Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 26

Chapter 263,252 wordsPublic domain

Zwar wurden die Vorlagen, die an Stelle des Dreiklassenwahlrechts das allgemeine und gleiche Wahlrecht setzen und in Verbindung damit auch das Herrenhaus reformieren sollten, im Herbst 1917 an den Landtag gebracht. Aber der Erledigung dieser Vorlagen türmten sich Hemmnisse entgegen, die zu überwinden die Regierung nicht stark genug war. Ich hatte, als im Staatsministerium die Reform des preußischen Wahlrechts vor der Osterbotschaft des Kaisers und Königs diskutiert wurde, mich dahin ausgesprochen, daß das gleiche Wahlrecht, wenn es jetzt von König und Regierung als Ziel aufgestellt werde, auch so bald wie möglich durchgesetzt werden müsse; denn es erschien mir im höchsten Maße bedenklich, bei einer längeren Dauer des Krieges diese einmal von oben aufgenommene Frage auf unabsehbare Zeit den Gegenstand scharfer innerpolitischer Kämpfe bilden zu lassen. Die Richtigkeit dieser Empfindung ist leider durch den Verlauf der Dinge bestätigt worden. In endlosen Verhandlungen beschäftigten sich erst das Abgeordnetenhaus und seine Kommission, dann auch das Herrenhaus mit den Reformvorlagen, ohne zu einem Schluß zu kommen. Nicht nur die Konservativen und der größte Teil der Freikonservativen, sondern auch ein Teil des Zentrums und der Nationalliberalen, die man durch die Ernennung des Herrn Dr. Friedberg zum Vizepräsidenten des Staatsministeriums hatte gewinnen wollen, blieben in der Opposition gegen das gleiche Wahlrecht. Als die zweite Lesung im Abgeordnetenhause zu einem ungünstigen Schluß zu kommen schien, empfing der Kanzler eine Delegation von Vertretern der Arbeiterorganisationen und gab ihnen die beruhigende Zusicherung, daß er mit dem gleichen Wahlrecht stehe und falle. Das war am 27. April. Am 2. Mai lehnte das Abgeordnetenhaus das gleiche Wahlrecht ab. Die dritte Lesung hatte kein besseres Ergebnis; sie kam mit 236 gegen 185 Stimmen zur Ablehnung, brachte aber auch keine Mehrheit für irgendeinen anderen Antrag, so daß der wichtigste Punkt der Vorlage offen blieb. Herr Dr. Friedberg erklärte, die Staatsregierung halte am gleichen Wahlrecht unverrückbar fest und sei entschlossen, zu seiner Durchführung alle verfassungsmäßigen Mittel in Anwendung zu bringen; aber auch das Herrenhaus müsse noch Stellung nehmen; sollte dieses dem Gang der Gesetzgebung entsprechende Verfahren innerhalb angemessener Frist nicht zum Ziel führen, so werde die Auflösung des Abgeordnetenhauses zu dem ersten Zeitpunkt erfolgen, zu dem dies nach dem pflichtgemäßen Ermessen der Staatsregierung mit der Kriegslage vereinbar sei.

Auch diese Erklärung brachte die Sache nicht vorwärts. Am 11. Juni wurde das gleiche Wahlrecht in vierter Lesung abermals abgelehnt; und zwar war dieses Mal die Minderheit für das gleiche Wahlrecht noch weiter -- von 185 auf 164 Stimmen -- zusammengeschmolzen.

Es war den Männern des Kabinetts Hertling nicht gegeben, die widerstrebenden Parteien und Parteigruppen davon zu überzeugen, daß das einmal auf Grund einer feierlichen Ankündigung der Krone eingebrachte gleiche Wahlrecht unter keinen Umständen abgelehnt werden könne und daß jede Verzögerung in seiner Annahme die ohnedies schwierige innere Lage noch weiter belasten müsse.

