Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 21

Chapter 212,965 wordsPublic domain

Ebensowenig wie in der Ukraine fanden in Finnland die Kämpfe der von den Mittelmächten anerkannten einheimischen Regierung mit den russischen Truppen und Roten Garden durch den Abschluß des Friedensvertrags ein Ende. Wenige Tage vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen den Vierbundmächten und Sowjetrußland, der diesem die sofortige Räumung Finnlands auferlegte, hatte die finnische Regierung durch ihre Berliner Bevollmächtigten ein offizielles Hilfegesuch an die deutsche Regierung gerichtet. Nachdem trotz der von Rußland im Brester Frieden übernommenen Verpflichtung die Kämpfe in Finnland unter Mitwirkung russisch-bolschewistischer Truppen fortdauerten, landeten Anfang April deutsche Truppen in Hangö. Mit deren Unterstützung gelang es der finnischen Regierung, der Rotgardisten Herr zu werden. Mitte Mai waren alle wichtigen Plätze Finnlands in den Händen der von den Deutschen unterstützten finnischen Regierungstruppen; aber an eine völlige Zurückziehung der deutschen Truppen war hier, wenn nicht der erzielte Erfolg sofort wieder aufs Spiel gesetzt werden sollte, ebensowenig zu denken wie in der Ukraine.

Ganz besonders schwierig gestalteten sich die Verhältnisse im Kaukasusgebiet. Türkische Truppen bemächtigten sich alsbald nach dem Abschluß des Friedens der nach dem Brester Vertrag von den russischen Truppen zu räumenden Bezirke Erdehan, Kars und Batum. Sie machten auch an den Grenzen dieser Bezirke nicht halt; es bedurfte eines fortgesetzten starken Druckes von deutscher Seite, um die türkischen Armeeführer, die sich auf strategische Notwendigkeiten, namentlich in Rücksicht auf den Fortgang der Kämpfe mit den Engländern im mittleren Mesopotamien, beriefen, einigermaßen zurückzuhalten. Aus dem Völkergewirr des Kaukasus entstanden nach der Auflösung der russischen Herrschaft neue Gebilde. Georgier, Armenier und Tataren suchten eigene Freistaaten zu bilden und sich dann zu einer transkaukasischen Republik zusammenzuschließen. Eine festere Form nahm jedoch von diesen Gebilden nur Georgien an, dessen Unabhängigkeit gegen Ende Mai 1918 durch den in Tiflis zusammengetretenen georgischen Landtag proklamiert wurde. Der neue georgische Staat suchte alsbald durch die Entsendung seines auswärtigen Ministers nach Berlin freundschaftliche Beziehungen mit Deutschland anzuknüpfen, die deutsche Anerkennung seiner Unabhängigkeit zu erlangen und sich die deutsche Unterstützung zu sichern. Herr von Kühlmann teilte am 24. Juni 1918 im Reichstag mit, daß das Deutsche Reich den Staat Georgien »durch diplomatischen Notenwechsel als de facto bestehend anerkannt« habe; für seine »juristisch-diplomatische Anerkennung« gälten dieselben Grundsätze wie hinsichtlich Estlands und Livlands. Das deutsche Interesse an Georgien wurde dadurch betont, daß der General von Kreß mit einer starken Schutzwache in diplomatischer Mission nach Tiflis entsandt wurde. In der Tat waren die Petroleumvorkommen von Baku, die durch eine durch Georgien führende Röhrenleitung mit Batum am Schwarzen Meer in Verbindung standen, vor allem aber die reichen georgischen Lager von Manganerz sowohl unmittelbar für die Fortsetzung des Krieges wie auch späterhin für die Übergangs- und Friedenszeit für Deutschlands Versorgung mit diesen beiden wichtigen Produkten von besonderer Bedeutung.

Das Interesse, das unsere Regierung und Heeresleitung an den kaukasischen Dingen nahm, brachte uns Reibungen nicht nur mit Sowjetrußland, sondern auch mit unserem türkischen Bundesgenossen, der geneigt war, das ganze Gebiet Kaukasiens als seine besondere Interessensphäre zu betrachten und zu behandeln. Der ganze mit den kaukasischen Angelegenheiten zusammenhängende Fragenkomplex wurde schließlich einer Konferenz überwiesen, die im Juni in Konstantinopel zusammentreten sollte.

