Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 31
Am 14. September richtete der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen, Graf Burian, an die Regierungen der sämtlichen Kriegführenden, Freund wie Feind, eine gleichlautende Note, in der er vorschlug, »zu einer vertraulichen und unverbindlichen Aussprache über die Grundprinzipien des Friedensschlusses an einem Ort des neutralen Auslandes und zu einem nahen Zeitpunkt, über den man noch Vereinbarungen zu treffen hätte, Delegierte zu entsenden, die beauftragt wären, die Auffassungen ihrer Regierungen über ihre Prinzipien bekanntzugeben, analoge Mitteilungen entgegenzunehmen, sowie offene und freimütige Aufklärungen über alle jene Punkte, die der Präzisierung bedürfen, zu erbitten und zu erteilen«. Mit einer besonderen Note wurde dieser Friedensschritt auch zur Kenntnis des Papstes gebracht; ebenso wurden die Regierungen der neutralen Staaten verständigt.
Die Note wurde am gleichen Tage von der Wiener Regierung veröffentlicht, zugleich mit einem umfangreichen Promemoria, dessen Gedankengang war:
Alle Völker ersehnten das baldige Ende des blutigen Kampfes. Trotzdem sei es bisher nicht gelungen, die Kluft, die die Kriegführenden noch trenne, zu überwinden. Der Friedensschritt der Mittelmächte vom Dezember 1916 habe nicht zu dem erhofften Erfolg geführt, habe aber wenigstens bewirkt, daß die Friedensfrage seither nicht mehr von der Tagesordnung verschwunden sei. Wenn auch die seither vor dem Tribunal der Öffentlichkeit geführte Diskussion die Gegensätzlichkeit bewiesen habe, die jetzt noch die Auffassung der kriegführenden Mächte von den Friedensbedingungen trenne, so habe sich doch eine Atmosphäre gebildet, welche die Erörterung des Friedensproblems nicht mehr ausschließe. Ohne übertriebenen Optimismus könne man aus den Äußerungen verantwortlicher Staatsmänner mindestens so viel konstatieren, daß der Wille, zu einer Verständigung zu gelangen und den Krieg nicht ausschließlich durch die Macht der Waffen zur Entscheidung zu bringen, auch bei den alliierten Staaten allmählich doch durchzudringen beginne.
Der Schritt des Grafen Burian wirkte als Sensation. Er wurde allgemein dahin gedeutet, daß Österreich-Ungarn nicht mehr in der Lage oder nicht mehr gewillt sei, weiterzukämpfen, und daß es sich, um zum Frieden zu kommen, entschlossen habe, ohne Rücksicht auf seine Bundesgenossen selbständig den Weg zum Frieden zu gehen.
Der Staatssekretär von Hintze war noch in der Woche zuvor zu Besprechungen mit dem Grafen Burian in Wien gewesen. Es war ihm weder gelungen, den Sonderschritt, den Graf Burian schon Mitte August in Spa angekündigt hatte, abermals zu verhindern, noch ihm eine für Deutschland erträglichere Form zu geben. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß der von uns bei dem Abschluß der Zusatzverträge mit Rußland gezeigte Mangel an Rücksicht auf unsere österreichisch-ungarischen Bundesgenossen nicht ganz ohne Rückwirkung auf das Verhalten der Wiener Regierung uns gegenüber in dieser Frage geblieben ist. Am 6. September war der Austausch der Ratifikationen der Zusatzverträge über die Wiener Vorstellungen hinaus erfolgt; am 14. September ließ Graf Burian seine Note ergehen.