Zu alldem kam der immer schwerer werdende Druck der Knappheit an den Gegenständen des dringendsten Bedarfs und der immer krasser zutagetretende Unfug des Schleichhandels und des Preiswuchers.

Die Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten fand in diesen Verhältnissen einen günstigen Boden. Sie nahm nicht nur in der heimischen Bevölkerung überhand, sondern griff auch mehr und mehr auf die Armee und Marine über. Die Regierung hätte durch die Vorkommnisse in der Flotte im August 1917 gewarnt sein können. Aber sie ließ die Dinge gehen, offenbar nicht nur in einer Unterschätzung der tatsächlichen Gefahr, sondern auch weil sie die Harmonie mit den Mehrheitsparteien als ein politisches Aktivum ansah, das nicht durch ein scharfes Zugreifen auf Grund des ohnedies so stark angefochtenen Belagerungszustandes gefährdet werden sollte.

Aber auch das Ziel, die Mehrheitsparteien zusammenzuhalten und damit den Burgfrieden auf einer neuen Grundlage zu sichern, wurde nicht erreicht. Die Mehrheitssozialisten hatten sich, wie ich oben dargestellt habe, trotz ihrer intensiven Mitwirkung bei der Bildung des »Kabinetts Hertling« freie Hand vorbehalten. Von dieser freien Hand machten sie jetzt Gebrauch. Die Konkurrenz mit ihren »unabhängigen« Brüdern um die Seele der Massen drängte sie erneut in die Opposition.

Noch vor dem Rücktritt Kühlmanns hielt Herr Scheidemann bei der dritten Lesung des Reichsetats am 3. Juli eine Rede, die nur als eine Absage an die Regierung Hertling-Payer aufgefaßt werden konnte.

Er richtete heftige Beschwerden gegen die Handhabung der Zensur und des Belagerungszustandes; der Verfassungszustand, in dem wir lebten, sei doch nur »der militärische Absolutismus, gemildert durch die Furcht vor dem parlamentarischen Skandal«. Das darbende Volk fühle sich im Zustand der allerbittersten Not und Knechtschaft. In den kritischsten Wochen der Volksernährung erlebten wir das Trauerspiel der preußischen Wahlreform; dieses Zusammentreffen nicht durch rechtzeitige Auflösung des Abgeordnetenhauses verhindert zu haben, sei einer der schwersten Vorwürfe, die sich gegen die Regierung richteten. »Einer Regierung, die den Belagerungszustand nach vier Kriegsjahren immer noch nicht hat beseitigen können, vermögen wir nicht einmal den Etat zu bewilligen.«

Für Herrn von Payer, der auf das kategorische Verlangen der Sozialdemokraten die Stellvertretung des Reichskanzlers übernommen hatte, entstand nun die Aufgabe, dem Wortführer dieser selben Sozialdemokraten entgegenzutreten. Er tat das mit tapferen und aufrichtigen Worten. Aber es blieb dabei: die erste parlamentarische Regierung Deutschlands sah sich bei der Durchbringung des Reichsetats von der zweitgrößten Partei der »Mehrheit«, die ihre parlamentarische Existenzgrundlage bildete, verlassen; und zwar wurde die Ablehnung des Etats von dem Wortführer dieser Partei in einer Weise begründet, die nichts anderes als ein Mißtrauensvotum darstellte. Das Zustandekommen des Etats war abhängig geworden von der Zustimmung der rechtsstehenden Parteien, die gegen die Regierung in der Opposition standen und von der Regierung ängstlich in der Opposition gehalten worden waren. In jedem wirklich parlamentarisch regierten Lande hätte ein solcher Vorgang zum Rücktritt und zur Neubildung der Regierung geführt. Bei uns nicht. Denn die Regierung Hertling-Payer war entschlossen, die Fiktion der »Mehrheitsparteien« auch gegen die handgreifliche Tatsache der Etatsverweigerung durch die Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten.

