Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900
Part 2
Trotz der allgemeinen Betäubung ist in Handel und Wandel noch keine vollständige Stockung eingetreten. Die Menschheit geht ihren Geschäften nach, zwar lässig und kraftlos; aber nach dem Gesetze der Trägheit erfüllt sich das Tagewerk jedes Einzelnen. Mit ängstlicher Sorgfalt trachtet jeder, so gut als möglich seinen Platz auszufüllen. Niemand will den Gedanken über sich Herr werden lassen, daß in diesem geschäftigen Walten nur ein frommer Selbstbetrug liegt; denn würde dieser Gedanke allgemein werden, so käme das Chaos, die furchtbare Entfesselung roher Instinkte und wilde Akte der Selbstzerstörung. Die große Menge blickt hilfesuchend zu ihren Führern empor, und diese können ihr nichts Weiseres raten als Arbeit und treue Pflichterfüllung. So ist der Puls der Menschheit noch fühlbar; aber hastend und hüpfend, dann wieder schwach und aussetzend, wie im letzten Fieberparoxysmus. Die Menschheit ohne Zukunft! Dieser Gedanke nagt und bohrt in den Gehirnen, und keine Thätigkeit kann ihn betäuben, kein Vernunftgrund zum Schweigen bringen. So wird die äußere Zucht und Ordnung noch durch Gewohnheit und Beispiel erhalten; aber inzwischen hat sich, wie von selbst, in der menschlichen Gesellschaft eine Wandlung vollzogen, an der die Besten und Edelsten seit Jahrtausenden vergeblich gearbeitet. Es giebt keine Kriegsheere mehr. Die Armeen sind auf den niedersten Friedensstand gestellt, die Grenzen sind offen. Die wenigen Truppen werden zur Aufrechthaltung der Ordnung verwendet. Das alles geschah ohne Beratung, ohne Notenwechsel und ohne Congresse. In aller Stille mit einem Gefühle der Beschämung, wurden die Truppen abberufen. Der Schleier, der den freien Blick der Menschheit so lange getrübt, ist gefallen. Die Nationen fühlen sich als Brüder. Das gemeinsame Unglück der Menschheitsfamilie hat sie wieder zusammengeführt. Aber es giebt auch keine Armen mehr; gerne und freigebig spendet jeder von seinem Überfluß. Kirchen und Tempel stehen offen, und die Frommen aller Bekenntnisse suchen Trost und Ergebung an den geheiligten Stätten. Unabsehbare Prozessionen wallen durch die Straßen. An ihrer Spitze wandeln katholische Priester, Pastoren und Rabbiner in brüderlicher Gemeinschaft. Sie sagen damit der thörichten Menge: Laßt euer Gezänke und euren Dünkel. Nur ein Geist waltet über den Dingen, durchdringt das All, gebietet dem Lauf der Gestirne, vernichtet Welten und richtet sie wieder auf. Wir kennen ihn nicht, wir fühlen ihn bloß in uns und außer uns. Nennt ihn, wie ihr wollt, Name ist Schall und Rauch. All das, wofür im Laufe der Geschichte Ströme Blutes geflossen sind und was den Menschen als Offenbarung, Legende und Überlieferung wie ein heiliger Besitz erschienen ist, um den man gekämpft und gestritten und für den viele Tausende freudig ihr Leben hingegeben, erscheint dem letzten Geschlechte in Erwartung des kommenden Endes wie ein Märchentraum der Kindheitsphantasie. Hellsehend, wie Sterbende sind, erkennen sie jetzt den großen Irrweg, den sie durch lange Zeiträume auf der Suche nach der Gottheit gegangen. Sie suchten das Sittliche, das Edle außer sich, während die Gottheit in ihnen wohnte und vergeblich mit den elementaren Trieben des blinden Schöpfungsdranges nach Entfaltung rang. Der allgewaltige, vielgestaltige, in seinen Milliarden von Einzelerscheinungen unfaßbare Werdetrieb ist weder vernünftig, noch zweckmäßig, noch ethisch. Blind gehorcht er den ewigen Gesetzen, zerstört und baut auf. Was als zweckmäßiger Schöpfungsgedanke erschien, war die notwendige Auslese aus Millionen Unmöglichkeiten. Die wärmende Sonne, welche die dampfende Erde mit Myriaden von Keimen befruchtete, brachte nichts als Wärme, Licht und Polarität in den Haushalt der Natur. Sie kannte nur physikalische Gesetze und chemische Gewalten. So groß und erhaben, so unausdenkbar diese immer sein mögen, sie bergen keinen voraussehenden Gedanken, keine Vernunft und keinen Endzweck in sich. Sie gab ihren Geschöpfen keine Gesetze zur freien Wahl, denn diese Geschöpfe waren selbst organisierte Naturgesetze mit gebundener Marschroute. So bist du und so mußt du sein, hieß ihr Machtwort, dem noch kein Lebewesen zuwider gehandelt hat.
