Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 14
Über Nacht jedoch besann sich Graf Hertling eines andern. Am nächsten Morgen ließ er mich zu sich bitten und sagte mir, es falle ihm furchtbar schwer, aber nach reiflicher Überlegung aller Umstände müsse er sich doch dazu entschließen, von meinem wiederholten Anerbieten, den Posten des Vizekanzlers freizugeben, Gebrauch zu machen. Er müsse, wenn wieder Ruhe einkehren solle, den Mehrheitsparteien das Zugeständnis machen, den Vizekanzlerposten an Herrn von Payer zu geben. Meine Person müsse aber dem Reiche erhalten bleiben, und er bitte mich deshalb, alle Bedenken und Empfindlichkeiten zurückzustellen und das neu zu schaffende Reichsamt für die besetzten Gebiete und die Friedensvorbereitungen zu übernehmen.
Ich erklärte mich bereit zur sofortigen Einreichung meines Abschiedsgesuchs, das ich bisher nur auf den bestimmten Wunsch des Grafen Hertling zurückgehalten hatte, lehnte es aber ab, ein neues Amt zu übernehmen. Speziell die Vorbereitung der Friedensverhandlungen müsse angesichts des alle Ressorts umfassenden Arbeitsbereichs in den Händen des Kanzlers selbst oder des Vizekanzlers liegen; wenn ersterer durch seine anderen Geschäfte an der Wahrnehmung dieser Aufgabe verhindert sei und der Vizekanzler wegfalle oder aus anderen Gründen für die Vorbereitung der Friedensverhandlungen nicht in Betracht komme, so bliebe nach meiner Ansicht nur übrig, diese Aufgabe einer dem Auswärtigen Amt zu attachierenden Stelle zu übertragen. Als ich bei meiner bestimmten Ablehnung blieb, bat mich Graf Hertling, als Minister ohne Portefeuille Mitglied des Preußischen Staatsministeriums zu bleiben. Ich glaubte auch dieses Angebot ablehnen zu müssen, da eine Persönlichkeit, die weder ein preußisches Ressort noch ein Reichsamt vertritt, nach meiner Ansicht in dem Preußischen Staatsministerium nichts zu suchen und zu sagen habe. Außerdem aber gehe die jetzt vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten ins Auge gefaßte Beendigung der über fast zwei Wochen hingeschleppten Verhandlungen so sehr gegen meine konstitutionelle Staatsauffassung, daß ich es ablehnen müsse, durch mein Verbleiben im Preußischen Staatsministerium eine Mitverantwortung für den Weg zu übernehmen, den die Krone geführt worden sei.
Graf Hertling war etwas betroffen. Er bekannte, die Erledigung der Sache gehe auch gegen seine Staatsauffassung. Aber er sehe keinen anderen Weg als diesen, oder seinen Rücktritt mit der Konsequenz der Militärdiktatur. Deshalb glaube er, zu einem »sacrificio dell'intelletto« gezwungen zu sein. Er kam dann auf meine Person zurück und stellte die Form, in der ich bleiben wolle, ganz in meine freie Wahl. Ich bat erneut, mich rein und glatt gehen zu lassen. Er fragte, ob ich bereit sei, den Botschafterposten in Konstantinopel oder in Wien anzunehmen. Ich lehnte auch dieses ab mit dem Hinweis darauf, daß beide Posten besetzt seien und ich niemand verdrängen wolle. Ich könne nur wiederholen, daß, wie die Dinge sich entwickelt hätten, mein einziger Wunsch sei, ins Privatleben zurückzukehren; als freier Privatmann würde ich meinen Rat und meine Mitwirkung, wo sie verlangt würden, nicht versagen.
Graf Hertling bat mich schließlich um die Ermächtigung, meinen an ihn gerichteten Brief vom 28. Oktober dem Kaiser vorlegen zu dürfen. Ich erklärte mich nicht nur damit einverstanden, sondern erklärte mich bereit, soviel an mir liege, den Kaiser von der Unhaltbarkeit meiner Stellung zu überzeugen.
Eine halbe Stunde später hatte der Reichskanzler mein an den Kaiser gerichtetes Gesuch um Entlassung aus meinen Ämtern als Stellvertreter des Reichskanzlers und Mitglied des Preußischen Staatsministeriums in Händen.