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In Berlin hatten sich einige Tage vor der Veröffentlichung der Burianschen Note die Führer der Mehrheitsparteien erneut zu interfraktionellen Besprechungen zusammengefunden. Es wehte wieder einmal ausgesprochene Krisenluft. Außerhalb des Zentrums war die Empfindung, daß die Regierung des Grafen Hertling der schwierigen Lage des Reiches nicht gewachsen sei, wohl allgemein. Im Zentrum selbst hatte Graf Hertling nach wie vor einen starken Rückhalt; aber der Einfluß der Erzbergerschen Gegenarbeit war doch auch hier unverkennbar. In diese Krisenstimmung hinein fiel die Buriansche Note. Die Parteiführer wurden, noch ehe die Note in den deutschen Blättern zur Veröffentlichung freigegeben wurde, am Abend des 14. September nach dem Auswärtigen Amt eingeladen, wo der Staatssekretär von Hintze ihnen vom Text der Note Kenntnis gab und sie zu beruhigen versuchte. Die Beruhigung gelang nur mangelhaft. Die Tatsache, daß es in der schweren Lage, in die wir durch die militärischen Rückschläge versetzt waren, zu einem die Festigkeit unseres Bündnissystems diskreditierenden Sonderschritt hatte kommen können, gab dem wankenden Vertrauen in die Reichsleitung einen neuen Stoß.
Zunächst begnügte man sich mit dem Beschluß der alsbaldigen Einberufung des Hauptausschusses des Reichstags.
Noch ehe der Hauptausschuß zusammentrat, gab die Reichsregierung eine offizielle Antwort auf die Wiener Friedensnote; sie ging dahin, daß die Aufnahme früherer Friedensschritte bei unseren Gegnern nicht ermutigend sei, daß aber die Kaiserliche Regierung den neuen Versuch mit dem aufrichtigen Wunsch begleite, daß er dieses Mal den erhofften Erfolg finden möchte; Deutschland sei bereit, an dem vorgeschlagenen Gedankenaustausch teilzunehmen.
Sehr eilig mit seiner Stellungnahme hatte es der Präsident Wilson. Schon am 17. September ließ er durch den Staatssekretär Lansing die Antwort an die Wiener Regierung veröffentlichen. Sie lautete: Er habe wiederholt die Bedingungen bekanntgegeben, auf Grund deren die Vereinigten Staaten einen Frieden in Erwägung ziehen wollten. Die Unions-Regierung könne und wolle keinen Vorschlag zur Abhaltung einer Konferenz annehmen in einer Angelegenheit, in der sie ihre Haltung und ihre Absichten deutlich zu erkennen gegeben habe.
Auch Herr Clemenceau säumte nicht. Er hielt am 18. September im Senat eine Rede, in der er erklärte, es gebe keine Straffreiheit für die von den Mittelmächten begangenen Verbrechen; eine schreckliche Rechnung sei aufgelaufen und müsse bezahlt werden. Dem schweizerischen Gesandten in Paris stellte Herr Pichon eine Nummer des »Journal Officiel«, das diese Rede enthielt, mit dem Bemerken zu, das sei die Antwort der Republik auf die Note des Wiener Kabinetts.
In London hatte Herr Balfour schon am 17. September in öffentlicher Rede erklärt, die Buriansche Note sei nichts als ein Versuch, die Alliierten zu spalten und zu schwächen, sie bringe den Frieden um keinen Schritt näher.
Der gänzliche Mißerfolg des von dem Wiener Kabinett unternommenen Sonderschrittes stand also bereits fest, als sich der Hauptausschuß des Reichstags am 24. September versammelte.