Da kam das letzte, vollendetste Geschöpf des Lichtes, der Mensch, und in den engen Zellen der Gehirnwindungen bewirkte derselbe Lichtstrahl durch unerklärte Metamorphosen geheimnisvolle Veränderungen, die sich als Anschauung, Erkenntnis, Urteil, Vernunft darstellten. Dieser Prozeß vollzog sich bei ihm mit derselben Notwendigkeit, mit der sich ein Lichtstrahl unter dem Prisma in die sieben Farben des Regenbogens verwandelt. Aber der wunderwirkende Strahl beunruhigte ihn. Er fragte nach dem Warum? Er forschte nach dem Zweck. Die Sonne, die ihm das furchtbare Geschenk gegeben, konnte es ihm nicht sagen. Sie wußte es selbst nicht. Die übrige Natur blieb stumm; sie war ja unvernünftig; in ihr hatte der Strahl noch nie einen quälenden Gedanken entzündet.
Da fand der Mensch seinen Gott. Er war das Warum und Wozu. Er wohnte nur in ihm, ward nur durch ihn gedacht. Die Sonne kannte ihn nicht; die Erde kannte ihn nicht; der Fisch im Wasser und der Vogel in der Luft fragten nie nach dem Warum und Wozu.
Jetzt ging der Mensch auf die Suche nach seinem Gotte aus. Er ahnte nicht, daß er in seiner Gehirnzelle saß, daß er die letzte und edelste, die sich selbst schauende That des allschaffenden Sonnenstrahles war. Er suchte den Gott außer sich. Er sah den flammenden Sonnenball, der seit Jahrmillionen Licht und Wärme spendet und alles Lebende zeugt, und sagte sich: Das ist Gott! Andere bildeten scheußliche Fratzen aus Stein und Erz und sagten: Das ist Gott. Auch Tiere und Bäume hielten sie für die Wohnung ihres Gottes. Wieder andere fanden für jedes Warum und Wozu einen Gott; der Baum, das Wasser, der Fels, die Wolke hatten einen innewohnenden Gott. Nur der Mensch hatte in sich den Gott nicht gefunden. Er ist nur Einer! Ein allgewaltiger Geist, der den Himmel und die Gestirne und alles Lebende nur für uns geschaffen. Er ist _unser_ Gott, der Gott unseres Volkes, sagten die Einen. All die ungezählten Millionen, die sonst noch auf der Erde wandeln, haben keinen Teil an ihm. Wir haben ihn erkannt, obwohl er sich nie zu erkennen gegeben und auch alle anderen Völker der Erde nie wissen ließ, daß er so und nicht anders erkannt und verehrt werden will. Dann wieder lief die Kunde durch die Welt: In Bethlehem hat ein Weib ein Kind geboren, in dem wohnt Gott. Er wandelte auf Erden als Mensch, aber was er sprach und lehrte, was er that und litt, war göttlich. Die Besten von uns haben sein Urbild im Herzen getragen, bevor ihn das Weib gebar. Es schien, daß der Mensch seinen Gott gefunden habe. Aber wieder verdunkelte sich das reine Bild, und die Menschheit vergaß, daß der lebendige Gott wieder und wieder aus jedem Menschen geboren werden müsse. Sie thaten groß und glaubten ihn erkannt zu haben, den Heiland, den Erlöser, und doch, wie weit waren sie von ihm entfernt, und wie entfernten sie sich immer wieder von neuem von ihm! Geradeso wie die erste