsamt der Welt+ ist das von Berlin. Es werden durch dasselbe jährlich über 90 Millionen Zeitungsexemplare expediert. Der tägliche Versand beläuft sich auf 244000 Nummern, welche täglich an 4721 Postanstalten in 10566 Paketen mittels 448 Zeitungssäcken auf 46 Postfahrzeugen zur Eisenbahn befördert werden[113].
Die journalistisch produktivste +Stadt+ der Welt ist in absoluter wie relativer Hinsicht +Paris+. Hier werden über 1500 Journale gedruckt, und auf 1000 Einwohner entfallen über 600 Exemplare.
Die +Zahl+ der dermalen auf der Erde erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften wird auf rund 40000 geschätzt. Nach Erdteilen und Ländern verteilt, kommen in runder Summe auf
+Europa+ 20000 Deutschland 5500 England 4000 Frankreich 4000 Italien 1500 Österreich-Ungarn 1200 Spanien 850 Rußland 800
+Amerika+ 13600 Vereinigte Staaten 12900 Britisch Nordamerika 700
+Asien+ 3000 Japan 2000
+Australien+ 700
+Afrika+ 200
Das +zeitungsreichste+ Land der Erde ist hiernach die +Union+; ihr kommt zunächst +Deutschland+.
Ordnet man sämtliche auf der Erde erscheinenden Zeitungen nach den +Sprachen+, so finden wir in erster Reihe 16500 englische Publikationen, sodann 7800 deutsche, 6850 französische, 1600 spanische.
Das +verbreitetste Blatt der Welt+ ist ~„Le petit Journal“~ in Paris. Nach dem Rechenschaftsbericht der Gesellschaft für 1885 beträgt die Auflage 825000 Exemplare; gegenwärtig wird die Zeitung sogar in 886000 Nummern gedruckt, und an manchen Tagen erreicht die Auflage die Ziffer von einer Million. Die Aktionäre empfingen pro 1885 17% Dividende. Dann folgen nach der Zahl der Abonnenten zwei englische Zeitungen: ~„Daily Telegraph“~ mit 265000 und ~„Standard“~ mit 250000 Abonnenten. Letzteres Blatt zählt jedenfalls auch zu den bestrentierenden; denn pro 1883 soll es volle 100000 Pfd. St., also rund 2 Mill. M. Reingewinn abgeworfen haben. Der New-Yorker „Herald“ hat eine Auflage von 190000 Exemplaren.
Von den +deutschen Zeitschriften+ werden gedruckt die „Modezeitung“ in 344000, die „Gartenlaube“ in 260000, „Über Land und Meer“ in 150000, „Der Bazar“ in 100000, „Daheim“ in 90000, die „Illustrierte Welt“ in 107000, „Schorers Familienblatt“ in 75000, „Vom Fels zum Meer“ in 60000 Exemplaren; auch humoristische Blätter brachten es auf eine hohe Zahl von Abonnenten: „Ulk“ auf 80000, „Fliegende Blätter“ auf 52000, „Kladderadatsch“ auf 40000.
Die +nördlichste+ Zeitung der Erde erscheint in Hammerfest, 70° 63′ n. Br. -- der „Hammerfestposten“, -- und die +südlichste+ in Dunedin auf Neuseeland, 45° s. Br. -- ~„The Otago Daily“~. In Kokomo bei Leadville (Staat Colorado) aber, 11860′ hoch, wird die +höchste+ Zeitung gedruckt; sie trägt deshalb mit Stolz die Bemerkung an ihrem Kopf: ~„Published at a higher altitude then any other paper.“~
Anhang.
Die finanziellen Ergebnisse des Postbetriebs
in den wichtigsten europäischen und außereuropäischen Staaten im Jahre 1884[114].