Dem Kaiser, der den Grafen Hertling am Nachmittag empfing, stellte dieser vor, daß er, falls Seine Majestät mein Gesuch um Enthebung von dem Amte des Vizekanzlers und die Berufung des Herrn von Payer auf diesen Posten ablehne, seine Mission als gescheitert ansehen und sein Amt als Reichskanzler niederlegen müsse. Graf Hertling hat mir später erzählt, der Kaiser habe erst, nachdem er von meinem Brief vom 28. Oktober Kenntnis genommen hatte, sich zu der Bewilligung meines Abschieds bereit gefunden. Der Kaiser teilte mir die Genehmigung meines Abschiedsgesuches in einem ungewöhnlich herzlichen Handschreiben mit, an dessen Schluß er die Erwartung ausdrückte, daß ich mich zur Erfüllung besonderer Aufgaben zu seiner Verfügung halten würde. Er hat mir diese Erwartung auch persönlich ausgesprochen mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, daß er insbesondere für die Friedensverhandlungen auf meine Dienste rechne.
Mit meiner Entlassung und der Ernennung des Herrn von Payer zu meinem Nachfolger als Stellvertreter des Reichskanzlers war die Krisis abgeschlossen. Der Übergang von dem sogenannten »konstitutionellen Regime« zum »parlamentarischen Regime« war in der Sache vollzogen. An der Spitze der Regierung des Reiches und Preußens stand als Reichskanzler und Ministerpräsident nunmehr ein Mann, der lange Jahre hindurch als Abgeordneter der Führer der Zentrumspartei gewesen war. Sein Vertreter im Reich war der anerkannte Führer der Fortschrittlichen Volkspartei und gleichzeitig der Mann des Vertrauens der Mehrheitssozialisten, die mehr noch als seine eigenen Parteigenossen auf seiner Ernennung zum Vizekanzler bestanden hatten. Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums war der nationalliberale Parteiführer Dr. Friedberg. Soweit das Reich in Betracht kam, stellte diese Kombination eine Vertretung der parlamentarischen Mehrheitsgruppierung dar, wie sie sich seit dem Beginn der Julikrisis entwickelt hatte. Für Preußen allerdings stand hinter dem »Kabinett Hertling« keine parlamentarische Mehrheit, zumal da weder die Nationalliberalen noch das Zentrum des Preußischen Abgeordnetenhauses geschlossen hinter dem wichtigsten Programmpunkte der neuen Regierung, dem gleichen Wahlrecht, standen. Die das parlamentarische System vertretenden Parteien gingen hier über das auf Grund des Dreiklassenwahlrechts gewählte Parlament zur Tagesordnung über und antizipierten die künftige, auf Grund des gleichen Wahlrechts zu wählende Volksvertretung, in der sie für sich die Mehrheit glaubten erwarten zu können.
Ich weiß mich frei von persönlicher Empfindlichkeit und stehe nicht an zu bekennen, daß in den mehr als drei Kriegsjahren das alte »konstitutionelle Regime« versagt hatte. Mehr als jemals in Friedenszeiten war die Regierung in diesem Kriege, der vom deutschen Volke das Höchste und Letzte verlangte, auf die gutwillige und verständnisvolle Unterstützung durch die Volksvertretung angewiesen. In den ersten Kriegsjahren wurde ihr diese Unterstützung in dem Schwunge vaterländischer Begeisterung und in der Erkenntnis der Hochgefahr für Reich und Volk ohne Mäkeln und Markten gewährt. Aber allmählich wurde in der Empfindung des Volkes und seiner Vertretung das Außerordentliche zum Alltäglichen. Der erste Grundsatz des Burgfriedens, daß während des Krieges von keiner Seite eine Veränderung des innerpolitischen Status quo verlangt, geschweige denn erzwungen werden sollte, wurde preisgegeben, und damit wurde neben dem Krieg nach außen der Kampf im Innern entfesselt. Ein Kampf unter ungleichen Bedingungen. Denn in ihm waren diejenigen Volksteile und Parteien die stärkeren, die sich nicht scheuten, für die Durchsetzung ihrer Forderungen die Not- und Zwangslage auszunutzen, die der Krieg über das Reich verhängte. Die Sozialdemokratie war es, die -- treibend und getrieben -- hier voranging. Ihre Führer haben schon frühzeitig in dringlicher Form innerpolitische Forderungen präsentiert, sicherlich zum Teil in der guten und ehrlichen Absicht, die unter dem Druck des Krieges immer schwerer leidenden Massen gegenüber der gefährlichen Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten nicht nur bei der Partei, sondern auch bei der Sache des Vaterlandes festzuhalten. Die Fortschrittliche Volkspartei, das Zentrum und die Nationalliberalen folgten mehr oder minder zögernd, teils in der Überzeugung, daß nur eine Erweiterung der Volksrechte unser Volk moralisch zum Durchhalten befähigen könne, teils aber auch aus Parteikonkurrenz, vor allem aber aus dem Gesichtspunkt heraus, daß der Krieg verloren sei, wenn die Sozialdemokratie mit ihrer Gefolgschaft abschwenke und etwa die Kriegskredite verweigere.