In diese Lage fiel der Rücktritt Kühlmanns, desjenigen Mitglieds der Regierung Hertling, das in den kritischen Tagen des November 1917 mehr als jedes andere die Herrschaft der Mehrheitsparteien hatte errichten helfen und das nicht nur als erster Vorkämpfer des parlamentarischen Regimes, sondern auch als erster Vorkämpfer des »Verständigungsfriedens« galt.

Die Nachricht von der Entlassung des Herrn von Kühlmann und seiner Ersetzung durch Herrn von Hintze, dem alldeutsche Neigungen nachgesagt wurden, schlug in den Kreisen der Mehrheitsparteien wie eine Bombe ein. Man erregte sich nicht nur über den Wechsel an sich, sondern auch darüber, daß die Mehrheitsparteien vor der Ernennung des neuen Staatssekretärs nicht gehört worden seien. Diesen Verstoß gegen den Geist des Parlamentarismus versuchte man zu reparieren, indem man in der offiziellen Ankündigung des Wechsels die endgültige Entscheidung über die Ernennung des Herrn von Hintze als noch nicht erfolgt bezeichnete. Die Ernennung wurde in der Tat formell erst vollzogen, nachdem Herr von Hintze den Parteiführern vorgestellt worden war und der Reichskanzler im Hauptausschuß des Reichstags Aufklärungen gegeben hatte.

Der Reichskanzler führte bei dieser Gelegenheit aus, er habe sich von Herrn von Kühlmann, dessen politische Erfahrung und diplomatische Gewandtheit er lobend anerkannte, trennen müssen, da das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Kühlmann und »anderen Faktoren« nicht bestanden habe, ein Vertrauensverhältnis, das für eine reibungslose Führung der Geschäfte nicht entbehrt werden könne. Herr von Hintze sei ein sehr genauer Kenner der russischen Verhältnisse, sei lange als Militärbevollmächtigter in Petersburg gewesen und habe große Reisen durch Rußland gemacht. »Aber es versteht sich von selbst,« so fuhr der Kanzler fort, »daß ich meine Gegenzeichnung zu der Ernennung des Herrn von Hintze nur gebe, wenn Herr von Hintze =meine= Politik und nicht seine eigene verfolgt. Dafür habe ich aber bereits in den Zusagen des Herrn von Hintze -- die Ernennung ist noch nicht erfolgt -- meinerseits die feste Bürgschaft. =Ich= mache die Politik.«

Stolze Worte. Die Auguren lächelten und gaben sich zufrieden. Nur Herr Scheidemann erklärte, er könne nach den Ausführungen des Reichskanzlers, nach denen sich in unserer Politik nichts geändert habe, nicht verstehen, warum Herr von Kühlmann den Abschied erhalten habe. Aber die Mehrheitsparteien, einschließlich der Mehrheitssozialisten, wollten keine offene Krisis. Sie wollten, ebenso wie die Regierung, trotz der Etatsverweigerung seitens der Sozialdemokraten und der Verabschiedung Kühlmanns, die ihnen erwünschte und bequeme Fiktion einer Mehrheitsregierung aufrechterhalten und ließen infolgedessen einen Zustand bestehen, der in sich selbst unmöglich geworden war.

Der Wendepunkt

Die durch die drei Offensiven an der Westfront geschaffene Lage drängte auf eine Klärung. Unsere Front, die vor dem 21. März von der Nordsee bis Verdun einen gleichmäßig geschwungenen flachen Bogen gezeigt hatte, verlief jetzt in grotesken Kurven. Keilartig markierten sich die Erfolge unserer Offensiven gegen Hazebrouck, gegen Amiens, gegen die Marne, und keilartig sprangen die von den Feinden gehaltenen Stellungsteile in unsere neue Front hinein, zusammengehalten von wichtigen und starken Stützpunkten, wie Ypern, Arras, Compiègne, Reims. Schon daß unseren Frontkeilen solche Stützpunkte und die nach diesen zusammenlaufenden günstigen Eisenbahnverbindungen fehlten, gab dem Feind einen Vorsprung. Außerdem aber mußte die Verlängerung der Front für uns ungünstig wirken angesichts der Tatsache, daß die zahlenmäßige Überlegenheit des Feindes, die wir niemals ganz hatten ausgleichen können, durch die amerikanischen Verstärkungen immer größer wurde.

