Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 27
In diesem ungeklärten und unerquicklichen Stand der Dinge kam am 6. Juli 1918 die Nachricht, daß Graf Mirbach in dem Hause der deutschen Vertretung ermordet worden sei und daß im unmittelbaren Anschluß an das Attentat die Linken Sozialrevolutionäre versucht hätten, durch einen Aufstand, der indessen rasch niedergeworfen wurde, sich der Gewalt zu bemächtigen. Die Nachrichten aus den verschiedenen Quellen über die Zusammenhänge lauteten zunächst widerspruchsvoll und gaben kein klares Bild; aber die Tatsache des Verbrechens warf für sich allein schon ein blitzartiges Licht auf die prekären, ja unhaltbaren Verhältnisse, mit denen wir in Rußland zu rechnen hatten.
Mich hatte die Sorge um die Gestaltung unserer Beziehungen zu dem Osten seit den Brester Verhandlungen nicht einen Augenblick verlassen. Sie war gesteigert worden durch alle Nachrichten, die von unseren Missionen in Moskau, in Helsingfors, in Kiew und im Kaukasus zu uns herüberkamen; noch mehr durch die Beobachtung, daß unserer Politik nach dem Osten jede einheitliche Linie fehlte, daß sie in sich widerspruchsvoll war und nur zu einer Festlegung und Zersplitterung wertvoller Kräfte, dagegen zu keinem irgendwie gearteten positiven Nutzen führte. Der alte Fehler, der die Verhandlungen in Brest-Litowsk so maßlos erschwert und den Brester Frieden so unglücklich beeinflußt hatte -- der Mangel an Übereinstimmung zwischen der politischen und der militärischen Leitung --, erwies sich auch weiterhin als das Grundübel. Graf Mirbach und seine Mitarbeiter hatten nach allem, was ich damals wahrnehmen konnte und später auch bestätigt fand, sich für die richtige Politik eingesetzt und versucht, für eine einheitliche Marschroute im Sinne der Vorbereitung eines allmählichen Umschwenkens und Abbauens zu wirken. Das Auswärtige Amt, dessen Chef wohl die Auffassungen des Grafen Mirbach teilte, vermochte jedoch nicht, diesen Standpunkt durchzusetzen, ja es hat schließlich selbst die Hand zu einer wesentlichen Verschärfung des Brester Friedens geboten. Die Klärung der östlichen Fragen erschien mir in doppeltem Maße als eine gebieterische Notwendigkeit, seitdem der Verlauf unserer militärischen Operationen im Westen die Hoffnung auf den entscheidenden Sieg auf dem westlichen Kriegsschauplatz schwinden ließ und seitdem ich wußte, daß unsere Oberste Heeresleitung für die Beendigung des Krieges diplomatischen Sukkurs verlangte.
Das Bedürfnis, über die Ostfragen durch eigenen Augenschein Klarheit zu gewinnen und meine Person für eine uns nach Osten hin Luft und Rückendeckung schaffende Politik einzusetzen, war in mir so stark, daß ich mich dem Reichskanzler als Nachfolger für den Grafen Mirbach zur Verfügung stellte.
