Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900

Part 1

Chapter 13,205 wordsPublic domain

Vincenz Chiavacci. Der Weltuntergang.

Im Verlag von Adolf Bonz & Comp. sind von demselben Verfasser ferner erschienen:

Kleinbürger von Groß-Wien. Ernstes und Heiteres aus dem Wiener Volksleben. Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Wiener vom alten Schlag. Heitere und ernste Bilder aus dem Volksleben der Kaiserstadt. Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Wiener Typen. Humoristische Bilder aus dem Wiener Leben. Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Eine die's versteht. Lokal-politische Standreden der Frau Sopherl vom Naschmarkt. Oktav. -- Geheftet M. 2.--, elegant gebunden M. 3.--

Der Weltuntergang.

Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 von Vincenz Chiavacci.

Illustriert von Emil Ranzenhofer.

Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1897.

Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

Inhalt.

Seite I. Die Revolution am Firmament 1 II. Die Zeichen mehren sich 12 III. Das Tagebuch 21 IV. Das Delirium der Erde 62 V. Das große Nichts 84

I. Die Revolution am Firmament.

Es war im Spätsommer des Jahres 1899. Als ob das sterbende Jahrhundert allen übrigen noch in letzter Stunde den Rang ablaufen wollte, hatten sich die Ereignisse in den Neunziger-Jahren in fieberhafter Hast gejagt. Das Flugproblem war endgültig gelöst. Die Beförderungsweise war zwar noch etwas kostspielig; dennoch unternahm man schon waghalsige Expeditionen und plante sogar einen Entdeckungsflug nach dem Nordpol. Fast mehr noch als die überraschenden Erfolge auf dem Gebiete der technischen Wissenschaften wurde die Menschheit von den Fragen der politischen und socialen Gesellschaftsordnung in Atem gehalten. Seit Monaten schwebte schon das Damoclesschwert eines aller Voraussicht spottenden, in seinen verheerenden Wirkungen unabsehbaren Weltkrieges über der Menschheit.

Die europäischen Großmächte hatten die Steuerkräfte der Völker auf's höchste angespannt, um die ungeheuerlichen Summen aufzubringen, welche die Heeresausrüstungen verschlangen.

Auch auf diesem Gebiete brachte fast jeder Tag neue Entdeckungen. Die Heeresausrüstungen der einzelnen Staaten waren in ewiger Umwandlung begriffen. Mit Eifersucht wachte ein Staat über den anderen, in der Schlagfertigkeit seiner Armee nicht überholt zu werden, und die Parlamente hatten schon längst das Murren über die fabelhaften Geldopfer verlernt. Mit fatalistischem Gleichmut votierten sie immer neue Millionen für neuartige Kaliber, für widerstandsfähigere Panzer, für rasantere Projektile. Wagte sich je eine schüchterne Einwendung hervor, so genügte ein Hinweis auf die furchtbare Verantwortung, dem Vaterland die Mittel für den Entscheidungskampf versagt zu haben, um den Zweifler verstummen zu machen.

Während so Millionen von arbeitstüchtigen Männern unter den Waffen standen, gährte es in der großen Masse des Volkes. Die aberwitzigsten Umsturzprobleme wurden offen und im geheimen als das einzige Heil der gehetzten Menschheit erklärt und fanden Tausende von fanatischen Bekennern. Schon längst hätten die Regierungen diesem unerträglichen Zustand durch einen zwar furchtbar blutigen, doch für den Fall des Sieges erlösenden Krieg ein Ende gemacht. Aber was dann, wenn die decimierten Heeressäulen im eigenen Lande von den aufgehetzten, blutgierigen Massen als Verräter verfolgt, erdrückt, zerschmettert würden?

