Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 34

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Dieser am 28. Oktober vom Kaiser unterzeichnete Erlaß ist aus Gründen, die noch der Aufklärung bedürfen, erst fünf Tage später, am 2. November, veröffentlicht worden, in einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kaiser wieder in das Große Hauptquartier begeben hatte und zu dem im Anschluß an die nicht mehr verhüllten Ausführungen der Wilsonschen Note vom 23. Oktober die Frage der Abdankung des Kaisers unter Duldung der Reichsregierung bereits zum Gegenstand einer heftigen Erörterung in voller Öffentlichkeit geworden war. Die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des Kronprinzen wurden mit der Begründung verlangt, daß durch einen solchen Schritt die dem deutschen Volke drohenden Friedensbedingungen erleichtert werden würden. Die Frage der Staatsform wurde geflissentlich beiseitegelassen; ja die Befürworter der Abdankung des Kaisers behaupteten, daß allein die Erfüllung ihrer Forderung die Dynastie der Hohenzollern und die Monarchie retten könne.

Es waren nicht einmal die Sozialdemokraten gewesen, die mit der öffentlichen Behandlung der Kaiserfrage vorangegangen waren, sondern demokratische Blätter, wie die »Frankfurter Zeitung« und das »Berliner Tageblatt«. Die Mehrheitssozialisten scheinen sogar anfänglich geschwankt zu haben, ob eine Abdankung des Kaisers unter den obwaltenden Verhältnissen erwünscht und nützlich sei. Erst nachdem bürgerlich-demokratische Blätter und bürgerlich-demokratische Versammlungen -- so am 31. Oktober in München -- laut und ungestraft nach der Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen gerufen hatten, scheint der Sozialdemokratie voll zum Bewußtsein gekommen zu sein, was sie jetzt wagen könne. Sie übernahm nun in dieser neuen Umsturzbewegung die Führung. Herr Scheidemann brachte die Abdankungsfrage vor das Kriegskabinett.

Ehe noch das Kriegskabinett zu einem Entschluß kam, vollzogen sich in der Flotte die Ereignisse, die zur offenen Revolution führten.

In den letzten Oktobertagen sollte die Hochseeflotte auslaufen, um die durch die Einstellung des U-Bootkriegs gegen Handelsschiffe für rein militärische Zwecke freigewordene Tauchbootflotte bei einer Aktion gegen die britische Kriegsflotte zu unterstützen. Auf einem Teil der Schiffe verweigerten die durch die revolutionäre Propaganda aufgewiegelten Mannschaften die Ausfahrt. Es war die Ausführung des Programms, das schon dem Komplott vom Sommer 1917 zugrundegelegen hatte. Der Versuch, gegen die meuternden Mannschaften vorzugehen, führte zu dem Aufruhr in Kiel, der alsbald auch auf andere Seestädte, vor allem auf Hamburg und Bremen, übersprang. Nach russischem Muster wurden Soldaten- und Arbeiterräte gebildet, die sich der politischen Gewalt bemächtigten. Auch die in jenen Städten garnisonierenden Landtruppen erwiesen sich als unzuverlässig. Die Regierung verlegte sich gegenüber den Meuterern und Aufständischen auf das Verhandeln; sie wählte damit den sichersten Weg, um aus Revolten die Revolution entstehen zu lassen.

Am 7. November kam es in München zum gewaltsamen Umsturz. Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte proklamierten die Absetzung des Königs und die Errichtung einer demokratisch-sozialistischen Republik. Auch aus anderen Städten des Reiches kamen Nachrichten von Tumulten und Revolten.

Berlin selbst war verhältnismäßig ruhig. Der Oberstkommandierende in den Marken suchte die Bewegung durch seine Maßnahmen -- Verbot der für den 7. November von den Unabhängigen Sozialdemokraten angekündigten Massenversammlung und Verbot der Bildung von Arbeiterräten -- im Keim zu ersticken. Die Zivilregierung, der er seit Inkraftsetzung der neuen Ordnung unterstellt war, desavouierte ihn jedoch.

