Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt
Part 16
Sehr wesentlich wurde dann infolge des Gesetzes vom 17. Mai 1873 das Porto für Pakete bis zum Gewichte von 5 kg innerhalb des deutschen Postgebiets ermäßigt. Es beträgt seitdem für solche: ~a~) auf Entfernungen bis 10 Meilen einschließlich 25 Pf.; ~b~) auf alle weiteren Entfernungen 50 Pf. Dieser Tarif wurde sodann auch im Wechselverkehr zwischen dem Reichspostgebiete einerseits und Bayern und Württemberg, sowie Österreich-Ungarn andererseits eingeführt. Die Vorteile dieses Zehnpfundpaketsystems sind wiederholt betont worden; vor allem ermöglicht es, von überallher in Deutschland und Österreich-Ungarn gute und billige Lebensmittel zu beziehen.
Mehr und mehr stellte sich das Bedürfnis heraus, den Portotarif auch für die mit dem +Auslande+ gewechselten Pakete zu vereinfachen. Es ist das Verdienst der Reichspostverwaltung, den Anstoß zu dieser Reform gegeben zu haben. Am 3. November 1880 kam es denn auch auf der internationalen Postkonferenz in Paris zum Abschlusse einer diesbezüglichen Übereinkunft, durch welche die postmäßige Beförderung kleiner Pakete gegen einheitlich bemessene Gebührensätze, sowie die übereinstimmende Behandlung dieser Pakete in den verschiedenen Vereinsländern erreicht wurde. Diese Übereinkunft wurde von 21 Postverwaltungen unterschrieben.
Ein erschwerender Umstand, die betreffenden Grundsätze im Verkehr der Staaten des Weltpostvereins einzuführen, lag besonders darin, daß eine ganze Anzahl fremder Postverwaltungen bisher mit der Beförderung von Paketen sich überhaupt nicht befaßt hatte. Dies gilt z. B. von Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Portugal, der Türkei u. s. w. In Frankreich und Belgien besorgen die Eisenbahnverwaltungen die Beförderung der Pakete, in den Niederlanden und Italien vorzugsweise Privatgesellschaften. Auch in England hat die Eröffnung des Postpaketdienstes, zunächst für den innern Verkehr, erst am 1. August 1883 stattgefunden.
Am 1. Oktober 1881 trat die Pariser Übereinkunft ins Leben. Hierdurch wurde jedermann ermächtigt, Pakete ohne Wertangabe bis 3 kg +nach Ägypten+, +Algier+, +Belgien+, +Bulgarien+, +Dänemark+, +Frankreich+, +den französischen Kolonieen+, +Italien+, +Luxemburg+, +Montenegro+, +Norwegen+, +Österreich-Ungarn+, +Rumänien+, +Schweden+, +der Schweiz+, +Serbien+ und +Tunis+ mit der Post sicher und schnell und zu verhältnismäßig +geringen+ Portosätzen befördern zu lassen. Ebenso kann die Absendung solcher Pakete von den genannten Ländern nach Deutschland geschehen.
Weitere Erleichterungen bezüglich des Postpaketverkehrs wurden auf dem +Lissaboner Weltpostkongreß+ im Jahre 1885 vereinbart. So wurde auf demselben das Meistgewicht der Postpakete im internationalen Verkehr, unter Beibehaltung der bisherigen Taxen, von 3 auf 5 kg erhöht und die Zulassung von Paketen mit Wertangabe und gegen Nachnahme beschlossen; auch ist die Beschränkung der zur Postbeförderung zuzulassenden Sendungen, wenigstens soweit nicht eine Seebeförderung in Betracht kommt, beseitigt worden. Postpakete, die in irgend einer Ausdehnung 1,50 m überschreiten oder nach ihrer Form oder ihrem Inhalt besondere Umständlichkeiten bei der Verladung oder Beförderung verursachen, werden als sperrig behandelt und mit einer Zuschlagstaxe von 50 Pf. belegt.
