Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 32

Chapter 323,242 wordsPublic domain

Die Staatssekretäre ohne Portefeuille, die kein bestimmtes Arbeitsbereich und damit um so mehr Zeit zum Reden und Raten hatten, bildeten zusammen mit dem Vizekanzler von Payer und dem Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums, Dr. Friedberg, die ihre Ämter beibehielten, unter dem Vorsitz des Reichskanzlers das »Kriegskabinett«, das jetzt in dunkler Stunde das Schicksal Deutschlands in seine Hand nahm.

Auch sonst gab es einigen Wechsel. Vor allem wurde in der Leitung des Auswärtigen Amtes Herr von Hintze, der auch durch die lebhafte Befürwortung der »Demokratisierung« in den entscheidenden Besprechungen im Großen Hauptquartier das nun einmal gegen ihn bestehende Mißtrauen nicht hatte überwinden können, durch den bisherigen Staatssekretär des Reichskolonialamts, Dr. Solf, ersetzt, der für dieses Amt manche Qualität mitbrachte, nur die eine nicht, die zur Ergänzung des neuen Kanzlers für den deutschen Außenminister in dieser Zeit doppelt nötig gewesen wäre: harte Kraft. Herrn Dr. Solf wurde als Unterstaatssekretär der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. David beigegeben. Der Kriegsminister von Stein räumte seinen Platz dem General Scheüch. Das Reichsamt des Innern übernahm an Stelle des zurücktretenden Herrn Wallraf der Zentrumsführer Trimborn. An die Spitze des von dem Reichswirtschaftsamt abgetrennten Reichsarbeitsamts wurde ein Sozialdemokrat gestellt, der heutige Reichsministerpräsident Bauer. Zum Statthalter von Elsaß-Lothringen, dessen bundesstaatliche Autonomie einen der Punkte des zwischen dem Prinzen Max und den Mehrheitsparteien vereinbarten Programms bildete, wurde der altelsässische Bürgermeister von Straßburg, Dr. Schwander, zum Staatssekretär von Elsaß-Lothringen der elsässische Abgeordnete Hauß ernannt. Wo noch ein Nichtparlamentarier an der Spitze eines Reichsamts blieb, wurde ihm ein parlamentarischer Unterstaatssekretär zur Seite gestellt.

Zu dem Programm der neuen Regierung hatten die Sozialdemokraten vorausschauend schon am 23. September das Konzept gemacht, als sie die Bedingungen festlegten, unter denen sie den Eintritt ihrer Parteimitglieder in die Regierung billigen wollten. Das Programm, zu dem Prinz Max in seiner ersten Rede vor dem Reichstag sich Punkt für Punkt ausdrücklich bekannte, enthielt:

1. Das Festhalten an der Antwort der Reichsregierung auf die Papstnote vom 1. August 1917 und das uneingeschränkte Bekenntnis zur Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917.

2. Erklärung der Bereitschaft, einem Völkerbund beizutreten, dessen Zweck die Sicherung eines dauernden Friedens und der freien wirtschaftlichen Entfaltung der Völker sein sollte.

3. Einwandfreie Erklärung über die Wiederherstellung Belgiens und Verständigung über Entschädigung.

4. Die bisher geschlossenen Friedensverträge (Brest-Litowsk und Bukarest) dürfen kein Hindernis für den allgemeinen Friedensschluß bilden. Im Baltikum, in Litauen und Polen sind alsbald Volksvertretungen auf breitester Grundlage zu schaffen, die ihre Verfassung und ihre Beziehungen zu den Nachbarstaaten regeln.

5. Schaffung eines selbständigen Bundesstaates Elsaß-Lothringen.

6. Unverzügliche Durchführung der Wahlreform in Preußen; gleiches Anstreben solcher Reformen in denjenigen Bundesstaaten, die sie noch entbehren.

7. Einheitlichkeit der Reichsleitung, Berufung von Regierungsvertretern aus dem Parlament zur Durchführung einer einheitlichen Reichspolitik, strenge Einhaltung aller verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten, Beseitigung aller militärischen Einrichtungen, die der politischen Beeinflussung dienen.

8. Zum Schutze der persönlichen Freiheit, des Versammlungsrechts und der Pressefreiheit sofortige Änderung der Bestimmungen über den Belagerungszustand, Beschränkung der Zensur, Einrichtung einer politischen Kontrolle für alle Maßnahmen, welche auf Grund des Belagerungszustandes verhängt werden.

