Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 25
Die Gestaltung der militärischen Lage mußte ernstliche Zweifel daran erwecken, ob das Ziel unserer großen Angriffsaktion, die Niederkämpfung der feindlichen Armeen, mit den uns zur Verfügung stehenden Kräften überhaupt erreichbar sei. Unsere Truppen waren stark gelichtet und ermüdet. Vor allem war ein großer Teil unserer besten Offiziere und Unteroffiziere gefallen oder verwundet, ohne daß ausreichender und gleichwertiger Ersatz hätte beschafft werden können. Auch der Mannschaftsersatz machte immer größere Schwierigkeiten; außerdem waren die jetzt von Osten herübergeholten Truppen zum Teil bolschewistisch verseucht, und auch der Ersatz aus der Heimat ließ in seinem Geiste sehr zu wünschen übrig. Unseren Feinden dagegen führte Amerika ständig neue, unverbrauchte und kampflustige Kräfte zu, deren Zahlen man zwar bei uns nicht kannte und wohl auch unterschätzte, deren Anwesenheit und Eingreifen auf den Schlachtfeldern sich aber für die militärischen Operationen bereits fühlbar machte. Jedenfalls mußten wir mit weiteren erheblichen Verstärkungen des Feindes durch amerikanischen Zuzug rechnen, nachdem sich gezeigt hatte, daß die U-Boote, entgegen den Voraussagungen der Marineautoritäten, nicht in der Lage waren, den gut gesicherten Truppen- und Materialtransporten nennenswerten Eintrag zu tun.
Auch abgesehen von dem Versagen in der Verhinderung amerikanischer Militärtransporte hatte der U-Bootkrieg enttäuscht. Die Monatsleistung an versenkter Tonnage hatte in den Monaten April und Juni 1917 mit mehr als 1 Million Bruttotonnen ihren Höhepunkt erreicht. Die Vervollkommnung der Abwehrmaßnahmen verringerte die monatliche Versenkung erheblich. Im Juni 1918 wurden nach den Angaben unseres Admiralstabs nur noch wenig mehr als 600000 Bruttotonnen versenkt, im Juli 1918 nur noch 550000 Tonnen. Nach den britischen Angaben waren die Versenkungen noch erheblich niedriger. Dagegen nahm die Fertigstellung von Schiffen auf den Werften unserer Gegner jetzt sehr beträchtlich zu. Während in den Jahren 1915 und 1916 in England nur 651000 und 542000 Bruttotonnen neu gebaut wurden, stiegen die Ablieferungen im Jahre 1917 auf 1123000 Tonnen und im ersten Halbjahr 1918 allein auf 763000 Tonnen. Noch viel stärker war die Steigerung des Schiffsbaues in den Vereinigten Staaten. Das dort aufgestellte Schiffsbauprogramm sah nicht weniger als 2693 Einheiten mit einem Raumgehalt von insgesamt 16305000 Bruttotonnen vor. Davon wurden in den ersten acht Monaten des Jahres 1918 277 Schiffe mit 1637000 Bruttotonnen abgeliefert, während der gesamte Schiffsbau der Vereinigten Staaten im Jahre 1913 erst 31 Schiffe mit 190000 Bruttotonnen geliefert hatte. Im ganzen Jahr 1918 lieferten die Werften der Welt 1866 Schiffe mit einem Raumgehalt von 5557000 Bruttotonnen ab, also eine Flotte, die derjenigen Deutschlands vor Kriegsausbruch gleichkam. Von den Neubauten des Jahres 1918 kamen mehr als 3 Millionen Tonnen auf die amerikanischen Werften und 1628000 Tonnen auf die englischen Werften. Nachdem der U-Bootkrieg nicht innerhalb des ersten Jahres die von ihm erwartete Wirkung herbeigeführt hatte, war es unseren Gegnern gelungen, mit diesen gewaltigen Anstrengungen der Schiffsbautätigkeit ein beachtenswertes Gegengewicht zu schaffen. Die Behinderung und Schädigung, die Wirtschaft und Kriegführung unserer Feinde durch den U-Bootkrieg erlitten, fiel auch jetzt noch schwer ins Gewicht; abgesehen von der empfindlichen Einschränkung der Zufuhren an Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Kriegsmaterial