Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 2
Schon in seiner Botschaft vom 3. Februar 1917 hatte er verkündet, er nähme als ausgemacht an, daß alle neutralen Regierungen denselben Weg einschlagen würden wie die Vereinigten Staaten. Alsbald nach dem Abbruch der Beziehungen wandte sich die amerikanische Regierung an die Regierungen der neutralen Länder mit der Aufforderung, sich ihrem Vorgehen anzuschließen. Die europäischen Neutralen beschränkten sich jedoch darauf, unmittelbar bei der deutschen Regierung gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg Einspruch zu erheben, ohne weitere Konsequenzen zu ziehen. Am meisten gefährdet erschienen unsere Beziehungen zu Spanien; es gelang jedoch durch einige nicht unerhebliche Zugeständnisse, auch dieses Land so weit zu beschwichtigen, daß ein Bruch vermieden wurde.
Die Aufforderung der Vereinigten Staaten zu einem gemeinsamen Vorgehen wurde am schärfsten von der schwedischen Regierung zurückgewiesen. Sie erinnerte die Regierung in Washington daran, daß sie, die schwedische Regierung, mehrfach Vorschläge zu einem Zusammenarbeiten der Neutralen zwecks Aufrechterhaltung des Völkerrechts gemacht habe (Vorschläge, die in der Hauptsache gegen die völkerrechtswidrige Seekriegführung Englands gerichtet waren). Mit Bedauern habe sie aber feststellen müssen, »daß die Interessen der Vereinigten Staaten ihnen nicht gestatteten, sich diesen Vorschlägen anzuschließen«. In dem Ziel der Abkürzung der Übel des Krieges sei die schwedische Regierung mit der amerikanischen einig. Aber das von der amerikanischen Regierung gewählte Verfahren stehe durchaus im Gegensatz zu den Prinzipien, die bisher die Politik der schwedischen Regierung geleitet hätten; diese wolle in der Zukunft wie in der Vergangenheit den Weg der Unparteilichkeit und Neutralität gegenüber den beiden kriegführenden Gruppen weiter verfolgen und ihn nur dann verlassen, wenn die Lebensinteressen des Landes und die Würde der Nation dazu zwängen.
Auch in der Folgezeit bewahrten die europäischen Neutralen trotz der schwierigen Lage, in die sie durch den doppelten Druck des Handelskrieges unserer Feinde und des deutschen U-Bootkriegs gerieten, ihre Neutralität.
Dagegen folgten eine Reihe überseeischer Länder dem Beispiel der Vereinigten Staaten. Den Reigen eröffnete China, das sich schon im Februar 1917 auf den amerikanischen Standpunkt stellte, Mitte März auch formell die Beziehungen zu Deutschland abbrach und uns später (Anfang Mai 1917) den Krieg erklärte. China wurde durch den U-Bootkrieg unmittelbar kaum berührt. Es folgte lediglich dem Druck der Vereinigten Staaten, in denen es gegenüber den Gefahren, die seinem Bestande von Japan und anderen Angehörigen der uns feindlichen Koalition drohten, den einzigen Beschützer sah. Eine unmittelbare Unterstützung konnten unsere Feinde aus dem Beitritt Chinas kaum ziehen. Aber die Kriegserklärung Chinas an Deutschland eröffnete die namentlich von England heiß gewünschte Möglichkeit, alles, was die Tüchtigkeit und Intelligenz deutscher Kaufleute in Jahrzehnten auf chinesischem Boden an Handelsniederlassungen und geschäftlichen Beziehungen aufgebaut hatten, in Grund und Boden zu zerstören.