Die Parteileitung der Mehrheitssozialisten fürchtete jetzt offenbar, den Anschluß an die Revolution zu versäumen. Sie beauftragte am 7. November den Staatssekretär Scheidemann, im Kriegskabinett zu fordern, daß die Versammlungsverbote aufgehoben und daß Polizei und Militär zur äußersten Zurückhaltung angehalten würden; ferner verlangte sie die sofortige Umbildung der preußischen Regierung im Sinne der Reichstagsmehrheit, die Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Reichsregierung und die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen bis zum nächsten Mittag. Dieses Ultimatum, bei dessen Nichterfüllung die Mehrheitssozialisten mit ihrem »Austritt aus der Regierung«, d. h. ihrem Übergang zur Revolution drohten, wurde am folgenden Tage verlängert, und zwar bis zum Abschluß des Waffenstillstandes, dessen Unterzeichnung für die nächsten Tage erwartet wurde und dessen Zustandekommen die Sozialdemokraten durch ihren Austritt aus der Regierung zu gefährden fürchteten.

Ein Zufall ließ mich dem Staatssekretär Scheidemann am Abend des 8. November im Vestibül des Reichskanzlerhauses begegnen. In sichtlicher Erregung sagte er mir: »Wenn nur der Kaiser endlich einen Entschluß faßt und abdankt -- heute noch! Sonst kann ich keine Garantie übernehmen.« Auf meine Frage: »Und wenn der Kaiser abdankt, welche Garantie können Sie dann übernehmen?« -- war ein Achselzucken die einzige Antwort.

Der nächste Tag brachte die Revolution in Berlin.

Als am Vormittag des 9. November die Nachricht an das unter dem Vorsitz des Prinzen Max im Reichskanzlerhaus versammelte Kriegskabinett gelangte, daß sich demonstrierende Arbeiterzüge nach dem Innern der Stadt bewegten und daß ein Teil der in Berlin garnisonierenden Truppen, vorwiegend Ersatzbataillone, sich der revolutionären Bewegung angeschlossen habe, da ließ der Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers und Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen öffentlich bekanntmachen, obwohl die Verhandlungen mit dem Kaiser über seine Abdankung noch nicht abgeschlossen waren und eine Abdankungserklärung noch nicht vorlag, und obwohl mit dem Kronprinzen wegen eines Thronverzichtes überhaupt noch nicht Fühlung genommen worden war. Gleichzeitig faßte das Kriegskabinett, wie mir von einem seiner Mitglieder am Nachmittag mitgeteilt worden ist, den später angezweifelten Beschluß, daß den Demonstranten und Aufrührern kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt werden dürfe. Schon vorher hatte der Oberstkommandierende in den Marken aus eigener Initiative einen ähnlichen Befehl ausgegeben.

So kapitulierten die bürgerlichen und militärischen Behörden kampflos, ja ohne jeden Versuch eines Widerstandes.

Prinz Max hatte noch in seiner Bekanntmachung über die angebliche Verzichtleistung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt, er werde als Reichskanzler so lange im Amte bleiben, bis die mit dieser Verzichtleistung und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt seien; er beabsichtige, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassunggebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des Deutschen Reiches endgültig festzustellen. Der Vizekanzler von Payer, den ich am Nachmittag besuchte, sprach sich mir gegenüber dahin aus, daß eine Änderung der Reichsverfassung nicht beabsichtigt sei und nur die Ernennung eines Regenten und die Bildung eines neuen Reichskabinetts unter sozialdemokratischer Führung in Frage komme; es sei nur noch die Frage offen, ob in dem neuen Kabinett auch die Unabhängigen Sozialdemokraten vertreten sein würden, die ihren Eintritt von der Bedingung abhängig zu machen schienen, daß die Regierung unter Ausschluß aller bürgerlichen Elemente lediglich aus Sozialdemokraten zusammengesetzt werden solle.

Inzwischen aber hatte Herr Scheidemann um zwei Uhr nachmittags von der großen Freitreppe des Reichstags herab die Republik proklamiert. Prinz Max hatte die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers, ohne die Einsetzung der am Vormittag von ihm angekündigten Regentschaft zu betreiben, dem Abgeordneten Ebert übertragen und schickte sich an, Berlin zu verlassen, um sich nach seiner badischen Heimat zu begeben. Die beiden sozialdemokratischen Gruppen einigten sich und bildeten für die Regierung des Reiches einen »Rat der Volksbeauftragten«, der aus je drei Mehrheitssozialisten und Unabhängigen zusammengesetzt wurde.

