Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900
Part 3
Da kam der Abend des 24. Novembers. Der Dämon am nächtlichen Himmel lagerte über dem südlichen Horizont. Die gelblich fahle Dämmerung verscheuchte bald die wenigen Passanten aus den Straßen. Sie waren fast menschenleer. _Da kam es._ -- Vom Sternbild der Cassiopeja schien es auszugehen. Zuerst ein hellglänzender Lichtstreif, dann ein Funkenregen, wie von einer Sprührakete. Das kam immer häufiger, bald da, bald dort, und bald schien es, als ob an einem Teile des Himmels eine Feuerwerksfront abgebrannt würde. Wir sahen vom Fenster unserer Wohnung diesem eigenartigen Schauspiel zu. -- »Ein Meteoritenregen,« meinte der Rat. -- »Ja wohl,« sagte ich »diese Meteore sind aber Bestandteile des Kometen. Die Erde ist also in einen Teil des Kernes eingedrungen.« -- In diesem Augenblicke gewahrte ich eine Menschengruppe, die lebhaft gestikulierend einen Gegenstand betrachtete. Ein Mann schien den Umstehenden den Gegenstand zu erklären. Hie und da bückte sich einer, um etwas vom Boden aufzulesen. Auf einmal hörte ich einen Jubelschrei ansstoßen, und gleich darauf stob die Menge jauchzend auseinander. -- »Was ist nur wieder los, was stimmt die Menge auf einmal so fröhlich?« fragte der Rat. -- Ich versprach den Meinigen, bald wieder da zu sein, und begab mich auf die Straße. Überall das wirre Durcheinanderdrängen, Jauchzen und Schreien. Aus den Hausthoren stürzten sie hervor auf die Straße, lebhaft gestikulierend und einander die Gegenstände zeigend, die sie vom Boden auflasen. »Was ist's, was giebt es denn?« rief ich den Nächststehenden an.
-- Er that einen Freudensprung und schrie: »Gold, Gold -- pures Gold -- alles, was da herunterfällt vom Himmel ist pures Gold!«
Es war wirklich so. Ich bückte mich nach einem glänzenden Gegenstand in der Größe einer Haselnuß. Er war noch heiß von seiner jähen Fahrt; aber es war Gold -- pures Gold. Während ich es aufmerksam betrachtete, riß es mir ein Vorübereilender brutal aus der Hand. »Such dir ein anderes!« rief er mir zu. Mir schoß das Blut heiß in die Schläfen. Auch jetzt, Menschheit, in der Zeit des namenlosen Schreckens wühlt das Wörtchen Gold mit einem Male all die bösen Leidenschaften wieder auf, die dich seit vielen Jahrtausenden fruchtlos im Kreise herumgeführt haben! Gold, Gold! Was hat das jetzt noch für Bedeutung -- Ihr braucht es nicht. Es ist doch nur ein wertloses Symbol. -- Aber jedes Wort verhallte in dem Lärm. Von heftigster Leidenschaft erregt, fielen sie über die Goldkörner her, die anfangs vereinzelt, dann in immer größerer Zahl und in größeren Stücken zur Erde fielen. Sie achteten nicht der empfindlichen Wunden, welche die herabfallenden Stücke verursachten -- mit Körben und Kisten und allerlei Gefäßen stürzten sie aus den Häusern und rafften zusammen, was im Bereiche ihrer Hände lag. Dabei kamen sie miteinander in Streit, der die wildesten Formen annahm -- Gold, Reichtum! -- ein grauenhaftes Delirium kam über die Massen -- Besinnung, ruhiges Nachdenken konnten nicht zur Geltung kommen. Jeder raffte, was er nur konnte, und sah voll Wut auf den Nächsten -- und ich sah, wie einer seinem Nachbar das Messer in den Rücken bohrte, um sich der Beute zu bemächtigen. Von namenlosem Grauen erfaßt, floh ich die Stätte des Wahnsinns. --
Aber der Hohn des Schicksals brachte diesen Unglücklichen Sättigung ihrer grenzenlosen Leidenschaft. Bald waren die Dächer und Straßen zollhoch mit Goldkörnern bedeckt. Unablässig schaufelten sie das kostbare Metall in ihre Häuser. Und der zweifelhafte Segen nahm kein Ende. Immer dichter wurde der Regen, und zuweilen fielen auch Klumpen von beträchtlicher Größe herab, die mit lautem Jubelgeschrei begrüßt wurden. Hier und dort blieb einer, von einem schweren Stück getroffen, liegen. Des achteten aber die anderen nicht und schaufelten eifrig weiter. Jetzt aber kam ein Geprassel und ein Geknatter, als ob die Feuerschlünde von hundert Batterien sich geöffnet hätten. Gold -- Gold und wieder Gold fiel herunter. Hunderte von Leichen lagen in den Straßen -- da ergriff die übrigen starres Entsetzen. Sie flüchteten in ihre Wohnungen und fluchten dem Golde! Dem lieben Golde, das sie seit vielen Jahrtausenden mit allen Listen erschlichen, mit allen Lastern errafft -- mit Mord und Todschlag erbeutet hatten. Jetzt war es da -- und jetzt ließ sich der einst so spröde Gast nicht abweisen. Mit Donnergekrach fielen ganze Blöcke zur Erde, zerschmetterten Menschen und Häuser, und über den Unglücklichen häuften sich Leichenhügel und Berge von Gold.