Ähnlich zu beurteilen ist auch das Abschwenken weiterer überseeischer Neutraler in das Lager unserer Feinde. Bolivia hatte sich schon gleich nach dem 3. Februar 1917 den Vereinigten Staaten angeschlossen. Cuba und Panama traten Anfang April der Erklärung des Kriegszustandes durch die Union bei. Kurz darauf, am 11. April, brach Brasilien aus Anlaß der Versenkung eines brasilianischen Dampfers die Beziehungen zu uns ab. Es folgten eine Reihe mittel- und südamerikanischer Republiken, so daß auf dem amerikanischen Erdteil schließlich nur noch Mexiko, Argentinien, Chile, Paraguay, Columbia, Venezuela und Salvador in der Neutralität verharrten. Auch das Königreich Siam, in dessen Häfen Deutschland seit langem bedeutende Handelsniederlassungen gegründet und entwickelt hatte, fügte sich dem Druck der Entente und erklärte uns ohne jeden Anlaß Ende Juli den Krieg.
In Europa vermochte Griechenland der von der Entente ausgeübten Erpressung nicht zu widerstehen. Am 11. Juni 1917 sah sich König Konstantin, der mit bewundernswerter Unerschrockenheit an der Neutralität festgehalten hatte, zur Abdankung und zum Verlassen des Landes gezwungen. Damit war Griechenlands Übergang in das Lager unserer Feinde besiegelt.
So stand schließlich gegen uns und unsere drei Verbündeten die ganze Welt im Kampf, bis auf die drei skandinavischen Staaten, die Niederlande, die Schweiz, Spanien, Persien, Mexiko und einige südamerikanische Republiken.
Die russische Revolution
Während die überseeische Welt mehr und mehr in den Krieg mit uns hineingezogen wurde, eröffnete der Ausbruch der Revolution in Rußland im März 1917 die Aussicht auf eine Durchbrechung der feindlichen Koalition. Erinnerungen an den Siebenjährigen Krieg wurden wach, in dem in der Stunde der höchsten Gefahr dem großen König die Kunde kam von dem Tod seiner unversöhnlichen Feindin, der Kaiserin Elisabeth, und von dem Entschluß des neuen Zaren, den Krieg mit Preußen alsbald einzustellen.
Solche Hoffnungen sollten sich jedoch fürs nächste nicht erfüllen. Zwar waren die sozialistischen Massen, deren Aufstand das alte Regime gestürzt hatte, Gegner des Krieges. Aber die Regierung des Fürsten Lwoff, die sich auf den Trümmern der zaristischen Autokratie bildete, war eher eine Regierung der imperialistischen Liberalen als eine Regierung der den Frieden begehrenden Massen. Vor allem der neue Minister des Auswärtigen, Herr Miljukow, versicherte gegenüber den Ententebotschaftern und in öffentlichen Reden, daß Rußland den Krieg bis zum Endsieg über Deutschland fortsetzen werde. Am 22. März 1917 erklärte er vor den Vertretern der russischen Presse: »Für uns ist ein entscheidender Sieg unerläßlich; die Liquidierung des Deutschen Reichs, ohne die eine Festigung der Ideen, für die wir kämpfen, unmöglich ist, ist heute notwendiger und wichtiger denn je.«
Die Entente suchte die Kriegsstimmung des revolutionären Rußland mit allen Mitteln zu steigern. Der Präsident Wilson sprach in seiner Kongreßbotschaft vom 2. April 1917 von den »wunderbaren und ermutigenden Ereignissen in Rußland«, durch die ein neuer würdiger Teilnehmer an dem »Ehrenbund« der Nationen entstanden sei. Jetzt, nachdem die Zarenherrschaft gestürzt war, die weder das demokratische England noch das republikanische Frankreich von dem Bündnis mit Rußland abgehalten hatte, ertönte in den Reihen unserer Feinde noch lauter als zuvor das heuchlerische Feldgeschrei »Demokratie gegen Autokratie«; den Russen wurde eingeredet, daß ein Sieg Deutschlands den Verlust ihrer neuen republikanischen Freiheit bedeute. Der Reichskanzler bezeichnete in seiner Reichstagsrede vom 29. März 1917 diese Ausstreuungen als »eitel Lüge und Verleumdung« und betonte, daß wir nicht beabsichtigten, uns in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzumengen. Er fügte hinzu, daß wir nichts anderes begehrten, als möglichst bald wieder mit dem russischen Volk in Frieden zu leben, »in einem Frieden, der auf einer für alle Teile ehrenvollen Grundlage aufgebaut ist«.