Mit dem Aufwerfen der innerpolitischen Streitfragen und dem Wiederaufleben des Parteikampfes hörte auch die reibungslose Unterstützung der Regierung durch den Reichstag auf. Die alte Übung der Friedenszeit trat wieder in Kraft, nach der die Reichstagsparteien in der Reichsleitung den natürlichen Gegner sahen, nach der jede Kritik und jeder Angriff gegen die Regierungsvertreter eine lobenswerte parlamentarische Tat war und der Abgeordnete es fast als eine Verlegenheit empfand, für die Regierung als »freiwilliger Regierungskommissar« eintreten zu müssen. Schon im Frieden ließ sich mit diesem System nur schwer regieren, im Krieg wurde es zur Unmöglichkeit. Eine Regierung, die den größten Krieg der Weltgeschichte zu führen hatte, durfte nicht durch Reibungen mit dem Parlament, oft der kleinlichsten Art, bis nahezu an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen werden; sie durfte nicht fortgesetzt durch Angriffe aus der Volksvertretung heraus und von der an den Vorgängen in der Volksvertretung sich erregenden Presse und öffentlichen Meinung gegenüber dem Ausland in ihrer Autorität geschwächt werden. Beides aber trat mit der zunehmenden Dauer des Krieges in steigendem Maße ein. Es wurde mir mitunter als Unfreundlichkeit gegenüber dem Reichstag verdacht, wenn ich mir erlaubte, darauf aufmerksam zu machen, daß die Reichsleitung, und namentlich die Herren des wirtschaftlichen Reichsressorts, in diesem Kriege noch etwas anderes zu tun hätten, als tagaus tagein in meist recht fruchtlosen Verhandlungen im Reichstag und seinen Ausschüssen ihre Zeit zu verbringen. In Wirklichkeit ist durch die Zeit und Kraft, die der Reichstag mir und meinen Mitarbeitern überflüssigerweise entzogen hat, die wirtschaftliche Kriegführung immer empfindlicher geschädigt und beeinträchtigt worden. Und das gewohnheitsmäßige Betonen und Unterstreichen eines jeden Gegensatzes zur Reichsleitung, dazu der mit der Dauer des Krieges immer fühlbarer werdende Mangel an Selbstbeherrschung seitens großer Teile der Volksvertretung mußten dazu führen, im feindlichen Auslande nicht nur das Wort und die Handlungen unserer leitenden Staatsmänner zu entwerten, sondern auch das Bild unserer inneren Zerrüttung hervorzurufen und die Hoffnung zu erwecken, daß sich das deutsche Volk gegen seinen Kaiser, gegen seine Regierung und gegen eine angeblich herrschende Kaste werde ausspielen lassen. Wir haben dem Präsidenten Wilson sein gefährlichstes Stichwort selbst geliefert.
Ich habe persönlich unter diesen Zuständen seit der Übernahme des Reichsamts des Innern auf das schwerste gelitten, zumal da für mich die Reibungen mit dem Parlament durch die im Verlauf dieser Darstellung angedeuteten Reibungen mit der Obersten Heeresleitung empfindlich verschärft wurden. Es war deshalb nicht eine Redensart, sondern mein bitterer Ernst, wenn ich schon gelegentlich der Verabschiedung des Herrn von Bethmann Hollweg den Kaiser bat, mir in Rücksicht auf die Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir zugezogen hatte, meine Entlassung zu gewähren, und wenn ich dem Grafen Hertling, als er zur Übernahme des Reichskanzleramtes nach Berlin berufen wurde, mündlich und schriftlich diese Gegnerschaft als eine für ihn ebenso unerwünschte wie vermeidbare Belastung bezeichnete.