Der »Sieg der Revolution« wurde durch den offiziellen Telegraphen alsbald der Welt mitgeteilt; vor allem dem deutschen Heer in der Heimat, in den Etappen und an der Front, und zwar mit der Aufforderung, sofort überall Soldatenräte zu bilden. Während die Fronttruppen in ihrer überwiegenden Mehrzahl den Nachrichten aus der Heimat verständnislos gegenüberstanden und sich gegenüber der Aufforderung zur Zertrümmerung der militärischen Organisation und Disziplin ablehnend verhielten, gingen die in den Etappen stehenden, durch die sozialistische und bolschewistische Agitation zersetzten Verbände alsbald mit fliegenden Fahnen zur Revolution über. Was in jenen Tagen in den besetzten Gebieten des Ostens und Westens angesichts von Polen, Belgiern und Franzosen an Kopflosigkeit, an Feigheit, an nationaler Gesinnungs- und Würdelosigkeit geleistet worden ist, wird für alle Zeiten ein Schandfleck auf dem deutschen Namen sein.

So wurde in dem Augenblick, in dem die deutschen Unterhändler im Walde von Compiègne aus den Händen des Marschalls Foch die Waffenstillstandsbedingungen unserer Feinde entgegennahmen, das Gefüge des deutschen Heeres zerschlagen und damit die letzte Möglichkeit eines Widerstandes gegen die von unseren Feinden uns zugedachte Knebelung und Vernichtung zerstört.

Der Kaiser, dessen Abdankung über seinen Kopf hinaus von dem Prinzen Max veröffentlicht und von den revolutionären Machthabern in Berlin dem Heere mitgeteilt worden war, fügte sich dem Drängen seiner Umgebung; um dem deutschen Volke in seiner schwersten Stunde den Bürgerkrieg zu ersparen, verzichtete er auf jeden Versuch eines Widerstandes und begab sich am Abend des 9. November nach Holland. Der Kronprinz, dessen Anerbieten, auch unter der neuen Regierung weiterzudienen und seine Armee nach der Heimat zu führen, von der revolutionären Berliner Regierung abgelehnt wurde, folgte dem Beispiel seines kaiserlichen Vaters.

Inzwischen waren die Waffenstillstandsbedingungen in Berlin eingetroffen. Sie verlangten von uns innerhalb kurzbemessener Fristen die Räumung der von unseren Truppen besetzten Gebiete und des linken Rheinufers sowie der mit einem Halbkreis von 30 Kilometer Halbmesser auf das rechte Rheinufer hinüberreichenden Brückenköpfe von Mainz, Koblenz und Köln; ferner die Räumung Ostafrikas von unserer Schutztruppe, die sich dort in dem mehr als vierjährigen Kampfe gegen eine vielfache Übermacht ehrenvoll behauptet hatte; weiter die Auslieferung eines großen Teils unseres Kriegsmaterials an Geschützen, Maschinengewehren, Minenwerfern, Flugzeugen; desgleichen die Auslieferung eines großen Teils unserer Kriegsflotte einschließlich sämtlicher U-Boote, und die Desarmierung des uns zunächst belassenen Restes von Kriegsschiffen; außerdem die Auslieferung eines ansehnlichen Teiles unseres Bestandes an Lokomotiven, Güterwagen und Lastautomobilen. Dabei wurde die gegen Deutschland verfügte Handels- und Hungerblockade aufrechterhalten und die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln während des Waffenstillstandes »in dem für notwendig erachteten Maße« in die Hände unserer Feinde gelegt.

Was von uns verlangt wurde, war nichts anderes als eine bedingungslose Unterwerfung. Der Ausbruch der Revolution, die Entthronung des Kaisers und die Beseitigung der Hohenzollerndynastie haben uns weder damals noch späterhin die von unseren Pazifisten und Illusionisten erhofften Milderungen gebracht.

Die erste Tat des »Rates der Volksbeauftragten« war ein offenes Telegramm an die deutsche Waffenstillstandsdelegation, daß die Bedingungen des Marschalls Foch anzunehmen seien.

Um die Mittagszeit des 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft. Die Geschütze, die bis zum letzten Augenblick mit ungeschwächter Wut ihr Vernichtungswerk verrichtet hatten, verstummten auf allen Fronten. Der größte und blutigste Krieg der Weltgeschichte war zu Ende.