Nimmt man hinzu, daß der Bukarester Friede die Dobrudschafrage und die Maritzafrage offengelassen hatte und daß die Durchführung wichtiger seiner Bedingungen die Fortdauer der Besetzung der Walachei durch eine ansehnliche Truppenmacht zur Voraussetzung hatte, so liegt zutage, daß die östlichen Friedensschlüsse den Krieg nach Osten weder diplomatisch noch militärisch vollständig liquidiert hatten. Schwierige Fragen, die nicht nur unser Verhältnis zu den bisherigen Feinden, sondern auch zu den neu entstehenden staatlichen Gebilden und vor allem auch zu unseren Bundesgenossen betrafen, blieben offen, wurden zum Teil erheblich verschärft oder tauchten neu auf. Wenn auch die kriegerischen Aktionen großen Ausmaßes ihr Ende gefunden hatten, so nahm doch der Kleinkrieg seinen Fortgang und erstreckte sich von Finnland bis zur Krim und dem Kaukasus, über erheblich weitere Gebiete als vorher die eigentlichen Feldzüge. Wohl konnte schon vor den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen und erst recht nach den Friedensschlüssen die große Masse der bisher im Osten kämpfenden Truppen für die Entscheidungskämpfe im Westen freigemacht werden; aber was in den weit ausholenden Expeditionen zu Kampfzwecken und in den kaum übersehbaren Gebieten zu Besatzungszwecken gebunden blieb, stellte immer noch eine stattliche Armee dar. Dazu kam, daß auch jetzt noch, nach dem Ausscheiden Rumäniens aus der Reihe unserer kriegführenden Feinde, das durch die griechische Armee verstärkte Ententeheer in Saloniki als dauernde Bedrohung unseres in hohem Maße erschöpften und auf unsere Hilfe angewiesenen bulgarischen Bundesgenossen verblieb und daß die gleichfalls stark erschöpfte türkische Armee in Syrien wie in Mesopotamien einen schweren Stand gegen die Engländer hatte und, ebenso wie das bulgarische Heer, auf unsere Hilfe Anspruch machte.

Auch wirtschaftlich brachten uns die östlichen Friedensschlüsse keineswegs in vollem Umfang die erwartete Entlastung. Die Ukraine blieb mit den vertragsmäßig zugesagten Getreidelieferungen erheblich im Rückstand. Nicht nur, daß die von der Zentralrada mit Hartnäckigkeit versuchte Verstaatlichung des Handels es nahezu unmöglich machte, das bei den Bauern noch vorhandene Getreide herauszuholen, daß die Zeit in endlosen Verhandlungen über die Gestaltung des Austausches verloren wurde, daß die Wiederherstellung der Verkehrsmittel große Schwierigkeiten machte und daß die politischen und sozialen Unruhen einen geregelten Wirtschaftsverkehr nicht aufkommen ließen, -- es stellte sich auch heraus, daß die ukrainischen Vertreter bei den Friedensverhandlungen die noch vorhandenen Bestände an Lebensmitteln bedeutend überschätzt hatten. Der vierjährige Krieg und schließlich die Revolution hatten die landwirtschaftliche Erzeugung selbst der wunderbaren »Schwarzen Erde« stark herabgedrückt. Der ukrainische »Brotfriede« erwies sich als eine Illusion.

In Rumänien standen die Dinge nicht viel günstiger. Der Feldzug hatte die Ernte des Jahres 1916 großenteils aufgebraucht und die Bestellung für das Jahr 1917 beeinträchtigt. Die Ernteaussichten für 1918 waren infolge anhaltender Trockenheit ausgesprochen schlecht. Die andere große Hilfe, auf die wir bei Rumänien rechneten, das Petroleum und seine Erzeugnisse, stand zunächst auch nur in beschränktem Umfang zur Verfügung; denn die Rumänen hatten die Anlagen und Vorrichtungen zur Gewinnung und Verarbeitung des Petroleums mit Hilfe englischer und amerikanischer Fachleute mit einem solchen Raffinement und einer solchen Gründlichkeit zerstört, daß die Wiederherstellung lange Zeit erforderte.