Es gab in der Tat nur zwei Wege: entweder den Konflikt mit der Mehrheit des Reichstags entschlossen aufzunehmen, oder den Versuch zu machen, durch die persönliche Zusammensetzung der Regierung ein möglichst reibungsloses Hand-in-Hand-Arbeiten von Reichsleitung und Volksvertretung zu sichern.
Es mag sein, daß es überhaupt nicht zum Konflikt gekommen wäre, wenn es Kaiser und Kanzler ernstlich auf einen Konflikt hätten ankommen lassen. Aber das Wagnis eines ernstlichen Konfliktes in einem Krieg, in dem wir nicht nur auf die unbedingte Pflichterfüllung des Heeres, sondern auch auf die gutwillige Mitarbeit aller schaffenden Hände in der Heimat angewiesen waren, erschien zu groß.
Man beschritt also den zweiten Weg.
Von Anfang an habe ich auf das tiefste bedauert, daß sich die als notwendig erkannte Fortbildung unserer verfassungsmäßigen Zustände in Formen und unter Begleitumständen vollzogen hat, die unwürdig waren und die geradezu demoralisierend wirken mußten. Graf Hertlings Position war durch den Rückhalt, den er beim Zentrum hatte, stark genug, um die Möglichkeit zu haben, die Führung bei der parlamentarischen Ausgestaltung seiner Regierung in die eigene Hand zu nehmen. Er hatte es nicht nötig, sich und die Krone nach langem Hin und Her einfach dem Diktat der interfraktionellen Kommission zu unterwerfen. Aber zur eigenen Führung in schwierigen Lagen reichte die Kraft des alten Herrn offenbar nicht mehr aus.
So wurde Entstehung, Verlauf und Ende dieser zweiten Kanzlerkrisis zu einer schweren Erschütterung der Staatsautorität, zu einer Ermutigung der radikalen, ja umstürzlerischen Elemente im eigenen Lande und zu einer neuen Hoffnung für unsere Feinde.
Die Anfänge des Grafen Hertling
Gleichwohl schien der Kanzlerschaft des Grafen Hertling in ihren Anfängen ein guter Stern zu leuchten.
Innerpolitisch war nach der nahezu restlosen Befriedigung der sachlichen und persönlichen Wünsche der Mehrheitsparteien eine Beruhigung eingetreten. Als Graf Hertling am 29. November 1917 zum erstenmal als Reichskanzler im Reichstag erschien und sein mit den Mehrheitsparteien vereinbartes Programm entwickelte, da hörte er von allen Seiten freundliche Worte. Zwar betonte er, daß an den Grundlagen der Reichsverfassung, die recht eigentlich aus dem historisch gewordenen Charakter des deutschen Volkes und seiner verschiedenen Stämme hervorgewachsen sei, nichts geändert werden könne und solle. Aber man nahm seine Handlungen für gewichtiger als seine Worte. Zwar beachtete er in der Form die Grenzen der Kompetenz von Reich und Einzelstaaten so genau, daß er die preußische Wahlreform, die nach wie vor im Brennpunkte des innerpolitischen Interesses stand, überhaupt nicht beim Namen nannte, sondern vorsichtig umschrieb: »Sie alle wissen, in welch großzügiger Weise in dem mächtigsten deutschen Bundesstaat die Initiative zu einer weitgreifenden Reform von der höchsten Stelle aus ergriffen worden ist; ich habe jetzt und hier über diesen Gegenstand weiter nichts zu sagen.« Die Linksparteien konnten diese formelle Korrektheit hinnehmen; denn inzwischen hatten sie auf Grund der ihnen in den Verhandlungen über die Hertlingsche Kanzlerschaft gegebenen Zusagen den Erfolg erreicht, daß dem Preußischen Landtag das Gesetz über die Wahlreform zugegangen war.
Aber nicht nur bei den Sprechern der Mehrheitsparteien fand Graf Hertling ein freundliches Willkommen, sondern auch der Wortführer der Konservativen, Graf Westarp, gab, bei allen Vorbehalten gegenüber den Vorgängen bei der Ernennung des Grafen Hertling, namens seiner politischen Freunde »der uneingeschränkten Wertschätzung für die Person des jetzigen Reichskanzlers« Ausdruck.