Diesem Programm trat auch die nationalliberale Reichstagsfraktion nachträglich bei und gewann damit wieder ihren zeitweilig unterbrochenen Anschluß an die »Mehrheitsparteien«. Abseits standen die Konservativen und die Deutsche Fraktion auf der Rechten, die Unabhängigen Sozialdemokraten auf der Linken und schließlich die polnische Fraktion, die sich in Erwartung der kommenden Dinge alles vorbehielt.

Die Bildung der neuen Regierung aus der Initiative und nach dem Willen der Reichstagsmehrheit und der Inhalt des zwischen Reichsregierung und Mehrheitsparteien festgelegten Programms sind als eine »unblutige Revolution« bezeichnet worden. Der Umschwung war in der Tat gewaltig: die Krone hatte auf die Ausübung ihrer wichtigsten politischen Befugnisse zu Händen der Parlamentsmehrheit verzichtet. Eine »Revolution« war der Umschwung zwar nicht; denn er hielt sich noch in den Bahnen des Gesetzes. Aber er war das unmittelbare Vorspiel zur wirklichen Revolution; denn er brachte Männer an die Spitze der Reichsgeschäfte, von denen ein ernstlicher Widerstand gegen den drohenden Aufruhr und Umsturz nicht zu erwarten war.

Das Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden

Für den deutschen Patrioten trat jedoch dieser gewaltige Umschwung im Innern, so bedeutungsvoll und folgenschwer er sich darstellte, noch zurück hinter der alles überschattenden Schicksalsfrage: Wie sichern wir in der furchtbaren Zwangslage, in die wir durch die militärischen Ereignisse gebracht worden sind, annehmbare Bedingungen für Waffenstillstand und Frieden?

Ich kam am 1. Oktober von einer kurzen Reise nach Berlin zurück. Was ich am Vormittag im Auswärtigen Amt, am Nachmittag vom Grafen Roedern über die militärische und politische Lage und über die im Werden begriffenen Entschlüsse hörte, erschütterte mich auf das tiefste. Die Darstellung ging dahin, daß wir nach den Erklärungen der Obersten Heeresleitung auf dem westlichen Kriegsschauplatz vor einer Katastrophe stünden, daß jeder Augenblick den Durchbruch des Feindes und die völlige Zertrümmerung unseres Heeres bringen könne. Unter diesen Umständen bleibe nur das von Ludendorff ungestüm verlangte sofortige Ersuchen um Waffenstillstand. Der Zusammenbruch im Innern könne nur durch die sofortige und völlige Demokratisierung unserer staatlichen Einrichtungen verhindert werden. Um auf dem sichersten und raschesten Wege den Waffenstillstand herbeizuführen, sei ein Schritt bei dem Präsidenten Wilson geplant, der unter grundsätzlicher Annahme der 14 Programmpunkte seiner Rede vom 8. Januar 1918 um seine Vermittlung gebeten werden solle.

Alles in mir lehnte sich gegen den Gedanken auf, daß Hindenburg und Ludendorff mit ihrem Stab es dahin hätten kommen lassen können, daß wir jetzt unter dem Druck eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs zum Ersuchen um sofortigen Waffenstillstand, das unter diesen Verhältnissen nur die Einleitung zur schmählichsten Kapitulation sein konnte, gezwungen sein sollten. Ich verwies auf Ludendorffs heftiges Temperament, dem er starken und mitunter übertreibenden Ausdruck zu geben liebe. Ich beschwor meine Freunde, dahin zu wirken, daß nicht unter einem vielleicht falschen Eindruck, wie ihn Ludendorffs Art bei Leuten, die ihn nicht genau kannten, leicht hervorrufen könne, in einer Panikstimmung Entschlüsse gefaßt würden, die das Verderben unentrinnbar machten. Wenn aber Ludendorff es wirklich habe dahin kommen lassen, daß wir jetzt mit dem Rücken am Abgrund um sofortigen Waffenstillstand betteln müßten, dann habe er einen solchen Mangel an Augenmaß gezeigt, daß auch sein Urteil über die jetzige Situation nicht maßgebend sein könne für die schwersten Entschlüsse, die je von der Reichspolitik zu fassen waren; dann müßten sofort und vor allem weiteren die Armeeführer darüber gehört werden, wie sie die Möglichkeit einer weiteren schrittweisen Verteidigung während der für die Verhandlungen nötigen Zeit beurteilten.