Am wenigsten befriedigend gestalteten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zu Sowjetrußland. Die von dort erwartete Hilfe in Nahrungs- und Futtermitteln wie in kriegswichtigen Rohstoffen blieb völlig aus. Es gelang nicht, auch nur den bescheidensten Warenaustausch in Gang zu bringen. Die inneren, in den Verhältnissen selbst begründeten Schwierigkeiten wurden gesteigert durch eine passive Obstruktion, die unverkennbar von den Männern der bolschewistischen Regierung, so sehr diese fortgesetzt ihren guten Willen betonte, unterstützt und geleitet wurde.

Die weitere Entwicklung der Dinge in Rußland erforderte unsere größte Aufmerksamkeit. Die Friedensschlüsse im Osten hatten zwar den militärischen Zusammenbruch unseres auf dem Kontinent stärksten Gegners besiegelt. Aber an Stelle der gewaltigen Militärmacht des Zaren war uns ein neuer gefährlicher Feind erstanden: der Bolschewismus. In Finnland und der Ukraine standen wir mit ihm in offenem Kampf, in Sowjet-Rußland verhinderte er die Auswirkung des Friedensschlusses, im eigenen Lande zehrte er als schleichendes Gift an den Wurzeln unserer Kraft. Mit diesem Feinde im Rücken hatten wir im Westen die Entscheidung herbeizuführen.

Die Entscheidung

Diplomatisches Zwischenspiel

Zu derselben Zeit, als Rußland endgültig zusammenbrach und die bolschewistische Regierung sich zu Friedensverhandlungen bereit erklärte, richtete Lord Lansdowne, der Leiter der britischen Außenpolitik in dem letzten konservativen Kabinett, einen Brief über Krieg und Frieden an die »Times«, der einen Umschwung in der Gesinnung der politischen Kreise Englands anzukündigen schien. Die »Times« verweigerten den Abdruck des Briefes. Lord Lansdowne ließ ihn daraufhin im »Daily Telegraph« veröffentlichen. Der Brief war eine besorgte Warnung vor der Überspannung der Kriegsziele und der Parole des Krieges bis zum Äußersten. Der Wirtschaftskrieg sei als Kriegsmittel gerechtfertigt; aber kein Vernünftiger könne auf die Dauer die feindlichen Mächte vom Welthandel ausschließen wollen. Von den territorialen Kriegszielen sei manches, was früher an erster Stelle gestanden habe, in die zweite Reihe gerückt; an erster Stelle stehe die Wiederherstellung Belgiens. »Wir werden den Krieg nicht verlieren, aber seine Weiterführung würde den Untergang der Kulturwelt herbeiführen. Der Krieg muß zu Ende gebracht werden, um die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren.«

Solche Worte aus der Feder eines britischen konservativen Führers, eines Mannes, dem pazifistische Gedankengänge fernlagen, der auf den Grundsätzen des britischen Imperialismus stand und praktisch-imperialistische Politik gemacht hatte, erregten natürlich in der ganzen Welt das größte Aufsehen. Beifall und Widerspruch waren in den alliierten Ländern geteilt. Am heftigsten griff die französische Presse Lord Lansdowne an, da sie ein Abrücken der britischen Politik von den französischen Eroberungszielen befürchtete. Bei uns und unseren Verbündeten erweckten die Äußerungen des Lords neue Hoffnung auf einen gerechten Verständigungsfrieden. Der Staatssekretär von Kühlmann äußerte im Hauptausschuß des Reichstags am 30. November 1917, vielleicht könne der Lansdowne-Brief »als ein hoffnungsvolles Zeichen dafür aufgefaßt werden, daß auch in England gemäßigte Stimmen Boden gewinnen«.