Kritische Zuspitzung in Berlin
Es war bezeichnend, daß der Ausschuß, der wegen der so bedrohlich gewordenen auswärtigen Lage des Reiches früher als geplant zusammengerufen worden war, nach den einleitenden Erklärungen und Mitteilungen des Reichskanzlers, des Vizekanzlers, des Staatssekretärs des Auswärtigen und eines Vertreters des Kriegsministers den Schwerpunkt seiner Erörterungen alsbald auf das Gebiet der inneren Politik verlegte. Schon am Tage vor seinem Zusammentritt hatte die Fortschrittliche Volkspartei eine Fraktionssitzung abgehalten, deren wesentliches Ergebnis Übereinstimmung darüber war, daß der Eintritt der Sozialdemokratie in die Regierung, von dem seit einiger Zeit viel gesprochen wurde, zu begrüßen sei, daß eine weitere Verschleppung der preußischen Wahlreform nicht mehr geduldet werden dürfe und daß der Artikel 9 der Reichsverfassung, der verbot, daß jemand gleichzeitig Mitglied des Bundesrats und Mitglied des Reichstags sein dürfe, aufzuheben sei. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hatte am gleichen Tag beschlossen, den Eintritt von Sozialdemokraten in eine etwa neu zu bildende Regierung unter einer Reihe von Bedingungen zu billigen, die zu einem großen Teil gleichfalls auf dem Gebiet der inneren Politik lagen.
In diesem Rahmen bewegte sich auch, was die Fraktionsführer im Hauptausschuß vorbrachten. Die Reden der Wortführer der Mehrheitsparteien waren, bei aller Schonung der Person des Grafen Hertling, eine einzige Anklage gegen die Versäumnisse, namentlich die innerpolitischen Versäumnisse, der von ihnen selbst vor nicht ganz einem Jahr gekürten und mit ihren Vertrauensmännern durchsetzten Regierung. Der Einfluß der Militärs auf die Politik, die Handhabung der Zensur und des Vereinsrechts unter dem Belagerungszustand, die Verschleppung der preußischen Wahlreform waren die wichtigsten Beschwerdepunkte. Von derjenigen inneren Frage, die in Wirklichkeit alles Interesse in Anspruch nahm, von der Bildung einer neuen Regierung durch die Mehrheitsparteien, sprach man im Hauptausschuß auffallenderweise nicht, wohl deshalb, weil über das Los des Grafen Hertling zwischen dem Zentrum, das ihn halten wollte, und den anderen Mehrheitsparteien, die seinen Kopf verlangten, noch keine Übereinstimmung bestand.
Da traf am 26. September die Nachricht von dem Ersuchen Bulgariens an die Entente um Waffenstillstand und Einleitung von Friedensverhandlungen in Berlin ein. Die Bestürzung über diesen offenen Abfall des bulgarischen Verbündeten war groß. Herr von Hintze gab zwar im Hauptausschuß am 27. September Erklärungen ab, daß weder für Bulgarien noch für uns ein Anlaß vorliege, das Spiel bereits verlorenzugeben; die militärische Lage in Mazedonien lasse sich durch die alsbald entsandten deutschen und österreichisch-ungarischen Verstärkungen nach dem Urteil der militärischen Sachverständigen wiederherstellen; auch stehe noch nicht fest, ob Herr Malinoff den König, die bulgarische Heeresleitung und die Sobranje hinter sich habe, oder ob er auf eigene Faust vorgegangen sei; eine Gegenaktion der bundestreuen Elemente in Sofia scheine bevorzustehen. -- Aber die Klarheit ließ nicht lange auf sich warten. König Ferdinand, der gewillt war, an dem Bündnis festzuhalten, sah sich gezwungen, zugunsten seines Sohnes abzudanken und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Der Abfall des bulgarischen Bundesgenossen gab der Kanzlerschaft des Grafen Hertling den Gnadenstoß. Auch das Zentrum gab ihn preis. Der Reichstagspräsident Fehrenbach gab dem Kanzler am 28. September, unmittelbar ehe dieser mit Herrn von Hintze zur Besprechung der Lage nach dem Großen Hauptquartier reiste, zu verstehen, daß auch im Zentrum die Auffassung an Boden gewonnen habe, daß die Lösung der Krisis durch seinen freiwilligen Rücktritt erleichtert werden könne.