jeder Art für England und seine europäischen Verbündeten, nahm die durch den U-Bootkrieg erzwungene Steigerung des Schiffsbaues gewaltige Mengen von Material und Hunderttausende von Arbeitskräften in Anspruch, die sonst der Herstellung von Kriegsgerät und der kämpfenden Front unmittelbar zugutegekommen wären und die Überlegenheit unserer Feinde noch weiter gesteigert hätten; ebenso band die Notwendigkeit der immer weiteren Ausdehnung der U-Boot-Abwehr ungezählte Fahrzeuge, Flugzeuge, Geschütze und sonstiges Gerät aller Art, nicht zum mindesten auch ein umfangreiches Personal, das der unmittelbaren Verwendung auf den Schlachtfeldern entzogen wurde. Niemand kann sagen, wie die Dinge gelaufen wären, wenn nicht der U-Bootkrieg seit dem Beginn des Jahres 1917 diese einschränkende und brachlegende Wirkung auf die Kräfte unserer Feinde ausgeübt hätte. Aber alle diese Erwägungen konnten die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß der U-Bootkrieg die von ihm erwartete kriegsentscheidende Wirkung nicht gebracht hatte und daß sich nach der Entwicklung der technischen Momente des U-Boot-Neubaues und der U-Boot-Verluste, des Neubaues von Handelsschiffen und der Versenkung von Handelsschiffen, von dem U-Bootkrieg eine kriegsentscheidende Wirkung kaum mehr erwarten ließ.
Die Entwicklung der militärischen Aktionen zu Lande und zu Wasser stellte also sowohl unsere Kriegführung wie auch unsere Politik gegen die Mitte des Jahres 1918 vor neue Erwägungen und Entscheidungen schwerster Art.
Neue innere Krisen
Im Juni 1918, gleich nach der Offensive vom Damenwege bis zur Marne, veröffentlichte die »Kreuzzeitung« einige L. H. gezeichnete Artikel, in denen zur Unterstützung der militärischen Operationen von der deutschen politischen Leitung eine »Friedensoffensive« gefordert wurde. Die Artikel erregten erhebliches Aufsehen schon deshalb, weil sie in einem Blatte erschienen, das bisher sich in scharfer Kampfstellung gegen jede Art von Friedensaktionen und Friedensangeboten befunden hatte. Die Redaktion der »Kreuzzeitung« betonte allerdings, daß die Artikel nicht redaktionellen Ursprungs seien, aber sie unterstrich damit nur, daß sie von einer auch für die »Kreuzzeitung« und ihren Kreis hochangesehenen Seite herrührten. Das Aufsehen wurde gesteigert durch einen schweren Angriff, den die »Kölnische Zeitung« gegen die »Lethargie« der politischen Leitung richtete, die auf dem diplomatischen Kampffelde die Initiative nach wie vor den Feinden überlasse.
Ich hatte am 17. Juni zufällig Gelegenheit zu einer Unterhaltung mit einem der Obersten Heeresleitung nahestehenden höheren Offizier. Ganz im Sinne der Kreuzzeitungsartikel setzte mir dieser auseinander, die politische Ausnutzung unserer militärischen Erfolge sei gleich Null; wir würden den Krieg nie beendigen, geschweige denn gewinnen können, wenn in diesem unmöglichen Zustand nicht Wandel geschaffen werde. Die für die Sicherung eines guten Friedens unbedingt notwendige Zusammenarbeit zwischen der militärischen und politischen Leitung habe aber einen Personenwechsel zur Voraussetzung. Graf Hertling sei infolge seines Alters und seiner Kränklichkeit aktionsunfähig, und zwischen Herrn von Kühlmann, dem damit die politische Leitung zufalle, und den Herren von der Obersten Heeresleitung sei ein vertrauensvolles und enges Zusammenarbeiten, wie es die Lage mehr denn je erfordere, von beiden Seiten her unmöglich. Wie mehrfach in der letzten Zeit, so trat mir auch bei dieser Unterhaltung die Frage entgegen, ob ich nicht geneigt sein würde, gegebenenfalls das Auswärtige Amt zu übernehmen.