Aber bald erwies sich der Brief Lansdownes als die Stimme eines Predigers in der Wüste. In England selbst wurde er, ohne Widerspruch bei seinem Urheber zu finden, in einer Weise zurechtkommentiert, die den ursprünglichen Eindruck nahezu in sein Gegenteil verkehrte. Am 15. Dezember erklärte Lloyd George in öffentlicher Rede, der Brief Lansdownes sei bei Freund und Feind mißverstanden worden und habe auf der Pariser Konferenz der Alliierten, die zur Zeit seiner Veröffentlichung tagte, eine peinliche Überraschung hervorgerufen. In Wirklichkeit habe Lord Lansdowne nichts anderes sagen wollen als etwa Asquith oder Wilson.

Der Hinweis auf Wilson zielte auf die Botschaft, die Wilson am 5. Dezember 1917 an den Kongreß gerichtet hatte mit dem Antrag, der Kongreß möge auch gegenüber Österreich-Ungarn, mit dem bisher nur die diplomatischen Beziehungen abgebrochen worden waren, den Kriegszustand erklären. Dieser Schritt, für den ein besonderer Anlaß auf der Seite Österreich-Ungarns nicht vorlag, war offenbar auf das Drängen Frankreichs und Italiens zurückzuführen, die durch eine solche amerikanische Demonstration -- mehr war die formelle Erklärung des Kriegszustandes seitens der Union an die Adresse der Donaumonarchie nicht -- ein moralisches Gegengewicht gegen den bedenklichen Eindruck der italienischen Niederlage in Venetien und des russischen Friedensschrittes schaffen wollten. Als unmittelbare Begründung für seinen Antrag gab Wilson an, es sei eine unbestreitbare Tatsache, daß Österreich-Ungarn im Augenblick nicht Herr seiner selbst, sondern lediglich ein Vasall der deutschen Regierung sei.

In derselben Botschaft machte der Präsident Ausführungen allgemeiner Art, die sich in der schon in seiner Kundgebung aus Anlaß der Erklärung des Kriegszustandes gegen Deutschland und in seiner Antwort auf die Friedensnote des Papstes eingeschlagenen Richtung bewegten und für die Auffassungen und Ziele dieses für die weitere Entwicklung des Krieges so wichtigen Mannes in hohem Maße bezeichnend waren. Er sprach von der »unerträglichen Erscheinung, deren häßliches Gesicht die Herren Deutschlands uns zeigen«, von der »Drohung durch Intrige, verbunden mit Gewalt, als welche wir die deutsche Macht jetzt deutlich sehen, ohne Gewissen, Ehre oder Eignung für einen durch Vertrag geschlossenen Frieden«. Es gelte, diese Macht zu Boden zu schlagen und, wenn nicht völlig aus der Welt zu schaffen, so doch von dem friedlichen Verkehr der Völker auszuschließen. Wenn aber diese Erscheinung besiegt sei und das deutsche Volk Sprecher habe, deren Worten man trauen könne, wenn ferner diese Sprecher bereit sein würden, namens ihres Volkes ein allgemeines Urteil der Nationen darüber anzunehmen, was künftig Grundlage für Gesetz und Verträge unter den Völkern sein solle, dann werde man freudig bereit sein müssen, den vollen Preis für den Frieden zu zahlen. Dieser Preis sei »die volle und unparteiische Gerechtigkeit, Gerechtigkeit in jeder Beziehung und für jedes Volk«. Er ergänzte diese Ausführungen durch den Ausdruck der Bewunderung für Deutschlands Wissenschaft und Industrie und durch die Versicherung, niemand wolle sich in Deutschlands innere Angelegenheiten einmischen, niemand bedrohe Deutschlands Existenz, Unabhängigkeit und friedliche Entwicklung. Aber für die edle und gerechte Sache, für die Amerika seinen Traditionen gemäß in den Krieg eingetreten sei, werde es sich schlagen, bis der letzte Schuß verhallt sei.