Zelle im Meeresgrunde die Urform zu all den Myriaden wundervoller Organismen bis hinauf zum Menschen bildete, hat auch der erste kindliche Gedanke des Urmenschen von der Gottheit all die späteren Vorstellungsformen der civilisierten, geistig vervollkommneten Menschheit gezeugt. Doch auch heute noch leben die einfachen Zellenwesen auf dem Meeresgrunde, und auch heute noch spukt in Millionen Köpfen neben der selbstlosen Lehre Christi die plumpe, ungeschlachte Vorstellungsform von einem höchsten Wesen, wie sie der Urmensch ausgedacht. Egoismus, Aberglaube, Furcht, schlaue Spekulation, Staatsraison schaffen heute noch die wunderlichsten Ausgeburten, und nur wenige hochstehende Menschen haben ihren Gott gefunden, weil sie es verstanden, ihm ähnlich zu werden. Der Gott des sicilianischen Bauern und der des russischen Muschiks, des bekehrten Samojeden und des getauften Feuerländers kann doch nicht derselbe sein wie der des selbstlosen, auf der höchsten Zinne einer sittlichen Weltanschauung stehenden Gelehrten! So gilt auch hier das Wort: Jeder Einzelne hat den Gott, den er verdient!
20. Oktober.
Wenn man so auf die Straße tritt! Wo ist das Hasten, wo sind die zerstreuten Mienen, wo ist die sich selbst vergessende Fröhlichkeit, wo die Gedanken an Geschäft und Erwerb, die man sonst von tausend Gesichtern ablesen konnte? -- Es ist furchtbar, bei all den Tausenden, welche an mir vorüberfluteten, nur das eine _unveränderliche_ Antlitz zu sehen. Alle die vielfachen Interessen des Lebens, welche sich sonst in unzähligen Zügen in den Gesichtern der Vorübereilenden bemerkbar machten, lassen jetzt keinen Abglanz zurück. Unbewegliche Masken, in welche mit ehernem Griffel ein einziger Zug eingegraben ist: Dumpfe Ergebenheit!
Und dennoch, die große Maschine »_Gesellschaft_« haspelt ihr Tagewerk gedankenlos ab; scheinbar geht alles in regelmäßigem Geleise. Man fürchtet den Stillstand, wie das Chaos. Ich trete auf die Straße. Kein Lüftchen regt sich. Herrlicher denn je strahlt die Sonne vom wolkenlosen Firmament herunter, und so erneut sich Tag um Tag. Baum und Strauch setzen neue Knospen und Blüten an, die Lerche schwingt sich tirilierend hoch hinauf in den hellblauen, zitternden Äther -- denn die rauhen Herbststürme des Äquinoctiums sind ausgeblieben, die Wandervögel haben ihren Zug nach dem Süden eingestellt -- sie tragen Halme in ihre Nester und bereiten sich auf einen neuen Sommer vor.
Man glaubt das goldene Zeitalter gekommen. Die Wintersaat ist üppig in die Halme geschossen und verspricht hundertfachen Ertrag. Durch einen unerklärlichen Vorgang im Mechanismus unseres Planetensystems gelangte die Erdachse in eine nahezu senkrechte Stellung zur Ekliptik. So heißt nämlich die kreisähnliche Kurve, die die Erde bei ihrem jährlichen Umlauf um die Sonne beschreibt. Für unsere Zone bedeutet diese Umwälzung einen ungeheueren Zuwachs an Wärme.
