Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 28

Chapter 283,246 wordsPublic domain

Herr Tschitscherin, in seinem Äußeren ein verhärmter und verschüchterter Gelehrter mit schwermütigen, traurigen Augen, sprach mir sofort von seinen Sorgen um Baku, das von den türkischen Truppen unmittelbar bedroht sei, und berief sich auf die Zusagen, die von unserer Regierung Herrn Joffe wegen des Schutzes von Baku gemacht worden seien. Ich bezweifelte auf Grund meiner Berliner Informationen, daß die Türken einen Schlag gegen Baku beabsichtigen könnten, und gab die Versicherung, daß die deutsche Regierung von den mit ihrem Bundesverhältnis zur Türkei verträglichen Mitteln Gebrauch machen werde, um die Türken zur Zurückhaltung zu veranlassen. Über die Zusatzverträge sagte Tschitscherin, daß er noch nicht im Besitz der in Berlin zwischen den beiderseitigen Delegationen vereinbarten Redaktion sei; daß nach deren Eingang die Verträge von dem Rat der Volkskommissare einer eingehenden Prüfung unterzogen werden müßten, bevor er Stellung nehmen könne. Warm wurde er, als er auf die inneren Verhältnisse zu sprechen kam. Die Industrieproletarier hätten die Revolution gemacht; aber sie seien in Rußland der Zahl nach eine geringe Minderheit. Deshalb hänge das Schicksal der Revolution vom Dorfe ab, das sich bisher indolent oder gar feindlich gezeigt habe. Sie seien jetzt dabei, die »Dorfarmen« gegen die »Dorfreichen« zu mobilisieren. Überall auf dem Dorfe würden jetzt Sowjets gebildet und in die Macht eingesetzt. Zu diesen Sowjets dürften natürlich nur die Besitzlosen wählen. Auf diese Weise werde es der Sowjetregierung gelingen, auch das Land in ihre Gewalt zu bekommen.

In den folgenden Tagen suchte ich mir in intensivster Arbeit und in Besprechungen mit meinen Mitarbeitern wie mit anderen für mich erreichbaren landeskundigen Personen ein genaues Bild von der Lage und den sich aus ihr für die deutsche Politik eröffnenden Möglichkeiten zu machen. Das Bild, das sich für mich ergab, war folgendes:

Sowjetrußland stand in einer schweren äußeren und inneren Krisis.

Im Osten machten die Tschecho-Slowaken und die mit ihnen kooperierenden Sibirier bedrohliche Fortschritte. Sie bemächtigten sich der mittleren Wolga mit den wichtigen Städten Kasan, Simbirsk, Samara, Sysran und bedrohten Saratow. Gerade in der Zeit, in der ich in Moskau eintraf, kam von der Ostfront eine Hiobspost nach der anderen.

Im Südosten waren die Kosaken unter Alexejew, Dutow, Denikin und Krasnow im Vordringen. Die Gefahr war groß, daß sie sich bei Zarizyn am Wolgaknie mit den Tschecho-Slowaken vereinigen und so das bolschewistische Rußland von der Verbindung mit dem Kaspischen Meer und Baku abschneiden könnten. Mit Baku selbst waren die Verbindungen unterbrochen. Genaues über das Schicksal der Stadt war nicht zu erfahren. Bald hieß es, die Armenier hätten sich der Herrschaft bemächtigt und die Engländer, die in Rescht, an dem persischen Südufer des Kaspischen Meeres standen, herbeigerufen, bald sollten die Türken unmittelbar vor Baku stehen oder gar Baku bereits genommen haben.

Im Norden rückten Ententetruppen von der Murmanküste aus in Richtung Petrosawodsk und Petersburg vor. Anfang August besetzten die Engländer Archangelsk am Weißen Meer und setzten sich von dort in Marsch gegen Wologda.