Einen Augenblick lang schien es, als ob die Friedenssehnsucht in Rußland die Oberhand gewinnen sollte. Unter dem Druck der in den Arbeiter- und Soldatenräten organisierten Massen beschloß die russische Regierung am 10. April eine Erklärung, in der es hieß:
»Die Verteidigung unseres eigentlichen nationalen Vaterlandes bildet die hauptsächlichste Aufgabe unseres Krieges. Die provisorische Regierung überläßt es dem Willen des Volkes, in enger Gemeinsamkeit mit unseren Verbündeten alle den Weltkrieg und seine Beendigung betreffenden Fragen endgültig zu entscheiden, hält es aber für ihr Recht und ihre Pflicht, schon jetzt zu erklären, daß das freie Rußland nicht das Ziel hat, andere Völker zu beherrschen, ihnen ihr nationales Erbe wegzunehmen und gewaltsam fremdes Gebiet zu besetzen, daß es vielmehr einen dauerhaften Frieden auf Grund des Rechtes der Völker, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, herbeiführen will. Das russische Volk erstrebt nicht die Steigerung seiner Macht auf Kosten anderer Völker, es hat nicht das Ziel, irgendein Volk zu unterjochen oder zu erniedrigen.«
Aber obwohl die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung in offiziösen Erklärungen alsbald von dieser Kundgebung Akt nahmen und deren Übereinstimmung mit ihren eigenen Absichten feststellten, kam die Sache des Friedens nicht vom Fleck. Auch daß die deutschen Sozialdemokraten eine Resolution des russischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte, die am 14. April zugunsten eines allgemeinen Friedens ohne Annexionen und Entschädigungen gefaßt wurde, am 20. April mit einer Entschließung beantworteten, die sich für das gleiche Ziel aussprach, blieb ohne Wirkung; desgleichen die vom Reichskanzler am 15. Mai im Reichstag abgegebene Erklärung:
»Wenn Rußland weiteres Blutvergießen von seinen Söhnen fernhalten will, wenn es alle gewaltsamen Eroberungspläne für sich aufgibt, wenn es ein dauerndes Verhältnis friedlichen Nebeneinanderlebens zu uns herstellen will -- ja dann ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß wir, die wir diesen Wunsch teilen, das dauernde Verhältnis der Zukunft nicht zerstören, seine Entwicklung nicht durch Forderungen unmöglich machen werden, die sich mit der Freiheit und dem Willen der Völker selbst nicht vertragen und die in das russische Volk selbst nur den Keim zu neuer Feindschaft legen würden.«
Zwar erzwang der Arbeiter- und Soldatenrat Mitte Mai eine Umbildung des Kabinetts, bei der Miljukow ausschied und Kerenski das Kriegs- und Marineministerium übernahm. Zwar stellte sich die neue Regierung grundsätzlich auf den Boden eines Friedens ohne Annexionen und Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Aber in derselben Kundgebung, die diese Grundsätze proklamierte, lehnte das neue russische Kabinett »jeden Gedanken an einen Sonderfrieden« ab und sprach die Erwartung aus, daß »das revolutionäre Heer Rußlands nicht die Vernichtung seiner westlichen Alliierten durch die deutschen Truppen gestatten wird, damit sich diese dann mit ganzer Macht auf Rußland werfen«.
Daß die neue russische Regierung gleichzeitig Schritte in Aussicht stellte, um ihre Verbündeten für einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu gewinnen, konnte die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß auch nach diesem Umschwung an einen Sonderfrieden mit Rußland, und damit an Frieden überhaupt, noch nicht zu denken war.