* * * * *

Länger als vier Jahre hindurch hatte das deutsche Volk, von fremder Hilfe fast völlig abgeschnitten, die ungeheure Last des Krieges getragen, hatte das deutsche Heer, nur von wenigen und schwächeren Bundesgenossen unterstützt, in wunderbaren Waffentaten sich der erdrückenden Übermacht an Menschen und Kriegsmaterial erwehrt. Das Aufgebot und die Anspannung aller Tugenden des deutschen Volkstums waren nahe daran, das Wunder des siegreichen Widerstandes gegen eine Welt zu verwirklichen.

Unsere physischen und moralischen Kräfte haben nicht ausgereicht, um das Höchste zu vollbringen. Sie haben uns vor dem Ziel im Stich gelassen. So ist das deutsche Volk von den Höhen, die es in Jahrzehnten und Jahrhunderten friedlicher Arbeit erklommen, die es in dem Ringen des Krieges in unvergleichlicher Gegenwehr behauptet hatte, hinabgestürzt in den dunklen Abgrund, in dem es jetzt wehrlos in den Klauen erbarmungsloser Feinde um Sein oder Nichtsein ringt.

Und doch, so schwer uns das Schicksal geschlagen hat, durch unsere Feinde und mehr noch durch uns selbst -- die Hoffnung will uns nicht verlassen. Besiegt und gedemütigt, entwaffnet und verarmt gehen wir aus der Völkerdämmerung hervor, sehen wir uns in eine Welt gestellt, die ihr Angesicht von Grund aus verändert hat. Aber wir können in uns das Bewußtsein tragen, daß keine der Nationen, die sich des Sieges rühmen, in diesem Kriege ein solches Maß von innerer Kraft und Tüchtigkeit entfaltet hat wie unser deutsches Volk. Ein ungeheurer Druck von Zahl und Masse, wie er niemals in der Geschichte aller Zeiten von einem einzelnen Volk zu tragen war, hat schließlich unsere Kraft erlahmen lassen, hat uns gebeugt und allen bösen Geistern Gewalt über uns gegeben. Aber dieser Niederbruch kann nicht das Ende sein. Wir denken zurück an die schwersten Zeiten unserer Geschichte. Wir denken an die grauenhafte Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges, die nach dem Worte Treitschkes den Untergang des deutschen Namens anzukündigen schien und der Anfang eines neuen Lebens geworden ist. Wir denken an die Wiedergeburt deutscher Gesittung und deutscher Macht, in der unser Volk sich mehr als einmal aus tiefstem Elend und niedrigster Schmach erhoben hat. In aller Not und Bedrückung des Tages richten wir den Blick auf den weiten Horizont der Zukunft, glauben wir an die Unzerstörbarkeit des deutschen Wesens und den unveräußerlichen Beruf des deutschen Volkes in dem Aufstieg der Menschheit.

Nachtrag

Veranlaßt durch die Rede des Reichsfinanzministers Erzberger in der Nationalversammlung vom 25. Juli 1919 ist eine Erörterung über die auf den Seiten 171 und 172 dieses Bandes kurz behandelte Episode eines vermeintlichen englischen Friedensfühlers im September 1917 entstanden, die über die diplomatischen Vorgänge jener Zeit und darüber hinaus auch auf den Hintergrund der Aktion des damaligen Abgeordneten Erzberger vom Juli 1917 genauere Aufklärung gebracht hat. Diese Aufklärung hat die von mir in diesem Bande gegebene Darstellung vollauf bestätigt. Sie hat sie aber gleichzeitig durch so wichtige Einzelheiten ergänzt, daß es mir notwendig erscheint, in Form dieses Nachtrags die wichtigsten Ergebnisse zusammenzufassen.

Ich habe oben auf den Seiten von 144 an die Anzeichen erwähnt, die vom Mai 1917 an eine aufkeimende Geneigtheit der Westmächte zu Friedensgesprächen erkennen ließen:

die Äußerung des französischen Außenministers Ribot zu dem italienischen Botschafter in Paris, daß Frankreich der Erschöpfung entgegengehe;

die französischen Versuche, Besprechungen mit Vertrauensleuten der Zentralmächte aufzunehmen;

die alarmierenden Mitteilungen, die Lloyd George in Paris über die Wirkungen des U-Bootkriegs auf die Ernährungslage Englands machte.