Untätiges Abwarten verbot sich in dieser Lage von selbst. Die Oberste Heeresleitung stand vor der Wahl, entweder den Versuch zu machen, durch einen neuen großen Angriff eine Verbesserung der Front nach vorwärts herbeizuführen und womöglich die Entscheidung zu erzwingen; oder die Offensiven abzubrechen, durch Verkürzung der Front nach rückwärts in die Defensive überzugehen, in günstigeren Stellungen den Feind anlaufen und womöglich verbluten zu lassen.

Die Oberste Heeresleitung entschloß sich für die Fortsetzung der Offensive.

Der neue Angriff wurde am frühen Morgen des 15. Juli auf langgestreckten Frontteilen beiderseits Reims angesetzt, von unseren Stellungen an der Marne an bis westlich Reims und von dem Fort La Pompelle im Südosten von Reims bis zu den seit Jahren heftig umstrittenen Höhen von Massiges.

Die Überraschung glückte dieses Mal nicht. Der Feind hatte den Angriff erwartet und umfangreiche Maßnahmen zur Abwehr getroffen.

Vor allem hatte die feindliche Heeresleitung, die in den drei Offensiven des Frühjahrs die Unwiderstehlichkeit unserer Feuerwalze kennengelernt hatte, den Schwerpunkt ihrer Verteidigung von vornherein in ihre zweiten Stellungen verlegt und die ersten Stellungen nur schwach besetzt. So stieß unser Angriff auf die erste feindliche Linie gewissermaßen in die Luft, während der Feind in seinen durch unser Zerstörungsfeuer nur wenig mitgenommenen zweiten Stellungen unserem weiteren Vordringen die ganze Wucht seiner Verteidigungsmittel entgegenstellte.

Es gelang uns zwar, im ersten Anlauf einige wichtige Stellungen der Fronten östlich und südwestlich von Reims zu nehmen und die Marne an mehreren Stellen zu überschreiten; aber die Versuche, den Angriff weiterzutragen, scheiterten und wurden in richtiger Erkenntnis der Sachlage nicht fortgesetzt. Die nach umfangreichen Vorbereitungen und mit großen Mitteln unternommene Operation, von deren Gelingen so unendlich viel abhing, endete mit einem unverkennbaren und empfindlichen Mißerfolg.

Drei Tage nach dieser mißlungenen Offensive holte der Feind zu einem gewaltigen Gegenschlag aus. Aus dem Waldgebiet von Villers-Cotterets heraus brachen am 18. Juli Franzosen, Engländer, Amerikaner und Italiener auf der etwa 45 Kilometer langen Front zwischen Aisne und Marne zum Angriff gegen den nord-südlich verlaufenden Teil des durch unsere dritte Offensive geschaffenen Stellungsbogens vor. Gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte die feindliche Heeresleitung dieses Mal auf eine langwierige Artillerievorbereitung verzichtet; dagegen wurde der Vorstoß ihrer Infanteriemassen gedeckt und begleitet von bisher unerhörten Massen von Schlachtfliegern und leichtbeweglichen Tanks.

Der Angriff traf mit voller Wucht die nicht sehr starke rechte Flanke unserer Angriffsfront vom 15. Juli. Unsere vordersten Linien wurden im ersten Anlauf überrannt, und der Feind gelangte bis in unsere Artilleriestellungen. In zähem Ringen gelang es hier, ihn aufzuhalten. Aber die folgenden Tage brachten nicht nur eine unverminderte Fortsetzung des Ansturms auf dem Frontteil Soissons--Château-Thierry, sondern auch heftige Angriffe auf unsere Stellungen südwestlich von Reims. Unser über die Marne hinausreichender Stellungskeil wurde so auf beiden Seiten an seinen Wurzeln zwischen die Zange genommen.