Eine in der ersten Maihälfte aus den Kreisen des russischen Arbeiter- und Soldatenrates angeregte vertrauliche Aussprache mit deutschen Vertretern an der Dünafront verlief unter diesen Umständen ergebnislos. Ja es gelang dem Druck der Ententemächte, das neue russische Kabinett zu veranlassen, gegen Ende Juni 1917 die russischen Heere zu einer neuen großen Offensive gegen Deutschland vorzuschicken. Die Offensive war von Kerenski, der als Vertreter der revolutionären Massen in das Kabinett eingetreten war, vorbereitet und befohlen worden. Wenige Wochen nach ihrem Beginn ersetzte Kerenski den Fürsten Lwoff als Ministerpräsident. Die Auflehnung der Anhänger Lenins, der Bolschewisten, gegen die Kriegspolitik wurde blutig unterdrückt, Lenin selbst mußte sich längere Zeit hindurch verborgen halten.
So war es um die Mitte des Jahres 1917 offenkundig, daß der Friede mit Rußland, den man von der Revolution erhofft hatte, nur durch einen neuen Schlag gegen die russische Armee gebracht werden konnte.
Der Fortgang der militärischen Operationen
Im Westen hatten sich unterdessen neue gewaltige Kämpfe abgespielt.
Hindenburg war dem erwarteten großen Offensivstoß der Feinde ausgewichen, indem er unsere zwischen Arras und der Aisne in weitem Bogen vorspringende Front auf eine fast gerade Linie zurückgenommen hatte, die von der Gegend östlich Arras über St. Quentin nach den Höhen nördlich von Vailly führte. Die Zurücknahme unserer Truppen auf diese neue, stark befestigte Linie war Mitte März unbemerkt vom Gegner durchgeführt worden. Durch planmäßige Zerstörung aller Verkehrswege und Stützpunkte in dem geräumten Gebiet war für den Feind die Annäherung gegen die neue Front außerordentlich erschwert worden. Dafür unternahmen Engländer und Franzosen im April eine mit stärkstem Einsatz geführte Flügeloffensive. Die Engländer stießen vom 9. April an bei Arras vor, während die Franzosen etwa eine Woche später an der Aisne und in der Champagne nach sechstägiger stärkster Artillerievorbereitung zum Angriff auf breiter Front vorgingen. Die Offensiven hatten das Schicksal aller früheren: sie kamen über bescheidene Anfangserfolge nicht hinaus, unsere Truppen vermochten in heldenhafter Gegenwehr den Durchbruch zu verhindern.
Anfang Juni holten die Engländer zu einem neuen wuchtigen Stoße aus, dieses Mal in Flandern. Ihr Ziel war, die Höhenkette um Ypern zu nehmen, die flandrische Ebene zu gewinnen und damit unsere Stellung an der flandrischen Küste, die als Basis für den U-Bootkrieg von der größten Wichtigkeit war, unhaltbar zu machen. Auch hier errangen die Engländer, vor allem durch gewaltige unterirdische Sprengungen im Wytschaetebogen, Anfangserfolge, die jedoch bald an dem eisernen Widerstand unserer Truppen ins Stocken kamen. Mit ungeheurer Zähigkeit setzten die Engländer hier ihre Angriffe fort bis in den November hinein.