Auf diese letztere Frage antwortete ich mit dem Hinweis darauf, daß Parlament und Presse bei der Gegnerschaft, die sich seit meinem Rücktritt nicht abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt hatte, mir eine gedeihliche Führung der auswärtigen Politik unmöglich machen würden. Über den Inhalt der Unterhaltung selbst erstattete ich am folgenden Tage dem Grafen Hertling Bericht, ohne in dem springenden Punkte, daß die Oberste Heeresleitung selbst die Hoffnung auf eine rein militärische Beendigung des Krieges offenbar aufgegeben habe, und daß diese neue Lage alsbald eine auf den Grund der Dinge gehende Aussprache zwischen den beiden Faktoren erfordere, auf volles Verständnis zu stoßen.
Ein von der Obersten Heeresleitung dem Auswärtigen Amt zugeteilter Offizier hatte in diesen Tagen dem Staatssekretär von Kühlmann eine schriftliche Ausarbeitung übergeben, in der er die Aussichtslosigkeit einer rein militärischen Beendigung des Krieges und die Notwendigkeit einer die Kriegführung unterstützenden diplomatischen Aktion darlegte. Es liegt auf der Hand, daß diese Denkschrift nicht ohne die Billigung der Obersten Heeresleitung, insbesondere auch des Generals Ludendorff, überreicht wurde.
Die Kritik an der Passivität unserer politischen Leitung war berechtigt. Seit den diplomatischen Distanzgesprächen in den ersten beiden Monaten des Jahres 1918 war, soweit ich sehen kann, nach Westen hin von unserer Diplomatie überhaupt nichts mehr geschehen. Das lag zum großen Teil daran, daß die Leiter der politischen Geschicke der Zentralmächte vom Dezember an bis in den Mai hinein sich so gut wie ausschließlich durch die Verhandlungen über die östlichen Friedensschlüsse in Anspruch nehmen ließen und in jener Zeit nur zu seltenen und kurzen Besuchen aus Brest-Litowsk und Bukarest an dem Sitz der politischen Leitung erschienen. Ich habe es von Anfang an für einen Fehler gehalten, daß die Herren von Kühlmann und Graf Czernin, statt sich auf die Erteilung allgemeiner Direktiven und Instruktionen für die östlichen Friedensverhandlungen zu beschränken, sich persönlich als Unterhändler nach Brest und Bukarest begaben und sich dort für viele Monate in langwierigen Einzelverhandlungen festhalten ließen. Obwohl ich mich dem Verdacht aussetzte, die Leitung der Friedensdelegationen für mich selbst zu erstreben, habe ich diese meine Bedenken schon im Dezember 1917 sowohl dem Grafen Hertling wie Herrn von Kühlmann dargelegt. Als die Friedensverhandlungen mit Rumänien im Februar 1918 in Fluß kamen, habe ich bei beiden Herren angeregt, die Rumänen und die anderen Beteiligten nach Berlin kommen zu lassen. Aber ich drang nicht durch; man setzte mir vor allem entgegen, daß Graf Czernin fest entschlossen sei, die Verhandlungen für Österreich-Ungarn persönlich zu leiten und zu diesem Zweck nach Brest und Bukarest zu gehen, was uns keine Wahl lasse, als den Staatssekretär des Auswärtigen gleichfalls dorthin zu entsenden. Wie erschwerend überdies die Zuspitzung des persönlichen Verhältnisses zwischen Herrn von Kühlmann und den maßgebenden Männern der Obersten Heeresleitung für jede intimere Aussprache war, hatte sich schon anläßlich der türkisch-bulgarischen Schwierigkeiten gezeigt.
Auch jetzt, nachdem der Reichskanzler und der Staatssekretär des Auswärtigen deutlich auf die Notwendigkeit einer militärisch-politischen Zusammenarbeit hingewiesen worden waren, geschah nicht das einzige, was in dieser Lage hätte geschehen müssen: eine sofortige Aussprache zwischen den leitenden militärischen und politischen Persönlichkeiten über den Stand des Krieges und die zu fassenden Entschlüsse.
Dagegen löste die Herrn von Kühlmann übergebene Denkschrift eine andere Wirkung aus: die Reichstagsrede des Staatssekretärs vom 24. Juni, die den Anlaß zu seiner Verabschiedung gab.