Die Sache stand so: Die alliierten Mächte Österreich, Deutschland, Italien hatten an Rußland und Frankreich energische Noten abgesendet. Rußland hatte im mittelländischen Meere Flottenstationen errichtet und einen Handstreich auf Kandia unternommen. Frankreich hatte, zum großen Ärger Italiens, einen Teil von Tripolis annectiert. Drohende Noten flogen hinüber und herüber. Auf beiden Seiten wurde mobilisiert. Rumänien, Griechenland und die Türkei erklärten sich als Anhänger der Tripelallianz. In Russisch-Polen wuchs die Aufregung von Tag zu Tag. Die Grausamkeiten, welche die Russen zur Unterdrückung der Bewegung ausübten, beschleunigten den Entschluß der unglücklichen Nation, einen letzten blutigen Verzweiflungskampf zu wagen. England erklärte zwar, neutral zu bleiben, knüpfte aber daran gewisse Bedingungen, welche die Machtsphäre Rußlands im Mittelmeere beschränkten. Skandinavien war für den Dreibund; nur Dänemark liebäugelte mit Rußland und Frankreich. In Rußland hatten die neuerlichen nihilistischen Attentate eine despotische Polizeiherrschaft hervorgerufen, während in Frankreich Volk und Regierung immer mehr dem communistischen Staatswesen zusteuerten. Trotzdem wuchs die Begeisterung beider Nationen füreinander mit jedem Tage, der die Gefahr einer allgemeinen Conflagration näher erscheinen ließ.

So standen die Mächte einander schon geraume Zeit gerüstet gegenüber, den Arm zum Schlage erhoben. Aber der Arm fiel nicht auf den Gegner nieder, weil keine von beiden Parteien den Mut fand, eine entsetzenschwangere Zukunft heraufzubeschwören, die für den ganzen Weltteil verderbenbringend werden konnte. Man sprach von einem Schiedsgericht, von einem Friedens-Congreß, von allgemeiner Abrüstung, und die öffentliche Meinung verarbeitete alle diese Nachrichten mit leidenschaftlichem Interesse.

Da erschien eines Tages in den Blättern eine Mitteilung, die fast unbeachtet vorübergegangen wäre, wenn sich nicht die Witzblätter des dankbaren Stoffes bemächtigt hätten. In dieser Notiz war zu lesen, daß Mr. Oliver Brown auf der Sternwarte in Philadelphia die Beobachtung gemacht habe, daß am 11. September die Sonne um ein Sechzehntel einer Sekunde später als um die normale Zeit aufgegangen sei. Man belächelte diese Nachricht. Amerikanischer Humbug, erklärten die Blätter. Vielleicht eine schlaue Reklame für einen Uhrmacher, um zu beweisen, daß seine Uhren zuverlässiger als die Sonne sind. Die Witzblätter bildeten die Sonne als fidelen Bruder Studio ab, der von Vater Chronos geweckt wird. In den »Fliegenden Blättern« war Mr. Brown abgebildet, wie er mißbilligend die Sonne betrachtet und dabei in der Hand eine Uhr mit Wasmuth's Hühneraugenringen hält. So gingen die Scherze eine Weile fort, bis die Sache wieder vergessen war.

Einige Wochen später jedoch kam die gleiche Nachricht von der Sternwarte in Neapel; der dortige Gelehrte hatte aber gefunden, daß die Zeitdifferenz bereits ein Zwölftel einer Sekunde betrage. Jetzt stutzten die Leute. Die Zeitungen brachten lange Artikel für und gegen die Sache. Die einen behaupteten, es gäbe keine ausgesuchte Narrheit, die nicht in kurzer Zeit Nachahmer fände, die anderen erklärten die Entdeckung für einen Irrtum der betreffenden Gelehrten. Andere wieder meinten, solche kleine Störungen wären vermutlich schon öfter vorgekommen; sie würden aber immer wieder reguliert, da die ausgleichenden Kräfte des Gravitationsgesetzes keine dauernden Unregelmäßigkeiten aufkommen ließen. Es sei ja bekannt, daß auch die Erdachse oscillierende Bewegungen mache, pendelartige Schwingungen, die jedoch nach einem ebenso strengen Gesetze wie der ganze wundervolle Weltmechanismus zu Stande kämen. Man habe dergleichen bis jetzt nur zu wenig beobachtet, und ein eingehendes Studium werde auch in diesem Falle wieder den glänzenden Beweis erbringen, daß die Natur keine Sprünge liebt und derlei Veränderungen höchstens in einem Zeitraum von Jahrmillionen vor sich gingen.

Als aber die unheimliche Entdeckung von allen kompetenten Stellen ihre Bestätigung fand, änderte sich das Bild wie mit einem Schlage. Obwohl der Himmelsmechanismus noch immer wie sonst zu funktionieren schien, war es doch wie eine dumpfe Betäubung über die Menschheit gekommen.