Aber dieses Mal wollten die Mehrheitsparteien gründliche Arbeit machen. Ein Personenwechsel genügte ihnen nicht mehr, sie wollten einen Systemwechsel: die volle Verwirklichung des parlamentarischen Regimes.
Es ist eine Gewohnheit der Völker, daß sie für schwere Schicksale Sündenböcke brauchen. Zum Sündenbock machte man jetzt bei uns nicht nur Personen, nicht einmal in erster Linie Personen, sondern das »System«. Darin kam das große Maß der vom Persönlichen abstrahierenden Objektivität des Deutschen zum Ausdruck, und gleichzeitig auch das große Maß des dem Deutschen eigenen Doktrinarismus. Denn der Systemwechsel wurde jetzt als Allheilmittel und als Rettung aus der Not des Vaterlands von denselben Mehrheitsparteien -- und ihnen folgend von ihren Anhängern im Lande -- verlangt, die seit einem Jahr in der Reichsregierung durch ihre Vertrauensmänner vertreten waren und die Sünden der Reichsregierung im Begehen und Unterlassen mitgemacht, geduldet und gedeckt hatten. Der »Obrigkeitsstaat« sollte jetzt durch den »Volksstaat« ersetzt werden. Vom Volksstaat und seiner »Volksregierung« erwartete der Idealismus der deutschen Demokratie das große Wunder. Ich setze, um diesen Gedankengang deutlich zu machen, eine bezeichnende Stelle aus einem Artikel der »Frankfurter Zeitung« vom 27. September 1918 hierher:
»Die Lage Deutschlands, unseres Staates und unseres Volkes, ist heute so ernst und so schwer wie niemals zuvor. Niemand darf sich darüber täuschen, niemand auch die Pflicht verkennen, die ihm daraus erwächst. Spannen wir jetzt nicht alle Kräfte bis zum Äußersten, in stoischem Ertragen und in heroischer Leistung, dann kann es kommen, daß die Gegner doch noch ihr Ziel erreichen. Was bringt unser Volk jetzt zu so höchster Krafthergabe? -- Nur das Volk selbst aus eigenem, innerstem Impulse kann sich dazu erheben! Nur indem es endgültig sein Schicksal in die eigene Hand nimmt, wird es das ungeheure Maß von Verantwortungsgefühl und Opferbereitschaft finden, das jetzt nottut. Der Masse, der eine Obrigkeit zuredet und befiehlt, wird das nicht abzuringen sein; dem Volke, das die Entscheidung über seine Gegenwart und seine ganze Zukunft sich selbst anvertraut fühlt, wird und muß es gelingen. Das ist der gewaltige Sinn der Demokratie und der ungeheure Kraftstrom, der aus ihr fließt. Und diesen Kraftstrom gilt es jetzt zu entfesseln.«
Von diesem Gedanken waren jetzt manche durchdrungen, die an sich der demokratischen Weltanschauung fernerstanden. Zu seinem Anwalt machten sich jetzt im Großen Hauptquartier nicht nur Graf Hertling selbst, der dem Kaiser seine Entlassung anbot, sondern auch der Staatssekretär des Auswärtigen von Hintze und der gleichfalls zu den Beratungen zugezogene Reichsschatzsekretär Graf Roedern. Auch die Generale der Obersten Heeresleitung schlossen sich diesem Gedanken an. Und in der Tat, wer wollte leugnen, daß jetzt, wo die schwersten Stunden des Vaterlandes nahten, alles darauf ankam, alle Kraft des deutschen Volkes aufzurufen und der einen großen Sache dienstbar zu machen? Nur genügt es in solchen Zeiten der höchsten Not nicht, Kräfte zu entfesseln; die Kräfte müssen auch geführt werden. Dazu gehören Persönlichkeiten. Persönlichkeiten aber haben die Parteien, die sich jetzt anschickten, als Mandatare des deutschen Volkes die Regierung in die Hand zu nehmen, weder hervorgebracht noch vertragen.