Für Montag, den 24. Juni, war der Etat des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes auf die Tagesordnung des Reichstags gesetzt worden. In der Woche zuvor hatte die erste Beratung des Friedensvertrags von Bukarest stattgefunden; es hatte dabei in den Kreisen der Reichstagsabgeordneten einiges Mißfallen erregt, daß weder Graf Hertling noch Herr von Kühlmann den Vertrag in einer einleitenden Rede dem Hause präsentiert hatten, daß vielmehr Herr von Kühlmann erst, nachdem die Vertreter der Parteien gesprochen hatten, einige Ausführungen machte. Die Parteiführer legten nun dem Grafen Hertling nahe, er möchte am 24. Juni bei der Beratung seines Etats Gelegenheit nehmen, über die politische Lage, wie sie durch die östlichen Friedensschlüsse und die militärischen Operationen sich gestaltet habe, sich auszusprechen. Der Reichskanzler hatte für seine Person keine Neigung, diesem Wunsche zu entsprechen; als jedoch die Parteiführer auf ihrem Verlangen bestanden, beauftragte er im letzten Augenblick Herrn von Kühlmann, an seiner Stelle zu sprechen, und zwar -- wie mir damals gesagt wurde -- unter Beschränkung auf Tatsächliches und unter Vermeidung irgendwelcher allgemeiner und programmatischer Ausführungen.
Kühlmann gab in seiner sichtlich zum großen Teil improvisierten Rede zunächst eine kurze Darlegung unserer Beziehungen zu unseren Verbündeten sowie zu Rußland und den sich auf dem Boden des alten Kaiserreichs neu entwickelnden Staatswesen und ging dann mit wenigen Worten auf unser Verhältnis zu den europäischen Neutralen ein. Im Anschluß daran sagte er über die militärische Lage, daß infolge des glänzenden Verlaufs der Operationen in Frankreich die Initiative vollkommen bei unserer Obersten Heeresleitung liege, und daß wir hoffen könnten, der Sommer und der Herbst würden unseren Waffen neue Erfolge bringen. An dieses zuversichtliche Urteil knüpfte er eine Bemerkung, die Bewegung und großes Aufsehen erregte: Man müsse sich fragen, ob der Krieg noch über den Herbst und Winter und über das nächste Jahr hinaus dauern werde. Der Feldmarschall Graf Moltke habe im Jahre 1890 ausgeführt, der nächste Krieg könne ein siebenjähriger, ja ein dreißigjähriger Krieg werden; nach seiner -- Kühlmanns -- Ansicht sei es unmöglich, mit Sicherheit irgendeinen Augenblick für das Ende des Krieges ins Auge zu fassen. »Das Auge muß nach den politischen Motiven ausspähen, welche eventuell Friedensmöglichkeiten eröffnen könnten, und nach dieser Richtung hin muß ich sagen, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Waffen auf seiten unserer Gegner Friedenswilligkeit, an maßgeblichen Stellen Friedensbereitschaft noch nirgends klar erkennbar hervorgetreten sind.« Er ließ eine Polemik mit Balfour folgen, der kurz zuvor wieder einmal die »alte Legende erneuert habe, daß Deutschland den Krieg entfesselt habe, um die Weltherrschaft an sich zu reißen«. Diese Legende werde durch fortgesetzte Wiederholung nicht wahrer. Der Krieg zeichne sich immer deutlicher ab »als das Werk Rußlands«; daß Frankreich dabei »als Kriegshetzer auf das schlimmste mitgespielt«, daß die englische Politik »sehr dunkle Seiten in dieser Beziehung aufzuweisen habe«, dafür gebe es Beweise genug. Er halte es für nützlich und notwendig, gegenüber den feindlichen Behauptungen über Deutschlands angebliche Kriegsziele nicht in der Negation zu verharren, sondern »ganz einfach und leicht verständlich für alle« zu sagen, was wir positiv wollten: »wir wollen auf der Welt für das deutsche Volk -- und das gilt mutatis mutandis auch für unsere Verbündeten -- innerhalb der Grenzen, die uns die Geschichte gezogen hat, sicher, frei, stark und unabhängig leben, wir wollen über See den Besitz haben, welcher unserer Größe, unserem Reichtum und unseren bewiesenen kolonialen Fähigkeiten entspricht, wir wollen die Möglichkeit und die Freiheit haben, auf freier See unseren Handel und unseren Verkehr in alle Weltteile zu tragen.