Die Rote Garde schlug sich fast überall schlecht. Aus Petersburg und Moskau wurden die Lettenregimenter abgezogen und als »Korsettstangen« zwischen den Rotgardisten eingesetzt. Unter den Letten selbst herrschte zunehmende Unzufriedenheit mit dem bolschewistischen Regiment, dessen stärkste und treueste Stütze sie bisher gewesen waren. Die Unzufriedenheit ging so weit, daß angesehene Lettenführer bei uns Fühlung suchten und sich bereit erklärten sich mit ihren Truppen zu unserer Verfügung zu stellen, wenn wir ihnen für später die Rückkehr in das von uns besetzte Lettland gestatteten und sie in ihren Grundbesitz wieder einsetzten.

Wie ernst die Sowjetregierung selbst die Lage ansah, ergab sich mir aus Eröffnungen, die mir Herr Tschitscherin, unangesagt und direkt aus einer Beratung im Kreml kommend, am Abend des 1. August im Auftrag des Rates der Volkskommissare machte.

Zunächst teilte er mir mit, daß angesichts des Vormarschs der Ententetruppen von Murmansk und der Landung der Engländer in Archangelsk seine Regierung kein Interesse mehr an ihrem in Berlin ausgesprochenen Wunsch habe, ein deutsch-finnisches Eingreifen in Karelien gegen die Murmanküste möchte aufgeschoben werden. Ein offenes militärisches Bündnis mit uns sei allerdings in Rücksicht auf die öffentliche Meinung unmöglich; möglich aber sei eine tatsächliche Parallelaktion. Seine Regierung beabsichtige, ihre Truppen um Wologda zu konzentrieren, um Moskau zu decken. Bedingung für eine Parallelaktion sei allerdings, daß wir Petersburg nicht besetzten; auch Petrosawodsk sei besser zu vermeiden. -- Tatsächlich bedeutete diese Eröffnung, daß die Sowjetregierung, um Moskau zu schützen, genötigt war, uns um die Deckung von Petersburg zu bitten. Das wurde bestätigt, als mir Tschitscherin am 5. August mitteilte, daß seine Regierung ihre Truppen auch von Petrosawodsk nach Wologda abziehen müsse, so daß der Weg von Murman nach Petersburg frei und ein schleuniges Eingreifen unsererseits erwünscht sei; daß ferner in Wologda der Kriegszustand erklärt sei und er mich bitten müsse, unsere Unterkommission für Kriegsgefangene von dort zurückzuziehen.

Nicht minder Sorge machte ihm der Südosten. Seine Regierung habe sich entschlossen, auf der bisher von ihr mit allem Nachdruck verlangten Räumung von Rostow und Taganrog durch unsere Truppen nicht zu bestehen, sondern sich mit der von uns angebotenen freien Benutzung der Bahnlinien zu begnügen, vorausgesetzt, daß sie durch uns »von Krasnow und Alexejew befreit« würde. Beide Generale spielten unter einer Decke, obwohl Alexejew ententefreundlich sei und Krasnow sich den Anschein gebe, zu uns zu halten, und von uns Unterstützung annehme. Auf meine Fragen präzisierte er schließlich unser von ihm gewünschtes Eingreifen dahin: »Aktives Eingreifen gegen Alexejew, keine weitere Unterstützung an Krasnow.« Auch hier komme aus denselben Gründen wie im Norden kein offenes Bündnis, sondern nur eine tatsächliche Kooperation in Frage; diese aber sei notwendig. -- Mit diesem Schritt erbat also die Bolschewikiregierung die bewaffnete deutsche Intervention auf großrussischem Gebiet. Ein schlagender Beweis dafür, wie hoch ihr das Wasser stand.

Nicht tröstlicher war die Lage für die Sowjetregierung im Innern.