Der +Umfang+ des Päckereiverkehrs der Post ist, trotzdem die Beförderung von Paketen nicht in allen Ländern einen Bestandteil des Postdienstes bildet, nicht unbedeutend, +am großartigsten in Deutschland+. 1884 z. B. +wurden in letzterem Lande allein+ (nach der Berner Statistik) +rund 87 Millionen Stück befördert, in sämtlichen übrigen Ländern des Weltpostvereins betrug die Zahl der im innern Dienst expedierten Pakete nur 81 Millionen.+
Was den Umfang des +internationalen Paketdienstes+ betrifft, so zeigt vor allem der Verkehr aus und nach Deutschland, welcher Entwicklung dieser Dienstzweig fähig ist. Im Jahre 1884 hat die Gesamtzahl der +aus+ Deutschland +nach+ dem Auslande beförderten gewöhnlichen Pakete nicht weniger betragen als 3540350 Stück im Gesamtgewichte von 13969520 kg, während in umgekehrter Richtung 1544600 Stück im Gesamtgewichte von 6036620 kg eingegangen sind[86].
+Die Gesamtstückzahl der von der Post auf der ganzen Erde beförderten Pakete (mit und ohne Wertangabe) betrug nach der Berner Statistik im Jahre 1884 über 180 Millionen.+
Für die Beamten der Post ist der Paketdienst zuweilen wenig angenehm. Ein Beamter des Postamts IV in Hamburg, bei dem zufolge des schwunghaften Geschäftsbetriebes der Hamburger Tierhändler besonders zahlreiche Sendungen mit ausländischen Tieren ausgeliefert werden, berichtet darüber wie folgt: „Das Konzert, welches durch die Vereinigung so vieler Tiergattungen in den Räumen der Packkammer zuweilen veranstaltet wird, ist dem Ohre nicht immer ergötzlich. Das Kreischen und Schwatzen der Papageien, das Pfeifen der Kardinale, das Gezwitscher der Hunderte von kleinen Vögeln, dazu das durchdringende Geschrei eines Affen und das alles übertönende Gewimmer mehrerer Hündchen, die ihrer Mutter entrissen sind: alles dieses bildet mitunter eine entsetzliche Symphonie, deren Ende sehnlichst herbeigewünscht wird.“ Von den Tiersendungen ist in Deutschland besonders der Versand von Singvögeln ein sehr bedeutender. Im engen Holzbauer, dem durch sinnreiche Vorrichtungen Speise und Trank für mehrere Tage beigegeben werden, durcheilen z. B. die Harzer Kanarienvögel aus St. Andreasberg zu Tausenden das ganze Reichspostgebiet; ja sie werden bis in die entferntesten Gegenden Österreich-Ungarns, nach Rumänien, Polen, Schweden und Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Italien befördert. Neuestens hat man sogar versucht, und zwar mit gutem Erfolge, Vogelpakete übers Meer nach Amerika zu verschicken[87].
Mitunter werden den beim Paketdienste beschäftigten Beamten auch sehr seltsame Überraschungen zu teil. So wurde nach dem Berichte der britischen Post- und Telegraphenverwaltung pro 1877/78 in einem Postwagen der London-Liverpooler Linie eine mehr als 3 Fuß lange lebende Schlange gefunden, die sich aus einer Schachtel, in der sie zur Post eingeliefert worden war, befreit hatte. In einer andern Schachtel, die als unbestellbar an die Centralbehörde eingesandt wurde, fanden sich nicht weniger als acht lebende Schlangen vor[88]. Bei der Postagentur in Wildemann (Oberpostdirektionsbezirk Braunschweig) kam vollends ein Paket mit 60 Dynamitpatronen zur Aufgabe[89].