Wie schon in seiner Antwort auf den Friedensvorschlag des Papstes, so suchte der Präsident Wilson bei dem deutschen Volke, für dessen Ohren diese Botschaft mindestens ebensosehr bestimmt war wie für die Ohren seiner unmittelbaren Zuhörerschaft, den Eindruck zu erwecken, als gelte der Krieg Amerikas nur den »Herren Deutschlands«, und diesen in aller Unerbittlichkeit, nicht aber dem deutschen Volke selbst, für das er seine Sympathie und Bewunderung ausdrückte; als hänge es nur von dem deutschen Volk ab -- in dessen innere Angelegenheiten er sich beileibe nicht einmischen wolle! --, durch Davonjagen seiner »Herren« zu einem Frieden der unparteiischen, Freund und Feind mit gleichem Maße messenden Gerechtigkeit zu kommen. In späteren Reden und Botschaften hat er denselben Faden weitergesponnen. Das hart geprüfte, unter den Opfern und der Last des Krieges schwer leidende deutsche Volk horchte allmählich auf. Nicht nur in einfältigen Gemütern fanden die verführerischen Worte Wilsons Eingang; auch ein großer Teil der »Intelligenz« und derjenigen Leute, die bei uns die Rolle von Politikern spielten, sich selbst für Politiker hielten und dafür halten ließen, kam allmählich dazu, in Wilsons Worten Offenbarungen zu hören. Mit besonderer Aufdringlichkeit spielte sich Herr Maximilian Harden, einer der schlimmsten Verderber des deutschen Geistes, als Wilsons Prophet auf. Immer kleiner wurde die Schar derjenigen, die in Wilsons Ausführungen nichts anderes erblickten als den entschlossenen Willen der Fortsetzung des Krieges bis zur Niederwerfung Deutschlands und die mit Doktrinarismus und Unkenntnis europäischer Verhältnisse gepaarte Absicht der Bemäntelung dieses Kriegswillens mit völkerbeglückenden Ideen, dazu den Versuch, das deutsche Volk in sich selbst zu entzweien und es gegen die Monarchie und ihre Träger aufzuwiegeln.

Nichts anderes als dieser Wilson hatte nach Lloyd Georges Bekundung Lord Lansdowne in seinem Briefe sagen wollen. Und Lloyd George selbst? -- Er machte in seiner Rede vom 15. Dezember aus seinem Herzen wahrhaft keine Mördergrube. Er warnte eindringlich vor den Pazifisten, die auf allerhand Schleichwegen England zu einem voreiligen Frieden zu bewegen suchten. Er erklärte es für einen Wahn, man könne den Krieg durch einen Völkerbund beenden. Das sei zwar eine gute Sache nach dem Siege, aber jetzt klinge der Vorschlag wie ein Scherz. Wolle man ohne Sicherheit gegen die Wiederholung des von Deutschland begangenen Vertragsbruches ein neues Abkommen schaffen, so sei das aber kein Witz mehr, sondern ein Trauerspiel. Er gebe nichts auf Worte ohne die Kraft und Macht des Sieges. Die »Preußen« -- er sprach mit Absicht nicht von den »Deutschen« -- bezeichnete er als »Verbrecher und Banditen«. Die sichere Hoffnung auf den Sieg trotz des Ausscheidens Rußlands begründete er mit dem Hinweis darauf, daß an die Stelle Rußlands, das sich als der am schlechtesten organisierte Staat erwiesen habe, jetzt die Vereinigten Staaten mit ihrer ganzen Kraft getreten seien.

Einige Tage später, am 21. Dezember, nahm Lloyd George Gelegenheit, sich im Unterhaus in einer großen Rede über die Lage auszusprechen. Er verhehlte nicht die Gefahren: Der Lebensmittelmangel bei den Alliierten sei größer als erwartet. Die zu Anfang des Jahres gehegten militärischen Hoffnungen seien nicht in Erfüllung gegangen; zwar hätten die Deutschen auf dem westlichen Kriegsschauplatz Niederlagen erlitten und hätten die Engländer Bagdad und Jerusalem erobert; aber die Lage sei bedrohlicher geworden durch die unerwartete Niederlage Italiens, dem seine Verbündeten hätten zu Hilfe kommen müssen, und durch Rußlands Eintritt in Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen. Die kommenden Wochen würden die sorgenvollsten des ganzen Krieges sein. Auf Grund dieser Lage kündigte er Maßregeln zur Vergrößerung des Heeres an. Von Friedensbereitschaft war auch aus dieser Rede nicht der leiseste Klang herauszuhören. Zwar wies er den Gedanken als lächerlich weit von sich, England habe am Krieg teilgenommen, um Gebietsteile zu erwerben. Aber er blieb dabei, der Krieg sei verursacht worden durch die »ruchlose Arroganz der deutschen Militärkaste«, und solange der Geist dieser Kaste nicht gebrochen sei, werde kein Friede in der Welt sein. Der Sieg sei das einzige Mittel, den Friedensbedingungen Kraft zu verleihen.