Die Lage im Großen Hauptquartier
Im Großen Hauptquartier trafen die am Vormittag des 29. September aus Berlin ankommenden Herren eine überaus schwere Lage. Die Entwicklung der letzten Wochen hatte die Aussicht auf eine siegreiche Beendigung des Krieges zerstört. Eine neue Wendung des Kriegsglücks zu unseren Gunsten war nicht mehr zu erwarten. Das sich immer mehr verstärkende Übergewicht unserer Feinde war nicht mehr auszugleichen. Unter dem Druck dieser Erkenntnis, der auch der letzte Mann sich nicht verschließen konnte, und unter den üblen Einwirkungen aus der Heimat, die durch eine mit den raffiniertesten Mitteln betriebene Propaganda des Feindes in unseren Reihen verstärkt wurden, begann der Geist der Truppe sich greifbar zu verschlechtern. Die Fälle, daß unsere Leute auch gegenüber schwachen Angriffen nicht mehr hielten oder gar kampflos zum Feinde überliefen, hatten sich gemehrt; ja es kam vor, daß den neu eingesetzten Verbänden aus den Reihen der zurückflutenden Truppen das böse Wort »Streikbrecher« zugerufen wurde.
Gerade in jenen letzten Septembertagen war die militärische Lage in einer akuten Krisis. Der Kampf um die Siegfriedstellung war auf seinem Höhepunkt: es ging um die Kanalstellungen, die wir vergeblich vor einem Durchbruch zu bewahren suchten. Außerdem hatte am 28. September die englisch-belgische Offensive in Flandern unsere Stellungen um Ypern durchbrochen und damit eine schwere Bedrohung für unsere Positionen an der flandrischen Küste und in der Gegend von Lille geschaffen. Schließlich nötigte uns die Offensive der Franzosen und Amerikaner, unsere Stellungen zwischen Reims und der Maas nicht unerheblich zurückzunehmen. Die ganze Front, die wir vom Herbst 1914 an bis zum Beginn unserer eigenen Offensive im Frühjahr 1918 gegen die stärksten Angriffe gehalten hatten, war auf das schwerste erschüttert und drohte zusammenzubrechen. Dazu kam der Abfall Bulgariens, der den Zusammenbruch der Türkei beschleunigen mußte, und die zweifelhafte Haltung Österreich-Ungarns.
Die Heeresleitung stand vor den schwersten Entschlüssen. Sie stand gleichzeitig vor der Frage, ob die Fortsetzung eines nicht mehr zu gewinnenden Krieges noch zu verantworten sei und ob die Lage nicht dazu zwinge, die sofortige Herbeiführung des Friedens selbst unter großen Opfern zu versuchen.
Die ersten Hinweise der Obersten Heeresleitung auf die Notwendigkeit politischen Handelns zur Herbeiführung des Friedens gehen, wie ich oben dargestellt habe, auf den Monat Juni 1918 zurück. Sie hatten leider nur die Wirkung gehabt, daß Herr von Kühlmann von der Tribüne des Reichstags herab erklärte, der Krieg könne rein militärisch nicht zu Ende gebracht werden. Zum zweitenmal hatte die Oberste Heeresleitung bei den Besprechungen im Großen Hauptquartier Mitte August auf den Ernst der militärischen Lage hingewiesen und die Aussichtslosigkeit einer rein militärischen Beendigung des Krieges betont. Es ist mir nicht bekannt, was darauf unsere politische Leitung zur Herbeiführung eines Friedens getan hat, der allerdings auch damals schon, wie überhaupt während des ganzen Krieges, nur um den Preis empfindlicher Zugeständnisse unsererseits, namentlich in der elsaß-lothringischen Frage, zu haben gewesen wäre. Auch für den Nahestehenden trat sichtbar nur in Erscheinung die Forcierung der Zusatzverträge zum Brester Frieden, damit verbunden die Markierung unseres guten Verhältnisses zur Bolschewikiregierung und die Belastung unseres Bundesverhältnisses zu Österreich-Ungarn und der Türkei. Auch das Weißbuch über die Vorgeschichte des Waffenstillstands gibt keinen genauen Aufschluß. Unter dem österreichischen Druck und angesichts der immer bedenklicher werdenden militärischen Lage wurde am 11. September im Großen Hauptquartier die sofortige Einleitung einer Friedensdemarche bei einer neutralen Macht beschlossen. Es wurde der Versuch gemacht, Österreich-Ungarn und die anderen Bundesgenossen zum Anschluß an einen solchen Schritt zu gewinnen. Dieser Versuch wurde durch den österreichisch-ungarischen Sonderschritt vom 14. September erledigt.