Zu den Schmerzenskindern der Post zählen, um auch dies zu erwähnen, nicht selten die +Warenproben+. Sie sind dies nicht so sehr wegen der Zahl der Sendungen, als wegen ihrer manchmal unförmlichen Beleibtheit und des keineswegs immer anmutigen Inhalts. „Die Gemütsstimmung eines Bahnpostbeamten,“ äußert sich +Fischer+ da, wo er von den Warenproben spricht[90], „über welchen die Gärtnereien von Erfurt oder Quedlinburg das unendliche Füllhorn ihrer in dünne Papiersäckchen eingeschlossenen Samenproben ergießen, oder desjenigen, der sein Operationsfeld durch einen unvermuteten Ansturm einiger Hundert dicker Wollpäckchen in Gestalt von festgerollten Cylindern beengt sieht, pflegt keine rosige zu sein. Daß Scheren, Messer, Pfriemen und andere scharfe Instrumente in höchst mangelhafter Hülle der Post als Warenproben überliefert werden, wird von manchen Fabrikanten als ein unantastbares Recht ihres Gewerbebetriebes angesehen, während sie sich um die Verletzungen, die den Händen der Postbeamten dadurch drohen, keine Sorge machen! Von anderer Seite findet man es wieder unbegreiflich, daß die Postverwaltung Bedenken trägt, kleine Glasröhren mit Baumöl, chemischen Säuren oder anderen unbehaglichen Flüssigkeiten zur Beförderung als Warenproben anzunehmen.“ Infolge dieser Widerwärtigkeiten haben denn die Postverwaltungen die Bedingungen für die Annahme von Warenproben seitens der Postbehörden einer genauen Regelung unterzogen.
+Die Gesamtzahl der im Jahre 1884 auf der ganzen Erde beförderten Postsendungen ist auf mehr als 12000 Millionen zu veranschlagen. Auf den einzelnen Menschen entfielen an Postsendungen für das gleiche Jahr 9 Stück[91].+
IV. Personenbeförderung.
Während alle übrigen Zweige des Postdienstes eines stetigen Aufschwunges sich zu erfreuen haben, zeigt die Personenbeförderung überall, wo sich die Post mit derselben überhaupt noch befaßt, einen ebenso stetigen Rückgang. Nur die deutsche Reichspost hat es nach der Berner Statistik vom Jahre 1884 im Laufe des bezeichneten Jahres noch auf eine Anzahl von 3406383 Postreisenden gebracht. -- Verhältnismäßig am stärksten ist der Personenpostverkehr in der Schweiz. Auf dem kleinen Gebiete der Eidgenossenschaft sind während des Jahres 1884 im ganzen 734897 Personen durch Postfuhrwerke befördert worden.
V. Feldpost.
Die +Feldpost+ ist eine Einrichtung, durch welche die Postverbindung einer Armee im Felde einerseits mit ihrer Heimat, andererseits nach und von den einzelnen Truppenkörpern hergestellt und bis zum Eintritt des Friedens unterhalten wird. Das Bedürfnis derartiger Einrichtungen war schon früh vorhanden, doch hatte man im Altertum keine der Feldpost der neuern Zeit ähnliche Einrichtung. Erst durch die Errichtung regelmäßiger Posten unter Kaiser Maximilian I. waren die Grundlagen hiefür gewonnen. Daß bereits im 30jährigen Kriege Feldpostillone verwendet wurden, ist mehrfach bezeugt. Der +erste+ Staat, welcher die Feldpost von Grund aus organisierte, war +Brandenburg-Preußen+; 1716 bereits begegnet uns hier das erste Feldpostamt, und zwar im vorpommerschen Kriege. Es hatte die Aufgabe, der preußischen Armee in Feindesland zu folgen und die Postverbindung für letztere mit der Heimat durch reitende Postillone zu unterhalten. In den zahlreichen Kriegen, welche Preußen führte, namentlich aber im siebenjährigen Kriege, wurden diese Keime weiter ausgebildet und erhielten durch engen Anschluß an die militärischen Kommunikationseinrichtungen, in denen ja Friedrich d. Gr. Meister war, eine Grundlage, auf der im wesentlichen noch jetzt die Organisation der deutschen Feldpost beruht.