Die kommunistischen Experimente der Bolschewikiregierung hatten zu einer völligen Desorganisation und Lähmung des russischen Wirtschaftslebens geführt. Eine neue Ordnung zu schaffen war den Bolschewiki nicht gelungen. Ein großer Teil der industriellen Betriebe stand still. Die Weiterarbeitenden konnten sich nur mit Hilfe großer Zuschüsse des Staates halten. Auch die landwirtschaftliche Produktion war schwer beeinträchtigt. Außerdem machten die Bauern schon seit langer Zeit Schwierigkeiten, ihre Erzeugnisse gegen das entwertete Papiergeld abzugeben. Der Versuch der Einrichtung eines systematischen Austauschs von gewerblichen Erzeugnissen gegen landwirtschaftliche Produkte war gescheitert. Zwischen den hungernden Städten und dem Land, das seine keineswegs reichlichen Nahrungsmittel zurückhielt, bestand eine starke Spannung. Vielfach zog das Industrieproletariat nach dem Lande, um sich dort gewaltsam in den Besitz von Nahrungsmitteln zu setzen. Das Land setzte sich zur Wehr; an zahlreichen Stellen flammten Bauernunruhen auf. Die Bolschewisierung des Landes durch die Organisation der »Dorfarmen« hatte erst begonnen.

Der alte Verwaltungsapparat war zerbrochen. Ein neuer war noch nicht aufgebaut. Die Macht der Moskauer Zentralregierung war eng begrenzt. Die lokalen Sowjets, die sich überall gebildet hatten, taten und ließen, was ihnen gefiel.

In Moskau selbst stand die Bolschewikiherrschaft auf schwachen Füßen. Das Verhältnis der Bolschewiki zu den Linken Sozialrevolutionären war nach wie vor ungeklärt. Die Sowjetregierung wagte augenscheinlich nicht, gegen diese Gruppe vorzugehen. In der Verfolgung der an dem Attentat gegen den Grafen Mirbach beteiligten Personen dieses Kreises blieb sie trotz meines Drängens untätig. In Deutschland wurde allerdings aus den Kreisen des Herrn Joffe verbreitet, die Sowjetregierung habe auf Verlangen Deutschlands Kamkow und Frau Spiridonowa, die öffentlich zu dem Attentat aufgefordert hatten, verhaften und erschießen lassen. Graf Harry Keßler, der mit Herrn Joffe intime Beziehungen unterhielt, hatte mich noch am Abend vor meiner Abreise in Berlin besucht und mir diese angebliche Tatsache als Beweis des guten Willens der Sowjetregierung vorgeführt. Als aber deutsche Zeitungen diese Nachricht brachten, ließ das Volkskommissariat für das Auswärtige in der russischen Presse eine Note veröffentlichen, diese Nachricht sei selbstverständlich erfunden, die deutschen Zeitungen weigerten sich aber, unter dem Druck der deutschen Zensur, ein Dementi zu bringen. Ich teilte diese Note nach Berlin mit und bat um Aufklärung. Das Auswärtige Amt antwortete, daß keine deutsche Stelle ein solches Dementi verhindert habe. Als ich nun Herrn Radek auf diese merkwürdige Sache stellte, bekannte er sich als Verfasser der Note; auf eine Verhinderung des Dementis durch die deutsche Zensur habe er daraus geschlossen, daß auf den nach Berlin gerichteten Auftrag, die Nachricht von der Erschießung des Kamkow und der Spiridonowa zu dementieren, die Antwort gekommen sei, dem Dementi ständen »unüberwindliche Hindernisse« entgegen. Nach meiner Rückkehr nach Berlin habe ich von deutschen Journalisten erfahren, daß Herr Joffe selbst ersucht habe, die Nachricht nicht zu dementieren, und daß auch von einer Stelle des Auswärtigen Amtes ein Dementi als unerwünscht bezeichnet worden war! Man wollte bei uns im Interesse des Zustandekommens der Zusatzverträge augenscheinlich die durch die Nichtverfolgung der Attentäter gegen die Bolschewikiregierung erregte öffentliche Meinung beschwichtigen. Erst auf mein Eingreifen hat das Wolffsche Telegraphenbureau ein Dementi veröffentlicht.

