Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 22

Chapter 223,187 wordsPublic domain

Als er am 5. Januar vor den Vertretern der Gewerkschaften erschien, um bei diesen Stimmung für die geplanten großen militärischen Neuforderungen zu machen, dämpfte er merklich den Ton. Seiner Rede gab er besonderen Nachdruck durch die Erklärung, daß sie das Ergebnis von Besprechungen mit Vertretern der Arbeiterpartei, ferner mit Asquith und Grey sowie mit Vertretern der großen Dominions sei, also nicht nur die Meinung der Regierung, sondern des ganzen Britischen Reiches wiedergebe. Er führte aus: Mit dem größten Widerstreben sei England in den Krieg eingetreten, nur um die Verträge aufrechtzuerhalten, auf denen die Ordnung Europas beruhe und die Deutschland zertreten habe. Es sei nicht Englands Absicht, Deutschlands Stellung in der Welt zu erschüttern und zu vernichten; nur Deutschlands Streben nach einer militärischen Vorherrschaft müsse gebrochen werden. Auch sei England nicht in den Krieg gegangen, um die monarchische Verfassung Deutschlands zu zerstören; es sei allerdings seine Meinung, daß die Annahme eines wahrhaft demokratischen Systems durch Deutschland der überzeugendste Beweis vom Verschwinden des alten Geistes militärischer Vorherrschaft wäre und es leichter machen würde, einen auf breiter demokratischer Grundlage beruhenden Frieden zu schließen. -- Lloyd George blies also in diesem Punkte dieselbe Melodie wie Wilson. -- Als Kriegsziele bezeichnete er: die vollkommene Wiederherstellung Belgiens und Schadenersatz für seine verwüsteten Städte und Provinzen; die Wiederherstellung Serbiens, Montenegros und der besetzten Teile Frankreichs, Italiens und Rumäniens. Er fügte hinzu, England werde die französische Demokratie bis in den Tod unterstützen bei ihrer Forderung auf eine »reconsideration« (Wiedererwägung oder Wiedergutmachung?) des großen Unrechtes von 1871. Er sprach sich ferner für ein unabhängiges Polen aus, das alle Gebiete umfasse, die sich ihm anzuschließen wünschten. Österreich-Ungarn solle nicht zerrissen werden, müsse aber seinen Nationalitäten Selbstregierung gewähren. Das Türkische Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt könne bleiben, aber die Meerengen müßten neutralisiert werden, und Armenien, Arabien, Mesopotamien und Syrien müßten das Recht auf Anerkennung ihrer besonderen nationalen Verhältnisse erhalten. Über die deutschen Kolonien müsse eine Konferenz entscheiden, die in erster Linie die Wünsche und Interessen der Eingeborenen zu berücksichtigen habe. Schließlich müsse ein ernsthafter Versuch gemacht werden, eine friedliche Regelung internationaler Fragen an die Stelle des Krieges, dieses Restes alter Barbarei, zu setzen.

Auf diese Rede Lloyd Georges erfolgte am 8. Januar eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den Kongreß, die in ihrem Gedankengang eine auffallende Übereinstimmung mit der drei Tage zuvor gehaltenen Rede Lloyd Georges zeigt. Diese Botschaft sollte späterhin dadurch eine besondere historische Bedeutung erlangen, daß die deutsche Regierung Anfang Oktober 1918 bei ihrem Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden auf die in ihr entwickelten 14 Programmpunkte des Weltfriedens zurückgriff und daß die alliierten Regierungen diese 14 Punkte mit zwei Vorbehalten als Grundlage des abzuschließenden Friedens annahmen.

Wilson ging sehr geschickt aus von den inneren Unstimmigkeiten, die aus dem Verhalten der Vertreter der Zentralmächte bei den Brester Verhandlungen zutage traten. Er stellte die Frage: »Wem haben wir nun eigentlich zugehört? Denen, die den Geist und die Absicht der Resolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, den Geist und die Absicht der liberalen Führer Deutschlands verkündeten, oder denen, die diesem Geist und dieser Absicht Widerstand leisten, sie verachten und auf Eroberung und Unterwerfung bestehen? Oder hören wir am Ende beide unversöhnt und in offenem und hoffnungslosem Widerspruch?« Aber einerlei, wie diese Frage sich beantworte, es bestehe kein Grund, die Aufforderung der Mittelmächte nach Bekanntgabe der Kriegsziele nicht mit der äußersten Offenheit zu beantworten. Die Vereinigten Staaten seien in den Krieg eingetreten, weil Rechtsverletzungen vorgekommen seien, die an ihren Lebensnerv rührten. Sie verlangten in diesem Kriege nichts für sich selbst; sie verlangten nur, daß das Leben in der Welt würdig und sicher gemacht werde, und dieses Interesse sei allen Völkern gemeinsam. Das Programm der Vereinigten Staaten sei daher das Programm des Weltfriedens, und dieses einzig mögliche Programm enthalte die folgenden Punkte:

1. Offene und öffentlich zustandegekommene Friedensverträge, nach deren Zustandekommen es keine geheimen internationalen Abmachungen irgendwelcher Art mehr geben solle; vielmehr solle die Diplomatie immer offen und vor aller Welt getrieben werden.

2. Vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren außerhalb der territorialen Gewässer sowohl im Frieden wie im Krieg, soweit nicht etwa die Meere durch eine internationale Aktion zwecks Durchsetzung internationaler Verträge ganz oder teilweise geschlossen werden sollten.

3. Die Beseitigung, soweit sie möglich ist, aller wirtschaftlichen Schranken und die Errichtung einer Gleichheit der Handelsbedingungen unter allen Nationen, die sich dem Frieden anschließen und sich zu seiner Aufrechterhaltung zusammenfinden.

4. Es sollen geeignete Garantien gegeben und genommen werden, daß die nationalen Rüstungen auf das niedrigste mit der inneren Sicherheit verträgliche Maß herabgesetzt werden.

5. Eine freie, offenherzige und unbedingt unparteiische Regelung aller kolonialen Ansprüche, beruhend auf der strikten Beobachtung des Grundsatzes, daß bei der Entscheidung solcher Souveränitätsfragen die Interessen der betroffenen Bevölkerung ein ebensolches Gewicht haben sollen wie die berechtigten Ansprüche der Regierung, deren Rechtstitel bestimmt werden sollen.

6. Räumung aller russischen Gebiete und eine Regelung aller Rußland betreffenden Fragen, die Rußland die beste und freieste Mitwirkung aller anderen Nationen der Welt zum Zweck der Erlangung einer unbehinderten und unbeeinträchtigten Möglichkeit der unabhängigen Bestimmung der eigenen politischen Geschicke und der nationalen Politik sichert und Rußland eine herzliche Aufnahme in die Gesellschaft der freien Nationen gewährleistet, desgleichen jede Hilfe, die Rußland nötig haben und wünschen sollte.

7. Belgien muß geräumt und wiederhergestellt werden, und zwar ohne jeden Versuch der Beschränkung seiner Souveränität, deren es sich in gleicher Weise wie alle anderen freien Nationen erfreuen soll.

8. Alles französische Gebiet müßte befreit werden, und das besetzte Gebiet und das im Jahre 1871 Frankreich in Sachen Elsaß-Lothringens von Preußen zugefügte Unrecht, das nahezu fünfzig Jahre lang den Weltfrieden in Frage gestellt hat, müßte in Ordnung gebracht werden, damit im Interesse aller noch einmal Friede gemacht werden kann[3].

[3] Der englische Text lautet reichlich unklar:

All french territory should be freed, and the invaded portions and the wrong done to France by Germany in 1871 in the matter of Alsace-Lorraine -- which has unsettled the peace of the world nearly fifty years -- should be righted in order that peace may once more be made in the interest of all.

9. Eine Berichtigung der italienischen Grenzen sollte bewirkt werden nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität.

10. Den Völkern Österreich-Ungarns, dessen Platz wir unter den Nationen gewahrt und gesichert zu sehen wünschen, müßte die erste Gelegenheit einer autonomen Entwicklung gegeben werden.

11. Rumänien, Serbien und Montenegro müßten geräumt, die besetzten Gebiete wiederhergestellt werden, Serbien müßte einen freien und sicheren Zugang zum Meere erhalten, und die gegenseitigen Beziehungen der Balkanstaaten müßten durch freundschaftliche Beratung gemäß den geschichtlich gewordenen Grundlinien von Zusammengehörigkeit und Nationalität bestimmt werden; außerdem müßten internationale Garantien für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und die territoriale Integrität der einzelnen Balkanstaaten geschaffen werden.