Die mächtige Entfaltung der modernen Verkehrsmittel hat auch im Feldpostwesen bedeutende Umwälzungen hervorgerufen. Schon der deutsche Krieg von 1866 stellte große Anforderungen an die Feldpost, noch weit mehr der deutsch-französische Krieg von 1870/71. In diesem Kriege beförderte die deutsche Feldpost bis zum 31. März 1871 an Briefen und Postkarten nicht weniger als 89659000 Stück, ferner Geldsendungen im Betrage von 179596860 M., an Zeitungen 2354310 Exemplare und außerdem noch 1853686 Stück Päckereisendungen. Die Zahl der Feldpostanstalten, Relais und Landespostanstalten in Frankreich, sowie in Elsaß-Lothringen betrug 411, die Zahl der Beamten und Unterbeamten 2140[92].
VI. Postanstalten.
Die +Gesamtzahl+ der zur Wahrnehmung des eigentlichen Postbetriebes bestimmten Postanstalten im Bereiche des Weltpostvereins belief sich nach der Berner Statistik von 1884 auf 133799. Die meisten hiervon, 50017, entfallen auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland ist mit 15428 vertreten, England mit 16434, Frankreich mit 6587 und Britisch Indien mit 6721. Dabei ist übrigens nicht zu vergessen, daß der Begriff „Postanstalt“ diesseits und jenseits des Oceans etwas verschieden aufzufassen ist.
Die +höchste+ Poststation der Erde ist Rumihuasi (4966 m) in den Anden, und die +einfachsten+ Postbureaus befinden sich an der Südspitze von Amerika und auf Booby-Island in der Torresstraße. Was das erstere Postamt betrifft, so hängt dort an einem Felsen des äußersten Vorgebirges der Magellanstraße, gegenüber Feuerland, ein Fäßchen, das durch eine eiserne Kette befestigt ist. Dasselbe wird von jedem vorüberfahrenden Schiffe geöffnet, um entweder Briefschaften hineinzulegen oder demselben Briefe zu entnehmen. Diese Postablage verwaltet sich sonach von selbst, sie ist dem Schutze der Seefahrer anheimgestellt, und man hat kein Beispiel, daß jemals ein Mißbrauch des öffentlichen Vertrauens stattgefunden hätte. Jedes Schiff übernimmt die freiwillige Expedition der Einlagen, deren Bestimmungsort in der Richtung seiner Fahrt liegt.
Auf Booby-Island liegt in einer durch einen hohen Flaggenstock bezeichneten Höhle eine Tonne mit der Aufschrift: „~Post office~“. In dieser Tonne befindet sich Schreibmaterial und ein Buch zum Eintragen von Bemerkungen. Neben der Tonne liegen Vorräte von allerlei Lebensmitteln für etwaige Schiffbrüchige. Jedes Schiff, welches die Insel passiert und reichliche Vorräte an Bord hat, ergänzt den Bestand des Magazins und nimmt gleichzeitig die in dem Tonnenpostamt befindlichen Briefe zur Weiterbeförderung mit.
VII. Außergewöhnliche Leistungen der Postanstalten.
Zu gewissen Zeiten des Jahres kommen ganz enorme Mengen von Postsendungen zur Auflieferung und Bearbeitung. So tritt alljährlich in der zweiten Hälfte des Monats Dezember für die deutsche Post eine besonders mühe- und arbeitsvolle Zeit ein. Es ist die Zeit um das heilige +Weihnachtsfest+, wo durch das ganze Land alt und jung, reich und arm, getreu der uralten deutschen Sitte, darauf bedacht ist, die Lieben nah und fern durch eine Gabe, ein Angebinde als Zeichen freundlichen Gedenkens zu erfreuen. Hierdurch erfährt nun besonders der +Paketverkehr+ bei der Post eine über das gewöhnliche Maß weit hinausgehende Steigerung. Dieser Päckereiverkehr ist indes für die Post kein Schreckgespenst und vermag die Ordnung ihres Betriebes nicht zu erschüttern. Freilich bedarf es zu seiner Bewältigung der umfassendsten Vorbereitungen nach verschiedenen Richtungen, der Aufwendung erheblicher außergewöhnlicher Kosten und schließlich des freudigen Einsetzens der vollen Kraft, der ganzen Umsicht und Willfährigkeit seitens des gesamten Personals von den Vorstehern bis zum Paketträger und Hilfsboten.