Die Sowjetregierung nahm aber nicht nur Abstand von jedem ernsthaften Schritt gegen die in das Attentat verwickelten Linken Sozialrevolutionäre, sondern sie nahm auch in den ersten Tagen meines Moskauer Aufenthalts die Mitglieder dieser Gruppe, die sie unmittelbar nach dem Attentat und dem Putsch aus der »Außerordentlichen Kommission« und anderen wichtigen Körperschaften entfernt hatte, wieder in Gnaden auf.

Dagegen übte sie gegen alle weiter rechts stehenden Parteien und Gruppen eine wahre Schreckensherrschaft aus. An Zeitungen wurden nur bolschewistische und links-sozialrevolutionäre Organe geduldet; alle anderen wurden schonungslos unterdrückt. Jede Art von Versammlungen, die nicht von Bolschewisten oder Linken Sozialrevolutionären veranstaltet wurden, waren verboten. Die »Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution«, deren Befugnisse über Leib und Leben unbeschränkt waren, wütete gegen alles, was nicht zur Partei der Bolschewisten und der Linken Sozialrevolutionäre gehörte, in einer geradezu entsetzlichen Weise. In der Provinz waren es die lokalen »Sowjets«, die den Terror ausübten. Die Mitte Juli erfolgte Hinrichtung des Zaren durch den Sowjet von Jekaterinburg, die von dem Zentralexekutivkomitee in Moskau nachträglich gebilligt wurde, war nur ein durch die Person des Betroffenen Aufsehen erregender Einzelfall.

Trotzdem, oder vielleicht gerade infolge dieses unerträglichen Terrors, machten die gemäßigteren Elemente einen letzten Versuch, sich zusammenzuschließen. Es hatte damals den Anschein, als ob es einer Koalition der bürgerlichen Parteien bei der zweifelhaften Haltung der bolschewistischen Kerntruppen, der tiefgehenden Erbitterung der hungernden Arbeiter in den Städten und der von gewaltsamen Requisitionen bedrohten Bauernschaft gelingen könnte, die zersprengten Ordnungselemente um sich zu sammeln.

Die Sowjetregierung selbst war ernstlich in Sorge. Sie traf in den ersten Augusttagen umfassende Vorkehrungen gegen eine gegenrevolutionäre Erhebung. Die oberen Stockwerke in den Quartieren um den Kreml, in dem Lenin und der Rat der Volkskommissare ihren Sitz hatten, wurden größtenteils geräumt und mit Maschinengewehren zur Verteidigung eingerichtet. Die Razzias nach gegenrevolutionären Elementen, vor allem nach Offizieren, wurden Tag und Nacht mit verdoppeltem Eifer betrieben. Schließlich wurde für den 7. August eine Registration der sämtlichen Offiziere angeordnet; bei dieser Gelegenheit wurden Tausende der sich Meldenden in Haft genommen. Wie viele von diesen erschossen worden sind, wird man wohl niemals erfahren.

Die Sowjetregierung hatte allen Grund, ihre Lage für gefährdet zu halten; denn ihre eigenen Machtmittel in Moskau waren in jenen Tagen schwach und die Bevölkerung war gleichgültig oder schwankend. Um den äußeren Feind abzuwehren, hatte die Regierung die Lettenregimenter fast restlos zu den Fronten schicken müssen; auch meine Lettenwache, deren Belassung mir ausdrücklich zugesagt worden war, wurde vorübergehend abgezogen und durch ziemlich übel aussehende Rotgardisten ersetzt. Die Bevölkerung litt auf das schwerste unter dem Mangel an Lebensmitteln. Es herrschte in Moskau die nackte Hungersnot. Was an Nahrungsmitteln überhaupt hereinkam, wurde großenteils von der Roten Garde für sich in Anspruch genommen. Brot gab es überhaupt nicht mehr. Das Brot für das Personal der deutschen Vertretung mußten wir uns durch den Kurier aus Kowno bringen lassen.