Obwohl auch diese Veränderung auf den Einfluß des unheilvollen Gestirnes zurückzuführen war, gab es doch viele, welche in ihrem Optimismus geneigt waren, die Reihe der Veränderungen damit als abgeschlossen zu betrachten. In Flugblättern und Telegrammen wurden Hunderte von Hypothesen verbreitet, die jedoch immer wieder von anderen verdrängt wurden. Dies konnte die Menge nicht befriedigen. Im heißen Drange, die Vorfälle dieser ereignisvollen Zeit im günstigen Sinne auszulegen, veranstalteten die Bewohner der Erde Dankprozessionen, in denen sie sich im überquellenden Dankgefühle vor ihrem Schöpfer niederwarfen und den Allerhalter anflehten, die drohende Heimsuchung von ihnen abzuwenden. In unabsehbaren Zügen, unter Vorantragung ihrer Heiligtümer und mit Entfaltung des herrlichsten Kirchenprunkes zogen sie hinaus unter Gottes freien Himmel, und indes in der verlassenen Riesenstadt die Glocken der hundert Kirchentürme wie das Gebetlallen ihrer Bewohner zum Himmel klangen, unterstützte draußen der Donner aus Hunderten von Kanonenschlünden den inbrünstigen Aufschrei der Kreatur . . .
22. Oktober.
Auf meinen täglichen Wanderungen durch die Stadt gelangte ich heute auf einen der größten Plätze, der von einer tausendköpfigen Menge besetzt war. Es herrschte tiefe Stille auf dem Platze. Ein Mann mit wallendem Haupthaar und einem langen, weißen Vollbart, anscheinend dem Gelehrtenstande angehörig, sprach zu der Menge.
Die Wissenschaft, sagte er, kann uns leider wenig Trost spenden, daß die Reihe der Veränderungen mit diesem gewaltigen Eingriff in den Himmelsmechanismus abgeschlossen sei. Sie wissen alle, fuhr er fort, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, wie man vor dem großen Kopernikus allgemein geglaubt hatte, sondern daß sie sich seit vielen Jahrmillionen mit ihren Geschwistern, den Planeten, um ihre Mutter und Ernährerin Sonne dreht. Wie könnte es auch anders sein! Nur Beschränktheit oder Größenwahn der Menschheit konnten annehmen, daß die winzig kleine Erde, die _eineinviertel Millionen mal kleiner_ ist, als die Sonne, den Mittelpunkt des Weltalls bildet.
Was das kleine Sandkörnlein Erde im großen Weltenplan bedeutet, das sehen wir jetzt, wo ein unbedeutendes Gestirn, ein Vagabund des Himmels, sich anschickt, der ganzen vieltausendjährigen Herrlichkeit ein ruhmloses Ende zu bereiten. -- Mensch, deine ganze Geschichte und alle Errungenschaften des Wissens und Erkennens gehen in einen Fingerhut, wenn du den Blick zu den Myriaden Sonnen erhebst, die am nächtlichen Himmel flammen. Und du hast dich vermessen, zu glauben, daß all die Myriaden Sonnen, die so weit von dir entfernt sind, daß dein armes Gehirn den Gedanken nicht auszudenken vermag, vom Schöpfer zu Vasallen dieses winzigen Sandkörnchens, Erde, bestimmt wurden? Wißt Ihr, daß diese glitzernden Punkte, deren Zahl keine Ziffer auszudrücken vermag, ebensoviele Sonnen sind, größer und herrlicher als unsere Sonne und jede einzelne umkreist von Planeten wie unsere Erde? Die nächste dieser Sonnen ist dreieinhalb Lichtjahre von unserem armseligen Wohnort entfernt. Das ist so leicht ausgesprochen. Wißt ihr, was ein Lichtjahr ist? Ein Lichtjahr ist der Weg, den das Licht innerhalb eines Jahres zurücklegt. Da habt ihr noch immer