« Die Unversehrtheit des Grundgebiets des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten sei nach wie vor eine notwendige Voraussetzung für die Aufnahme irgendwelcher Friedensgespräche oder Friedensverhandlungen; darüber hinaus könnten sämtliche Fragen Gegenstand der Beratung und Einigung sein. Der englische Vorwurf, daß wir nicht bereit seien, in der belgischen Frage öffentlich Stellung zu nehmen, sei unberechtigt, wir betrachteten aber im Gegensatz zu der englischen Auffassung Belgien als eine der Fragen im Gesamtkomplex der Fragen und müßten es ablehnen, in der belgischen Frage, »sozusagen als Vorleistung«, Erklärungen abzugeben, die uns binden würden, ohne die Gegner auch nur im geringsten festzulegen. Was unsere Friedensbereitschaft anlange, so könnten wir uns genau die Worte des Herrn Asquith zu eigen machen, daß die Tür für Schritte in der Richtung eines ehrenvollen Friedens nicht zugeschlagen sei. Aber die Vorbedingung für einen Gedankenaustausch sei ein gewisses Maß von Vertrauen in die gegenseitige Anständigkeit und Ritterlichkeit; solange jede Eröffnung von der anderen Seite als »Friedensoffensive« und als Falle aufgefaßt und denunziert werde, sei nicht abzusehen, wie ein zum Frieden führender Gedankenaustausch eingeleitet werden könne. »Ohne solchen Gedankenaustausch wird bei der ungeheuren Größe dieses Koalitionskrieges und bei der Zahl der in ihm begriffenen auch überseeischen Mächte durch rein militärische Entscheidungen allein ohne alle diplomatischen Verhandlungen ein absolutes Ende kaum erwartet werden können.«
Der aus dieser Rede haftenbleibende Eindruck war: Der Staatssekretär hat bekannt, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Offensive ein Ende des Krieges nicht abzusehen ist, daß rein militärisch der Krieg überhaupt nicht zu Ende geführt werden könne, daß hierzu vielmehr diplomatische Verhandlungen notwendig seien, zu denen aber auf der anderen Seite bisher noch keinerlei Geneigtheit sich zeige. Ein Bekenntnis von vollständiger Trostlosigkeit und Resignation ohne die leiseste Andeutung, was die deutsche Politik tun wolle, um sich einen Weg zu bahnen.
Nach dem Staatssekretär sprachen die Herren Gröber und Dr. David, letzterer an die zwei Stunden lang. Sie hielten, wie das im Reichstag üblich war, ihre vorbereiteten Monologe, die an Kühlmanns Äußerungen vorübergingen, wie wenn der Staatssekretär überhaupt nicht gesprochen hätte. Dagegen ging der Führer der Konservativen zum Angriff gegen Herrn von Kühlmann vor, dessen Ausführungen unser Vertrauen in den Sieg, die erste Voraussetzung für ein gutes Ende, in Zweifel zu stellen und den Geist unserer Truppen nachteilig zu beeinflussen geeignet seien.
Am nächsten Vormittag ließ mich Graf Hertling aus einer anderen Veranlassung zu sich bitten. Er äußerte sich ungehalten über Kühlmanns Rede; er selbst habe nichts von Kühlmanns Absicht gewußt, Ausführungen dieser Art zu machen; ebensowenig habe sich Kühlmann mit der Obersten Heeresleitung über seine das militärische Interesse doch stark berührenden Ausführungen in Verbindung gesetzt; die Oberste Heeresleitung habe bereits einen scharfen Protest erhoben. -- In der Pressekonferenz desselben Vormittags ließ die Oberste Heeresleitung auf Anfrage erklären, daß sie durch die Rede des Staatssekretärs »auf das peinlichste überrascht« worden sei.