Auch heute noch bin ich der Meinung, daß eine Politik, die uns vor dem Schlimmsten bewahrt hätte, damals noch möglich gewesen wäre. Der Feldmarschall von Hindenburg hat sich nach den Mitteilungen des Obersten Bauer -- was das Weißbuch vom 31. Juli 1919 nicht erwähnt -- bei den am 3. Oktober 1918 in Berlin stattgehabten Beratungen dahin ausgesprochen: »Gegenwärtig steht das deutsche Heer fest. Gezwungen wird es von Abschnitt zu Abschnitt, sich zäh an den feindlichen Boden klammernd, ausweichen. Die Dauer solcher Rückwärtsbewegungen ist nicht genau vorher zu bestimmen. Man kann aber hoffen, daß sie bis zum nächsten Frühjahr deutsches Gebiet schützen werden.« Gleichwohl blieb auch der Feldmarschall auf der Forderung der »sofortigen Herausgabe eines Friedensangebotes« bestehen; es sei keine Aussicht mehr, den Feinden den Frieden aufzuzwingen; die Lage verschärfe sich täglich und könne die Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Beschlüssen zwingen; unter diesen Umständen sei es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke nutzlose Opfer zu ersparen; jeder versäumte Tag koste Tausenden von tapferen Soldaten das Leben. --

Vor allem warnte ich vor der Anrufung der Vermittlung des Präsidenten Wilson. Ich konnte diesem Manne nach allen bisher mit ihm gemachten Erfahrungen nicht das für eine solche Rolle erforderliche Maß von Unvoreingenommenheit und gutem Willen zutrauen; die 14 Punkte bedeuteten zudem für uns die sofortige Opferung Elsaß-Lothringens und unserer Ostmarken, ohne daß diese Opfer wirksam zugunsten eines sofortigen Waffenstillstandes oder Friedensschlusses ins Spiel gesetzt wurden. Im Gegenteil, die geplante Form des Ersuchens an Wilson mußte notwendigerweise Rückfragen bei uns und Rückfragen bei den Ententestaaten veranlassen und so gerade das Ziel, das die Oberste Heeresleitung anscheinend in allererster Linie erstrebte, den Abschluß eines Waffenstillstandes in den allernächsten Tagen, vereiteln. Wenn die Lage tatsächlich so aussichtslos sei, daß sie schmerzliche Opfer von uns erfordere, z. B. Zugeständnisse in bezug auf Elsaß-Lothringen, so müsse ich es für den einzig richtigen Weg halten, diese Opfer unmittelbar gegenüber den an erster Stelle interessierten Kriegführenden möglichst wirksam ins Spiel zu setzen; das habe allerdings zur Voraussetzung, daß hinter das Angebot solcher Zugeständnisse von vornherein die unbeugsame Entschlossenheit gestellt werde, nötigenfalls auf jede Gefahr hin weiterzukämpfen und unsere Feinde für alles, was sie über unsere Zugeständnisse hinaus von uns erkämpfen wollten, einen Preis von Blut und Trümmern zahlen zu lassen, dessen Höhe ihren Völkern die Augen öffnen müsse.

In der Nacht zum 4. Oktober ließ der neue Reichskanzler an die Schweizer Regierung folgende Note zur Übermittlung an die Regierung der Vereinigten Staaten abgehen:

»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich vom 27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen.«

Die besondere Bezugnahme auf Wilsons Rede vom 27. September 1918 in der um Waffenstillstand und Friedensverhandlungen bittenden Note macht es nötig, darauf hinzuweisen, daß der Präsident in dieser Rede unter anderem gesagt hatte:

»Wir sind uns alle einig darüber, daß es keinen Frieden geben darf, der durch irgendeine Art von Handel oder Kompromiß mit den Regierungen der Mittelmächte erreicht wird... Sie haben uns davon überzeugt, daß sie ohne Ehre sind und nicht Gerechtigkeit wollen. Sie beobachten keine Verträge und erkennen keinen Grundsatz an als den der Gewalt und ihres eigenen Interesses... Dem deutschen Volk muß jetzt klar geworden sein, daß wir nicht den Worten derjenigen trauen können, die uns diesen Krieg aufgezwungen haben.«

Faustschläge in das deutsche Gesicht! Aber die neue deutsche Regierung nahm in ihrer Note an den Mann, der diese Faustschläge ausgeteilt hatte, ausdrücklich auch die Rede vom 27. September als »Grundlage für Friedensverhandlungen« an. Man kann sich ausmalen, in welchen Respekt sie sich damit bei dem Empfänger der Note setzte!