Als die Sonne aufging, beleuchtete sie ein entsetzliches Bild der Zerstörung.
Fußhoch lag das gelbe, gleißende Metall in den Straßen und auf den Feldern, zumeist in erbsengroßen Stücken; dazwischen aber Blöcke von riesigen Dimensionen, deren verheerende Wirkungen allenthalben sichtbar waren. Wo solch ein Block mit seinem ungeheueren Gewichte hinfiel, da zerschmetterte er alles, was nicht aus Erz und Granit gefügt war. In vielen Straßen waren die Dächer der Häuser demoliert, ja ganze Stockwerke durchschlagen. Nach Tausenden zählten die Opfer, welche der schrecklichen Katastrophe erlegen waren. Inmitten des Stromes war ein Block von solch ungeheueren Dimensionen gefallen, daß das Wasser aus seinem Bette austrat und weithin die Gegend überschwemmte. Dieser »Berg von Gold« glänzte nun weithin in der aufgehenden Sonne; er überragte an Höhe die umliegenden Hügel und stellte eine Masse vor, die sämtliches gemünzte und zu Geschmeiden verarbeitete Gold der Erde um das Tausendfache übertraf. Als ich mit bebender Seele durch die Straßen der Stadt schritt und mit Schaudern die Erschlagenen betrachtete, welche noch die zusammengerafften Goldbrocken in den erstarrten Händen hielten, stand auf einmal der alte Professor Holberg, ein wunderlicher Kauz, dessen Äußeres schon den Sonderling verriet, hinter mir, tippte mir auf die Schulter und sagte mit seiner schnarrenden Stimme: »Nun, da wären wir ja so weit! Das liebe Gold, das herrliche Gold, das durch so viele Jahrtausende unserer Weisheit Anfang und Ende war -- es braucht nicht mehr erlistet, erschlichen, erkämpft, ertrotzt, erpreßt zu werden, es liegt auf der Straße -- da kommt und nehmt es -- ihr seid freundlichst eingeladen. Schleppt es fort in eure Höhlen und Schlupfwinkel, bis ihr unter seiner Last zusammenbrecht -- je mehr, desto besser. Haben Sie gesehen, Herr Kollege, wie sie in ihr altes Delirium verfielen, wie der chronische Goldhunger der Menschheit auf einmal in einen wahnwitzigen Paroxysmus ausartete und gleich darauf in sein Gegenteil verfiel?«
Er bückte sich und hob ein eigroßes Stück vom Boden auf. »Schade, ei, wie schade!« rief er aus. »Dich hätt' ich im vorigen Jahre noch brauchen können, als ich den Sohn der armen Witwe behandelte. Er sollte fort in ein wärmeres Klima, da hätte er noch gerettet werden können, der Ernährer seines alten Mütterchens. Warum bist du denn damals nicht durch den Schornstein hereingeflogen, du dummes, plumpes Stück Gold -- weißt du denn nicht, wie sehr sie dich herbeigesehnt, das weißhaarige Mütterchen, wie sie ihr armes Gehirn zermartert hat, um einen Weg zu finden, wie man dich herbeischaffen könnte, wie sie vor dem Bilde ihres Schöpfers auf den Knieen gelegen, um dich vom Himmel herabzuflehen -- alles vergeblich; du bist damals nicht gekommen, du dummes, fühlloses, gleißendes Stück Metall -- sie mußte ihr Kind, ihren Ernährer täglich mehr hinschwinden sehen, und wenn sie gleich aufschrie in ihrem wilden Schmerze -- es fand sich doch keiner, der sich von dir um seines Mitmenschen willen getrennt hätte, denn sie hatten dich alle lieb mit einer sündhaften, abgöttischen Liebe, sie hatten dich lieber als ihren Nächsten, lieber als Mutter und Vater, lieber als ihr eigenes Kind, ihre Ehre, ihren Gott! Du durftest nur blinken, so kehrte sich die Natur des Menschen um -- du machtest den ehrlichen Mann zum Betrüger, das schamhafte Weib zur Dirne, den