Nun waren seit jener Besprechung am 13. und 14. August sechs schwere Wochen in die Welt gegangen; wir waren militärisch und politisch an den Rand des Abgrundes gedrängt. In dieser Lage trug General Ludendorff am 28. September dem Feldmarschall von Hindenburg vor, daß der Zeitpunkt gekommen sei, an die Reichsregierung die Forderung zu stellen, in sofortige Friedensverhandlungen einzutreten und zu diesem Zweck der Entente einen Waffenstillstand vorzuschlagen.
Als Graf Hertling und die Staatssekretäre Graf Roedern und von Hintze am 29. September im Großen Hauptquartier mit ihren Sorgen eintrafen, sahen sie sich vor den Antrag der Obersten Heeresleitung auf sofortige Herbeiführung eines Waffenstillstands und Einleitung von Friedensverhandlungen gestellt.
Graf Hertling, der mit dem Entschluß angekommen war, vom Kaiser seinen Abschied zu erbitten, trat bei den weiteren Besprechungen nicht mehr in Tätigkeit.
Die beiden Staatssekretäre, die den Reichskanzler begleitet hatten, um den Kaiser von der Notwendigkeit der Neubildung der Regierung auf breitester parlamentarischer Grundlage sowie der Reform der Reichsverfassung im Sinne der demokratischen Forderungen zu überzeugen, wurden in ihrer Auffassung und Absicht durch die Eröffnungen der Obersten Heeresleitung nur bestärkt. Sie erklärten, daß ein Friedensangebot, wie es die Oberste Heeresleitung verlangte, nur von einer neuen Regierung, die vom Vertrauen des ganzen Volkes und seiner Vertretung, des Reichstages, getragen sei, gemacht werden könne; der verhängnisvolle Rückschlag, den dies von niemand in Deutschland erwartete plötzliche Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden in der Stimmung des deutschen Volkes hervorrufen werde, könne nur ausgeglichen werden durch weitgehende demokratische Reformen, die »Revolution von unten« könne nur vermieden werden durch eine »Revolution von oben«.
Die Oberste Heeresleitung und der Kaiser schlossen sich dieser Auffassung an.
Am Montag, 30. September, wurde ein an Graf Hertling gerichteter Erlaß des Kaisers bekanntgegeben, in dem der Kaiser den Rücktritt des Grafen Hertling genehmigte und dann fortfuhr:
»Ich wünsche, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlands mitarbeite. Es ist daher mein Wille, daß Männer, die von dem Vertrauen des Volkes getragen sind, in weiterem Umfang teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung.«
Das Reichskabinett des Prinzen Max von Baden
Graf Roedern, der am Abend des 29. September zusammen mit Herrn von Hintze und einem Vertreter der Obersten Heeresleitung nach Berlin zurückreiste, erhielt vom Kaiser den Auftrag, in Berlin die für die Bildung der neuen Regierung erforderlichen Schritte zu tun.