Prinz Max brachte die Note an den Präsidenten Wilson in seiner Rede vom 5. Oktober zur Kenntnis des Reichstags und des deutschen Volkes.

Zur Begründung führte er aus, er habe diesen Schritt bei dem Präsidenten Wilson getan, weil das von diesem aufgestellte Programm für den allgemeinen Frieden von uns als Verhandlungsgrundlage angenommen werden könne, und weil die »auf das künftige Glück der Völker« gerichteten Gedanken, die Herr Wilson verkünde, »sich völlig mit den allgemeinen Vorstellungen im Einklang befinden, in denen sich auch die neue deutsche Regierung und mit ihr die weit überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes bewegt«.

Er machte einen Versuch, mit dem Ersuchen an Wilson einen Anschein der Entschlossenheit zu verbinden: Er wisse, daß das Ergebnis seiner ersten Handlung, wie es auch ausfallen möge, Deutschland fest entschlossen und einig finden werde sowohl zu einem redlichen Frieden als auch zu dem Endkampf auf Leben und Tod, zu dem unser Volk ohne eigenes Verschulden gezwungen wäre, wenn die Antwort der mit uns im Kriege stehenden Mächte von dem Willen, uns zu vernichten, diktiert sein sollte.

Noch am 22. Oktober sprach der Reichskanzler Prinz Max im Reichstag die Worte:

»Wer sich ehrlich auf den Boden des Rechtsfriedens gestellt hat, der hat zugleich die Pflicht übernommen, sich nicht kampflos einem Gewaltfrieden zu beugen. Eine Regierung, die hierfür kein Empfinden hat, wäre der Verachtung des kämpfenden und arbeitenden Volkes preisgegeben.«

Auch der Führer der Sozialdemokraten, Herr Ebert, bekannte sich in der gleichen Reichstagssitzung angesichts der Möglichkeit, daß »die Herrschenden der feindlichen Länder uns einen bedingungslosen Frieden aufzwingen wollten«, zu der »Politik der Landesverteidigung, heute, wie am 4. August 1914, getreu uns selbst, getreu unserem Volke und seiner Zukunft«.

Aber hinter diesen Worten des Kanzlers und des Sozialistenführers wie hinter ähnlichen Worten der anderen Mehrheitsparteiler stand keine Kraft und keine Tat. Alle die wunderbaren Volkskräfte, die nach den Worten der »Frankfurter Zeitung« durch die demokratischen Reformen entfesselt werden sollten, entfesselt zur Rettung des Vaterlandes, blieben ungenutzt. Die neue Volksregierung tat nichts, um das Volk aufzurütteln, nichts, um das Volk zur Verteidigung seiner höchsten Güter zu führen. Im Gegenteil! Die neuen Herren wendeten ihr ganzes Interesse den »inneren Reformen« zu, und die Leitung unserer auswärtigen Politik tat das Schlimmste, was sie tun konnte: in einer Lage, in der nur eine rasche Entscheidung uns die Möglichkeit wahren konnte, Volk und Heer zusammenzuhalten und zu einem letzten Kampf um Freiheit und Dasein zu entflammen, setzte sie Volk und Heer fünf lange Wochen hindurch der Zermürbung aus, indem sie mit Wilson einen Notenaustausch führte, der an Kläglichkeit in der Weltgeschichte wohl kaum seinesgleichen hat. Die unerhörtesten Demütigungen wurden höflich quittiert und Schritt für Schritt wurde in ständigem Zurückweichen als Voraussetzung für Waffenstillstands-Verhandlungen alles zugestanden, was äußerstenfalls Inhalt des Waffenstillstandsvertrages hätte sein dürfen; ja mehr als das! Ganz besonders verheerend auf die moralische Kraft des Volkes mußte die Tatsache wirken, daß die Organe der jetzt die Geschicke des Reiches lenkenden Mehrheitsparteien sich zur eigenen Deckung öffentlich darauf beriefen, daß die Oberste Heeresleitung die militärische Lage als aussichtslos ansehe und mit allem Nachdruck auf der sofortigen Herbeiführung des Waffenstillstandes bestehe.