„Tausend fleiß’ge Hände regen, Helfen sich in munterm Bund, Und in freudigem Bewegen Werden alle Kräfte kund“,
das ist der Eindruck, den jeder, Laie oder Fachmann, erhält beim Eintritt in die Weihnachts-Packkammer oder in die Bahnhofs-Sammelstelle an irgend einem größern Orte. 1884 betrug in Berlin in den Tagen vom 12. bis 25. Dezember die Zahl der aufgelieferten, eingegangenen und durchbeförderten Pakete 2716000.
In England hat nach dem Berichte des Generalpostmeisters +Fawcett+ die Sitte, in der +Weihnachtswoche+ Karten und ähnliche Überraschungen mit der Post zu übersenden, eine solche Ausdehnung angenommen, daß 1880 mehr als 11½ Millionen Briefe und kleine Pakete über den Durchschnittsverkehr und 4 t (1 t = 1016 kg) eingeschriebener Korrespondenz mehr als gewöhnlich durch das Hauptpostamt in London liefen. Der Verwaltung wurde hierdurch eine Mehreinnahme von 58000 Pfd. St. oder 1160000 M. zugeführt.
Eine ähnliche Erscheinung, wie die Hochflut des Paketverkehrs während der Weihnachtszeit, bietet der +Neujahrsbriefverkehr+. Er macht sich bei uns auf dem platten Lande allerdings nur wenig bemerkbar, nimmt aber mit der Größe der Städte immer mehr zu und wird in Berlin gleichsam zur Springflut. So hat am Sylvesterabend 1881 und am Neujahrstage 1882 die Zahl der bei den Postanstalten in Berlin eingelieferten +Stadtbriefe+ 1256577 Stück betragen. Zu Neujahr 1884 wurden in Berlin in der Zeit vom 31. Dezember mittags 12 Uhr bis 1. Januar abends 10 Uhr sogar 1809483 Briefschaften aufgegeben und expediert. Wenn nun auch ein gleich starkes Anwachsen des Neujahrsbriefverkehrs in keinem andern Orte Deutschlands stattfindet, so ist die allgemeine Zunahme des Briefverkehrs bei jeder Jahreswende doch so bedeutend, daß die Arbeit dann nur durch Anspannung aller verfügbaren Beamten- und Unterbeamtenkräfte, sowie durch Heranziehung außergewöhnlicher Aushilfe für den Bestelldienst bewältigt werden kann.
Es giebt noch eine Reihe von anderen, +auf einzelne Orte oder auf kleinere Gebiete beschränkten Erscheinungen+, die es notwendig machen, daß einerseits die Kräfte der Beamten in ungewöhnlich hohem Maße in Anspruch genommen, andererseits besondere Vorkehrungen seitens der Verwaltung getroffen werden. Sie sind teils vorübergehender Natur, teils kehren sie regelmäßig wieder; durchweg aber werden sie veranlaßt durch ungewöhnlich große Ansammlungen von Menschen an einzelnen Orten, wie auf Märkten und Messen, bei Industrie- und sonstigen Ausstellungen, bei Sänger-, Turner- und Schützenfesten, bei den Zusammenziehungen beträchtlicher Truppenkörper zu größeren Übungen, bei der regelmäßig wiederkehrenden Belegung der Militärschießplätze, insbesondere aber bei dem auf gewisse Jahreszeiten beschränkten zahlreichen Besuch von Bädern, Luftkurorten und Aussichtspunkten. In den meisten dieser Fälle steigert sich der Postdienst in einem sehr bedeutenden Maße, weil nicht nur Aussteller, Käufer und Verkäufer, sondern auch Festteilnehmer, Touristen und Badegäste einen ungewöhnlich lebhaften Verkehr unterhalten.