Dieser Schritt wurde mir um so leichter, als ich nach den bisherigen Erfahrungen, namentlich während der Verhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest, wenig Neigung hatte, die mir übertragene Aufgabe der Zusammenfassung der Vorarbeiten für die wirtschaftlichen Friedensverhandlungen fortzusetzen. Ich hatte noch einen Versuch gemacht, den künftigen Verhandlungen eine bessere Grundlage zu geben durch eine planmäßige Heranziehung der sachverständigen Kreise unseres Wirtschaftslebens. Zu diesem Zweck hatte ich die Veranstaltung einer umfassenden Enquete beantragt. Auf Grund sorgfältig ausgearbeiteter Fragebogen sollten kompetente Vertreter der einzelnen Zweige unserer Volkswirtschaft über ihre bei den kommenden Friedensschlüssen zu berücksichtigenden Wünsche und Bedürfnisse in kontradiktorischem Verfahren gehört werden, und zwar in Gegenwart und unter Mitwirkung der für die wirtschaftlichen Friedensverhandlungen in Aussicht zu nehmenden Persönlichkeiten. Im Vordergrund standen dabei die Bestimmungen und Maßnahmen, die zur Sicherung unseres Bezuges von ausländischen Rohstoffen und Nahrungsmitteln und zur Wiederherstellung unserer Ausfuhrmöglichkeiten angesichts der sowohl durch die selbsttätigen Wirkungen des Krieges, als auch durch die Kriegsmaßnahmen unserer Gegner geschaffenen Verhältnisse getroffen werden mußten. Nachdem ich die Veranstaltung dieser Enquete durchgesetzt und das Reichswirtschaftsamt als das zuständige Ressort deren Durchführung übernommen hatte, schien mir eine sachliche Notwendigkeit für die Aufrechterhaltung des mir erteilten besonderen Auftrages nicht mehr zu bestehen. Es erschien mir im Gegenteil zweckmäßig, die Aufgabe der Zusammenfassung der Vorarbeiten für die Friedensverhandlungen derjenigen Behörde zu übertragen, in deren Hand die Friedensverhandlungen selbst lagen und künftig liegen sollten. Nur auf diese Weise ließen sich die Schwierigkeiten und Reibungen vermeiden, die während der Brester und Bukarester Verhandlungen zum Schaden der Sache entstanden waren. Ich empfahl deshalb die Eingliederung des von mir geschaffenen Bureaus mit seinem Personal in das Auswärtige Amt.
Mein Angebot, den Moskauer Posten zu übernehmen, wurde vom Reichskanzler beim Kaiser befürwortet und von diesem angenommen, nachdem auch der neuernannte Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herr von Hintze, nach seiner Rückkehr aus Christiania, wo er sein Abberufungsschreiben überreicht hatte, am 20. Juli seine Zustimmung erklärt hatte.
Die Lage hatte sich inzwischen weiter kompliziert.
Auf Veranlassung des russischen Volkskommissars für das Auswärtige waren in Berlin Besprechungen eingeleitet worden, um gewisse mit dem Brester Frieden zusammenhängende Fragen zu klären. Die Verhandlungen waren von deutscher Seite von dem Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes, Ministerialdirektor Dr. Kriege, geführt worden, den ich als scharfsinnigen und unübertroffen kenntnisreichen Völkerrechtler stets ebensosehr geschätzt habe, wie ich in die Sicherheit seines politischen Blickes Zweifel setzen mußte. Soweit es sich um rein finanzielle Angelegenheiten handelte, hatte mich Herr Kriege, schon ehe meine Entsendung nach Moskau in Betracht kam, in großen Zügen unterrichtet. In die Gesamtheit der geplanten Abmachungen, die neben finanziellen und wirtschaftlichen Vereinbarungen auch sehr wichtige politische und territoriale Abänderungen des Brester Friedensvertrags enthielten, bekam ich erst jetzt Einblick.
Der wesentliche Inhalt dieser »=Zusatzverträge=« war der folgende:
1. Politische und territoriale Bestimmungen
Deutschland sollte sich verpflichten, sich künftighin in die Beziehungen zwischen Rußland und seinen Teilgebieten in keiner Weise einzumischen, also insbesondere die Bildung selbständiger Staatswesen in diesen Gebieten weder zu veranlassen noch zu unterstützen.
An Ausnahmen wurden jedoch vorgesehen:
Rußland, das im Brester Vertrag auf die Staatshoheit über Kurland, Litauen und Polen verzichtet hatte, sollte nunmehr den gleichen Verzicht auch für ganz Livland und Estland aussprechen. Das künftige Schicksal von Estland und Livland sollte von Deutschland im Einvernehmen mit der Bevölkerung bestimmt werden.