Diese meine Mitteilungen haben jetzt eine Bestätigung erfahren in den Veröffentlichungen des früheren deutschen Botschafters in Wien, Grafen Botho Wedel. Dieser berichtet, daß nach den Mitteilungen eines französischen Diplomaten in jener kritischen Zeit Lloyd George und Ribot drauf und dran waren, nach Rom zu reisen, um mit der italienischen Regierung wegen Einleitung von Friedensschritten zu verhandeln.

Desgleichen hat sich bestätigt, daß diese aufkeimende Friedensneigung bei unsern Feinden zerstört wurde durch die Aktion, die der Abgeordnete Erzberger mit einem scharfen Vorstoß im Hauptausschuß des Reichstags am 6. Juli 1917 einleitete und die in ihrem Ergebnis zum Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg und zur Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917 führte.

Wir sehen heute tiefer in die Zusammenhänge dieser Erzbergerschen Aktion. Wir wissen durch den Grafen Czernin, daß Herr Erzberger in den Besitz des Geheimberichts des Grafen an den Kaiser Karl vom 12. April 1917 (S. 62 ff.) gelangte, der von seinem Verfasser ausschließlich für die beiden Kaiser und den deutschen Reichskanzler bestimmt war. Dieser Bericht, der den Zweck verfolgte, den deutschen Kaiser für einen Verzicht auf Elsaß-Lothringen geneigt zu machen, stellte die Lage Österreich-Ungarns in den schwärzesten Farben dar. Jede Indiskretion mußte deshalb besonders gefährlich wirken.

Herr Erzberger hat diesen Geheimbericht, wie Graf Czernin sagt, von einer »nichtverantwortlichen Seite« erhalten, und zwar hinter dem Rücken des für die österreichisch-ungarische Außenpolitik verantwortlichen Grafen. Wir wissen heute, daß die »nichtverantwortliche Seite« Kaiser Karl selbst war, derselbe, der wenige Wochen zuvor jenen mit dem Bundesverhältnis zwischen den beiden Reichen nicht zu vereinbarenden Brief an seinen Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma, gleichfalls hinter dem Rücken seines Außenministers, geschrieben hatte. Herr Erzberger behauptet, den Bericht ohne einen andern Auftrag als den der Geheimhaltung seiner Herkunft erhalten zu haben. Das hat offenbar seine Richtigkeit; denn auch Graf Czernin, der in Übereinstimmung mit dem Grafen Wedel feststellt, daß Herr Erzberger den Geheimbericht nicht geheimgehalten habe, sagt ausdrücklich, daß Herr Erzberger dabei »im Sinne seiner Auftraggeber« gehandelt habe.

Insbesondere hat Herr Erzberger den Geheimbericht des Grafen Czernin in einer Sitzung des Reichsausschusses der Zentrumspartei, die unmittelbar nach der Beschlußfassung des Reichstags über die Juliresolution in Frankfurt a. M. stattfand, zur Verlesung gebracht. Graf Wedel und Graf Czernin sagen aus, daß durch die Erzbergersche Indiskretion der Geheimbericht zur Kenntnis unserer Feinde kam. Mit Recht sagt Graf Czernin:

»Ein jeder, der meinen Bericht liest, kann sich eine Vorstellung von den Folgen machen.«

Die Folgen waren handgreiflich.

Die durch die Kenntnis des Czerninschen Geheimberichts verstärkte Wirkung der Erzbergerschen Aktion im deutschen Reichstag war, daß bei unsern Feinden die Überzeugung hervorgerufen wurde, die Zentralmächte ständen unmittelbar vor dem inneren Zusammenbruch. Man habe es infolgedessen nicht mehr nötig, mit ihnen zu verhandeln, der volle Sieg werde der Entente in kurzer Zeit als reife Frucht in den Schoß fallen.

Unter diesen Umständen unterblieb die Romreise der Herren Lloyd George und Ribot, und es folgten unmittelbar auf die Friedensresolution des Reichstags die oben (S. 147 und 148) aufgezählten Erklärungen der Ententeminister, die jeden Verständigungsfrieden auf Grund des Besitzstandes vor dem Krieg weit von sich wiesen.

Die neu bekanntgewordenen Tatsachen haben also die Auffassung bestätigt, daß die Aktion des Herrn Erzberger im Sommer 1917 die damals aufkeimende Friedensgeneigtheit unserer westlichen Feinde zerstörte und in ihr Gegenteil, in den entschlossenen Willen zum Durchkämpfen des Krieges, verkehrte.