strengen Richter zum käuflichen Rechtsverdreher. Hahaha! Und jetzt bist du da -- aber den Sohn der armen Witwe hat man inzwischen schon eingegraben, und die Alte ist ihm schnell gefolgt. Ein Glück für dich; denn sie hätte dir ja doch geflucht, wenn du jetzt gekommen wärst, wie zum Hohne. Und sie fluchen dir alle -- haben Sie gesehen, lieber Kollege, welcher Verachtung und welchem Ekel das gelbe Metall allenthalben begegnet? Es ist nichts mehr wert! Hahaha! Entthront, der Purpurmantel herabgerissen, das Scepter entzwei gebrochen -- du stolzer Herrscher über die Menschheit, mächtiger als Dschingiskhan und Tamerlan, aber auch grausamer als diese, deine Herrschaft ist zu Ende. Du hast abgewirtschaftet, du stolzer Verächter des Schweißes und der Arbeit, du unerbittlicher Sklaventreiber der Armut, dein Reich ist dahin, du kupplerischer Sklave des Wohllebens, du stets dienstbeflissener Helfer des Übermutes, du Hofnarr des Müßiggangs und des Dünkels. -- Ei, was seh' ich denn da? Goldene Spangen und Ringe, kunstvolles Geschmeide -- alles auf die Gasse geworfen, wie unnützen Kehricht! Da sehen Sie nur selbst, wie man all den Tand zum Fenster hinauswirft! Und jener Bettler, in Lumpen gehüllt, er stößt das glitzernde Geschmeide, das eben aus jenem Fenster gefallen ist, verächtlich mit dem Fuße bei Seite. Ein Stück Brot ist ihm lieber.«
Professor _Holberg_ hielt plötzlich inne und deutete auf eine Gruppe von Frauen und Männern, welche, fröhliche Lieder singend, in's Freie zogen. »Haben sie nicht recht?« fragte er mich. »Sie können es ja nicht ändern. Was da kommt, hätte jeden Tag kommen können in all den langen Zeitperioden, an die sich die Menschheit zurückerinnert. Wie viele haben in früheren Zeiten dem Tode in tausendfachen Gestalten furchtlos ins Antlitz geschaut! Und für jeden Einzelnen, wenn es für ihn ans Sterben ging, war der Tod ein Weltuntergang.« --
Wir schlossen uns der Gruppe an. Gegen Westen zu war die Landschaft von dem Meteorregen des vorhergehenden Tages so ziemlich verschont geblieben, während auf der östlichen Seite die Felder verwüstet, die Wälder ihres Laubes beraubt waren, und viele Stämme zerschmettert auf dem Boden lagen. Es war also anzunehmen, daß die Katastrophe nur auf einem begrenzten Strich Landes so ungeheuere Verheerungen angerichtet hatte. Wir kamen an einen herrlichen, freien Platz, von einem hochstämmigen Buchenwald eingefaßt. Die Waldlisière entlang rauschte ein munteres Bächlein. Hier lagerte sich die fröhliche Schar im Schatten hundertjähriger Buchen. Dem äußeren Ansehen nach waren es Menschen aus den verschiedensten Lebenssphären. Der flaumbärtige Student und der grauhaarige Gelehrte, der junge Kleriker und der narbenbedeckte Soldat, die leichtfüßige Nähmamsell und die ehrwürdige Matrone, sie alle hatten sich zusammengefunden zu demselben Zwecke. Sie wollten das ewige und unveräußerliche Menschenrecht, mutig dem Unvermeidlichen ins Antlitz zu schauen und die Gaben der Natur in geselliger Heiterkeit zu genießen, auch jetzt noch aufrecht erhalten. Gleichwie jene mutige Schar während der Florentiner Pest sich in der herrlichen Natur ihr gutes Menschenrecht an der Freude nicht verkürzen ließ und in edlem Freundesverkehr Vergessenheit suchte, so wollten auch sie eine Art Decamerone bilden, in Fröhlichkeit, Gesang und Saitenspiel, im Verkehr mit lieblichen Frauen und bei heiteren Gelagen auf kurze Zeit Lethe trinken und gleichzeitig das Wort des Dichters zum Wahrwort machen:
»Und singend einst und jubelnd Durch's alte Erdenhaus Zieht als der letzte Dichter Der letzte Mensch hinaus.«
Es gab keinen Unterschied der Stände mehr. Jeder in diesem Kreise hatte das gleiche Recht an die Freude. In zwanglosen Gruppen lagerten sich die Pärchen, die sich zueinandergesellt. Der Wein erhitzte die Gemüter, und manches übermütige Scherzwort machte unter fröhlichem Gelächter die Runde. Dann aber kam auch die Kunst an die Reihe. Der Sänger, eine prächtige, männliche Erscheinung, wußte mit dem Zauber seiner Stimme die Anwesenden mächtig zu ergreifen. Herrlich klangen die Töne durch die idyllische Waldeinsamkeit, und das Echo einer fernen Felswand vervielfältigte sie in geisterhafter Weise. In diesem Augenblick stieg der Mond am Horizont empor, immer höher und höher -- gleichzeitig wurde die langgestreckte Feuerrute des Kometen sichtbar. Und da trat ein Ereignis ein, welches die eben noch so fröhliche Runde verstummen machte. --
Auf dem westlichen Firmamente leuchtete plötzlich ein Meteor auf, das an Größe und Helligkeit die eben untergegangene Sonne zu erreichen schien. Langsam und majestätisch strich es in weitem Bogen über das Firmament hin. So groß war die Lichtfülle, welche dieses Phänomen ausstrahlte, daß die erstaunten Beobachter vermeinten, die Sonne sei wieder über den Horizont emporgestiegen. Das Licht des Mondes erblaßte vollständig. Die leuchtende Kugel näherte sich in ihrem Fluge immer mehr dem Monde; sie mußte in ungeheuerer Entfernung von der Erde sein; denn man bemerkte trotz der Riesengröße dieses Himmelskörpers kaum seine Bewegung. In atemloser Spannung verfolgte die eben noch so fröhliche Schar die Bewegung des Meteors. Es war kein Zweifel, der fremde Weltkörper war in den Attraktionsbereich des Mondes gelangt und mußte mit ihm zusammenstoßen. Furchtbare, bange Minuten verstrichen; kaum wagte einer zu atmen. Immer näher und näher rückte der unheimliche Körper an den Mond heran -- jetzt trennte ihn nur mehr ein Zwischenraum von wenigen Graden von dem ruhig dahinwandelnden treuen Begleiter unserer Erde. Da schien es, als ob mit einem plötzlichen Ruck die beiden Körper in einen verschmolzen wären. Gleich darauf erlosch das Licht des gewaltigen Meteors, und an der Stelle, wo es in den Mondkörper eingedrungen war, sah man eine fackelförmige, rote Flamme aufsteigen. Wie gelähmt standen die Beobachter und konnten kein Auge abwenden von dem ungeheuerlichen. Vorgang, der sich über ihnen im Weltenraume abspielte. Welch furchtbare Kräfte der Zerstörung mag dort oben das Aufeinanderprallen zweier Weltkörper entfesselt haben! Und dennoch, kein Laut drang an das Ohr der irdischen Zuschauer, keine Schallwelle verkündete den Effekt der wildwütenden Gewalten. Dort oben im Ätherraum giebt es keinen Schall. Lautlos, klanglos spielen sich alle Bewegungsphänomene ab; denn nur dort, wo Atmosphäre oder Wasser ist, kann sich die Schallbewegung fortpflanzen. Aber selbst angenommen, daß der Äther die Schallwellen fortpflanzen könnte, so hätten die Beobachter doch erst etwa vierzehn Tage nach der Katastrophe das Geräusch, welches diese verursachte, gehört; denn da der Schall in der Sekunde nur einen Weg von 330 Metern zurücklegt, so hätte er die Entfernung des Mondes von der Erde, welche circa 52000 Meilen beträgt, erst in dieser Zeit durcheilen können.