Die stärkste Stütze der Bolschewikiregierung in jener kritischen Zeit war, wenn auch unbewußt und unbeabsichtigt -- die deutsche Regierung. Schon die Tatsache, daß die deutsche Regierung mit den Bolschewisten den Frieden abgeschlossen und die diplomatischen Beziehungen aufgenommen hatte, war in den nichtbolschewistischen Kreisen Rußlands als eine moralische Unterstützung des bolschewistischen Regiments aufgefaßt worden. Das offenkundige Bestreben der Berliner Politik, in Großrußland mit den Bolschewisten loyal zusammenzuarbeiten, die Leichtigkeit, mit der die Herren, die in Berlin mit Herrn Joffe verhandelten, sich mit der Schädigung und Vernichtung deutschen Eigentums und deutscher Betriebe durch die kommunistischen Maßnahmen der Bolschewisten abfanden, die Leichtfertigkeit, mit der gewisse deutsche Publizisten den Gedanken propagierten, Deutschland müsse durch Förderung des Bolschewismus das Russische Reich endgültig zertrümmern und ohnmächtig machen, das alles erzeugte und verstärkte in Rußland den an sich unzutreffenden Eindruck, daß Deutschland entschlossen sei, das bolschewistische Regime in Großrußland zum Zwecke der endgültigen Zerstörung der russischen Kraft aufrechtzuerhalten. Man hielt in den russischen Kreisen diese Politik im eigensten Interesse Deutschlands für verkehrt; denn man sah als ihre Folge an, daß der Bolschewismus schließlich gegen uns selbst schlagen werde -- eine Warnung, die ich während meines kurzen Aufenthalts in Moskau wiederholt und eindringlich von russischer Seite gehört habe --; aber man rechnete mit unserer Unterstützung des bolschewistischen Regimes als mit einer Tatsache, die schwer auf jeden Gedanken einer eigenen Erhebung drückte.

Die Ermordung des Grafen Mirbach und die daraufhin von dem deutschen Geschäftsträger unternommenen Schritte erweckten die Hoffnung auf ein Umschwenken der deutschen Politik. Die antibolschewistischen, und zwar nicht nur die reaktionären Elemente suchten Anlehnung und Ermutigung bei uns. Herr Miljukow, der früher zu den schärfsten Gegnern Deutschlands gehört und noch als Minister des Auswärtigen in der revolutionären Regierung des Fürsten Lwoff in der entschiedensten Weise Stellung gegen jede Verständigung mit Deutschland genommen hatte, sprach sich jetzt öffentlich für ein Zusammengehen mit Deutschland aus.

Die Enttäuschung war groß, als die Berliner Regierung die Forderung auf Zulassung eines kriegsstarken deutschen Bataillons fallen ließ und sich mit dem laxen Vorgehen gegen die Mörder des Grafen Mirbach zufriedengab. Sie wurde noch größer, als in Rußland Einzelheiten über die Berliner Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und Herrn Joffe bekannt wurden. In der geplanten Abtrennung Estlands und Livlands vom russischen Reichskörper sah man eine Bestätigung dafür, daß Deutschland zur Ausführung seines Vernichtungswillens gegen Rußland sich mit den Bolschewisten verbündet habe. Die gleiche Bestätigung sah man in den wirtschaftlichen und finanziellen Vereinbarungen, die der Bolschewikiregierung, auch soweit deutsches Eigentum und deutsche Rechte in Betracht kamen, gegen eine Pauschalvergütung freie Hand für die Durchführung ihrer ruinösen Enteignungs- und Sozialisierungsideen gaben. Dieser Anschein mußte um so mehr erweckt werden, als seit meiner Abreise von Berlin Herr Joffe durchgesetzt hatte, daß die uns zu gewährende Pauschalsumme auch die Entschädigung für diejenigen Enteignungen enthalten sollte, die durch ein nach Beginn der Verhandlungen rasch noch erlassenes Gesetz vom 28. Juni 1918 zwar generell angeordnet, aber im einzelnen noch nicht durchgeführt waren. Das Zugeständnis, das der Sowjetregierung gestattete, mit der Enteignung deutschen Besitzes =à discretion= zu schalten, war gegen meine ausdrückliche, schon in Berlin ausgesprochene und von Moskau aus telegraphisch wiederholte Warnung vor einer solchen Pauschalierung =pro futuro= gemacht worden. Es wurde in Rußland geradezu als eine Ermunterung der Enteignungs- und Sozialisierungspolitik der Bolschewisten aufgefaßt.