Offenbar, um den Eindruck dieser Feststellungen abzuschwächen, hat Herr Erzberger als Reichsfinanzminister und stellvertretender Vorsitzender des Reichsministeriums in der Sitzung der Nationalversammlung vom 25. Juli 1919 den Versuch gemacht, nachzuweisen:

daß eine ernste Friedensmöglichkeit, geschaffen durch ein die Vermittlung des Vatikans benutzendes englisches »Angebot«[6], noch im August und September 1917 an die deutsche Regierung herangekommen sei,

daß aber dieses englische, angeblich nur an die Wiederherstellung der territorialen Integrität und der Souveränität Belgiens geknüpfte Friedensangebot von der politischen Leitung des Reichs unter dem Druck der obersten Heeresleitung, der Schwerindustrie und der Alldeutschen ausgeschlagen worden sei.

[6] Herr Erzberger hat später bestritten, von einem englischen »Friedensangebot« gesprochen zu haben. Nach dem im Reichsanzeiger veröffentlichten ersten Bericht über seine Rede hat er ausdrücklich von einem »Angebot Englands« gesprochen, dem die französische Regierung sich angeschlossen habe. Im amtlichen stenographischen Bericht, der erst etwa 10 Tage später ausgegeben wurde, sind diese Worte allerdings nicht enthalten; wohl aber ist dort an einer späteren Stelle die Rede von der »von England mit Vermittlung des Heiligen Stuhles eingeleiteten Friedensaktion«.

Es handelt sich hier um die oben (S. 171 und 172) behandelten Vorgänge.

Die inzwischen veröffentlichten Dokumente geben ein vollständiges Bild, das sich folgendermaßen darstellt:

Die angebliche englische Friedensaktion steht im engsten Zusammenhang mit der vom 1. August 1917 datierten, an alle kriegführenden Mächte gerichteten Friedensnote des Papstes und kann nur im Zusammenhang mit der päpstlichen Friedensaktion betrachtet und verstanden werden.

Die Anfänge der päpstlichen Friedensaktion reichen in den Monat Juni 1917 zurück. Die Seite 147 von mir erwähnten Besprechungen des apostolischen Nuntius Pacelli mit dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg, denen eine Audienz des Nuntius beim Kaiser im Großen Hauptquartier folgte, dienten offensichtlich dem Zweck, den Boden für die damals schon geplante päpstliche Friedensaktion zu sondieren. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß um die gleiche Zeit ähnliche Sondierungen von vatikanischer Seite auch bei unsern Gegnern vorgenommen wurden.

Das Ergebnis seiner Sondierung bei den für die deutsche Politik maßgebenden Männern beurteilte der Nuntius Pacelli günstig; er selbst hat sich mir gegenüber, wie oben (S. 147) erwähnt, in hohem Maße befriedigt über seine Unterhaltungen mit Herrn von Bethmann ausgesprochen und hat späterhin, wie gleichfalls oben (S. 149) erwähnt, sich dahin geäußert, daß ohne den -- durch die Erzbergersche Aktion herbeigeführten -- Abgang des Herrn von Bethmann die Friedensaussichten gute gewesen seien.

Es ist anzunehmen, daß auch die Sondierungen des Vatikans bei unsern Gegnern damals ein günstiges Ergebnis hatten; andernfalls wäre der päpstliche Friedensschritt wohl unterblieben. Es deckt sich auch ganz mit meiner Auffassung über die damals bei unsern Feinden aufkeimende Friedensneigung, daß die Ende Juni erfolgenden päpstlichen Sondierungen auch bei unsern Gegnern auf Ermunterung stoßen mußten.

Vom Ende des Monats Juni bis zu dem offiziellen Vorgehen des Papstes mit seiner Friedensnote ist dann ein längerer Zeitraum vergangen. Die päpstliche Note ist vom 1. August datiert und ist am 14. August in Berlin und um dieselbe Zeit in sämtlichen Hauptstädten der kriegführenden Großmächte überreicht worden. Der Aufschub dürfte seine Erklärung wohl in der durch den Erzbergerschen Vorstoß vom 6. Juli heraufbeschworenen inneren Krisis in Deutschland und dem Kanzlerwechsel finden. Die Kurie mußte sich nun erst darüber vergewissern, ob auch unter der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis in Deutschland dieselbe Friedensbereitschaft wie unter Herrn von Bethmann fortbestehe.

Das war der Fall.