Dort und da wurden längs der Peripherie feurige Garben emporgeschleudert, als ob sie aus dem Krater eines ungeheueren Vulkans gespieen würden. Mit einemmale geschah etwas, das den Zuschauern das Blut in den Adern erstarren machte. Ungefähr in der Mitte der hellglänzenden Mondscheibe wurde plötzlich ein unregelmäßiger dunkler Streifen sichtbar, der sich langsam erweiterte. Dieser dunkle. Streifen war das durchscheinende Firmament. Durch den Zusammenstoß mit dem riesigen Meteor war eine Zertrümmerung des Erdtrabanten erfolgt. Was da oben vor den Augen der Erdbewohner sich in wenigen Minuten vollzogen hatte, war der Zusammenbruch einer Welt, mit der unsere Erde, seit Äonen verschwistert, ihre vorgeschriebene Bahn im unendlichen Raum durchrollte. Schon einmal, vor ungezählten Jahrmillionen, hatte einen Genossen unserer Planetenfamilie ein ähnliches Geschick ereilt. Er hatte seine Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter. Durch welche Ursache seine Vernichtung erfolgte, ist unbekannt. Wahrscheinlich aber ist es, daß der Zusammenstoß mit einem anderen Weltkörper seine Zertrümmerung zur Folge hatte; denn statt des einen großen Planeten, der nach der Laplace'schen Theorie an jener Stelle um die Sonne kreisen sollte, entdeckte das Fernrohr bis jetzt über dreihundert winzig kleine Planeten, die sogenannten Asteroiden. Sie sind so klein, daß einige von ihnen kaum einige Meilen Durchmesser haben, und das Merkwürdigste daran ist, daß sie keine kugelförmige Gestalt wie die übrigen Planeten haben. Es sind also die Trümmer eines großen, durch eine Weltkatastrophe zerschmetterten Planeten.
In den folgenden Nächten waren alle Fernrohre nach dem Monde gerichtet. Jetzt unterschied man schon genau drei größere Stücke, welche sich voneinander langsam entfernten, da ein jedes Stück vermöge seiner verschiedenen Masse dem Gesetze der Attraktion in anderer Weise unterworfen war. Das kleinste Stück umkreiste die beiden größeren, wie ein Trabant des Trabanten.
* * * * *
Jahre waren seit dem oben geschilderten Ereignisse geschwunden. Was hatte die Menschheit in dieser Zeit für herbe Prüfungen durchzumachen gehabt! Kein schöner, tragischer Tod war der Erde beschieden -- keine Götterdämmerung, kein plötzliches Aufflammen in einer ungeheueren, alles verzehrenden Lohe. Eine Reihe von furchtbaren Heimsuchungen hatte das Menschengeschlecht allmählich decimiert. Aber die Menschheit hatte den Kampf nicht aufgegeben. Mit der Gefahr und der Größe des Unglücks wuchs auch der Mut, die zähe Ausdauer, ja der Trotz. Anfangs kleinlaut und verzagt, endeten Tausende durch Selbstmord, oder ihr Geist erlosch in der Nacht des Wahnsinns.
Aber je mehr die Schwierigkeiten sich häuften, desto gewaltigere Anstrengungen machte der Menschengeist, die Erhaltung der Gattung zu ermöglichen. Und dann, als auch der letzte Hoffnungsschimmer zu erbleichen begann, daß ein Staubgeborener dem allgemeinen Verderben entrinnen könnte, da flammte die neue Hoffnung in ihnen auf, daß es möglich sein werde, die Spuren ihres Daseins in monumentalen Werken zu hinterlassen. Vielleicht, daß nach dem Chaos eine neue Schöpfungsära in ungezählten Zeiträumen den Funken der Intelligenz wieder anfachen wird und neue Geschlechter den rätselhaften Zeichen eines früheren Lebens nachspüren und die Fackel des Geistes an dem glimmenden Funken der Überlieferung neuerdings entzünden werden.
