Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 23

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Zu Punkt 7, der belgischen Frage, sei von seinen Amtsvorgängern wiederholt erklärt worden, daß zu keiner Zeit während des Krieges die gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland einen Programmpunkt der deutschen Politik gebildet habe. Die belgische Frage gehöre zu dem Komplex der Fragen, deren Einzelheiten durch die Friedensverhandlungen zu ordnen sein würden. Solange unsere Gegner sich nicht rückhaltlos auf den Boden stellten, daß die Integrität des Gebietes der Verbündeten die einzig mögliche Grundlage von Friedensverhandlungen bilden könne, müsse er an dem bisher stets eingenommenen Standpunkt festhalten und eine Vorwegnahme der belgischen Angelegenheit aus der Gesamtdiskussion ablehnen.

Punkt 8. Die besetzten Teile Frankreichs seien ein wertvolles Tauschpfand in unserer Hand. Auch hier bilde die gewaltsame Angliederung keinen Teil der deutschen Politik. Die Bedingungen und Modalitäten der Räumung, die den vitalen Interessen Deutschlands Rechnung tragen müßten, seien zwischen Deutschland und Frankreich zu vereinbaren. Er könne nur nochmals ausdrücklich betonen, daß von einer Abtretung von Reichsgebiet nie und nimmer die Rede sein könne.

Die Punkte 9, 10 und 11 -- italienische Grenzen, Nationalitätsfragen der Donaumonarchie, Balkanstaaten -- berührten Fragen, bei denen zum größten Teil die politischen Interessen Österreich-Ungarns überwögen; er möchte deshalb die Beantwortung dieser Punkte in erster Linie dem auswärtigen Minister Österreich-Ungarns überlassen. Ebensowenig wolle er hinsichtlich der in Punkt 12 behandelten türkischen Angelegenheiten der Stellungnahme der türkischen Staatsmänner vorgreifen. Unsere Verbündeten könnten bei der Wahrnehmung ihrer berechtigten Ansprüche auf unsern nachdrücklichsten Beistand rechnen.

Zu Punkt 13, Polen, führte der Reichskanzler aus, nicht die Entente, sondern das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn hätten Polen von dem seine nationale Eigenart unterdrückenden zaristischen Regiment befreit; so möge man denn auch Deutschland, Österreich-Ungarn und Polen es überlassen, sich über die zukünftige Gestaltung dieses Landes zu einigen.

Zu Punkt 14, Völkerbund, erklärte er, daß er jedem Gedanken sympathisch gegenüberstehe, der für die Zukunft die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von Kriegen ausschalte. Wenn der vom Präsidenten Wilson stammende Gedanke des Völkerbundes bei näherer Ausführung und Prüfung ergebe, daß er wirklich im Geiste vollkommener Vorurteilslosigkeit gefaßt sei, so sei die Kaiserliche Regierung gern bereit, wenn alle anderen schwebenden Fragen geregelt sein würden, einer Prüfung der Grundlagen eines solchen Völkerbundes näherzutreten.

Im Anschluß an diese Stellungnahme zu den Einzelpunkten des Wilson-Programms erkannte Graf Hertling an, daß Wilsons und Lloyd Georges Ausführungen Grundsätze für einen allgemeinen Weltfrieden enthielten, denen wir zustimmen und die Ausgangs- und Zielpunkte für Verhandlungen bilden könnten; aber in den konkreten Punkten sei der Friedenswille weniger bemerkbar. Unsere Gegner erklärten zwar, sie wollten Deutschland nicht vernichten, aber sie schielten begehrlich nach Teilen des Reichs und unserer Verbündeten; sie sprächen mit Achtung von Deutschlands Stellung, aber dazwischen dringe immer wieder die Auffassung durch, als seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müßten. »So spricht der Sieger zum Besiegten; so spricht derjenige, der alle unsere früheren Äußerungen von Friedensbereitschaft als bloße Zeichen der Schwäche deutet.« Von dieser Täuschung müßten sich die Führer der Entente frei machen. »Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie jetzt ist. Unsere genialen Heerführer sehen mit unverminderter Zuversicht in die Zukunft. Durch die ganze Armee, durch Offiziere und Mannschaften geht ungebrochene Kampfesfreude.« Wenn die Führer der feindlichen Mächte wirklich zum Frieden geneigt seien, so möchten sie ihr Programm nochmals revidieren. »Wenn sie mit neuen Vorschlägen kommen, dann werden wir sie auch ernstlich prüfen; denn unser Ziel ist kein anderes als die Wiederherstellung eines dauernden allgemeinen Friedens. Aber dieser dauernde allgemeine Friede ist so lange nicht möglich, als die Integrität des Deutschen Reiches, als die Sicherung unserer Lebensinteressen und die Würde unseres Vaterlandes nicht gewahrt bleibt.«