Es können übrigens jeden Augenblick und von jeder Seite her Anforderungen an die Postverwaltungen treten, auf deren Bewältigung sie nicht vorbereitet ist, oder welche die Leistungsfähigkeit derselben auf eine harte Probe stellen. So wurden beispielsweise im Jahre 1880 von einer Firma gleichzeitig nahezu 300000 Geschäftscirkulare beim Postamte in Hull (England) ausgeliefert, die ein Gewicht von zusammen 20 t hatten, und für welche Porto im Gesamtbetrage von 2380 Pfd. St. (47600 M.) gezahlt werden mußte. Die Beförderung der Circulare, die innerhalb 48 Stunden ordnungsmäßig stattfand, machte die Einstellung von sieben besonderen Eisenbahnwagen erforderlich. Auch in dem Verwaltungsjahr 1882/83 wurden nach dem Berichte des englischen Generalpostamtes von einer Firma in London an +einem+ Tage 132000 Briefe und von einer andern Firma ebenda 167000 Postkarten auf die Post gegeben. In hohem Grade werden die Dienste der Post neuestens auch zur Zeit von +Wahlen+ in Anspruch genommen. Bei den Reichstagswahlen des Jahres 1884 wurden z. B. an einem Tage einem Postamte Berlins 24000 Kreuzbandsendungen übergeben. Es ist ferner schon mehrfach vorgekommen, daß der deutschen Bahnpost Verviers-Köln eine amerikanische Post von mehr als 60 Briefsäcken neben einer gleich starken englischen Post zugegangen ist, so daß in solchen Fällen zur Fortschaffung der Korrespondenz bis zu sechs Postwagen in den Zug haben eingestellt werden müssen.
Viertes Kapitel.
Hindernisse des Postverkehrs[93].
Zahlreiche Hindernisse erwachsen dem Postverkehr oft schon durch die Bodenbeschaffenheit eines Landes. Wie beschwerlich ist z. B. für den Landbriefträger die Wanderung durch den oft bis zu den Knieen reichenden, beweglichen Sand der Ostseedünen oder durch die sandigen Heiden des Departements ~les Landes~! Die friesischen und litauischen Postboten haben im Frühling und Spätherbst auf grundlosen Pfaden über Moor und Sumpf zu den weit ausgedehnten Hauländereien, Fehnkolonieen u. s. w. zu waten. Was hat ferner die Infanterie der Post nicht alles zu leiden von Wind und Wetter, Hitze und Kälte! Noch bedeutsamer sind die Gefahren, welche dem Postverkehr durch elementare Naturgewalten bereitet werden, wie durch Lawinen, Hochwasser u. dgl.
Auch von Tieren werden die Boten der Post nicht selten belästigt. Namentlich sind Klagen über die Anfälle, denen Briefträger beim Betreten der Gehöfte durch bissige Hunde ausgesetzt sind, nicht selten. Der Bericht des englischen Generalpostmeisters für 1877 konstatiert, daß die Zahl der von Hunden gebissenen Postboten wie in den Vorjahren eine nicht unbedeutende gewesen.
Unter den seitens der Menschen dem Postverkehr bereiteten Hindernissen nahmen in früheren Zeiten Raubanfälle eine nicht geringe Stelle ein. Heutzutage kommt die Species des Posträubers, einzelne Ausnahmen abgerechnet, wenigstens in Europa nicht mehr vor. In außereuropäischen Ländern verhält es sich freilich noch vielfach anders. So wird in mejicanischen Postberichten wiederholt über arge Unsicherheit der Landstraßen im Innern des Landes geklagt. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika hat der Postillon häufig noch Kämpfe mit Indianern oder organisierten Räuberbanden zu bestehen. Im Verwaltungsjahre 1881/82 haben z. B. im Gebiete der Union nicht weniger als 387 gewaltsame Beraubungen von Postanstalten stattgefunden. Desgleichen werden die an sich spärlichen Postverbindungen in Syrien und anderen Teilen der asiatischen Türkei gelegentlich durch Überfälle seitens streifender Beduinenstämme beeinträchtigt. Was die Postdiebe betrifft, so ist deren Zahl eine so geringe, daß der allgemeine Gang der Postbeförderung davon völlig unberührt bleibt. Am nachteiligsten wirken auf den Postverkehr jedenfalls die +Eigentümlichkeiten+ des die Post benutzenden Publikums.
