Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900

Part 5

Chapter 51,370 wordsPublic domain

Da vernahm er, wie sich vom Rande des Kraters Steine losbröckelten und in die Tiefe kollerten. Ein menschliches Wesen kletterte herab in die Felsenhöhlung des Kraters. Erwins Herz klopfte freudig. Es war ihm ein unsäglicher Trost, nicht mehr allein zu sein im großen Sterbehause der Natur. Im fahlen Scheine des Lavastromes erkannte er in dem Herabkletternden die Züge des Professors _Holberg_. Aber welche Wandlung war mit ihm vorgegangen! Sein Gewand war zerrissen, sein weißer Bart wallte bis zum Gürtel herab, die Haare hingen wirr in die Stirn, und in den rotumränderten Augen mit dem irrenden Blick saß der Wahnsinn. Mit freundlichem Grinsen trat er auf Erwin zu und schlug eine helle Lache auf: »Hahaha! Noch ein Erdenwurm, der sich's überlegt, hinüberzusegeln ins große Nichts! Na, wird's bald, Gevatter? Wie lange soll ich noch warten? Habe keine Zeit zu verlieren, und mich friert bis in die Knochen -- hihihi! Bin ja Ahasver, der ewige Jude. Jetzt bin ich am Ziele. Aber das sträubt sich und thut sich, als hoffte es noch immer. Die zähe Menschenbrut! Macht einen dicken Strich unter Eure Aufzeichnungen . . . Was soll der Spaß? Wollt Ihr Eure Weisheit einschmuggeln in die Welten, die erst nach Aeonen zu knospen anfangen werden? -- Nichts da -- zu Asche verbrannt wird alles sein, was Ihr geschaffen. So billig als Ihr es ihnen vermeint, werden es die nicht haben, die nach uns kommen werden. Granite und Basalte werden dahinschmelzen in der großen Lohe, und dann wird die Erde wieder ein weißes Blatt sein. Versucht es, Ihr Kommenden, und dichtet ein besseres Menschheitsepos! --«

»Hihihi, der kleine Wurm; das soll wohl der Herr der Erde werden; den glaubt Ihr dem Tode unter der Nase wegescamotieren zu können? Köstlich gedacht. Eine groteske Marotte! Und ich muß dafür büßen. Ich, der ewige Jude! Ich brenne vor Begierde, in den Feuerschlund zu springen; aber es würde mir nichts nützen. Ich muß ja der _Letzte_ sein, der Allerletzte. D'rum laßt mich warten, hier zu Euren Füßen, bis es Euch gefällt, mir voranzugehen. Die Zeit, die Zeit! -- Ich weiß was zu erzählen von ihrer aufdringlichen Beharrlichkeit. Man hat sie ja immer vertrieben -- die Menschen wußten selbst mit der kurzen Spanne Zeit, die ihnen vergönnt war, zu leben, nichts anderes anzufangen, als sie zu vertreiben. Also vertreiben wir uns die Zeit mit Würfelspiel. Würfeln wir um die Länder der Erde! Sie sind ja unser unbestrittenes Eigentum; wir sind die einzigen gesetzlichen Erben. Ich setze _Frankreich_, das schöne Land der Freiheit und der Brüderlichkeit. Hahaha! Zwei Augen nur? -- Verloren. Was thut's? Ich hab' noch andere Kronen in meinem Bettelsack -- --«

So schwätzte der Alte seine wahnwitzigen Reden fort, bis ihn der Schlaf übermannte. --

Und Erwin drückte sein Kind an sich, blickte hinauf zur Sternennacht! Lange sah er zu den still leuchtenden Welten empor, die in ihrer hohen Gesetzmäßigkeit Frieden, Freiheit und Glück zu verbürgen schienen.

Ein Stäubchen verweht, flammt auf, und deshalb wird der wunderbare Weltenbau nicht um Haaresbreite verrückt. Was war, das ist! Zeit ist nur Form unserer beschränkten Sinnenwelt. Unvergänglich und ewig ist alles im All! Und in einem höchsten Wesen fließen alle Intelligenzen wieder zusammen zu höherem Schauen und höherem Erkennen! --

Und der Knabe in seinem Schoße flüsterte wieder traumbefangen: »Horch, wie das Vöglein singt!« -- Und Erwin schloß die Augen, und das flutende Licht, das sein physisches Auge schon lange nicht geschaut, strömte durch seine Seele. Und es wurde heller in ihm -- er sah wogende Ährenfelder, er sah die Lerche, die sich tirilierend in den Äther erhob, und weißschimmernde, freundliche Hütten ragten aus den Bäumen hervor, und bläulicher Rauch stieg aus ihren Schornsteinen empor.

Und frohe Menschen arbeiteten auf den Feldern, und er hörte den hellen Klang der gedängelten Sensen -- dann drang der feierliche Glockenklang an sein Ohr, und stumm legte jeder seine Arbeit zur Seite, und die Mützen in der Hand, blickten sie der scheidenden Sonne nach, und ihre Lippen bewegten sich in Andacht. --

Ein beseligendes Gefühl der Wärme und der Behaglichkeit durchströmte seine Adern, und froh und leicht hob sich die Brust. Es war, als ob das Glück und der Friede nach langer, beängstigender Herzensqual wieder einzögen in seine Brust. -- Wie Osterglocken, glückverheißend, klang es in seinem Ohr. Da konnte er sich's nicht versagen, die Augen ein wenig zu öffnen. --

Was war das? Durch die weißen Gardinen drang die Sonne in sein Schlafzimmer herein. Von der Gasse herauf hörte er helles Kinderlachen; dazwischen vernahm er den ächzenden Laut einer Säge. Ja, das ist deutliche, prosaische Wirklichkeit. Das ist sein Schlafzimmer, und das liebliche Antlitz, das sich jetzt thränenbetaut über ihn beugt, ist das seiner holden Braut.

Und jetzt hört er auch die schrille Stimme des Professors Holberg: »Na, jetzt kann ich Ihnen mit einiger Sicherheit die Mitteilung machen, daß unser Freund gerettet ist. Der Fieberparoxysmus ist geschwunden. Der Puls schlägt wieder weich und regelmäßig. Das Sensorium ist frei. Und sehen Sie, jetzt drückt er mir schon die Hand. Na, lieber Freund, erkennen Sie uns? -- Sie müssen schöne Felsstücke von Ihrer Brust gewälzt haben; denn was Sie in den Wochen Ihrer Fieberthätigkeit für phantastische Reden gehalten haben, das geht in keinen Wald hinein.«

Erwin versuchte, sich von seinem Lager zu erheben. Er vermochte es nicht. Glückstrahlend sah er in das Antlitz seiner Braut, freundlich nickte er ihrem Vater und ihrer Großmutter zu und flüsterte: »So war das Alles, was ich geschaut und erlebt, nur Fieberphantasie! Wie dank' ich dem Geschick dafür! Öffnet die Fenster! Ich will meine liebe Frühlingssonne wiedersehen!«

Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart

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