Die Ausführungen der beiden leitenden Staatsmänner des Zweibundes stellten also den Programmpunkten Wilsons nur dort ein glattes Nein entgegen, wo diese mit der Erhaltung der territorialen Integrität und der Souveränität unverträglich waren. In allen anderen Punkten stimmten sie ausdrücklich zu oder wiesen sie wenigstens eine Erörterung nicht von vornherein ab. Das gilt namentlich auch von Hertlings Erklärung zur belgischen Frage. Der Reichskanzler stellte fest, daß die gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland niemals Ziel der deutschen Politik gewesen sei. Die positive Ordnung der belgischen Frage wollte er aber nicht aus dem Gesamtkomplex der Friedensfragen herausnehmen lassen, solange die Gegner die Integrität des Gebietes der Vierbundmächte nicht ihrerseits als Grundlage für die Friedensverhandlungen anerkannten.

Damit war wieder einmal für jeden, der hören wollte, hinreichend klargestellt, daß einer ernsthaften und konkreten Friedensdiskussion als einziges Hindernis die Eroberungs- und Zerstückelungswünsche unserer Feinde entgegenstanden. Es handelte sich darum, ob unsere Feinde sich würden entschließen können, auf diese gegen den Bestand und die Unabhängigkeit der Vierbundmächte gerichteten Wünsche zu verzichten, oder ob Deutschland und seine Verbündeten, die gerade jetzt die russische Flanke frei bekamen, nach dreieinhalb Jahren heldenhafter Gegenwehr in dem Augenblick der stärksten Erleichterung, die ihnen der Krieg bisher gebracht hatte, die Waffen niederlegen, alle errungenen Vorteile aufgeben und freiwillig Gebiete ausliefern würden, die unsere Feinde uns mit der Gewalt der Waffen nicht hatten entreißen können.

Letzteres war eine offensichtliche Unmöglichkeit.

Aber auch unsere Feinde konnten sich nicht entschließen, ihre Kriegsziele einzuschränken. Vom 30. Januar bis 2. Februar 1918 tagte in Versailles der Oberste Kriegsrat der Entente. Über das Ergebnis seiner Beratungen wurde eine amtliche Note veröffentlicht, in der es hieß:

Der Oberste Kriegsrat habe die jüngsten Erklärungen des deutschen Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern sorgfältig geprüft; er habe in diesen Erklärungen keinerlei Annäherung an die von sämtlichen Regierungen der Alliierten formulierten maßvollen Bedingungen zu erkennen vermocht. Der Eindruck, den der Kontrast zwischen den angeblich idealen Zielen, zu deren Verwirklichung die Mittelmächte die Verhandlungen von Brest-Litowsk eröffnet haben, und ihrem nun offen zutage liegenden Streben nach Raub und Eroberung hervorrufe -- wie soll man heute nach diesen Worten die Versailler Friedensbedingungen der Alliierten kennzeichnen? --, sei nur geeignet, diese Überzeugung zu befestigen. Unter diesen Umständen erachte es der Oberste Kriegsrat als seine unmittelbare Pflicht, die Fortdauer des Krieges mit äußerster Energie und durch die straffste und wirksamste Vereinheitlichung der militärischen Aktion der Alliierten sicherzustellen.

»Diese Kundgebung bedeutet die denkbar schroffste Abweisung jedes Friedensgedankens,« schrieb damals die demokratische »Frankfurter Zeitung«, und sie hatte recht. Die Intransigenten hatten in Versailles triumphiert.

Der Präsident Wilson antwortete auf die Reden des Grafen Czernin und des Grafen Hertling am 11. Februar in einer neuen Ansprache an den Kongreß. Da auch diese Ansprache als eine der von uns und den Feinden angenommenen Grundlagen des abzuschließenden Friedens von Bedeutung ist, sei das Wesentliche ihres Inhalts wiedergegeben.