Rußland sollte sich mit der Anerkennung Georgiens als selbständiges Staatswesen einverstanden erklären.
Dafür sollte sich Deutschland verpflichten, die von seinen Truppen besetzten Gebiete östlich von Estland und Livland alsbald nach Festlegung der Grenzen dieser Länder zu räumen; desgleichen die Gebiete östlich der Beresina nach Maßgabe der Leistung der Barzahlungen, die Rußland in den Zusatzverträgen übernehmen sollte. Ebenso sollte Deutschland seine Truppen aus den russischen Schwarzmeergebieten nach der Ratifikation des zwischen Rußland und der Ukraine abzuschließenden Friedensvertrags zurückziehen. Deutschland sollte sich ferner verpflichten, Operationen der türkischen Streitkräfte in Kaukasien außerhalb des im Brester Vertrag von Rußland preisgegebenen Gebietes nicht zu unterstützen, und es sollte die Gewähr übernehmen, daß türkische Truppen in einen gewissen um Baku gezogenen Kreis nicht einmarschierten.
2. Finanzielle und wirtschaftliche Bestimmungen
Rußland sollte seine sämtlichen aus dem Brester Vertrag sich gegenüber dem Deutschen Reich und deutschen Staatsangehörigen ergebenden finanziellen Verpflichtungen durch die Zahlung einer festen Pauschalsumme von sechs Milliarden Mark abgelten, die teilweise in Gold, in Rubeln und in Warenlieferungen, teilweise durch eine neue von Deutschland an Rußland zu gewährende Anleihe beglichen werden sollte. Eingeschlossen in die auf diese Weise abzugeltenden russischen Verpflichtungen sollten sein die Zins- und Amortisationsraten der in deutschem Besitz befindlichen russischen Anleihen, deren grundsätzliche Annullierung von der Sowjetregierung gleich nach der Novemberrevolution ausgesprochen worden war; ferner die Entschädigungen für die vor einem bestimmten Termin erfolgte Enteignung deutschen Vermögens irgendwelcher Art. Die bis dahin erfolgten Enteignungen wurden damit von uns anerkannt; weitere Enteignungen sollten nur in der gleichen Weise wie gegen russische Landeseinwohner und dritte Staatsangehörige und nur gegen bare Entschädigung erfolgen dürfen.
Außerdem sollten Bestimmungen getroffen werden über die Herausgabe der beiderseitigen Bankdepots und Bankguthaben, über die Rechtsverhältnisse aus Wechseln, Schecks und Valutageschäften, über gewerbliche Schutzrechte, über Verjährungsfristen und über die Errichtung eines Schiedsgerichts für zivil- und handelsrechtliche Streitigkeiten.
In der juristischen Technik zeichneten sich die in der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes ausgearbeiteten Entwürfe durch sorgfältige Genauigkeit und Präzision aus. Auch materiell konnte ich mich mit einem wesentlichen Teil ihres Inhalts einverstanden erklären. Insbesondere erschien mir die Pauschalierung der russischen finanziellen Verpflichtungen, die unendliche Einzelverhandlungen mit der russischen Regierung und damit eine unabsehbare Verzögerung der Abwicklung in glücklicher Weise vermied, als ein guter Gedanke, soweit sich die Pauschalierung auf Verpflichtungen bezog, die zur Zeit des Beginns der Verhandlungen bereits bestanden oder durch bereits durchgeführte Maßnahmen der russischen Regierung auf dem Gebiet der Enteignung bereits begründet waren. Ich warnte damals schon vor der von den russischen Unterhändlern angeregten Ausdehnung der Pauschalierung auf die Entschädigungspflicht auch für solche Enteignungen deutscher Betriebe oder Vermögenswerte, die =künftighin= bis zu einem noch festzusetzenden Zeitpunkt etwa noch durchgeführt werden sollten; denn eine solche Pauschalierung =pro futuro= erschien mir geradezu als eine Prämie auf die radikale und überstürzte Enteignung der in Rußland noch vorhandenen deutschen Unternehmungen und Werte.