Der Notenwechsel mit Wilson

Schon in seiner ersten Antwort auf unser Ersuchen, die am 8. Oktober erteilt wurde, verlangte Herr Wilson die Bestätigung dafür, daß die deutsche Regierung die in seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und seinen folgenden Kundgebungen aufgestellten Bedingungen in dem Sinne annehme, daß der Zweck der Verhandlungen nur die Verständigung über die praktischen Einzelheiten ihrer Anwendung sein würde.

Diese Bestätigung wurde von der deutschen Regierung in ihrer Antwort vom 12. Oktober gegeben. Damit war die Illusion zerstört, daß Herr Wilson mit der Benutzung seines Programms als »Grundlage der Friedensverhandlungen« zufrieden sein und über einzelne Punkte mit sich reden lassen werde. Ja, nach der von Herrn Wilson verlangten Bestätigung mußte man damit rechnen, daß er auch das Recht der Auslegung seiner sich keineswegs durch kristallene Klarheit auszeichnenden Leitsätze für sich allein beanspruchen werde.

Der Präsident verlangte ferner in seiner Antwort vom 8. Oktober als Voraussetzung für die Weitergabe des Vorschlags eines Waffenstillstandes an seine Verbündeten die Räumung der sämtlichen von den Truppen der Mittelmächte noch besetzten Gebiete. Die deutsche Regierung erklärte sich auch hierzu bereit. Die elementarste Klugheit hätte erfordert, diese Räumung nicht als Voraussetzung für Waffenstillstandsverhandlungen, sondern höchstens als Bedingung des Waffenstillstandes zuzugestehen. Hätten wir unsere Feinde damals noch vor die Wahl zwischen der kampflosen Preisgabe der besetzten Gebiete und deren Verwüstung durch einen im zähesten Ringen erfolgenden Rückzug gestellt, so hätte sich auch bei unseren Feinden manche Stimme für einen billigen Waffenstillstand geregt, die sich jetzt gestatten konnte, zu schweigen.

Der Präsident fragte schließlich an, ob der Kanzler nur für diejenigen Gewalten des Reiches spreche, die bisher den Krieg geführt hätten. Gemeint waren offenbar der Kaiser und die Oberste Heeresleitung. Die deutsche Antwort verwies auf den parlamentarischen Charakter der Regierung des Prinzen Max. Der Reichskanzler spreche im Namen der deutschen Regierung und des deutschen Volkes. Der Deutsche Kaiser, der doch immerhin auch noch ein Faktor im deutschen Verfassungsleben war, wurde unterschlagen.

Herr Wilson nahm zu der deutschen Antwort vom 12. Oktober in einer weiteren Note seines Staatsdepartements vom 14. Oktober Stellung. Er stellte zunächst die »uneingeschränkte Annahme« der von ihm in seinen Botschaften niedergelegten Bedingungen fest. Er erklärte ferner, daß die Modalitäten der Räumung der besetzten Gebiete sowie die Bedingungen des Waffenstillstandes Angelegenheiten seien, die »dem Urteil und dem Rat der militärischen Berater der Regierung der Vereinigten Staaten und der Alliierten überlassen werden müßten« und daß er und die mit ihm verbündeten Regierungen keine Regelung annehmen würden, »die nicht völlig befriedigende Sicherheiten und Bürgschaften für die Fortdauer der gegenwärtigen militärischen Überlegenheit der Armeen der Vereinigten Staaten und der Alliierten an der Front schafft«. Weiter verlangte er als Voraussetzung für einen Waffenstillstand die Einstellung des U-Bootkriegs und das Unterlassen der angeblichen »unmenschlichen Handlungen, Plünderungen und Verwüstungen«, die sich die deutschen Heere auf ihrem Rückzuge in Flandern und Frankreich zuschulden kommen ließen. Schließlich wurde der Präsident deutlicher in seinen den Deutschen Kaiser und die deutsche Verfassung betreffenden Forderungen. Er verwies auf seine Worte vom 4. Juli 1918, in denen er als Programmpunkt für den Frieden aufgestellt hatte:

»Die Vernichtung jeder willkürlichen Macht überall, die für sich, geheim und nach eigenem Belieben den Frieden der Welt stören kann, oder -- wenn sie jetzt nicht vernichtet werden kann -- mindestens ihre Herabminderung zu tatsächlicher Machtlosigkeit.«

Die Macht, die bisher die deutsche Nation beherrscht habe, so führte er jetzt aus, sei von der hier beschriebenen Art. Die deutsche Nation habe die Wahl, dies zu ändern. Das sei natürlich eine Bedingung, die vor dem Frieden erfüllt sein müsse, wenn der Friede durch das Vorgehen des deutschen Volkes selbst kommen solle.

Diese Note erklärte uns also klipp und klar, daß uns die Waffenstillstandsbedingungen von den militärischen Autoritäten unserer Feinde diktiert werden würden, und zwar in einem Sinne, daß sie uns wehrlos machten. Als weitere Vorleistung unsererseits neben der bereits zugesagten Räumung der besetzten Gebiete verlangte sie die Einstellung des U-Bootkriegs, natürlich ohne dafür die Einstellung der völkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade, die den U-Bootkrieg herausgefordert hatte, in Aussicht zu stellen. Schließlich verlangte sie die Abschaffung oder völlige Entrechtung der kaiserlichen Gewalt; dies als Forderungen eines Präsidenten, der erheblich mehr an Machtbefugnissen besaß, als dem Deutschen Kaiser nach den inzwischen durchgeführten oder eingeleiteten Verfassungsänderungen noch verblieb.

Wir standen vor dem Biegen oder Brechen. Wenn jetzt die deutsche Regierung weiter nachgab und sich weiter demütigte, dann war Volk und Heer nicht mehr zu halten, dann mußte auch der Tapferste sich fragen: Wofür noch kämpfen und wofür noch leiden?

Ich versuchte in jenen entscheidenden Tagen wiederholt, den Prinzen Max und den Staatssekretär des Auswärtigen zu sprechen und ihnen meine Ansicht vorzutragen. Als mir dies nicht gelang, wandte ich mich schriftlich an Herrn Dr. Solf und schlug ihm vor, Herrn Wilson etwa in folgendem Sinn zu antworten:

Nachdem über die Friedensbedingungen auf Grund des von Herrn Wilson selbst verkündeten Programms eine grundsätzliche Einigung erzielt sei, habe die Fortsetzung des Menschenmordens jede Rechtfertigung verloren; sie sei unsinnig und verbrecherisch. Der deutschen Regierung, die ihre Hände frei von diesem Verbrechen zu halten wünsche, komme es darauf an, zu erfahren, ob die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten auf Grund der über die Friedensbedingungen erzielten Einigung und der sonstigen von der deutschen Regierung gegebenen Zusagen und Aufklärungen bereit seien, alsbald in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten oder nicht. Sie müsse Wert darauf legen, auf diese Frage ohne Verzug eine klare Antwort zu erhalten, um danach ihre Dispositionen zu treffen.

Über die an Herrn Wilson zu erteilende Antwort wurden im Kriegskabinett unter Zuziehung des Generals Ludendorff und des Chefs des Admiralstabs, des Admirals Scheer, eingehende Beratungen gepflogen. Bei diesen Beratungen erklärte General Ludendorff, daß sich die militärische Lage gebessert habe, daß er die Gefahr einer unmittelbaren Katastrophe nicht als gegeben erachte, daß die Verteidigung mit Aussichten auf Erfolg fortgesetzt werden könne und daß eine bedingungslose Unterwerfung unter allen Umständen abgelehnt werden müsse. Gegen die von Wilson verlangte Einstellung des U-Bootkriegs sprach sich Ludendorff mit Entschiedenheit aus; ebenso der Admiral Scheer.

Aber von der Mehrzahl der Mitglieder des Kriegskabinetts wurde die Besserung der militärischen Lage, die übrigens auch von unseren Feinden zugegeben werden mußte, mit starken Zweifeln aufgenommen. Noch lange hinterher wurde gegen den General Ludendorff der Vorwurf erhoben, daß er bei jenen Beratungen nun mit einem Mal die Situation an der Westfront günstiger dargestellt habe als drei Wochen zuvor.