Er machte zunächst eine Unterscheidung zwischen den beiden gegnerischen Staatsmännern. Graf Czernin bekam eine gute Zensur: Er habe in freundlichem Ton gesprochen, scheine die Grundlagen des Friedens mit klarem Blick zu erkennen und fühle offenbar, daß Österreich auf die von den Vereinigten Staaten aufgestellten Kriegsziele leichter als Deutschland eingehen könne; er würde wahrscheinlich noch weitergegangen sein, wenn er nicht auf Österreichs Bündnis und seine Abhängigkeit von Deutschland Rücksicht hätte nehmen müssen. Graf Hertling bekam eine schlechte Zensur: Seine Antwort sei sehr unbestimmt und sehr verwirrend; sie sei voll von zweideutigen Sätzen; es sei unklar, worauf sie hinauswolle; aber sicher sei, daß sie in einem ganz anderen Ton als diejenige des Grafen Czernin gehalten sei, und offensichtlich verfolge sie auch einen entgegengesetzten Zweck. Die Rede bestätige den unglücklichen Eindruck der Brester Verhandlungen. Hertlings Erörterung und Annahme von Wilsons allgemeinen Grundsätzen führe ihn nirgends zu einer greifbaren Folgerung; er weigere sich, sie auf die wesentlichen Punkte anzuwenden, die den Inhalt einer jeden endgültigen Regelung bilden müßten. Er sei mißtrauisch gegenüber einer internationalen Aktion und einer internationalen Beratung. Die von dem Kanzler vorgeschlagenen Methoden seien diejenigen des Wiener Kongresses. Dahin gebe es keine Rückkehr. Der Kampf gehe um eine neue internationale Ordnung, aufgebaut auf den weiten und allumfassenden Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit, nicht um einen bloßen Flickfrieden. Der Weltfrieden hänge von der gerechten Schlichtung eines jeden der verschiedenen von ihm formulierten Probleme ab. Diese Probleme könnten nicht getrennt für sich und in verschiedenen Ecken behandelt werden; was den Frieden berühre, das berühre die Menschheit. Auf die Reichstagsresolution vom 19. Juli 1917 hinweisend, erklärte er: Es soll keine Annexionen geben, keine Kriegsentschädigungen, keinen strafweisen Schadenersatz. Kein Volk soll durch eine internationale Konferenz oder durch Abmachungen zwischen Rivalen und Gegnern von einer Staatshoheit an eine andere ausgeliefert werden. Nationale Ansprüche müssen beachtet werden, die Völker dürfen nur noch mit ihrer eigenen Zustimmung beherrscht und regiert werden. Das »Selbstbestimmungsrecht« ist nicht eine bloße Redensart. Es ist ein gebieterischer Grundsatz des Handelns, den die Staatsmänner künftig nur noch auf eigene Gefahr mißachten werden.

Auf die auffallende Anregung des Grafen Czernin, ob nicht ein Meinungsaustausch zwischen Österreich-Ungarn und der Union den Weg zu allgemeinen Friedensverhandlungen bereiten könne, antwortete Präsident Wilson: Die Prüfung, ob es für die beiden Regierungen möglich sein werde, in dem Austausch der Meinungen irgendwie weiter zu gehen, sei einfach und klar. Die anzuwendenden Grundsätze seien folgende:

1. Jeder Teil der endgültigen Regelung müsse beruhen auf der wesentlichen Gerechtigkeit des besonderen Falles und auf einem solchen Ausgleich, von dem es am wahrscheinlichsten sei, daß er einen dauerhaften Frieden bringen werde.

2. Völker und Provinzen dürften nicht von einer Staatshoheit in die andere herumgeschoben werden, als wenn es sich um Figuren oder Steine in einem Spiel handle, auch wenn dieses Spiel das große, aber jetzt für immer diskreditierte Spiel des Gleichgewichts der Kräfte sei; vielmehr müßte.

3. jede Gebietsfrage, die durch diesen Krieg aufgeworfen worden sei, im Interesse und zum Vorteil der betreffenden Bevölkerung gelöst werden und nicht als ein Teil eines bloßen Ausgleichs oder Kompromisses zwischen rivalisierenden Staaten.

4. Allen klar umschriebenen nationalen Ansprüchen müsse die weitestgehende Befriedigung gewährt werden, die ihnen gegeben werden könne, ohne Elemente der Zwietracht und Feindschaft zu verewigen oder neu einzuführen, die geeignet wären, den Frieden Europas und damit den Frieden der Welt bald wieder zu stören.