Unter dem Druck dieser gewaltigen Angriffsaktion entschloß sich unsere Oberste Heeresleitung, in dem gefährdeten Marnebogen die Front zu verkürzen. Erst wurden in der Nacht auf den 20. Juli die über die Marne vorgedrungenen Truppenteile über den Fluß zurückgenommen. Dann wurde noch im Verlauf des 20. Juli Château-Thierry preisgegeben. Vor den Angriffen, die auch in der folgenden Woche mit ungebrochenem Nachdruck weitergeführt wurden, gingen wir auf die Linie Fère-en-Tardenois--Ville-en-Tardenois zurück. Am 3. August mußte Soissons aufgegeben werden. Die Zurücknahme unserer Front hinter den Vesle-Abschnitt war damit zur Notwendigkeit geworden.

Damit war an diesem Teil der Front unsere Rückwärtsbewegung zunächst abgeschlossen. Der Feind hatte in rücksichtslosem Einsatz seiner Truppenmassen zweifellos beträchtliche Einbußen erlitten; aber auch unsere Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen sowie an Kriegsmaterial waren groß. Noch größer aber war der moralische Eindruck auf Front und Heimat bei Freund und Feind. Unsere in den ersten Anfängen steckengebliebene Offensive und der mit furchtbarer Wucht angesetzte und mit großer Zähigkeit in dreiwöchigen Kämpfen durchgeführte feindliche Gegenangriff machten aller Welt deutlich, daß es den Feinden gelungen sei, unsere unwiderstehlich scheinende Angriffskraft zu brechen und die Initiative an sich zu reißen.

Jedem deutschen Herzen mußte sich die bange Frage aufdrängen, ob es dem Genie unserer großen Heerführer und der Spannkraft unserer Truppen gelingen werde, noch einmal das Schicksal zu wenden, oder ob wir an der ganzen Westfront aufs neue in eine die Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende gänzlich zerstörende Defensive zurückgeworfen werden würden.

Diese bange Frage erhielt eine niederschmetternde Antwort, als zwei Tage nach der Zurücknahme unserer Truppen hinter die Vesle, am 8. August, die Engländer beiderseits der Somme in einem wuchtigen Überraschungsangriff, der durch dichten Morgennebel begünstigt wurde, in unsere Stellungen eindrangen und den ganzen in der Märzoffensive gewonnenen, gegen Amiens vorspringenden Frontbogen zwischen Arras und Soissons ins Wanken brachten. Mit ungezählten Panzerwagen überrannte der Feind unsere Linien. Eine ganze Anzahl von Stäben wurde weit hinter den Gräben von Tanks überrascht und gefangengenommen; die planmäßige Leitung der Abwehroperationen wurde dadurch unmöglich gemacht, schwere Verwirrung wurde in unsere Reihen getragen. Der Feind schlug gleich am ersten Tage eine klaffende Lücke von großer Breite und Tiefe in unsere Front südlich der Somme. Zahlreiche Gefangene und große Mengen von Geschützen und sonstigem Kriegsmaterial fielen in seine Hand. Sein Erfolg wurde vervollständigt, als am folgenden Tage der Franzose auf der Front südöstlich des von uns bereits geräumten Montdidier gleichfalls zum Angriff überging. Erst in der geraden Linie Albert--Roye--Lassigny, die bis zu 30 Kilometer hinter unserer ursprünglichen Stellung lag, gelang es, die Schlacht einigermaßen zum Stehen zu bringen und die Verteidigung wieder zu organisieren. Aber die Notwendigkeit einer weiteren Rückwärtsbewegung, etwa auf die alte Siegfriedstellung, von der unsere Märzoffensive ausgegangen war, wurde schon um die Mitte des Monats August von der Obersten Heeresleitung als unvermeidlich ins Auge gefaßt.