12. Den türkischen Teilen des gegenwärtigen Ottomanischen Reiches müßte eine sichere Souveränität gewährleistet werden. Aber die anderen Nationalitäten, die jetzt unter türkischer Herrschaft stehen, müßten eine unzweifelhafte Sicherheit des Lebens und eine vollkommen unbeeinträchtigte Möglichkeit der autonomen Entwicklung erhalten; die Dardanellen müßten unter internationalen Garantien dauernd als freie Durchfahrt für die Schiffe und den Handel aller Nationen geöffnet werden.

13. Ein unabhängiger polnischer Staat müßte errichtet werden, der die von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete einschließen, einen freien und gesicherten Zugang zum Meer erhalten und dessen politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und territoriale Integrität durch internationalen Vertrag garantiert werden sollte[4].

[4] Englischer Text: An independent Polish State should be erected which should include territories inhabited by indisputably Polish population, which should be assured a free and secure access to sea, and whose political and economic independance and territorial integrity should be garanteed by international covenant.

14. Es muß eine allgemeine Vereinigung der Nationen unter bestimmten Vertragsbedingungen gebildet werden zum Zweck gegenseitiger Garantie politischer und territorialer Unabhängigkeit auch für kleine Staaten.

Wilson erklärte, daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten bis zur Erfüllung dieser Forderungen kämpfen würden, lediglich aus dem Wunsche, das Recht zum Siege zu führen und einen gerechten und dauerhaften Frieden herbeizuführen. Er betonte erneut, daß den Vereinigten Staaten jede Eifersucht auf Deutschlands Größe fernliege und daß diese durch nichts in seinem Programm beeinträchtigt werde. »Wir neiden Deutschland keine Errungenschaft oder Auszeichnung in der Wissenschaft oder in friedlichen Unternehmungen. Wir wollen Deutschland nicht schädigen oder irgendwie seinen rechtmäßigen Einfluß oder seine Macht beschränken. Wir wünschen nicht, Deutschland zu bekämpfen, sei es mit den Waffen, sei es mit wirtschaftlichen Kriegsmaßnahmen, wenn es bereit ist, sich mit uns und anderen friedliebenden Nationen der Welt in Verträgen über Recht, Gerechtigkeit und anständigen Handel (fair trading) zu einigen. Wir wünschen nur, daß Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern der Welt einnimmt -- der neuen Welt, in der wir leben -- statt eines Herrscherplatzes. Ebensowenig vermessen wir uns, Deutschland irgendeine Änderung seiner Staatseinrichtungen vorzuschlagen; aber es ist notwendig -- wir müssen das offen aussprechen -- und notwendig als Voraussetzung für jedes vertrauensvolle Verhandeln von unserer Seite, daß wir wissen, für wen seine Wortführer sprechen, wenn sie mit uns reden, ob für die Reichstagsmehrheit oder für die Militärpartei und die Leute, deren Credo imperialistische Herrschaft ist.«

Ebenso wie die Rede Lloyd Georges vom 5. Januar unterschied sich diese Botschaft Wilsons im Ton vorteilhaft von früheren Kundgebungen. Dem Inhalt nach mußte jedoch das Wilsonsche Programm bei dem damaligen Stande des Krieges in wichtigen Punkten unannehmbar, ja undiskutierbar erscheinen. Deutschland, das jetzt gerade mit seinem unter gewaltigen Anstrengungen und Opfern zu Boden geworfenen russischen Nachbarn verhandelte, sollte seine Ostmarken, die durch mehr als ein Jahrhundert deutscher Kulturarbeit zur Blüte gebracht und mit dem Reiche zusammengewachsen waren, an den durch die deutschen Siege erst wieder möglich gewordenen und durch die Proklamation der beiden verbündeten Kaiser erst wieder ins Leben gerufenen polnischen Staat herausgeben? Deutschland, das einen großen Teil von Nordfrankreich besetzt hielt, das jetzt nach dem Ostfrieden ein Heer von nie gesehener Stärke auf dem westlichen Kriegsschauplatz vereinigte, sollte Elsaß-Lothringen, ein Land mit 87% deutschsprechender Bevölkerung, an Frankreich ausliefern? Ein unbesiegtes Deutschland sollte seine Bundesgenossen treulos im Stich lassen, sich mit der Zertrümmerung der Türkei und der Einmischung der Westmächte in die inneren Verhältnisse der Donaumonarchie einverstanden erklären? Das alles angesichts der Tatsache, daß der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Nationalitäten in dem Wilson-Programm lediglich zum Nachteil Deutschlands und seiner Verbündeten angewendet wurde, nicht aber auf das britische Weltreich, für das seine Anwendung ebenso verhängnisvoll wirken mußte wie für Österreich-Ungarn und die Türkei, und angesichts Irlands jedenfalls verhängnisvoller als für das im großen ganzen national geschlossene Deutschland.