Diese als fundamental zu betrachtenden Grundsätze seien, soweit er sehe, bereits überall als zwingend anerkannt außer von den Wortführern der deutschen Annexionisten und Militaristen. Der tragische Zustand sei, daß diese eine Partei in Deutschland gewillt und imstande sei, Millionen von Männern in den Tod zu senden, um zu verhindern, was alle Welt jetzt als gerecht anerkenne. Die Union sei in den Krieg nicht wegen eines geringen Anlasses eingetreten und könne auf dem eingeschlagenen Wege nicht umkehren. Die ganze Kraft der Vereinigten Staaten würde eingesetzt werden in diesem Krieg der Befreiung von der Drohung der Herrschaftsgelüste selbstsüchtiger Gruppen und autokratischer Herrscher.

Auch diese Kundgebung war ein merkwürdiges Gemisch von Doktrinarismus und Parteilichkeit, von Unkenntnis europäischer Verhältnisse und Verschlagenheit. Sie stellte allgemeine Grundsätze auf und verlangte deren Anwendung nur zu Lasten der Vierbundmächte. Sie ignorierte die historisch gewordenen Verhältnisse und die Gemengelage der Nationalitäten im deutschen Osten, in Österreich-Ungarn, auf dem Balkan und in der Türkei, die eine praktische Anwendung der Grundsätze unmöglich machten. Sie suchte die in höchstem Maße selbstsüchtigen Ziele der Ententemächte mit dem Mantel eines großen menschenfreundlichen Prinzips zu verhüllen. Sie bewies alles in allem den Mangel an gutem Willen und an Fähigkeit, den Auffassungen und Lebensnotwendigkeiten der Mittelmächte Verständnis zu zeigen und ihnen gerecht zu werden. Erneut zeigte sich, daß der »arbiter mundi« trotz seiner hohen Worte dem hohen Beruf nicht gewachsen war, zu dem ihn das Schicksal geführt hatte.

Was wollte es angesichts der Sachlage bedeuten, wenn vereinzelte Stimmen bei unseren Gegnern sich für einen Frieden im Wege der Verständigung erhoben, wenn nach Lansdowne z. B. der frühere britische Minister Runciman sich für einen unmittelbaren Gedankenaustausch zwischen Vertretern der kriegführenden Parteien als den einzigen Weg aussprach, der den Weg zum Frieden erschließen könne!

An der Sachlage wurde auch nichts dadurch geändert, daß Graf Hertling am 25. Februar im Reichstag den vier von dem Präsidenten Wilson in seiner Kongreßansprache vom 11. Februar formulierten Sätzen ausdrücklich und grundsätzlich beistimmte und unter Bewegung des Hauses erklärte, daß ein allgemeiner Friede auf solchen Grundlagen erörtert werden könne. Er machte allerdings einen Vorbehalt, daß diese Grundsätze nicht nur von dem Präsidenten der Union vorgeschlagen, sondern von allen Staaten und Völkern tatsächlich anerkannt werden müßten.

Die Aussichtslosigkeit der Sache des Friedens wurde drei Tage nach dieser Erklärung durch eine Erörterung im britischen Unterhaus bestätigt. Auf eine Anfrage aus dem Hause, die von der grundsätzlichen Zustimmung des Grafen Czernin zu den vierzehn Punkten des Wilson-Programms ausging, erklärte Balfour, die Rede des Grafen Czernin sei offenbar mißverstanden worden; man könne sich kein Polen denken ohne die ihm von Deutschland entrissenen Provinzen, aber deren Rückgabe werde sicherlich nicht in den Absichten des Grafen Czernin liegen. -- Mit dieser Wendung erkannte Balfour an, daß für gewisse Punkte des Wilson-Programms eine Annahme seitens der Mittelmächte überhaupt nicht erwartet werden konnte. -- Weiter führte Balfour aus, daß auch die letzte Rede des Grafen Hertling keine Grundlage für Verhandlungen biete. Wenn man Verhandlungen beginnen wolle, bevor man die Aussicht auf ihre erfolgreiche Durchführung habe, so wäre das das größte Verbrechen gegen den Weltfrieden.

Mit anderen Worten, die Entente-Staatsmänner waren sich klar darüber, daß ihre Kriegsziele nicht durch Verhandeln mit einem unbesiegten Gegner, sondern nur durch Diktieren nach errungenem Siege erreichbar seien; und deshalb waren sie entschlossen, in dem Vertrauen auf die allmählich wirksam werdende amerikanische Hilfe weiterzukämpfen.