All die übrigen Fragen und Verwicklungen, Ereignisse und Katastrophen, ja Krankheit und Tod traten jetzt in zweite Linie vor der furchtbaren Ungewißheit, der bangen Frage: Was wird aus unserem Erdball werden? In unheimlicher Stille bereitet sich ein ungeheuerliches, mit keinem Maßstab des Unglückes und der Verheerung, der Seuchen und des Krieges, der Erdbeben und der versunkenen Städte zu messendes Schicksal vor. Er war ja unfaßbar, der Gedanke, daß unsere schöne Erde, der erhabene Schauplatz der wunderbarsten Lebensentfaltung, der altehrwürdige Wohnort des zur höchsten Erkenntnisstufe emporstrebenden Menschengeschlechtes, wie ein steuerloses Fahrzeug im Weltenraum zerschellen sollte, daß, wie Einzelne zu behaupten wagten, den übrigen Sonnenkindern nur ein schwach leuchtender Punkt, ein chaotisch durcheinander wirbelnder Ball von glühenden Gasen ihr Dasein künden würde!

Mutlos sanken auch die werkthätigsten Hände in den Schoß, die Theater und Vergnügungslokale blieben leer; nur in den Straßen wogte bis in den frühen Morgen eine ängstlich bewegte Menge und teilte sich flüsternd ihre Besorgnisse mit. Kein helles Lachen, kein schriller Ton durchdrang die Luft.

Eine ehrfürchtige Stille herrschte in dem Sterbehause der Allmutter Erde. Nur wenn die Morgenzeitungen erschienen, ging eine lebhafte Bewegung durch die Menge. Man riß sich um die ausgebotenen Blätter, man umdrängte die Plakate, welche die Beobachtungen der einzelnen Sternwarten enthielten, man horchte auf jeden, der eine neue Nachricht zu bringen wußte. Aber sie lauteten alle gleich düster und geheimnisvoll; und dennoch zeigte die Erde keine wahrnehmbaren, beunruhigenden Veränderungen; die Herbsttage waren von entzückender Milde und elegischer Schönheit.

Jeden Tag stieg die Sonne am fleckenlosen Firmament empor und vergoldete den überreichen Herbstsegen mit ihrem verklärenden Schimmer, und die lauen Nächte mit der schimmernden Mondscheibe schienen die Tage noch überbieten zu wollen an majestätischer Pracht und heimlichem Liebreiz.

Und dennoch blickte die Menschheit voll banger Erwartung, voll unsagbarer Verwirrung zur Allerhalterin und Allernährerin empor; denn die einstimmige Aussage aller Himmelskundigen ließ keinen Zweifel darüber bestehen, daß die Gesetze unseres Weltmechanismus durch einen unerklärlichen, vielleicht aus ungeheueren Fernen stammenden Einfluß gestört worden waren. Das Unerklärliche, Unfaßbare, das nie da war, und das keines Menschen Hirn ausdenken kann, sollte nun Wirklichkeit sein? Das Ewige, Unveränderliche, die erhabene Gesetzmäßigkeit -- all die Begriffe, an denen der Mensch seinen Maßstab anlegte, um seine kleine, beschränkte Endlichkeit an der Allmacht zu messen, sollten nun mit einem Male ihres Zaubers entkleidet sein -- Sonnenbälle und Weltsysteme sollten den letzten, ephemeren Staubgeborenen die Lehre aufweisen, daß auch sie nichts sind vor dem einen allmächtigen Willen, als tanzende Stäubchen, emporgewirbelt und versinkend in meßbaren Zeiträumen?

Zu Anfang Oktober kam die Nachricht von der Sternwarte in Kairo, daß man am südöstlichen Himmel in der Nähe des Sternes _Beteigeuze_ im Sternbilde _Orion_ einen Kometen entdeckt habe, der gegenwärtig dem freien Auge zwar nicht sichtbar sei, doch nach den Berechnungen, die in der kurzen Zeit der Beobachtung möglich waren, seine Bahn mit fabelhafter Schnelligkeit durchfliege und sich unserem Sonnensystem nähere. Es sei kein Zweifel, daß dieses Gestirn die Ursache der Störungen sei, die sich auf unserer Erde in so verhängnisvoller Weise manifestierten. Die Gefahr eines Zusammenstoßes mit diesem Himmelskörper sei zwar verschwindend klein; er werde der Erde auf beiläufig zwei Millionen Kilometer nahe kommen; aber das sei eben bei der ungeheueren, die Erde um das Tausendfache übertreffenden Größe dieses Gestirnes nahe genug, um den unheilvollsten Einfluß auszuüben.