Die pünktliche und richtige Beförderung mancher Sendungen wird z. B. durch Einlieferung an ungeeigneten Stellen verhindert. Da die Einlegung eines Briefes in den Briefkasten oder seine Abgabe am Postschalter im allgemeinen als eine höchst einfache Verrichtung gilt, so wird an Versehen, die hierbei vorkommen könnten, seitens des Publikums nur selten gedacht. Dem gegenüber ist indes aus dem Berichte des englischen Generalpostmeisters für 1877 die Thatsache anzuführen, daß in Aberdeen ein Mann bemerkt wurde, der sich viele Mühe gab, einen Brief in die Öffnung eines in Reparatur befindlichen Straßenhydranten hineinzustecken. Die Ähnlichkeit dieser Vorrichtung mit den in England mehrfach üblichen Säulenbriefkasten hatte, wie sich bei näherer Untersuchung des Hydranten herausstellte, bereits früher drei verschiedene Korrespondenten zur Niederlegung von Briefen in diesen für die Weiterbeförderung ungeeigneten Behälter verleitet. Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da. Von einer Dienstmagd in Husum wurde z. B. ein Gasuhrbehälter für einen Briefkasten gehalten. Es giebt überhaupt kaum eine nach der Straße zugehende Öffnung, die nicht gelegentlich von einem Unkundigen für den Spalt eines Briefkastens angesehen würde. Bei dem Postamte in Weimar nahmen die Annahmebeamten vor einigen Jahren wahr, wie sich ein Dienstmädchen eifrig damit beschäftigte, Briefe in das unter dem Posthausbriefkasten befindliche offene Kellerfenster zu werfen. Man fand, als man der Sache auf den Grund ging, im Keller eine ganze Reihe älterer Einwürfe und erfuhr, daß das Dienstmädchen von seiner Herrschaft den ausdrücklichen Auftrag erhalten hatte, die Sendungen nicht in den Briefkasten zu legen, sondern am Fenster abzugeben, worunter die Herrschaft allerdings das des Postschalters verstanden hatte.
Andere Hindernisse der Beförderung entstehen +aus+ der +Adressierung der Sendungen+. In sehr vielen Fällen liegt die Ursache der undeutlichen, rätselhaften Adressierung in der Nachlässigkeit des Publikums, namentlich auch der kaufmännischen Welt, auf die Lesbarkeit der Unterschrift keinen Wert zu legen. Nur zu häufig kommt es vor, daß der Empfänger außer Stande ist, den Namenszug des Absenders zu entziffern. Was bleibt ihm bei Beantwortung des Briefes anderes übrig, als die Hieroglyphen desselben möglichst getreu in der Aufschrift nachzumalen! Gehört der Schreiber des Antwortbriefes überdies noch einer fremden Nation an, so ist bald eine Aufschrift wie „C. Stusbing & Coy -- Berlin“ entstanden, mit welcher ein Brief an die Firma „Hübner & du Buy -- Berlin“ richtig bestellt worden ist. Ebenso dürften die Herren Professor ~Dr.~ Ziurek und Louis Levin in Berlin überrascht gewesen sein, daß Briefe unter der falschen Flagge „~Dr.~ Zurich“ beziehungsweise „~Dr.~ Cziarek“ und „Louis Leome“ glücklich in ihre Hände gelangt sind, zumal dieselben eine Wohnungsangabe nicht trugen. -- Wie die Ausländer vielfach gezwungen sind, den Namen der Briefschreiber aus den Schreiben herauszusuchen und nachzumalen, geht aus folgenden für einen Deutschen hochkomischen Aufschriften aus Frankreich und England hervor. Die eine Aufschrift lautet: „Monsieur Paul Parey, Ersucht Sie Ergebents à Berlin“, die andere: „Wiegandt, Hempel & Parey, Datum des Poststempels, Berlin.“