Die Erkenntnis der gewaltigen Kluft, die auch bei gutem Willen zwischen den beiden Mächtegruppen lag, fehlte auch auf der anderen Seite nicht. Balfour sprach am 11. Januar in Edinburgh aus, die Kriegsziele der beiden Parteien seien offenbar nicht miteinander zu versöhnen. Deutschland führe seine Jugend zur Schlachtbank, nur um zu verhindern, daß das Unrecht von 1871 rückgängig gemacht, daß Belgien wieder in seinen früheren Zustand gebracht, daß das Werk der Einheit Italiens vollendet, daß die Missetat der Teilung Polens wieder gutgemacht werde; Deutschland wolle, daß Mesopotamien, Arabien und Jerusalem wieder unter die Gewalt der Türken kämen; die Wunden Serbiens, Montenegros und Rumäniens sollten nicht geheilt, und Griechenland solle denen ausgeliefert werden, die es verraten hätten. -- Das war durch die britische Brille gesehen und für den Gebrauch der öffentlichen Meinung der Ententestaaten gefärbt. Aber wenn man von den tendenziösen Behauptungen über Belgien und die Balkanstaaten absieht -- Fragen, über die wir zu verhandeln bereit waren und an denen von uns aus, wie Balfour wissen konnte, niemals der Friede gescheitert wäre --, was blieb dann als die Feststellung, daß Deutschland und seine Verbündeten einen Verteidigungskrieg für ihren Bestand führten, daß aber die Alliierten Elsaß-Lothringen und die Ostmark vom Deutschen Reich, die Gebiete der Irredenta und Galizien von Österreich, Mesopotamien, Arabien und Syrien von der Türkei losreißen wollten? Und dabei gestand Balfour nur einen Teil der wirklichen Kriegsziele der Alliierten ein. Von Englands Absicht der Zerstörung aller weltwirtschaftlichen Beziehungen und Stützpunkte Deutschlands -- einer Absicht, die es seit dem ersten Tag des Krieges überall, wohin sein Arm reichte, hatte zur Tat werden lassen, -- war mit keinem Wort die Rede. In diesem Konflikt zwischen den Verteidigungszielen des Vierbundes und den Eroberungs- und Vernichtungszielen der Alliierten lag immer und immer wieder das Friedenshindernis!

War dieser Konflikt unlösbar? Durfte auf den Versuch verzichtet werden, den Frieden vor neuen furchtbaren Kämpfen durch eine Fortsetzung der Friedensgespräche anzubahnen?

Die neuesten Kundgebungen Lloyd Georges, Balfours und Wilsons schienen wenigstens in ihrem Ton nicht alle Aussichten zu verschließen. Außerdem sprachen gewisse Anzeichen für eine weitere Zunahme der Schwierigkeiten der Alliierten, Schwierigkeiten, von denen man eine Förderung der friedensfreundlichen Tendenzen vielleicht erwarten konnte.

Vor allem steigerten sich infolge des U-Bootkriegs auch für die Entente erneut die Ernährungssorgen, die nach der Einbringung der neuen Ernte zunächst behoben schienen. Die amerikanische Regierung sah sich genötigt, unerwartet starken Anforderungen ihrer Verbündeten zu entsprechen. Reuter meldete am 12. Januar 1918 aus Washington, daß die Höchstmenge der normalen Weizenausfuhr der Union schon gegen Ende Dezember verladen gewesen sei, daß aber gleichwohl die Unionsregierung angesichts des bei den Alliierten herrschenden Mangels Vorbereitungen für die Lieferung von weiteren 90 Millionen Bushels (gleich 2-1/2 Millionen Tonnen) treffe. Zu diesem Zweck seien weitere Einschränkungen des amerikanischen Verbrauches geplant. Reuter fügte hinzu: »Die Entscheidung, ob das Abkommen mit den Alliierten über den Transport amerikanischer Truppen nach Europa dadurch berührt wird, bleibt den Alliierten überlassen. Einzelne amerikanische Beamte sind der Ansicht, daß die Alliierten vorerst der Lieferung von Getreide den Vorzug geben werden.«