Im ganzen bisherigen Verlauf des Krieges hatten die Ereignisse, die sich vom 18. Juli bis etwa 12. August 1918 zwischen Arras und Reims abspielten, nur in der Marneschlacht vom September 1914 annähernd ihresgleichen. Der im März 1918 mit dem stärksten Aufgebot an Mannschaften und Material so glänzend eingeleitete Feldzug war verloren. Wir waren nach übermenschlichen Anstrengungen und beispiellosen Waffentaten unter maßlos erschwerten Verhältnissen in die Verteidigung zurückgeworfen. Die Wagschale des Schicksals hatte sich gegen uns geneigt.

Meine Moskauer Mission

Auch im Osten hatten sich inzwischen die Dinge äußerst unerfreulich gestaltet.

Nach der Ratifikation des Friedens von Brest-Litowsk war Herr Joffe als »Diplomatischer Vertreter der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik« in Berlin eingezogen und hatte nach einigem Hin und Her in dem Palast der ehemals Kaiserlich Russischen Botschaft Unter den Linden sein Quartier aufgeschlagen. Eine große blutrote Fahne wehte über dem Gebäude, dessen neue Bewohner alsbald im intimsten Verkehr mit unseren ihre revolutionären Absichten kaum mehr verhüllenden Unabhängigen Sozialdemokraten und Liebknecht-Anhängern standen.

Als »Diplomatischer Vertreter des Deutschen Reiches« wurde Graf Mirbach nach Moskau entsandt. Der Graf war vor dem Krieg lange Jahre hindurch Botschaftsrat in Petersburg gewesen, und er hatte nach Abschluß des Waffenstillstandes an der Spitze der Kommission für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Verkehrs, den Austausch der Zivilinternierten usw. in Petersburg gewirkt. Es wurde ihm jetzt ein umfangreicher Stab von Mitarbeitern, Sachverständigen, Kommissaren und Kommissionen beigegeben. Seine Aufgabe war nicht nur die Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen, die Beobachtung der weiteren Entwicklung und die Wahrnehmung der deutschen politischen Interessen, sondern auch die Sorge für die möglichst rasche Zurückführung unserer Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, für die Sammlung und den Abtransport der »Rückwanderer« aus den zahlreichen deutschen Niederlassungen in Rußland, schließlich die Sorge für die Herstellung guter, für Deutschland wie für Rußland vorteilhafter wirtschaftlicher Beziehungen und die Nutzbarmachung der Warenbestände und Hilfsquellen Rußlands für das wirtschaftlich schwer kämpfende Deutschland.

Die Lage, die Graf Mirbach vorfand, als er Ende April 1918 in Moskau eintraf, war äußerst schwierig und verworren.

Die Bolschewikiregierung konnte, wie der Ausfall der Wahlen zu der Konstituierenden Duma gezeigt hatte, nur auf eine bescheidene Minderheit der russischen Bevölkerung -- auch der großrussischen -- als ihre unmittelbare Anhängerschaft zählen. Allerdings leistete ihr auch die Partei der »Linken Sozialrevolutionäre« zunächst Gefolgschaft. Aber schon in der Frage: Annahme oder Ablehnung des Brester Friedens? war es zwischen den beiden verbündeten Parteien zu Meinungsverschiedenheiten gekommen, die sich in der Folgezeit verschärften.

An Machtmitteln standen der Sowjetregierung zur Verfügung vor allem eine Anzahl gut disziplinierter und kampferprobter lettischer Regimenter; die sogenannte »Rote Garde« war in der Hauptsache noch ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der erst noch organisiert und ausgebildet werden mußte.