Wenige Tage später wurde der furchtbare Feind mit freiem Auge sichtbar, und nun wuchs er von Tag zu Tag, und sein unheimlich rötlicher Glanz gab selbst den hellen Mondnächten einen nie dagewesenen magischen Schimmer. Zuletzt dehnte sich seine ungeheuere Rute über mehr als ein Drittel des Firmamentes hin. Bei Tage, wenn die Sonne schien, war alles wie sonst. Aber kaum war der letzte Dämmerschein verglommen, so stieg das grauenhafte Phänomen empor und erfüllte die hilflose, verzweifelte Menschheit mit unsagbarem Entsetzen.

II. Die Zeichen mehren sich.

Vor einem mit weißen Gardinen und den farbensatten Blumen des Herbstes geschmückten Fenster saß ein zartes, blondes Mädchen und blickte, die Handarbeit lässig im Schoße haltend, träumerisch dem scheidenden Tagesgestirne nach. Dort unten am Horizont zuckten noch rötliche Lichtstrahlen auf, und das zarte, duftige Gewölk erglänzte in blaßrotem Schimmer. Allmählich verblaßten die Lichtreflexe in matteren Farben und graueren Tönen, bis nur einzelne hoch im Zenith dahinsegelnde, metallisch glänzende Wölkchen wie ein letzter Scheidegruß des sinkenden Gestirnes sichtbar blieben. Doch die eintretende Dämmerung wollte der Nacht nicht weichen. Ein fahler Schein, von blitzartig aufzuckenden und wieder verschwindenden roten Lichtstrahlen begleitet, dehnte sich allmälig über das ganze Firmament hin. Alle Gegenstände der Erde waren in diesen seltsamen Schimmer getaucht und zeigten eine Farbenabtönung, die vorher nie eines Menschen Auge geschaut.

Das Mädchen wendete den Blick von der Straße, in die es erwartungsvoll hinuntergespäht, und sah nach der Thür des Nebenzimmers, aus der eben eine silberhaarige Greisin heraustrat.

»Ist Dir in deiner Stube zu bange geworden, Großmütterchen?« sagte das Mädchen und klingelte. »Ich werde gleich Licht bringen lassen. Vater wird bald kommen, und auch Karl hat mir versprochen, zu kommen.«

»Ich halte es nicht aus in dem unheimlichen Licht,« sagte die alte Frau. »Mein lieber, alter Hausrat blickt mich darin so fremd und kalt, fast möchte ich sagen feindselig an. Ich hab' in meinem ganzen langen Leben kein solches überirdisches, düsterdrohendes Licht gesehen. Doch ja, in meiner Jugend einmal; da machte mein Bruder den Spaß und ließ uns Alle um den runden Tisch herumsitzen, in Leintücher eingehüllt, und nachdem er eine Spiritusflamme entzündet und die übrigen Lichter verlöscht hatte, streute er ein Pulver in die Flamme, wodurch sich ein Lichtschein verbreitete, der unsere Gesichter leichenhaft färbte. Wir waren anfangs darüber entsetzt, dann lachten wir und ergötzten uns daran, wenn neu eintretende Personen über die Gespensterversammlung erschraken. Daran gemahnt mich der fahle Schein, den dieses furchtbare Gestirn allnächtlich verbreitet. Ich sehe nichts als Leichen um mich. Selbst der Hausrat erschreckt mich. Die Möbelstücke scheinen alle selbst zu leuchten, wie morsches Holz im nächtlichen Wald. Mich fröstelt. Wie kindisch der Mensch wird! Ich habe mich doch schon längst vertraut gemacht mit Sterben und Tod, ich weiß, daß ich an die äußerste Grenze gelangt bin und in kurzer Zeit den Tribut alles Lebens zahlen muß. Das hat mich nie geschreckt. Es war für mich keine Vernichtung. Wenn ich auf die Straße sah, wo die Schuljugend ihre munteren Spiele trieb, so überzeugte ich mich, daß alles das, was ich für schöne Erinnerung hielt, auch wieder lebendige, greifbare Gegenwart ist und immer sein wird von Geschlecht zu Geschlecht. Doch jetzt hört man furchtbare Dinge. Der Tod, der all die Jahrtausende nur ein mildes, erlösendes Spiel getrieben, hie und da ein frisches, grünendes Reis zertretend, aber sonst wie ein emsiger Gärtner im Menschheitsgarten waltete, das Welke und Dürre, das Faule und Entartete mit sorgender Hand entfernte, damit der Garten selbst in immer erneuten Reizen blühen könne -- der milde, befreiende Tod will jetzt ein Ende machen mit Allem, was da lebt. Das ist die Vernichtung, gegen die der Hingang jedes Einzelnen nur ein freundliches Spiel mit Knospe, Blüte und Frucht am Baume des Lebens ist.«