Daneben machte der Heeresersatz der britischen Regierung fortgesetzt große Schwierigkeiten. Sir Auckland Geddes teilte am 15. Januar dem Unterhause mit, daß die Mittelmächte durch das Ausscheiden Rußlands einen Kräftezuwachs von mindestens 1-1/2 Millionen Mann erhalten hätten, von denen sie die Mehrzahl an die Westfront werfen könnten; demgegenüber müsse England sofort 400-500000 Mann aus denjenigen Gruppen ausheben, die jetzt noch im bürgerlichen Leben ständen. Lloyd George sah sich genötigt, an die Gewerkschaften, deren Zustimmung und Mitwirkung für das Aufbringen des Heeresersatzes unerläßlich war, am 19. Januar einen neuen dringenden Appell zu richten. »Wir stehen vor der Alternative,« sagte er, »entweder den Kampf mit allen Kräften fortzusetzen, oder es zu machen wie das russische Heer und nach Hause zu gehen... Wenn wir nicht bereit sind, mit aller Macht Widerstand zu leisten, werden die Deutschen die Herrschaft über die Welt antreten, und die Demokratie Englands, Frankreichs, ja ganz Europas wäre der grausamsten Militärautokratie ausgeliefert. Resolutionen machen auf Hindenburg keinen Eindruck; das tuen nur Kanonen.« Der Kampf gegen die preußische Militärkaste, so fuhr Lloyd George fort, sei derselbe, den er mit den Arbeitern in England gegen die Aristokratie und die Privilegierten geführt habe, und er hoffe, daß sie auch in Zukunft zusammen gegen alle Privilegien kämpfen würden. Er schloß mit den Worten: »Wenn jemand irgendeine gerechte und ehrenhafte Lösung zu finden weiß, um aus diesem Krieg ohne weiteren Kampf herauszukommen, so mag er dies um Gottes willen sagen. Meine Überzeugung ist, daß wir nur die eine Wahl haben: Weiterkämpfen oder unterliegen.«

Noch niemals hatte man bisher im Laufe des Krieges solche Worte von dem den Mund leicht etwas voll nehmenden Walliser gehört.

Bemerkenswert wie diese Rede war auch die sich daran anschließende Debatte. So erklärte Lloyd George auf eine Anfrage, die elsaß-lothringische Frage müsse Frankreich entscheiden, aber England müsse auf der Seite Frankreichs stehen. Das war eine etwas mattherzige Unterstützung des französischen Kriegsziels. Auf eine weitere Anfrage erklärte er, sobald die Deutschen die geringste Geneigtheit zeigten, über einen Frieden auf billiger Grundlage zu verhandeln, werde auf englischer Seite nicht der geringste Widerspruch gegen die Anbahnung von Friedensverhandlungen vorhanden sein. Das klang wesentlich weicher als die harten Worte des Hohnes, mit denen die britische Regierung den deutschen Friedensvorschlag zurückgewiesen hatte.

Dazu kamen Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten. Während die Kundgebungen Wilsons und Lloyd Georges genau aufeinander abgestimmt waren, kamen aus Frankreich andersklingende Töne. Am 12. Januar hatte Herr Pichon in der französischen Kammer eine Interpellation über die Kriegsziele der Alliierten und über die Verweigerung der Pässe an die französischen Sozialisten, die in Petersburg mit der Sowjetregierung Fühlung nehmen wollten, zu beantworten. Während Herr Wilson Worte hoher Sympathie für Sowjetrußland und die von Trotzki proklamierten Friedensgrundsätze gesprochen hatte, erklärte Herr Pichon, die bolschewistische Regierung werde von den Alliierten nicht anerkannt; sie habe die Verträge mit ihren Verbündeten für nichtig erklärt und Friedensbedingungen aufgestellt, denen zuzustimmen sowohl Pflicht wie Interesse verböten. Weiter teilte er mit, er habe nach seiner -- obenerwähnten -- Rede vom 27. Dezember bei den Alliierten angefragt, ob es nicht angezeigt sei, eine zu vereinbarende gemeinschaftliche Erklärung über die Kriegsziele abzugeben. Die Antwort habe verneinend gelautet. Die Forderung auf Veröffentlichung der Antworten könne er nicht erfüllen. --

Die feindlichen Staatsmänner hatten gesprochen. Jetzt hatten die Leiter unserer politischen Geschicke das Wort.