Bedenklich erschienen mir aber vor allem die Bestimmungen über die endgültige Lostrennung Livlands und Estlands vom Russischen Reich.
In Verbindung mit der Unabhängigkeitserklärung Finnlands mußte der Verlust von Livland und Estland das Russische Reich bis auf den schmalen, im Winter nicht schiffbaren Zugang bei Petersburg gänzlich von der Ostsee abschnüren. Keine Vereinbarung über freie Durchfahrt auf den baltischen Eisenbahnen und über freie Benutzung der baltischen Häfen konnte nach meiner Ansicht das künftige Rußland, einerlei welche Gestalt es annehmen sollte, diesen Verlust verschmerzen lassen. Mit Naturnotwendigkeit hätte das künftige Rußland auf die Gebiete, die es von der Ostsee abriegelten, und auf Deutschland, das diesen Riegel in der Hand hielt, den stärksten Druck ausüben müssen. Die Herstellung eines guten Verhältnisses zu dem künftigen Rußland, die durch den Brester Frieden schon stark erschwert war, mußte durch die Lostrennung von Estland und Livland geradezu unmöglich gemacht werden. Ich konnte eine solche Führung unserer Politik nur für verhängnisvoll halten. Die notwendige Sicherung der deutschen Bewohner jener Gebiete und ihrer materiellen, nationalen und kulturellen Interessen ließ sich nach meiner Ansicht auch auf anderen Wegen erreichen.
Bei der einzigen Besprechung über den Inhalt der geplanten Zusatzverträge, die ich -- kurz vor meiner Abreise nach Moskau -- mit dem neuen Staatssekretär hatte, gewann ich den Eindruck, daß Herr von Hintze in diesem wichtigen Punkte im Grunde seines Herzens der gleichen Meinung sei wie ich, und daß die Angelegenheit nur auf Wunsch der Obersten Heeresleitung betrieben werde. Da alles noch im Flusse war, brauchte ich die Hoffnung nicht aufzugeben, von Moskau aus im Sinne meiner Auffassung einen entscheidenden Einfluß auf die endgültige Gestaltung der Zusatzverträge ausüben zu können. Ich habe mir nachträglich allerdings den Vorwurf gemacht, daß ich den Moskauer Posten überhaupt angetreten habe, ehe dieser Punkt einwandfrei im Sinne meiner Auffassung geklärt und entschieden war.
Nicht minder bedenklich wie die Lostrennung von Estland und Livland erschien mir die Gewähr, die das Deutsche Reich Rußland gegenüber für das Fernhalten türkischer Streitkräfte von dem Gebiet um Baku übernehmen sollte. Ich machte darauf aufmerksam, daß die Übernahme dieser Gewähr, falls sie ohne vorherige Verständigung mit der Türkei und ohne deren ausdrückliche Zustimmung erfolge, uns gegebenenfalls zu einem aktiven Vorgehen gegen unsere türkischen Bundesgenossen im Bunde mit dem bisherigen gemeinsamen Feinde zwingen könne. Auch abgesehen von der ausdrücklichen Garantieübernahme für Baku erschien es mir bedenklich, in den kaukasischen Angelegenheiten mit Rußland irgendwelche Abmachungen hinter dem Rücken der Türkei und mit einer Spitze gegen die Türkei zu treffen. Ich bezweifelte, ob unser Bündnis mit der Türkei nach all dem Druck, den wir in der bulgarisch-türkischen Streitfrage hatten ausüben müssen, einer solchen Belastung gewachsen sein würde.