Gleichzeitig mit diesen schweren Kämpfen an der Westfront holten die Gegner auf allen übrigen Kriegsschauplätzen zu neuen Vorstößen aus. Die Italiener faßten ihre Kräfte zu neuen gewaltigen Angriffen am Isonzo zusammen, die abermals an den österreichischen Stellungen sich brachen. In Mazedonien versuchten die Verbündeten die bulgarisch-deutschen Linien zu sprengen, um doch noch unsere Verbindung mit der Türkei zu durchschneiden und den Rumänen, die sich in der Moldau noch tapfer wehrten, Entlastung und Hilfe zu bringen. Über die Halbinsel Sinai hinaus stießen die Engländer gegen Palästina vor, wurden jedoch im März und April in Gefechten bei Gaza von den Türken zurückgewiesen. Dagegen gelang ihnen die Erneuerung des im Jahre 1916 bei Kut-el-Amara so kläglich gescheiterten mesopotamischen Feldzuges. Nach gründlicher Vorbereitung nahmen sie mit Beginn des Winters 1916/17 den Vormarsch nach Norden wieder auf, schlugen die an dem Mangel rückwärtiger Verbindungen leidenden Türken in einer Anzahl von Gefechten, besetzten am 11. März 1917 Bagdad und drangen in den folgenden Wochen und Monaten weiter nach Norden hin vor.
Dazu kam nun Ende Juni die neue Kerenskische Offensive, die sich in der Hauptsache gegen die österreichischen Stellungen in Ostgalizien und Wolhynien richtete. Mit Menschenopfern, die kaum hinter denjenigen der Brussilow-Offensive vom Juni 1916 zurückblieben, gelang es den Russen, nicht unerhebliche Anfangsvorteile zu erzielen, bis in der zweiten Julihälfte ein wuchtiger Gegenstoß der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen einsetzte.
Der U-Bootkrieg im ersten Halbjahr 1917
Diese höchste Steigerung des Ringens der Landheere wurde begleitet durch den Vernichtungskampf unserer U-Boote gegen die feindlichen Handelsflotten.
Die Aussichten des U-Bootkrieges waren in wichtigen Punkten erheblich günstigere als in irgendeinem früheren Zeitpunkt.
Am 1. Januar 1917 betrug die Anzahl der U-Boote (Torpedo- und Minen-U-Boote) 148 gegen nur 62 ein Jahr zuvor. Die neu hinzugekommenen Boote zeichneten sich vor dem alten Bestande aus einmal durch eine stärkere Bewaffnung mit Torpedos und Artillerie, dann durch einen erheblich größeren Aktionsradius. Die Leistungsfähigkeit unserer Tauchbootflotte war also im Laufe des letztverflossenen Jahres in noch weit stärkerem Maße als im Verhältnis von 62 zu 148 gestiegen. Für das erste Halbjahr 1917 wurde die Fertigstellung von weiteren 50 U-Booten erwartet.
Die guten Ergebnisse des seit dem Monat Oktober wieder aufgenommenen Kreuzerkriegs der U-Boote in den britischen Gewässern waren ein Beweis der erheblich gesteigerten Leistungsfähigkeit unserer Tauchboote. Die monatlichen Versenkungen hatten seit dem November 1916 den Satz von 400000 Bruttotonnen überschritten. Das Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs war damit ein wesentlich besseres, als es jemals zuvor in den schärferen Formen des U-Bootkriegs erreicht worden war. Der »verschärfte U-Bootkrieg« hatte eine monatliche Höchstleistung von nur 225000 Bruttotonnen im April 1916 zu verzeichnen gehabt.