Die alte Dame neigte sinnend das Haupt, und die Enkelin sank leise schluchzend vor ihr auf die Kniee und barg ihr blondes Lockenhaupt in dem Schoß der Greisin.

Ein Mädchen trat ein, brachte Licht, ließ die Jalousien herunter und meldete die Ankunft des Herrn Rates.

Dieser, ein stattlicher Fünfziger mit braunem Vollbart und einem Ausdruck von Bonhommie und Lebensmut im Antlitz, kam in Gesellschaft eines jungen Mannes, dessen Äußeres den Künstler verriet. Ein Apollohaupt, die Stirn von braunen Locken umrahmt, mit großen, dunklen, lebensprühenden Augen, Mund und Kinn mit einem blonden, unten spitz zulaufenden Bart geschmückt, saß auf einem schlanken, kraftvollen Körper. Der junge Mann näherte sich der alten Dame, küßte ihr ehrerbietig die Hand und hob dann das Antlitz des Mädchen zu sich empor, das sich mit einem glückseligen, durch Thränen schimmernden Blick an ihn anschmiegte, während ein krampfhafter Seufzer ihre Brust von der Qual der letzten Stunde befreite.

»Aber Mütterchen,« fing der Rat zu sprechen an, »du, unsere weise Lehrmeisterin in der Kunst der Resignation, die starke, kampfesmutige Seele, die uns so oft erhoben in Tagen des Kummers, bist wieder einmal schwach geworden? Sind wir nicht alle vereint, lieben wir uns nicht? Und wird uns diese Liebe nicht beisammen finden, mag kommen, was will?«

»Ich bin schon wieder ruhig,« versetzte die Greisin. »Es hat mich nur so überkommen. In eurem Kreise verschwindet alles Bangen.«

»Was sollen wir fürchten?« versetzte der Sohn mit seiner ruhigen, sonoren Stimme. »Im schlimmsten Falle werden wir gleichzeitig den Preis bezahlen, der bis jetzt von allen Lebenden unnachsichtlich eingetrieben worden ist.«

»Dafür wird es uns aller Voraussicht nach beschieden sein,« bemerkte der jüngere Mann, »die Zeugen eines über alle Vorstellung erhabenen Schauspieles zu sein. Es ist noch nichts entschieden; aber die Vermutungen gehen dahin, daß unser Erdball nicht das Opfer eines plötzlichen Zusammenbruchs, einer brutalen Katastrophe werden wird, sondern daß sich sein Sterben allmählich vollziehen wird -- ja daß sogar Jahre vergehen werden, bevor das letzte Leben auf ihm erloschen sein wird.«

»Und auch ein Erfreuliches haben wir euch mitzuteilen,« unterbrach ihn der Rat. »Erwin hat seinen Cyklus: »Das goldene Zeitalter« ausgestellt, wie ihr wißt. Noch vor Kurzem, als alle Welt nur von dem bevorstehenden Kriege der fünf Großmächte sprach, fanden die Bilder fast keine Beachtung, und jetzt, wo die Menschheit von den Fieberschauern der Todesahnung durchrüttelt wird und alles Interesse für das öffentliche Leben erloschen ist, wächst der Besuch dieses Bildercyklus von Tag zu Tag. Die Menschen drängen sich vor dieser Darstellung einer besseren Welt, als ob ihnen dabei die Augen aufgingen über das ungeheuere Versäumnis. Und wie der Sterbende oft mit Reue zurückblickt auf ein verlorenes Leben, und seine sehnsüchtige Phantasie sich ein neues Leben aufbaut, ohne Reue, ohne Mißklang, ein Leben der Liebe und des Selbstgenügens, so stehen die Menschen jetzt vor diesen Bildern, und alles, was der Idealist und Menschenfreund ihnen darin darstellt, erscheint ihnen so wahr, so echt, so nachahmenswert. Worüber sie früher mitleidig die Achseln gezuckt, was sie als die Ausgeburt einer nebelhaften Schwärmerei bezeichnet hätten, das erscheint ihnen als das selbstverständliche Gebot der Menschlichkeit. Mit Begierde versenken sie sich in die dargestellten Scenen der Nächstenliebe, des friedlichen Verkehrs, des hilfreichen Opfermutes. Wie aus einem tausendjährigen Taumel erwacht, sehen sie jetzt die Verwirklichung dieser Ideale als wünschenswertestes Ziel vor sich. Niemand denkt mehr an Krieg, an rücksichtsloses Ringen nach Vorteil und Auszeichnung. Nur der eine heiße Wunsch lodert in allen Herzen auf, daß die waltende Allmacht der Menschheit ihren herrlichen, trauten Wohnsitz belassen möge, auf daß er der vom tausendjährigen Wahne erlösten Menschheit das werde, wozu er vom Anbeginn bestimmt war, eine Stätte des Glückes, des Friedens und der brüderlichen Eintracht.«