Auffallend und bezeichnend war die Haltung der Mehrheitssozialdemokraten. Sie hatten am stärksten auf die »Parlamentarisierung« der Regierung gedrückt und, wenn sie auch für sich selbst auf eine Vertretung in der neuen Regierung verzichteten, darauf bestanden, daß Herr von Payer als Vertrauensmann der Mehrheitsparteien zum Vizekanzler ernannt wurde. Schon der Verzicht auf den Eintritt eines ihrer Führer in die neue Regierung hatte klar gezeigt, daß die Sozialdemokratie zwar einen entscheidenden Einfluß ausüben, jedoch keine Verantwortung für die neue Regierung mitübernehmen und sich für alles Weitere die Hände frei halten wollte. Wer das nicht begriffen hatte, dem wurde es jetzt durch die Rede des Herrn Scheidemann klar vor Augen geführt. Herr Scheidemann war so gütig, die neue Regierung als einen »Fortschritt« zu bezeichnen, mit dem Zusatz: »vorausgesetzt, daß sie ihr Programm hält«. Daß die neue Regierung die erste in der Hauptsache parlamentarische Regierung sei, das sei für die Sozialdemokratie ein Grund gewesen, ihr Zustandekommen zu fördern. Er fügte jedoch hinzu:
»Es wäre aber sehr inkonsequent, wenn wir sagen würden, diese Regierung unterstützen wir, mit ihr gehen wir durch dick und dünn, weil sie in der Hauptsache eine parlamentarische Regierung ist. Gerade im Wesen des parlamentarischen Systems liegt es, daß eine Regierung in erster Linie aus den Parteien unterstützt wird, aus denen sie gebildet worden ist, und erst in zweiter Linie vielleicht auch von solchen Parteien, die an dem Fortbestand einer solchen Regierung ein sachliches Interesse haben, weil das Regierungsprogramm bis zu einem gewissen Grade mit ihren eigenen Wünschen und Auffassungen übereinstimmt.« Die Sozialdemokratie habe nicht die Absicht, der neuen Regierung Opposition um jeden Preis zu machen; sollten sich aber unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten herausstellen, so werde sie die Regierung entschieden bekämpfen müssen. »Wir wollen diesen Kampf gewiß nicht unnötigerweise suchen, und wenn die Politik der Regierung sich so gestaltet, daß wir ihn vermeiden können, dann wird das für unser Land zweifellos das Beste sein.«
Die Sozialdemokratie, die den stärksten Druck auf die Umbildung der Regierung und den Übergang zum parlamentarischen System ausgeübt hatte, behielt sich also ihre Stellung zu der neuen, nach ihren Wünschen gebildeten parlamentarischen Regierung vor. Bei den Forderungen hatte sie sich den Mehrheitsparteien, die ohne sie überhaupt keine Mehrheit darstellten, zugezählt; bei der Übernahme von Verpflichtungen stellte sie sich außerhalb der Mehrheitsparteien. Das war der hippokratische Zug, der dem neuen parlamentarischen Regime von Anfang an aufs Gesicht geschrieben war.
* * * * *
Militärisch erhielt die Lage zur Zeit der zweiten Kanzlerkrisis und der ersten Wochen der Hertlingschen Kanzlerschaft ihr Gepräge durch die von uns und unserem österreichisch-ungarischen Bundesgenossen vereint durchgeführte glänzende Offensive an der italienischen Front. Am 24. Oktober hatte der Angriff an der Isonzofront begonnen. In wenigen Tagen waren den Italienern wieder alle Vorteile entrissen, die sie in zweiundeinhalb Kriegsjahren und in den elf blutigen Isonzoschlachten errungen hatten. Es folgte der Einbruch unserer Truppen in die italienische Ebene. Am 30. Oktober fiel Udine, am 5. November wurde der Tagliamento überschritten. Wenige Tage später standen unsere Truppen am Piave. Die italienische Armee war auf das schwerste erschüttert und durch große Verluste an Menschen und Material geschwächt. Italien mußte sich an seine Verbündeten um Hilfe wenden.