Am Nachmittag erschien Graf Hertling zur Fortsetzung der Debatte im Reichstag und nahm alsbald das Wort. Er habe zunächst nicht die Absicht gehabt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu sprechen, und zwar wegen der Erfahrungen mit dem Erfolg der bisherigen Reden bei den feindlichen Staatsmännern. Am 25. Februar habe er seine grundsätzliche Zustimmung zu den in der Botschaft des Präsidenten Wilson vom 11. Februar aufgestellten vier Punkten erteilt; irgendeine Antwort sei darauf nicht erfolgt; ja die aus Amerika herübergedrungenen Auslassungen hätten erkennen lassen, daß der wahre Zweck des propagierten Völkerbundes sei, das unbequeme, aufstrebende Deutschland zu isolieren und ihm durch wirtschaftliche Abschnürung den Lebensodem auszulöschen. Es habe also keinen Zweck gehabt, den damals angesponnenen Faden weiterzuspinnen. Dagegen habe er es für angemessen gehalten, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Mitteilungen über die Einzelheiten unserer politischen Lage im Osten machen möge; dieser Aufgabe habe sich der Staatssekretär nach seiner Ansicht in durchaus sachgemäßer Weise unterzogen; dagegen hätten einige seiner Äußerungen zu seinem, des Kanzlers, Bedauern in weiten Kreisen eine mehr oder minder unfreundliche Aufnahme erfahren. Auf die von dem Staatssekretär gestreifte Schuldfrage wolle er nicht eingehen; man könne diese getrost der Geschichte überlassen. Er wolle ein Mißverständnis ausräumen, das in der Auffassung des zweiten Teiles der Ausführungen des Staatssekretärs augenscheinlich obgewaltet habe. Die Tendenz dieser Ausführungen sei lediglich gewesen, die Verantwortung für die Fortsetzung und unabsehbare Verlängerung des entsetzlichen Krieges den Feinden zuzuschieben; denn von einem Erlahmen unseres energischen Abwehrwillens, von einer Erschütterung unserer Siegeszuversicht könne doch selbstverständlich nicht die Rede sein.
Nach dem Kanzler erhob sich Herr von Kühlmann zu einer Abwehr der Angriffe, die Graf Westarp tags zuvor gegen ihn gerichtet hatte; auch er habe den Schwerpunkt auf die militärischen Entscheidungen gelegt und die diplomatischen Verhandlungen als das Sekundäre und Nachfolgende klar gekennzeichnet. Der Verlauf werde immer sein: der militärische Erfolg ist die Voraussetzung und Grundlage der diplomatischen Verhandlungen.
Herr von Kühlmann war nach der Rede des Kanzlers und nach seinen eigenen Ausführungen als Staatssekretär des Auswärtigen erledigt. Was im Reichstag und in der Presse weiter folgte, war nur noch ein Kampf um seine politische Leiche.
Herr von Kühlmann selbst gab sich über die Unhaltbarkeit seiner Stellung keiner Täuschung hin; aber er wünschte noch den Bukarester Frieden im Reichstag unter Dach und Fach zu bringen. Am 6. Juli wurde er jedoch nach dem Hauptquartier gerufen, wohin der Kanzler bereits vorher gereist war. Dort fiel am 8. Juli die Entscheidung. Der Kaiser nahm Herrn von Kühlmann gegenüber die Initiative, indem er ihm rundheraus erklärte, nach dem Vorgefallenen werde man sich wohl trennen müssen. Daraufhin stellte Herr von Kühlmann natürlich sofort sein Amt zur Verfügung. Der Admiral a. D. von Hintze, zuletzt Gesandter in Norwegen, der sich bereits im Großen Hauptquartier befand, wurde zu seinem Nachfolger ernannt.
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Diese Vorgänge fielen zusammen mit einer ohnedies nicht unbedenklichen Zuspitzung der inneren Lage.
Graf Hertling hatte bei den Verhandlungen, die er vor der endgültigen Annahme des Kanzleramts mit den Mehrheitsparteien geführt hatte, bestimmte Zusagen innerpolitischer Art gemacht: vor allem die Milderung des Belagerungszustandes und der Zensur, die Beseitigung des § 153 der Gewerbeordnung und die Einbringung eines Gesetzes über Arbeitskammern, die Vermehrung der Mandate der großen Reichstagswahlkreise und schließlich die alsbaldige Einbringung einer Vorlage über das allgemeine, direkte, geheime und gleiche Wahlrecht in Preußen.
Die Versprechungen waren weniger leicht zu verwirklichen, als sie gemacht worden waren.
Einigermaßen glatt vonstatten ging nur die Aufhebung des § 153 der Gewerbeordnung und das Gesetz über die großen Reichtagswahlkreise. Dagegen stieß das Arbeitskammergesetz schon im preußischen Staatsministerium und dann im Bundesrat auf große Schwierigkeiten; als es glücklich an den Reichstag kam, wurde es zum Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen, die den Entwurf schließlich auf ein totes Gleis brachten.
Ganz unerquicklich gestaltete sich die Frage des preußischen Wahlrechts.