Darüber habe ich in Moskau nur eine Stimme gehört, daß der Abschluß der Zusatzverträge auf der in Berlin in Aussicht genommenen Grundlage uns das ganze nichtbolschewistische Rußland für absehbare Zeit zum bittersten Feinde machen müsse.

Hatten wir mit dem nichtbolschewistischen Rußland ernsthaft zu rechnen, oder konnten wir es für unsere Politik als =quantité négligeable= behandeln?

Die Bolschewikiherrschaft stand gerade damals sichtbarlich auf zu schwachen Füßen, als daß die Möglichkeit eines Umschwungs, auch eines nahen Umschwungs, als nicht vorhanden betrachtet werden durfte. Auch heute noch, nachdem gegen alles Erwarten und auch gegen meine damals gewonnene Ansicht die Lenin und Trotzki -- nicht zuletzt dank der von den maßgebenden Personen in Berlin verfolgten Politik! -- sich an der Herrschaft gehalten haben, kann ich eine Politik nicht für richtig halten, die Rußland und den Bolschewismus identifizierte und das im Augenblick unterdrückte nicht bolschewistische Rußland glaubte ignorieren zu können. Kam aber der Umschwung, ohne daß wir vorher das Tischtuch zwischen uns und den Bolschewiki zerschnitten hatten, dann kam er gegen uns, und zwar unter unmittelbarer Führung der Entente, die offensichtlich auf eine solche Entwicklung hinarbeitete, um uns vor eine neue Ostfront zu stellen.

Die Meinung von der schwer gefährdeten Stellung der Bolschewikiherrschaft erfuhr für mich eine Bestätigung in dem Ersuchen Tschitscherins um unsere bewaffnete Hilfe. Nur wenn die Sowjetregierung selbst zu der Ansicht gekommen war, daß sie ohne unsere Hilfe verloren sei, konnte sie sich zu einem solchen Schritt entschlossen haben.

Sollten wir ihr diese Hilfe leihen, nicht nur gegen die Entente im Norden, sondern auch gegen die Kosaken im Südosten, und uns damit auf Gedeih und Verderb mit den Bolschewiki verbinden? Oder sollten wir sie fallen lassen und den Anschluß, der von dem nichtbolschewistischen Rußland bei uns gesucht wurde, gewähren?

Die weit überwiegenden Gründe schienen mir für die letztere Alternative zu sprechen.

Wir mußten endlich aus der Zwiespältigkeit heraus, daß wir in den von uns besetzten baltischen Gebieten, in Finnland, in der Ukraine, im Dongebiet und im Kaukasus die Bolschewiki bekämpften und in Großrußland gemeinschaftliche Sache mit ihnen machten.

Wir durften unser Verhältnis zu dem künftigen Rußland nicht durch ein Kleben an den Bolschewiki aufs Spiel setzen.

Nur wenn es gelang, in Großrußland selbst die Bolschewikiherrschaft zu überwinden, konnten wir auf ruhigere Verhältnisse im Osten und auf das Freiwerden eines großen Teiles der dort verzettelten Divisionen rechnen.