Kein anderes Ergebnis als die öffentlichen Friedensgespräche der leitenden Staatsmänner hatten vertrauliche Sondierungen und Unterhaltungen.

Durch spätere Mitteilungen des Grafen Czernin -- in einer Rede vom 2. April 1918 -- ist bekannt geworden, daß die im August 1917 ergebnislos verlaufenen Besprechungen zwischen dem Major Grafen Armand und dem Grafen Revertera[5] im Februar 1918 in der Schweiz wiederaufgenommen worden sind; Graf Czernin hat behauptet, auf Initiative des Herrn Clemenceau. Herr Clemenceau hat nicht die Tatsache dieser neuen Verhandlungen und deren vom Grafen Czernin dargestellten Verlauf, aber seine Initiative auf das heftigste bestritten und den Grafen Czernin einen Lügner genannt. Im weiteren Verlauf dieses Streites hat dann Herr Clemenceau den Brief des Kaisers Karl an den Prinzen Sixtus von Parma vom 31. März 1917 veröffentlicht und dadurch den kaiserlichen Herrn des Grafen Czernin und diesen selbst in eine so schwierige Lage gebracht, daß Graf Czernin sich genötigt sah, am 14. April 1918 seinen Abschied zu nehmen.

[5] Siehe oben S. 145.

Aber die Frage der Initiative ist hier gleichgültig. Wesentlich ist lediglich die nicht bestrittene Tatsache, daß Graf Czernin im Einvernehmen mit der deutschen Regierung die Anfrage des Grafen Armand, die er als im Auftrage Clemenceaus gestellt ansah, in den letzten Tagen des Februar 1918 zum Zweck der Mitteilung an Herrn Clemenceau dahin beantworten ließ, Graf Czernin sei zu einer Aussprache mit einem Vertreter Frankreichs bereit und halte ein Gespräch mit Aussicht auf Erfolg für möglich, sobald Frankreich nur auf seine Eroberungsabsicht betreffs Elsaß-Lothringens verzichte. Dem Grafen Revertera wurde hierauf namens des Herrn Clemenceau erwidert, dieser sei nicht in der Lage, die vorgeschlagene Verzichtleistung Frankreichs auf die »Desannexion« anzunehmen. Unter diesen Umständen erschien auf beiden Seiten jede weitere Verhandlung zwecklos.

So hatte sich abermals das Wort als ohnmächtig erwiesen, dem Kriege ein Ziel zu setzen, sowohl das öffentliche Wort der leitenden Staatsmänner, wie die vertrauliche Aussprache von Mittelspersonen. Nun lag die letzte Entscheidung beim Schwert. Auf beiden Seiten wurden alle Kräfte angespannt zu dem größten und schwersten Völkerringen, unter dessen Wucht jemals die Erde erzitterte.

Deutschlands Heerführer vermochten, wenn auch eine nicht unbeträchtliche Truppenmacht infolge der mangelhaft geklärten Verhältnisse im Osten gebunden blieb, auf dem westlichen Kriegsschauplatz ein Heer zu versammeln, wie es niemals in der Geschichte ein einziges Volk ins Feld gestellt hat. Lloyd George hat später -- am 10. April 1918 -- im Unterhaus erklärt, noch im Spätherbst sei das Verhältnis der deutschen Truppen zu denen der Alliierten auf dem westlichen Kriegsschauplatz wie 2:3 gewesen; diese zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten sei infolge der Heranziehung deutscher Truppen aus dem Osten nahezu ausgeglichen worden.

Seit der Marneschlacht hatten wir in Frankreich einem weit überlegenen Gegner in der Verteidigung standhalten müssen. Zum erstenmal stand jetzt wieder die Partie auf dem westlichen Kriegsschauplatz zahlenmäßig annähernd gleich auf gleich.

Auch in der Ausrüstung mit Kriegsgerät aller Art waren wir aus dem Zustand unbedingter Unterlegenheit herausgekommen; einmal dadurch, daß das Hindenburg-Programm, nach den anfänglichen Übertreibungen, der Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit und der deutschen Hilfsquellen besser angepaßt worden war; ferner ohne Zweifel auch dadurch, daß der U-Bootkrieg die Ausstattung der feindlichen Heere mit Kriegsgerät empfindlich beeinträchtigte. Die Nahrungssorgen konkurrierten scharf mit dem Heeresbedarf an Munition. Die britischen Staatsmänner richteten dringende Hilferufe an Amerika, zur Ersparung von Frachtraum »Stahl statt Erz und Granaten statt Stahl« zu schicken.