Diesen Bedenken ist bei den weiteren Verhandlungen des Auswärtigen Amtes mit der russischen Delegation wenigstens insoweit Rechnung getragen worden, als in dem endgültigen Text von der Übernahme einer »Gewähr« nicht mehr gesprochen, sondern die mildere Form gewählt wurde: Deutschland wird »dafür eintreten«, daß in Kaukasien Streitkräfte einer dritten Macht die näher bezeichnete Linie nicht überschreiten. Aber auch in dieser Fassung blieb die Vereinbarung nach meiner Ansicht, die sich späterhin bestätigen sollte, eine bedenkliche Belastung unseres Bundesverhältnisses mit der Türkei.
Während in Berlin zwischen dem Auswärtigen Amt und der russischen Delegation friedlich über die Zusatzverträge verhandelt wurde, hatten sich in Moskau, wo nach der Ermordung des Grafen Mirbach die Geschäfte unserer diplomatischen Vertretung von dem Geheimen Legationsrat Dr. Riezler geführt wurden, die Verhältnisse einigermaßen zugespitzt.
Die beiden Personen, die den Grafen Mirbach ermordet hatten, Blumkin und Andrejew, waren bekannte Mitglieder der Partei der Linken Sozialrevolutionäre und Angestellte der »Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution«, die stark mit Anhängern dieser Partei durchsetzt war. Unmittelbar vor dem Attentat war in Versammlungen der Linken Sozialrevolutionäre unter Berufung auf die Unterstützung, die Deutschland in der Ukraine dem gegenrevolutionären Hetman Skoropadski gewähre, sowie auf die Lebensmittel- und Warenlieferungen, die Deutschland dem russischen Volke abpresse, stark gegen die deutsche Vertretung gehetzt worden. Am Tage vor dem Attentat hatten auf dem allrussischen Rätekongreß namhafte Führer der Partei, vor allem Frau Spiridonowa, leidenschaftliche und aufreizende Reden gegen Deutschland gehalten und tosende Kundgebungen gegen den Grafen Mirbach hervorgerufen. Jetzt, nach dem Attentat hatten sich die Mörder des Grafen Mirbach in das Hauptquartier der Linken Sozialrevolutionäre, in die große Kaserne am Pokrowski-Boulevard, geflüchtet, waren dort mit einer Anzahl ihrer Gesinnungsgenossen eingeschlossen und belagert worden, aber schließlich unter einigermaßen rätselhaften Begleitumständen entkommen. Die russische Regierung zeigte zwar großen Eifer in der Entschuldigung für das Attentat, jedoch wesentlich geringeren Eifer in der Verfolgung der Täter und der Anstifter. Zwar überreichte sie schließlich unserem Geschäftsträger eine Liste von mehr als hundert Leuten, die wegen angeblicher Beteiligung an dem Attentat erschossen worden seien; aber die Täter und Hauptanstifter waren nicht darunter.
Die Lage erfuhr eine weitere Verschärfung durch Vorgänge an der tschecho-slowakischen Front. Dort hatte der Oberbefehlshaber der Roten Garden, General Murawiew, den Versuch gemacht, seine Truppen zum Abfall von der Sowjetregierung und zum Übertritt auf die Seite der Gegner zu veranlassen. Eine Zeitlang schien es, als ob dieser Versuch Erfolg haben sollte. Murawiew wandte sich mit einem Teil seiner Truppen gegen Moskau und proklamierte den Wiederbeginn des Krieges gegen Deutschland. An der Front entstand eine heillose Verwirrung, unter deren Eindruck auch die Sowjetregierung in Moskau ihre letzte Stunde gekommen glaubte. Der Versuch scheiterte jedoch schließlich an der Haltung der lettischen Truppen, und Murawiew wurde von seinen eigenen Leuten am 8. Juli erschossen. Aber immerhin zeigte auch dieser Vorfall, wie die Verhältnisse auf des Messers Schneide standen.