Nach außen stand die Sowjetrepublik im Kampf mit Finnland, mit der Ukraine, mit den Donkosaken, den Stämmen des Kaukasus und einem großen Teil Sibiriens. Außerdem tauchten als neue Gefahr die tschecho-slowakischen Truppen auf, Kriegsgefangene und Überläufer, die im März 1918 von der russischen Regierung die Erlaubnis erhalten hatten, bewaffnet über Wladiwostok zur französischen Front zu gehen, es dann aber -- im Laufe des Mai -- unter der Einwirkung von Entente-Einflüssen vorzogen, sich an der Sibirischen Bahn festzusetzen und ihre Waffen gegen Sowjetrußland zu kehren. Ferner drangen die Türken im Kaukasusgebiet weit über die Grenzen der Kreise von Kars, Erdehan und Batum vor; sie bedrohten vor allem das für die Versorgung Rußlands mit Brennstoff außerordentlich wichtige Erdölgebiet von Baku. Schließlich zeigten sich im Laufe des Monats Juni Ententetruppen an der Murmanküste.

Deutschland hatte gegenüber Sowjetrußland für die Finnen und Ukrainer offen Partei genommen und diesen Waffenhilfe geleistet; auch durch den offiziellen Friedensschluß, der Rußland die Anerkennung Finnlands und der Ukraine auferlegte, waren diese Kämpfe nicht beendet. Denn im Innern dieser Länder ging der Kampf zwischen Regierungsgewalt und Bolschewisten weiter, wobei wir der Regierungsgewalt, Sowjetrußland den Bolschewisten Hilfe gewährten. Außerdem unterstützten die in Südrußland stehenden deutschen Truppen die unter dem General Krasnow gegen Sowjetrußland kämpfenden Donkosaken. Schließlich förderte Deutschland die Selbständigkeitsbestrebungen der Georgier und Grusinier.

Die Tatsache, daß wir mit den Bolschewiki und ihrer Roten Garde außerhalb der noch ganz flüssigen territorialen Grenzen Großrußlands nach wie vor die Waffen kreuzten, mußte natürlich die Aufgabe, gute Beziehungen zu dem unter der Sowjetregierung stehenden Großrußland zu schaffen und dadurch die Nutzbarmachung seiner Hilfsquellen und Vorräte für Deutschland zu ermöglichen, in einer ganz besonderen Weise erschweren. Aber abgesehen von dieser Komplikation mußte es von Anfang an zweifelhaft erscheinen, ob die Erreichung unseres Zieles in Großrußland überhaupt möglich wäre mit einer Regierung, die den von ihr mit uns abgeschlossenen Frieden ganz offen nur als »Atempause« bezeichnete und immer wieder die Weltrevolution, beginnend mit der Revolutionierung Deutschlands, als ihr Ziel proklamierte.

Jedenfalls zeigte sich bald, daß die Durchführung des Brester Vertrages und die erstrebte Anbahnung von wirtschaftlichen Beziehungen auf die größten Schwierigkeiten stieß. Unser Bestreben, die russischen Warenvorräte für uns nutzbar zu machen, scheiterte, und zwar nicht nur hinsichtlich der Nahrungsmittel, die in Sowjetrußland selbst außerordentlich knapp waren, sondern auch hinsichtlich der tatsächlich vorhandenen und brachliegenden kriegswichtigen Rohstoffe, wie Kupfer, Nickel, Gummi, Öle usw. Nach außen erschienen die Schwierigkeiten in der Hauptsache als Folge der von den Bolschewiki in Angriff genommenen »Sozialisierung« der Betriebe und Warenvorräte, durch die der freie Handel so gut wie unmöglich gemacht wurde. Die inneren Widerstände aber zeigten sich in der Tatsache, daß die geschäftlichen Verhandlungen mit der Bolschewikiregierung, die für sich die Verfügung über die in Rußland vorhandenen Bestände in Anspruch nahm, von dieser ausnahmslos dilatorisch behandelt wurden und steckenblieben.