Langsam und Schritt für Schritt waren die Veränderungen eingetreten, welche die Lebensbedingungen der Menschheit bis auf ein Minimum herabgesetzt hatten. Zuerst kam ein großes Sterben über die Menschheit. Es war ein sanfter Tod -- ein Müdewerden und Hinüberschlummern. Er traf in erster Reihe die Alten; dann die Kranken und Hinfälligen. Die Gelehrten fanden die Ursache dieses Sterbens in einer für die Sinne nicht wahrnehmbaren Vermengung unserer Atmosphäre mit den irrespirablen Gasen der Kometensubstanz.
IV. Das Delirium der Erde.
Seit zwei Jahren war _Erwin_ mit seiner _Marie_ durch des Priesters Segen verbunden. Ein gesundes Knäblein lag in der Wiege; es hatte das Licht der Welt noch in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Glückstrahlend hatte es die Mutter der Ahnfrau in den Arm gelegt, und diese vergaß beim Anblicke ihres Urenkelkindes alle Schrecken und Drangsale der vergangenen Monate. Ja, es zog sogar ein Gefühl des Friedens und der Beruhigung durch die Brust, als sie in die unschuldigen Kinderaugen blickte, die ihren Anteil an der Schönheit und den Freuden dieser Welt zu fordern schienen. War er doch auch ein berechtigter Erbe alles dessen, was die Menschheit auf ihrer vieltausendjährigen Wanderschaft im Schweiße ihres Angesichtes erkämpft und errungen hatte -- vielleicht der letzte Erbe einer tausendjährigen Kultur. Alles, was da war und entstand und sich entwickelte, was in Millionen Gehirnen zur Erkenntnis oder zur künstlerischen Ausgestaltung drängte, war mit den Kindern dieser Epoche abgeschlossen, zu ewigem Stillstand verdammt -- das ungeheuere Erbe ein nutzloses Spielzeug in der Hand eines lallenden Kindes!
Doch diese Erwägungen vermochten in den Eltern und Großeltern die Freude an dem Seienden nicht zu verkümmern. Auch die Vögel bauten ihre Nester, und der Baum vor dem Hause setzte Blüte an Blüte, ja, es schien, als ob sich der Lebensdrang aller Kreatur verzehnfacht hätte, als ob sich alles, was da noch im dumpfen Entfaltungsdrange schlummerte, zum letzten Appell hervordrängen wollte. -- --
Denn die Sonne schien noch warm; aber allmählich wurde es den Erdenkindern zur traurigen Gewißheit, daß die Lebensweckerin und Allerhalterin verblaßte, daß die große Wärmespenderin mit ihren Gaben immer haushälterischer wurde. Der gewaltthätige Begleiter unserer Erde hatte nicht die Absicht, sich in unserem Sonnendistrikte häuslich einzurichten; er strebte vielmehr darnach, seine Gesponsin, die Erde, auf seinem freien, ungebundenen Wanderleben im Weltenraume mitzunehmen. So leicht ging dies allerdings nicht; denn die Erde leistete, dem Trieb der Selbsterhaltung folgend, mit den ihr innewohnenden Urkräften mächtigen Widerstand. Aus diesem Kräftespiel ergab sich aber doch der endgiltige Sieg des gewaltigen Gestirns. Die Erde wurde aus ihrer Bahn gedrängt und bewegte sich nicht mehr in einer elliptoiden Linie, sondern in der Form einer aufgerollten Spirale um die Sonne, wobei sie sich von ihrer Lebensspenderin immer mehr entfernte. Mit der Entfernung nahm auch die Wärmemenge ab, und von da an machte der Erkaltungsprozeß der Erde mit mathematischer Genauigkeit seinen Fortschritt. Auch das Licht der Sonne nahm bedeutend ab, und selbst um die Mittagszeit waren ihre Strahlen matt und glanzlos, als ob sie durch eine Wolkenschichte abgeschwächt würden. Das Aussehen der Menschen und Dinge wurde dadurch in unheimlicher Weise beeinflußt; die Blätter der Bäume und Sträucher, sowie das Gras der Wiesen verloren ihre grüne Farbe. Der Buchenwald zeigte ein mattes Grau wie das Olivenlaub, und die Wiesenflächen waren anzusehen, als ob eine dichte Staubschichte darüber lagerte; der Farbenschmelz der Blüten und Blumen war verschwunden, und selbst der Menschen Antlitz wurde aschfahl.