Die im Dienst unserer Feinde fahrende Handelsflotte hatte im bisherigen Verlauf des Krieges und namentlich in den letzten vier Monaten vor dem Beginn des uneingeschränkten U-Bootkrieges eine immerhin merkbare Schwächung erfahren. Nach den Angaben unseres Admiralstabs waren vom Kriegsausbruch bis Ende Januar 1917 insgesamt etwa 5 Millionen Bruttotonnen versenkt worden, davon 1660000 Tonnen in den letzten vier Monaten. Der Bedarf an Handelstonnage für die Zwecke der Kriegführung war unausgesetzt stark. Die Neubauten blieben weit hinter denjenigen des Friedens zurück. Während England im letzten Friedensjahr rund 2 Millionen Bruttotonnen Schiffsraum vom Stapel hatte laufen lassen, erreichten seine Neubauten im Jahre 1916 nur etwa 580000 Tonnen. Der sich aus allen diesen Umständen ergebende starke Druck auf den britischen Seeverkehr kam in einem ansehnlichen Rückgang der in den Häfen Großbritanniens und Irlands ein- und auslaufenden Schiffe zum Ausdruck. Im letzten Friedensjahr hatte der Ein- und Ausgang beladener Schiffe in den britischen Häfen 117 Millionen Tonnen (netto) betragen, im Jahre 1916 stellte er sich nur noch auf 66 Millionen Tonnen. Der Eingang war allein von 49 auf 30 Millionen Tonnen gesunken. Insbesondere die letzten Monate zeigten einen scharfen Rückgang, von 2787000 Tonnen im August auf 2214000 Tonnen im Dezember 1916 und 2221000 Tonnen im Januar 1917. Der Monatsdurchschnitt des letzten Friedensjahres hatte 4090000 Tonnen betragen. Der Eingang beladener Schiffe in den britischen Häfen war also gegenüber der Friedenszeit um 45 vom Hundert abgedrosselt. Von dem uneingeschränkten U-Bootkrieg durfte man eine weitere scharfe Einschränkung erwarten.
Dabei war, soweit es sich aus amtlichen Statistiken, Berichten von Sachverständigen, der britischen Fachpresse und anderen Quellen entnehmen ließ, die Versorgung der britischen Inseln mit Nahrungsmitteln, insbesondere mit Brotgetreide, knapper als in irgendeinem der früheren Kriegsjahre. Um die Mitte des Januar stellten sich nach dem ersten englischen Fachblatte, dem »Grain Seed and Oil Reporter«, die sichtbaren Bestände Englands an Weizen und Mehl auf 5258000 Quarters gegen 6336000 und 5882000 Quarters in den beiden Vorjahren. Infolge der schlechten Welternte, über die ich bereits früher gesprochen habe, waren die Zufuhren andauernd ungenügend. In den sechs Wochen von Anfang Dezember bis Mitte Januar hatten die Einfuhren von Weizen nur 2,1 Millionen Quarters erreicht, gegen 3,4 und 3,3 Millionen Quarters in den beiden Vorjahren. Wenn diese an sich schon knappen Zufuhren durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch weiter eingeschränkt werden konnten, dann trat der Hungerkrieg gegen England aus dem Bereich der Phantasie heraus und wurde eine praktische Möglichkeit.
Trotz dieser erheblich gebesserten Aussichten hatte ich die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs am 1. Februar 1917 bis zum letzten Augenblick mit allem Nachdruck bekämpft. Ich hatte es für notwendig gehalten, die volle Wirkung der Friedensaktion abzuwarten und nicht durch Überstürzung eine noch so schwache Möglichkeit, doch noch zum Frieden zu kommen, zu zerstören. Ich war ferner der Überzeugung, daß nichts versäumt werden dürfe, um Amerika draußen zu halten, und ich konnte schließlich die Befürchtung nicht überwinden, daß die allzurasch auf unseren Friedensschritt und die Friedensanregung Wilsons folgende Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs den falschen, aber in seiner Wirkung auf die Neutralen für uns überaus nachteiligen Eindruck erwecken werde, als seien unsere Friedensbemühungen nicht ernst gemeint, sondern nur eine Maskierung unserer U-Bootkriegs-Absichten gewesen.