An einem und demselben Tag, am 24. Januar, sprachen Graf Czernin in Wien vor dem österreichischen Delegationsausschuß, Graf Hertling in Berlin vor dem Hauptausschuß des Reichstags.

Graf Czernin sprach die Überzeugung aus, daß nicht nur die Brester Verhandlungen zu einem guten Ende kommen würden, sondern daß auch der allgemeine Friede im Reifen sei. In dieser Überzeugung sei er bestärkt worden durch Wilsons Friedensangebot, in dem er eine bedeutende Annäherung an den österreichisch-ungarischen Standpunkt erblicke. Allerdings werde die Donaumonarchie ihre Bündnispflichten getreu erfüllen und den vorkriegerischen Besitzstand ihrer Bundesgenossen verteidigen wie den eigenen; ferner lehne er Ratschläge, wie Österreich im Innern zu regieren sei, höflich, aber entschieden, ab. Er äußerte sich dann großenteils zustimmend zu den einzelnen Punkten des Wilsonschen Programms. Hinsichtlich der auf Italien und die Balkanstaaten bezüglichen Punkte bemerkte er, daß er sich weigere, als Assekuranz für feindliche Kriegsabenteuer zu figurieren und einseitig Konzessionen zu machen, die nur den Feinden ermöglichten, den Krieg ins Endlose fortzuschleppen. Italien habe vor seinem Eintritt in den Krieg Gelegenheit gehabt, ohne Schwertstreich einen großen territorialen Erwerb zu machen; es habe abgelehnt und Hunderttausende an Toten und Milliarden an Werten verloren, nur um das, was es umsonst haben konnte, auf immer zu verlieren. In bezug auf das polnische Problem nähere er sich den Auffassungen Wilsons, ebenso in anderen Punkten, so daß die Erwägung nahe liege, ob nicht ein »Gedankenaustausch zwischen Österreich-Ungarn und den Vereinigten Staaten den Ausgangspunkt für eine allgemeine versöhnliche Aussprache bilden könne«.

Graf Hertling erkannte in seiner Rede an, daß sowohl Lloyd George als auch Wilson den Ton ihrer Ausführungen geändert hätten. Aber dem Optimismus, wie er sich daraufhin namentlich in manchen Stimmen des neutralen Auslandes zeige, könne er nicht ganz folgen. Nach allgemeinen Ausführungen über die Friedfertigkeit der deutschen Politik besprach er der Reihe nach die 14 Punkte des Wilson-Programms.

Mit den Punkten 1, 2, 3 und 4 -- Ausschluß der Geheimdiplomatie, Freiheit der Meere, Wirtschaftsfreiheit, Rüstungsbeschränkung -- erklärte er sich grundsätzlich einverstanden.

Zu Punkt 5, betreffend die kolonialen Fragen, bemerkte er, daß die praktische Durchführung des von Wilson aufgestellten Grundsatzes in der Welt der Wirklichkeit einigen Schwierigkeiten begegnen werde; zunächst könne es jedenfalls dem großen Kolonialreiche England überlassen bleiben, wie es sich mit dem Vorschlage seines Verbündeten abfinden wolle. Bei der unbedingt auch von Deutschland geforderten Neugestaltung des Weltkolonialbesitzes werde von diesem Programmpunkt seinerzeit die Rede sein.

Zu Punkt 6, der Räumung der besetzten russischen Gebiete, stellte er fest, daß die Ententestaaten es abgelehnt hätten, sich den Verhandlungen zwischen den Vierbundmächten und Rußland anzuschließen, und daß er deshalb eine nachträgliche Einmischung ablehnen müsse; er halte an der Hoffnung fest, daß es unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der westlichen Randvölker des ehemaligen russischen Kaiserreiches gelingen werde, zu einem guten Verhältnis sowohl mit den neuen Randstaaten als auch mit dem übrigen Rußland zu gelangen.