Angesichts der ungeklärten Lage und der fortdauernden Bedrohung des Personals der deutschen Vertretung stellte der deutsche Geschäftsträger im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt bei der russischen Regierung den Antrag auf Zulassung eines kriegsstarken deutschen Bataillons als Gesandtschaftswache. Die russische Regierung zeigte über diesen Antrag große Erregung. Herr Joffe intervenierte beim Auswärtigen Amt in Berlin, das den Antrag fallen ließ und sich mit der Zusage der Zulassung von dreihundert deutschen Soldaten -- aber in Zivil! -- als Schutzwache für die Gesandtschaft begnügte. Dem geschickten und energischen Auftreten des deutschen Geschäftsträgers gelang es, bei dieser Gelegenheit wenigstens die Entfernung der Militärmissionen der Entente, die bisher immer noch in Moskau ihr Unwesen getrieben hatten, durchzusetzen.
Das alles war geschehen, ehe über meine Ernennung entschieden war; ich habe von diesen Vorgängen das Wesentliche erst erfahren, als ich in den wenigen Tagen von meiner Ernennung bis zu meiner Abreise nach Moskau mich im Auswärtigen Amt zu informieren suchte. Dabei erfuhr ich auch, daß während der durch den Abfall Murawiews entstandenen Krise der Geschäftsträger mit Unterstützung des Militärattachés die Ermächtigung erbeten hatte, im Falle der Not mit dem gesamten Personal der Mission Moskau zu verlassen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hat damals diese Ermächtigung erteilt und, als die Moskauer Vertretung angesichts der raschen Niederwerfung der Murawiewschen Revolte keinen Gebrauch von ihr machte, sie für künftige Eventualitäten aufrechterhalten. Dagegen erfuhr ich erst in Moskau aus den Mitteilungen des Geschäftsträgers, daß die Moskauer Vertretung in der Ermordung des Grafen Mirbach den wichtigen Anlaß hatte sehen wollen, um uns aus der doch unhaltbaren Verbindung mit dem Bolschewismus zu befreien und den Weg zu einer einheitlichen Politik der Verständigung mit dem nichtbolschewistischen Rußland freizumachen. Diese Politik hatte in Berlin kein Verständnis gefunden. Der Staatssekretär von Hintze suchte mir gegenüber die offenbar schwebenden Differenzen durch eine übertriebene Nervosität der Moskauer Herren zu erklären; die anderen an den Zusatzverträgen mit besonderem Eifer arbeitenden Herren erweckten mir indessen schon damals den Eindruck, daß sie in den Moskauer Berichten nur eine unerwünschte und lästige Störung ihrer Verhandlungen über die Zusatzverträge sahen. Die Verträge selbst waren, wie ich später in Moskau feststellte, der dortigen Vertretung trotz mehrfach wiederholter Reklamationen nicht mitgeteilt worden. Das Exemplar der Entwürfe, das ich nach Moskau mitbrachte, war das erste, das die dortigen Herren überhaupt zu sehen bekamen. Über die schweren Bedenken, die bei der Moskauer Vertretung gegen wesentliche Punkte der Zusatzverträge bestanden, konnte man im Berliner Auswärtigen Amt nicht im Zweifel sein.
Jedenfalls wünschte der Staatssekretär, daß ich meine Abreise nach Moskau nach jeder Möglichkeit beschleunigen möchte, um mir so bald wie möglich an Ort und Stelle ein Urteil zu bilden. Die über die Verlegung des Sitzes der deutschen Vertretung zu treffende Entscheidung gab er dabei ganz in meine Hand.
So reiste ich bereits wenige Tage nach meiner Ernennung, am 26. Juli, von Berlin nach Moskau ab. Ich hatte mir vorbehalten, nach Gewinnung eines Überblicks zur Berichterstattung und zur Ordnung meiner persönlichen Verhältnisse nach Berlin zurückkommen zu dürfen.