Nachdem nun einmal die Entscheidung gefallen war und es kein Zurück mehr gab, stand unser Schicksal auf der Hoffnung, daß unter den verhältnismäßig günstigen Vorbedingungen die Wirkungen des U-Bootkriegs England innerhalb einer kürzeren Zeit friedensbereit machen würden, als sie Amerika brauchte, um das volle Gewicht seiner gewaltigen Hilfskräfte gegen uns in die Wagschale zu werfen. Ich konnte und wollte diese Hoffnung, die in den geschilderten Verhältnissen unserer eignen Tauchbootflotte, der Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs und der Welternte eine starke Begründung hatte, nicht von mir weisen. In den Verhandlungen des Hauptausschusses des Reichstags vom 31. Januar und 1. Februar 1917 habe ich dieser Hoffnung Ausdruck gegeben und sie mit dem vorliegenden Tatsachenmaterial, das im wesentlichen oben wiedergegeben worden ist, begründet. Einen Termin für die Niederkämpfung Englands habe ich nicht genannt und hätte ich nach meiner Beurteilung der Sachlage auch nicht nennen können. Vorwürfe, die später von nicht uninteressierter Seite in diesem Punkte gegen mich erhoben worden sind, haben in meinen, in dem Stenogramm des Hauptausschusses festliegenden Ausführungen keine Begründung. Ich habe im Gegenteil dem Ausdruck meiner Hoffnung, daß es uns gelingen werde, England friedensbereit zu machen, bevor Amerika in der Lage sei, effektiv in den Krieg gegen uns einzutreten, im bewußten Gegensatz zu den von anderer Seite in Aussicht gestellten bestimmten Fristen den Zusatz hinzugefügt: »Eine Garantie kann natürlich niemand übernehmen.«
Die Hoffnung wurde bestärkt durch die guten Anfänge des U-Bootkriegs.
Zunächst übertrafen die Leistungen der U-Boote die Schätzungen. Statt der angenommenen 600000 Tonnen, die ja schon nach den Leistungen des U-Bootkreuzerkriegs als zu gering erscheinen mußten, erreichte nach den Angaben unseres Admiralstabs die Versenkung im Monat April 1091000 Tonnen und im Monat Juni 1016000 Tonnen. Das Gesamtergebnis der ersten sechs Monate des uneingeschränkten U-Bootkriegs war -- immer nach den Angaben unseres Admiralstabs -- 5-1/2 Millionen Tonnen. Auch die Abschreckung der neutralen Schiffahrt vom Verkehr mit England, auf die der Admiralstab so stark gerechnet hatte, schien Tatsache zu werden. Die Schiffsbewegung im »Neuen Wasserweg« (Rotterdam), die in der ersten Januarwoche 1917 noch einen Eingang von 79000 Nettotonnen aufgewiesen hatte, ging auf 6000 Tonnen in der dritten Märzwoche zurück. Die Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs ließ sich leider nicht mehr unmittelbar verfolgen, da vom Februar 1917 die Veröffentlichung der Schiffsstatistik eingestellt wurde. Aber die starken Versenkungen, verbunden mit dem Fernbleiben eines großen Teils der neutralen Handelsschiffe, konnten nicht ohne Wirkung bleiben.
Auch die Ziffern der britischen Einfuhr wurden vom Februar an nicht mehr in der alten Vollständigkeit veröffentlicht. Vor allem wurden für die Nahrungsmitteleinfuhr die Mengenangaben geheimgehalten. Aber die Daten, die noch publiziert wurden, zeigten eine sehr erhebliche Einschränkung fast auf der ganzen Linie. Die Einfuhr des Monats Februar 1917 betrug dem Werte nach nur noch 70 Millionen £ gegen 90 Millionen im Januar. Die Einfuhrmenge des Februar 1917 wies gegenüber derjenigen des Februar 1916 einen Rückgang auf: bei Wolle um 17%, bei Baumwolle um 27%, bei Eisen und Stahl um 59%, bei Holz um 42%, bei Rindfleisch um 17%, bei Butter und Schmalz um 21%, bei Eiern um 39%. Im März 1917 stellte sich der Rückgang der Einfuhrmenge: bei Wolle auf 33%, bei Baumwolle auf 53%, bei Eisen und Stahl auf 62%, bei Holz auf 64%. Über Fleisch, Butter und Eier wurden vom März ab Mengenzahlen nicht mehr bekanntgegeben.