Die Initiative ging jedoch sofort in die Hände der »Mehrheitsparteien« des Reichstags über. Die den Intentionen des Kaisers entsprechende Anregung des Grafen Roedern, in der äußersten Not des Vaterlands alle Parteigegensätze zurückzustellen und durch die Bildung eines die sämtlichen großen Parteien umfassenden Koalitionskabinetts die Einheit des deutschen Volkes zum Ausdruck zu bringen, wurde kurzerhand und schroff abgelehnt. Die Mehrheitsparteien machten sich daran, ein Kabinett aus ihren Mitgliedern zu bilden.
Als neuer Kanzler wurde von ihnen zunächst der bisherige Vizekanzler von Payer in Aussicht genommen. Dieser lehnte jedoch ab, sei es, weil er sich der ungeheuren Aufgabe nicht gewachsen fühlte, sei es, weil aus den Reihen seiner eigenen Parteifreunde heraus Stimmung für einen anderen Kandidaten gemacht wurde: für den Prinzen Max von Baden. Dieser war mir schon in den letzten Tagen der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis von dem Abgeordneten Conrad Haußmann als der gegebene Reichskanzler bezeichnet worden. Er war inzwischen durch einige Reden, die er als Präsident der Badischen Ersten Kammer gehalten hatte, in der politischen Welt als ein Anhänger eines Versöhnungsfriedens und als ein Mann von liberalen Anschauungen bekannt geworden. Schon im Dezember 1917 hatte er das Wort von dem »Weltgewissen« gesprochen, das hinter unserer Kraft stehen müsse, um die Welt mit uns zu versöhnen. In einer seiner späteren Reden rief er das »Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit« an, das erfordert hätte, »daß man die Hölle dieses Krieges nicht noch einmal losließ, bevor der ehrliche Versuch gemacht wurde, ob nicht die Differenzen zwischen den Kriegführenden schon so weit geschwunden sind, daß Verhandlungen sie überbrücken könnten«. Und in seiner Rede aus Anlaß der Jahrhundertfeier der badischen Verfassung bezeichnete er die »Demokratisierung« als das Ziel unserer politischen Entwicklung, mit dem Hinzufügen: »Heute enthält die Forderung nach äußerer Kraftentfaltung zugleich die Forderung nach innerer Freiheit.«
Solche Worte waren eine starke Empfehlung bei den Führern der Mehrheitsparteien, die hier Geist von ihrem Geist zu spüren glaubten. In den persönlichen Unterhaltungen, die der alsbald nach Berlin gerufene Prinz mit den Parteiführern hatte, verstärkte er diesen Eindruck durch seine gewinnende Liebenswürdigkeit. Sogar die Sozialdemokraten setzten sich über ihre anfänglichen Bedenken gegen die Inaugurierung der demokratischen Epoche durch einen Prinzen und Thronfolger hinweg. Ob der Prinz die Kraftnatur sei, der allein in dem schwersten Sturm das Steuerruder des Vaterlands anvertraut werden durfte, danach fragte niemand; im Gegenteil, die sich beim ersten Gespräch aufdrängende Wahrnehmung, daß der liebenswürdige und wohlmeinende Prinz alles eher sei als eine Kraftnatur, hat wohl nicht unwesentlich dazu beigetragen, die Begeisterung für seine Kandidatur bei gewissen Führern der Mehrheitsparteien zu erhöhen.
Am 3. Oktober wurde Prinz Max von Baden zum Reichskanzler und zum preußischen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Der Posten des preußischen Ministerpräsidenten blieb unbesetzt! Beigegeben wurden ihm als Staatssekretäre ohne Portefeuille die Zentrumsführer Gröber und Erzberger sowie der Sozialdemokrat Scheidemann, derselbe, der vor Jahren den Verrat als die Familientradition der Hohenzollern bezeichnet hatte. Einige Tage später wurde auch der fortschrittliche Abgeordnete Conrad Haußmann, nachdem er den Posten des Unterstaatssekretärs in der Reichskanzlei abgelehnt hatte, zum Staatssekretär ohne Portefeuille ernannt.