Die Greisin hatte aufmerksam zugehört, und als ihr Sohn geendet hatte, sagte sie kopfschüttelnd: »So erhebend der Gedanke ist, daß das Werk unseres Erwin die Herzen der Menschen zu so hohen Idealen entflammt, so wenig kann ich die Vorstellung bannen, daß diese Gefühle nur unter dem Einflusse der mächtigen Eindrücke erstanden sind, die jetzt die Menschheit erfüllen. Überall in der Welt, auch an anderen Orten, wo dieser Anlaß nicht gegeben ist, wird der Gedanke erwachen: Es geht zu Ende, und wir sind von dem Ziele noch so weit! Es ist das Hellsehen der Sterbenden, das ihnen so klar und scharf den Weg beleuchtet, den sie durch all das Wirrsal des Kampfes und Hasses nie gefunden haben. Nutzlos gelebt, das Dasein vergeudet und verthan in sinnlosem Streite, während uns das allerhaltende Licht seit Äonen mit jedem erglimmenden Tage gelehrt: Ich spende _allen_ meine Gaben; ich schüttle mein Füllhorn so reich und unablässig über _alle_ aus, damit ihr _alle_ sie genießt und glücklich seid; das ist der spätgeborene Gedanke in diesen unheilvollen Tagen.« --

»Es ist so,« erwiderte der Herr Rat. »Der großen Masse hat sich eine dumpfe Verzweiflung bemächtigt; der denkende Teil irrt mit dem qualvollen Gedanken herum: Wir werden vorzeitig abberufen; wir können nicht mehr die Lösung unserer Aufgabe den späten Enkeln übertragen; wir gehen mit der Erbsünde unserer Selbstsucht beladen ins große Nichts. Das ungeheuere Totenfeld, mit dem die Erde in wahnsinniger Hast durch den Äther eilen wird, braucht nur einen einzigen Leichenstein mit den Worten: »Besser so!«

In diesem Augenblick drang ein wirrer Lärm von der Straße herauf. Erwin trat ans Fenster und öffnete es. Die übrigen Personen folgten ihm. Ein fahles Licht ohne Wärme, ohne Glanz erleuchtete Straßen und Plätze und ließ die dichtgedrängte, auf und ab hastende Menge in scharfen Umrissen erkennen. Zahlreiche Zeitungsausrufer verteilten Flugblätter unter die Menge. Man hörte ihre schrillen Stimmen rufen: »Kein Winter mehr für unsere Zone! Stellung der Erdachse senkrecht auf die Ebene der Bahn! Neue Hypothese des Professors Brown! Allgemeine Abrüstung!«

III. Das Tagebuch.

Erwin sitzt an seinem Schreibpulte. Die Feder ist seiner Hand entfallen. Sinnend stützt er sein blondes Haupt mit der linken Hand und blickt wie traumverloren auf das Schriftstück vor ihm, das seine Handschrift trägt. Es enthält die Aufzeichnungen der großen Ereignisse, von denen das Denken und Fühlen der ganzen Menschheit erfüllt ist. Wir lassen nunmehr das Tagebuch des Künstlers sprechen, weil es den unmittelbarsten Eindruck wiedergibt, den die unheilvollen Vorgänge jener Tage auf eine edle Menschenseele ausgeübt.

10. Oktober 1899.