keine Vorstellung. Wenn ich euch sage, daß das Licht in einer _Sekunde_ 40000 Meilen zurücklegt und daß es bei dieser unfaßbaren Geschwindigkeit dreieinhalb Jahre braucht, um den Weg vom nächsten Fixstern bis zur Erde zurückzulegen, da dämmert euch wohl eine schwache Vorstellung davon auf. Aber noch besser werdet ihr euch die Entfernung vorstellen, wenn ich euch sage, daß der Orient-Expreßzug 75 Millionen Jahre brauchen würde, um diesen Weg zurückzulegen. Das ist aber der nächste ebenbürtige Nachbar unserer Sonne. Da giebt es in der Milchstraße und in den Nebelflecken Millionen und Millionen Sonnen, deren Licht erst nach Jahrtausenden auf unsere Erde gelangt. Ja, es ist fraglich, ob nicht einzelne Gestirne schon seit Jahrtausenden erloschen sind, deren Lichtstrahl erst jetzt in unser Auge gelangt. Und was die Größe dieser Welten betrifft, so ist es nicht auszudenken, was trockene Zahlenreihen uns verkünden. Wir haben schon gelernt, bescheiden zu sein, und unsere Erde, die den Alten noch als die unendliche Welt erschienen, ist zu einem kleinen, schimmernden Pünktchen zusammengeschrumpft, von dessen Dasein die mutmaßlichen Bewohner der großen Himmelslichter ebensowenig Ahnung haben, als wir von den Planetensystemen der übrigen Fixsterne. Und wenn man dort oben auf dem Sirius tausendmal mächtigere und schärfere Fernrohre hätte, als wir, man könnte das schwachleuchtende Pünktchen doch nie und nimmer entdecken. Und wenn unsere Erde einmal auf den _Sirius_ fallen würde -- glaubt ihr, das würde dort ein sonderliches Aufsehen machen? Selbst wenn sie einem Siriusbewohner auf den Kopf fiele, würde er kaum ein Unbehagen davon verspüren; denn sie hätte für ihn nur die Größe eines Kirschkernes! Möglich, daß er sie seinen Kindern zum Spielen nach Hause brächte. Aber selbst die sonnigen Augen dieser Fixsternbewohner würden auf dieser, mit Schimmel überzogenen Kugel nichts Merkwürdiges entdecken. Die Städte, Wälder, Flüsse, Berge und auch die mikroskopischen Lebewesen würden ihren Blicken verborgen bleiben.
So sieht es aus mit unserer Erde, wenn wir einen Vergleich ziehen mit ihren gigantischen Brüdern aus der Sternenwelt. Nur der Größenwahn, der sich dieses kleine Wandelsternchen zum Mittelpunkt des Weltalls schuf, konnte sich in den Gedanken einlullen, daß der erhabene Geist, der all diese herrlichen Welten schuf, mit der Kirchturmpolitik und dem Gezänke seiner Bewohner rechnen wird. Ihr geht in Eurer Blasphemie so weit, zu glauben, daß Ihr den großen Geist für Eure kleinen Zwecke gewinnen könnt durch Unterwürfigkeit und Bitten. In eurem beschränkten Gehirn ist er noch immer der griesgrämige Alte, der schilt und tobt, mit Blitz und Donnergroll seine üble Laune zu erkennen giebt und seinen ungeratenen Kindern für gute Vorsätze immer wieder Straf-Prolongationen gewährt. Was gilt ihm ein Mißton in dieser gewaltigen Weltensymphonie! -- Vor zehn Jahren leuchtete im Sternbild der Andromeda ein Stern auf, den vorher kein menschliches Auge gesehen. Anfangs hellleuchtend, erblaßte er allmählich und verschwand nach wenigen Monaten. Das war ein Weltuntergang! Durch den Zusammenstoß zweier nichtleuchtender Gestirne kam es zu einer ungeheuren Wärmeentwicklung -- zwei Welten gingen in Flammen auf. Sie waren nicht