Nur wenn an die Stelle des Bolschewikiregiments eine neue Ordnung der Dinge trat, die das von den Bolschewiki in Grund und Boden ruinierte russische Wirtschaftsleben wieder aufrichtete und uns die von den Bolschewiki fortgesetzt sabotierte Möglichkeit der Anknüpfung von Handelsbeziehungen gab, konnten wir hoffen, aus den russischen Hilfsquellen und Vorräten Erleichterungen für unsere Wirtschaft und unsere Kriegführung zu gewinnen. Bisher war alle Arbeit der zahlreichen wirtschaftlichen Sachverständigen, die unserer Vertretung in Moskau zugeteilt waren, ebenso alle Bemühungen der Kaufleute, die wir herangeholt oder zugelassen hatten, in allen den Monaten seit dem Abschluß des Brester Friedens gänzlich fruchtlos gewesen. Nicht eine einzige Sendung von Nahrungsmitteln, Rohstoffen oder sonstigen Waren irgendwelcher Art war für Deutschland frei zu bekommen. Die ganze Tätigkeit unseres großen Wirtschaftsstabes war nichts als ein Leeres-Stroh-Dreschen. Niemand sah eine Aussicht, daß sich unter der Herrschaft der Bolschewiki hieran etwas ändern würde.

Dazu kam schließlich, daß die Bolschewiki nach wie vor mit einer kaum zu übertreffenden Offenheit ihre Absicht verkündigten -- auch mir persönlich gegenüber --, Deutschland mit allen Mitteln zu revolutionieren, und daß wir nach den bisherigen Proben, die Lenin, Trotzki, Radek und Konsorten an Zielbewußtsein und Tatkraft abgelegt hatten, in keiner Weise berechtigt waren, diese Ankündigungen in den Wind zu schlagen.

Freilich, wenn wir von den Bolschewiki abrücken und nicht ins Leere fallen wollten, dann mußten wir uns rechtzeitig mit den Elementen verständigen, die für den Aufbau der neuen Ordnung in Betracht kamen.

Voraussetzung dafür war allerdings -- das trat uns überall entgegen --, daß wir nicht nur diejenigen Teile der Zusatzverträge fallen ließen, die eine weitere territoriale Verstümmelung Rußlands bedeuteten und als eine wirtschaftliche Ausplünderung und Sabotierung Rußlands aufgefaßt wurden, sondern daß wir darüber hinaus unsere grundsätzliche Bereitwilligkeit aussprachen, über einzelne Bestimmungen des Friedens von Brest-Litowsk mit uns reden zu lassen. Vor allem wurde die Loslösung von Estland und Livland sowie die Aufrechterhaltung der Trennung der Ukraine von Großrußland als unmöglich, dagegen eine Verständigung über Polen, Litauen und Kurland als möglich bezeichnet.

Im übrigen war man der Ansicht, daß bei der akuten Zuspitzung der Lage ein deutliches Abrücken unsererseits von den Bolschewiki genügen werde, um die Bewegung in Fluß zu bringen; gegebenenfalls würde eine militärische Demonstration unserer Streitkräfte in der von den Bolschewikitruppen fast gänzlich geräumten Gegend von Petersburg genügen, um den Sturz der Bolschewiki zu besiegeln.

Ich berichtete über meine Eindrücke und meine Auffassung an das Auswärtige Amt und bat um die Ermächtigung, mit den Letten, Sibiriern und den Anschluß an uns suchenden politischen Gruppen auf Grund der von diesen als notwendig angedeuteten Zugeständnissen Verhandlungen zu führen und der Sowjetregierung zu dem mir als richtig erscheinenden Zeitpunkt die Verlegung der deutschen Vertretung nach Petersburg oder einem anderen nahe an der Grenze gelegenen Platz anzukündigen.