Wie weit damals, unmittelbar vor unserer großen Offensive, die Schiffsraumnot bei unseren Feinden gestiegen war, das zeigte sich in dem Verhalten der Entente und der Vereinigten Staaten gegen die Niederlande. In der ersten Märzhälfte verlangte die Entente von den Niederlanden, daß sie ihren Schiffsraum den Zwecken der Alliierten dienstbar machen sollten. Es wurde nicht nur die Auslieferung der sämtlichen in den Häfen Amerikas und der Ententeländer liegenden niederländischen Schiffe verlangt, sondern darüber hinaus noch die Auslieferung von 300000 Bruttotonnen in Schiffen, die in den Niederlanden selbst aufgelegt worden waren. Um dieser unerhörten Forderung Nachdruck zu geben, drohten die Alliierten den Niederlanden mit der Requisition aller in ihren Häfen liegenden und auf hoher See befindlichen holländischen Schiffe sowie mit einer Sperrung der Zufuhr von Lebensmitteln für die niederländische Bevölkerung.

Die niederländische Regierung zeigte sich zunächst entschlossen, sich diesem Zwang nicht zu fügen. Die Knappheit von Brotgetreide und die dadurch bedingte Abhängigkeit von auswärtigen Zufuhren erschwerten ihr jedoch ihre Stellung im höchsten Maße. Sie wandte sich an die deutsche Regierung mit der Anfrage, ob Deutschland in der Lage und bereit sei, mit Getreide auszuhelfen. Die Zusage von 100000 Tonnen Getreide hätte damals genügt, um Holland das Durchhalten gegenüber dem Druck der Alliierten zu ermöglichen. Zwar wären auch in diesem Fall die in den feindlichen Häfen liegenden und die auf hoher See schwimmenden holländischen Schiffe in der Gewalt der Alliierten gewesen; aber die 300000 Bruttotonnen Schiffsraum, die in den Niederlanden selbst lagen, wären unseren Feinden vorenthalten worden. Die 100000 Tonnen Getreide, die Holland als Rückendeckung von uns verlangte, hätten für unsere Bevölkerung, verteilt auf die nahezu fünf Monate bis zur neuen Ernte, etwa 10 g auf den Kopf und Tag ausgemacht. Gewiß angesichts der ohnehin schmalen Kopfrate eine empfindliche Einschränkung. Aber auf der anderen Seite stand die Möglichkeit, unseren Feinden in jener entscheidenden Zeit den Schiffsraum vorzuenthalten, dessen Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit sie gerade durch ihr brutales Vorgehen gegen die Niederlande anerkannten. Ich habe mich damals an den Reichskanzler gewendet und ihm auf das dringendste geraten, die von den Niederlanden erbetene Zusage zu geben. Sie wurde jedoch nach Befragen des Kriegsernährungsamts abgelehnt, und nun blieb den Niederlanden nichts anderes übrig, als vor den Alliierten unter Protest zu kapitulieren. Am 18. März nahm die holländische Regierung das von den Alliierten gestellte Ultimatum an und gab den von diesen verlangten Schiffsraum für deren Zwecke frei. Zwar machte sie dabei den Vorbehalt, daß die Schiffe keine Truppen oder Kriegsmaterial transportieren dürften und nicht bewaffnet werden sollten; aber die englische und amerikanische Regierung gingen auch über diesen Vorbehalt zur Tagesordnung über.

So schloß der letzte Versuch, vor dem Anheben des großen Endkampfes vielleicht doch noch zu einem Frieden des Ausgleiches und der Verständigung zu kommen, mit der brutalen Vergewaltigung eines Staates, der in diesem Kriege keinen anderen Wunsch hatte, als seine Neutralität auf das peinlichste zu bewahren. Dieser Gewaltakt bekundete und bestätigte mit einer Deutlichkeit, die alle Reden übertönte, die unbeugsame, vor keinem Opfer und keiner Gewalttat zurückschreckende Entschlossenheit unserer Feinde, bis ans Ende zu gehen und alles an den Sieg ihrer Sache zu setzen. Nur die Verderber der öffentlichen Meinung in Deutschland wollten nicht sehen noch hören.

Die große Offensive