Nun kam die Unterbrechung der Brester Friedensverhandlungen auf zehn Tage mit der ausdrücklichen Begründung, daß Rußlands Verbündeten Gelegenheit gegeben werden solle, den Verhandlungen beizutreten und so den Weg zum allgemeinen Frieden zu öffnen. Für diesen Fall hatten die Mächte des Vierbundes ausdrücklich die Grundlage: »Keine gewaltsamen Gebietserwerbungen, keine Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker« durch die Erklärung des Grafen Czernin vom 25. Dezember als maßgebend angenommen. Die russische Regierung wandte sich mit ihrer Aufforderung, den allgemeinen Frieden auf diesem Boden herbeizuführen, an die Völker. Es konnte kaum mehr zweifelhaft sein, daß im Falle einer Weigerung der alliierten Regierungen, den Friedensverhandlungen beizutreten, Rußland mit den Mächten des Vierbundes in kürzester Zeit einen Sonderfrieden abschließen würde.

Wir wissen bereits, daß die Ententeregierungen es ablehnten, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen.

Am meisten beeilte man sich mit der Ablehnung in Paris. Der Minister des Auswärtigen, Herr Pichon, teilte bereits am 27. Dezember in der Kammer mit, daß die Vertreter der Alliierten in Petersburg erklärt hätten, an dem Tage, an dem in Rußland eine regelrecht konstituierte Regierung bestehen werde, seien sie bereit, mit dieser ihre Kriegsziele und die eventuellen Bedingungen eines dauerhaften und gerechten Friedens zu besprechen. Herr Pichon erging sich dann auf eigene Rechnung in Beschuldigungen gegen Deutschland, das Rußland von seinen Verbündeten trennen, es zerstückeln und berauben, schließlich die Revolution niederwerfen und das autokratische Regime unter preußischer Hegemonie wieder aufrichten wolle. Er wiederholte ferner Frankreichs Ansprüche auf Elsaß-Lothringen und schloß mit Clemenceaus Parole: »Zuerst siegen!«

In Rom lehnte der Ministerpräsident Orlando in einer Rede vor dem Senat die Friedensgrundlagen, wie sie in Brest-Litowsk präzisiert worden waren, ab, da sie Frankreich Elsaß-Lothringen und Italien die unerlösten Provinzen vorenthielten. Es handle sich bei den Mittelmächten nicht um ein aufrichtiges Streben nach Frieden, sondern um eine hinterlistige Friedensoffensive, die den Geist der kriegführenden Völker zersetzen und vergiften wolle.

Nicht ganz einfach war die Lage für die britische Regierung. Der Ernst der Situation, von dem Lloyd George am 21. Dezember im Unterhause offen und freimütig gesprochen hatte, und die Notwendigkeit noch stärkerer Anstrengungen, gegen die in der Arbeiterschaft sich Widerstände geltend machten, verstärkten sichtlich die Geneigtheit großer Teile der Bevölkerung, einen billigen Frieden anzunehmen. Hochfahrende Worte, wie sie Lloyd George noch vor kurzem gegen Deutschland, das Land der »Verbrecher und Banditen«, gebraucht hatte, waren in dieser Lage nicht ganz angebracht. Der Reichskanzler hatte in einem Interview geantwortet, nach jenen Schmähungen des britischen Premiers sei klar, daß für uns ein Verhandeln mit Männern derartiger Gesinnung ausgeschlossen sei. Lloyd George mußte sich in Rücksicht auf Strömungen in seinem eigenen Lande hüten, den Bogen zu überspannen.