mehr selbstleuchtend, also erstarrt, folglich für die Entwicklung von Lebewesen geeignet -- welch weites Feld für kühne Konjekturen! Zwei Welten, die seit Jahrmillionen durch den Äther kreisen, in denen sich Leben, Kultur, Kunstentfaltung entwickelt, schöner und herrlicher vielleicht als auf unserer Erde, zerschellen aneinander in Folge eines kleinen Mangels in dem gewaltigen Uhrwerk, wie zwei Schiffe, die bei Nacht und Nebel auf stürmischem Ocean aufeinanderprallen. Wir Erdenbewohner sahen diese, die kühnste Phantasie übertreffende, unfaßbare und unausdenkbare Katastrophe -- aber was da in ungeheuren Ätherfernen vor sich ging, das hatte ja für unsere Erde keine Folgen. Man hörte ja kein Prasseln und Knattern, und die Lichtspur der flammenden Welten war so klein wie das Dachfeuer eines meilenweit entfernten Hauses. Wenn es nicht zu unserer Gemeinde gehört, so regt es uns nicht weiter auf. Unsere Phantasie ist so stumpf, unsere Sinne sind so plump! Und als wir zudem hörten, daß diese, einer anderen »Gemeinde« angehörigen Welten so unermeßlich weit seien, daß der Lichtstrahl uns Dinge verkündete, die vielleicht vor Jahrtausenden geschehen sind, da nahmen wir die Nachricht von einer Weltkatastrophe recht gefaßt hin und erhitzten uns weiter für unsere Kirchturmpolitik und unsere Zänkereien.
Werden und Vergehen ist doch das erste und uns erkennbarste Gesetz im Weltenplan; also müssen auch Welten vergehen; das leuchtete uns ein, so lange der Beweis dafür auf eine Entfernung von Billionen Meilen geführt wurde.
Nun soll es auch an uns heran! Wie ist unsere Erde entstanden, das heitere Sonnenkind? Der Mathematiker Laplace hat dafür eine Erklärung gegeben. Die Sonne war einst ein ungeheuerer Ball von glühenden Gasen, dessen Halbmesser länger war als die Entfernung des äußersten Planeten, des Neptun, von dem Mittelpunkt der Sonne, also über 600 Millionen Meilen. Dieser ungeheure Ball von glühenden Gasen kühlte sich auf seiner Wanderung allmählich ab, und da sich alle Körper durch die Kälte zusammenziehen, so nahm auch der Sonnenball an Volumen ab. Dieser Zusammenziehung konnten aber einzelne Teile des Sonnenkörpers nicht folgen, und während er sich zu einem kleineren Volumen verdichtete, schnürte sich ein Ring von Sonnenmaterie ab, der nun frei im Weltenraum schwebte. Dieser Ring, der die Bewegung des Hauptkörpers beibehielt, ballte sich allmählich zu einer Kugel zusammen und umkreiste den Mutterkörper nach der ursprünglichen Richtung der Bewegung seiner kleinsten Teilchen.
Nach einem ungeheueren Zeitraum, der nur nach Jahrmillionen zu berechnen ist, hat sich vom glühenden Sonnenball abermals ein Ring losgelöst, dessen einzelne Teile sich in Folge der Rotation zu einer Kugel zusammenballten, und so ging das fort durch Äonen. Auf diese Weise entstanden der Reihe nach Neptun, Uranus, Saturn Jupiter, der Schwarm der Asteroiden, ferner die Planeten Mars, Erde, Venus und Mercur. Die Erde zählt also mit ihren Geschwistern, den Planeten, zu den Sonnenkindern. Sie empfängt Leben und Nahrung, Licht und Wärme ausschließlich von ihrer erhabenen Mutter, und viele Millionen Jahre früher, bevor das letzte Licht auf dem Sonnenball verflackert ist, müssen ihre Kinder, die Planeten, erstarren und vergehen . . .