An der Militärgrenze, Bahnhof Orscha, erwartete mich ein Vertreter des Volkskommissariats für das Auswärtige mit einem Extrazug und einer schwer bewaffneten lettischen Schutzwache. Die Reise auf russischem Gebiet ging glatt und rasch vonstatten. Wir hätten bequem zwischen sieben und acht Uhr abends in Moskau sein können: Etwa hundert Kilometer vor Moskau erhielt jedoch der Zugführer die Weisung, der Zug dürfe unter keinen Umständen vor zehn Uhr in Moskau einlaufen. Wir fuhren dementsprechend im Schneckentempo. Kurz vor Kunzewo, etwa vierzehn Kilometer vor Moskau, erhielt der Zug Haltesignal. Dr. Riezler erschien an meinem Wagen und forderte mich auf, mit meinem Begleiter, dem der Moskauer Vertretung zugeteilten Legationsrat Grafen Bassewitz, den Zug zu verlassen. Man wolle es vermeiden, mich im Moskauer Bahnhof aussteigen zu lassen. Auf der Straße erwartete uns Herr Radek, damals Chef der mitteleuropäischen Sektion des Volkskommissariats für das Auswärtige, mit seinem Auto und brachte uns unbemerkt nach der Stadt hinein zu der am Djeneshnij, einer ruhigen Seitenstraße des Arbat, gelegenen Villa Berg, in der unsere Vertretung ihren Sitz genommen hatte. Herr Radek erwähnte, es liege zwar nichts Besonderes vor, aber meine Ankunft könne bekannt geworden sein, und Vorsicht könne nichts schaden.
Ich hatte noch am gleichen Abend und am nächsten Vormittag Gelegenheit, meine wichtigsten Mitarbeiter kennenzulernen, mir von ihnen über den Stand ihrer Geschäfte berichten zu lassen und ihre Ansicht über die Lage zu hören. Alle, Militär und Zivil, stimmten darin überein, daß die Bolschewikiregierung von innen und außen schwer bedroht sei; daß es ihr an jeder Spur von gutem Willen fehle, aufrichtig mit Deutschland zusammenzugehen; daß sie zwar in der ernsten Lage, in der sie sich befinde, einen Bruch mit uns vermeiden, ja nach Möglichkeit sich unsere moralische und materielle Unterstützung sichern wolle, jedoch jede Deutschland zugutekommende Maßnahme unter dem Anschein und dem Versprechen des Entgegenkommens durch den zähesten passiven Widerstand vereitele; daß das offensichtliche Bestreben gewisser im Auswärtigen Amt einflußreicher Leute, mit der Bolschewikiregierung intim zusammenzuarbeiten und namentlich mit ihr die Zusatzverträge abzuschließen, das ganze nichtbolschewistische Rußland geradezu gegen Deutschland aufpeitsche, ohne uns den geringsten greifbaren Vorteil zu bringen; daß schließlich die deutsche Vertretung in Moskau, trotz verstärkter Bewachung durch ein Lettenkommando, nach wie vor ernstlich bedroht und ein gedeihliches Arbeiten nicht möglich sei. Die von Berlin in Aussicht genommene Entsendung von dreihundert Mann in Zivil wurde von den Militärs als ein gänzlich unzureichender Schutz bezeichnet.
Mein erster Besuch galt dem Volkskommissar für das Auswärtige, Herrn Tschitscherin, der sein Quartier im Hotel Metropol am Theaterplatz aufgeschlagen hatte. Dem Drängen meiner Berater folgend, besuchte ich ihn unangesagt; auch benutzte ich nicht das Gesandtschaftsauto, sondern ein Dogcart. Nach wenigen Minuten verlor das Pferd ein Eisen. Ich ging mit Dr. Riezler, der mich begleitete, unerkannt und unbeobachtet zu Fuß durch die gefährliche Stadt, die kaum einen anderen Eindruck machte als später das revolutionäre Berlin.