Doch viel früher, als die Wissenschaft in ihren kühnsten Hypothesen voraussetzen konnte, droht der Erde Tod und Verderben durch einen Himmelsvagabunden, der in Folge seiner ungeheueren Größe einen unheilvollen Einfluß auf die Umdrehungsgesetze unseres Planeten ausübt. Noch bevor er dem Auge sichtbar war, konnte man Unregelmäßigkeiten beobachten, und jetzt, da er mit seiner ganzen ungeheueren Masse auf die Erde wirkt, hat die Stellung der Erdachse zur Ekliptik eine wesentliche Änderung erfahren, wodurch wieder die Veränderung der klimatischen Verhältnisse unserer Zone hervorgerufen wurde. Wir in Europa, dann die Bewohner des nördlichen Asiens und Nordamerikas haben durch diese Änderung gewonnen. Die Bodenfrüchte gedeihen allenthalben in unerhörter Üppigkeit. Man heimst Ernten mit hundertfachem Ertrage ein. Dafür aber kommen aus den Äquatorialgegenden die haarsträubendsten Berichte von versengendem Sonnenbrand. In ängstlicher Hast fliehen die Völker Indiens und des inneren Afrikas nach dem Norden, um sich vor den mordenden Strahlen der Sonne und vor der durch kein Lüftchen gemilderten Glutatmosphäre zu retten.
Und nun nehmt es gefaßt hin, was die Wissenschaft als das wahrscheinliche Schicksal unserer Erde voraussagen kann. Der unheimliche Genosse wird uns nicht mehr verlassen. Die Erde wird mit ihm als Doppelgestirn um die Sonne kreisen. Doch da er der Stärkere ist, wird er die Erde aus ihrer Bahn zu reißen trachten. Die Erde wird ihm folgen müssen -- unwillig zwar, denn sie will ihre vorgeschriebene Bahn einhalten -- aber allmählich in großen Spirallinien werden ihre Kreise immer weiter werden, und das Licht der Sonne wird immer mehr verblassen; dann aber wird das Leben auf unserer Erde erstarren -- ein fahler Dämmerschein wird alles einhüllen, was ehedem des Menschen Auge entzückt hatte, und in der ewigen Sternennacht werden wir -- so lange Lebenswärme noch in unseren Adern wohnt -- mit Sehnsucht nach einem schwach schimmernden Sterne blicken, der einst unsere Sonne war . . .«
Mit unheimlicher Ruhe nahm die Menge die Wahrheiten entgegen, die ihr die unerbittliche Wissenschaft durch den Mund des Gelehrten verkündete. In stumpfer Resignation verließ sie den Platz. Freunde umarmten einander und drückten sich die Hände, als wollten sie Abschied nehmen für's Leben. Dann blickten sie wehmütig hinauf zum leuchtenden Sonnenball, der in gewohnter Schönheit und Majestät herniederstrahlte auf die Erde . . . Kopfschüttelnd und fiebernd fast vor innerer Erregung suchten sie ihr Heim auf. Es kann ja nicht sein! Es ist ja so ganz unfaßbar! . . .
25. November 1899.
Das waren Stunden! Noch immer tobt es in meinen Adern, noch immer schwingen die Nerven von den Eindrücken der letzten Stunden! -- Die zweite Ernte war geborgen. Ein Segen, wie ihn der Landmann noch nie vorher gesehen. Was da eingeführt wurde in Scheunen und Gruben, das reichte auf Jahre hinaus für die europäische Menschheit. Arbeitskräfte waren in Fülle vorhanden; denn die Heere waren aufgelöst und die männliche Jugend hatte geholfen die Felder bestellen und die Ernte bergen. Der Segen des Himmels hatte seine Wirkung gethan. Es war in den letzten Tagen wie Ruhe und neue Zuversicht über die Menschheit gekommen.