Im Westen boten Engländer, Franzosen und ihre Hilfsvölker alle Kraft auf, um den Krieg vor dem Winter zur Entscheidung zu bringen. Aber die gewaltigen Vorstöße in Flandern, am Chemin des Dames und vor Verdun kamen über örtliche Erfolge nicht hinaus und liefen sich im Laufe des November tot. Die nicht unwesentlichen Vorteile, die gegen Ende November die Engländer in einem überraschend angesetzten, mit zahlreichen Tanks arbeitenden Angriff bei Cambrai errangen, wurden ihnen durch einen mächtigen deutschen Gegenstoß wieder entrissen. Als der Winter kam, hatte sich überall im Westen der gewaltige Anprall der feindlichen Massen und Maschinen unter den schwersten Verlusten an dem elastischen System unserer Verteidigung gebrochen. Wie unsere Oberste Heeresleitung die Lage im Westen beurteilte, ergab sich für mich aus einer Äußerung, die General Ludendorff, als ich im Laufe der zweiten Novemberhälfte das Große Hauptquartier besuchte, mir gegenüber tat. Er bezeichnete es als möglich, daß der Augenblick kommen werde, wo wir an der Westfront aus der Verteidigung zum Angriff übergehen und dadurch vielleicht die Entscheidung des Krieges herbeiführen könnten.
In Frankreich äußerte sich die Erregung über die italienische Niederlage und die Erfolglosigkeit der gewaltigen eigenen Anstrengungen und Opfer in einer neuen Ministerkrisis, die an Stelle des Herrn Painlevé Herrn Clemenceau ans Ruder brachte. Bei der bekannten Stellung Clemenceaus zu den Kriegs- und Friedensfragen mußte man in diesem Wechsel den Ausdruck des zum Äußersten entschlossenen Willens der Franzosen sehen, den Krieg ohne Rücksicht auf Opfer und Gefahren mit allen Mitteln bis zum Äußersten durchzukämpfen.
Ausgesprochen ungünstig war die Entwicklung der Dinge bei unserem türkischen Bundesgenossen, namentlich an der sogenannten »Sinaifront«. Noch im Frühjahr 1917 hatten die Türken starke englische Angriffe bei Gaza, an der Grenze zwischen der Halbinsel Sinai und Palästina, siegreich zurückgeschlagen. Jetzt, mit Beginn der günstigen Jahreszeit, griffen die Engländer nach großen Vorbereitungen erneut an. Schon Anfang November mußte die Sinaifront zurückgenommen werden. Die Engländer drängten scharf nach. Am 10. Dezember 1917 besetzten sie das von den Türken aufgegebene Jerusalem.
Das wichtigste Ereignis jener Zeit spielte sich jedoch in Rußland ab. Dort war in den ersten Novembertagen die zweite Revolution, die Revolution der Bolschewisten, ausgebrochen. Am 8. November war Kerenski gestürzt und geflohen; der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte konnte von Petersburg aus verkünden, daß er alle Gewalt in seine Hand genommen habe. Am Tage darauf veröffentlichte die neue Regierung ihr Programm, an dessen Spitze die sofortige Herbeiführung eines Waffenstillstands an allen Fronten und der Abschluß eines »demokratischen Friedens« stand. Die folgenden Wochen waren mit inneren Kämpfen ausgefüllt, in denen sich die Bolschewikiregierung mit Lenin als Präsident und Trotzki als Volkskommissar für die auswärtigen Angelegenheiten behauptete. Am 23. November teilte Trotzki den russischen Botschaftern telegraphisch, gleichzeitig mit der Konstituierung des »Rates der Volksbeauftragten« als der neuen Regierung, den Vorschlag mit, daß alle kriegführenden Völker sofort einen Waffenstillstand schließen und in Friedensverhandlungen eintreten möchten; als Grundlage für die Verhandlungen wurde bezeichnet die Unabhängigkeit der Völker und ihr Recht, ihre Entwicklung selbst zu bestimmen, sowie der Ausschluß von Annexionen und Kontributionen. An demselben Tage begann die neue russische Regierung die Geheimverträge zwischen Rußland und seinen Verbündeten zu veröffentlichen zugleich mit der Erklärung, daß diese Verträge für das russische Volk unverbindlich seien. Das war ein deutlicher Beweis der Entschlossenheit der neuen russischen Regierung, den Weg zum Frieden nötigenfalls ohne Rücksicht auf die Ententegenossen zu gehen.
Am 29. November konnte Graf Hertling in seiner Antrittsrede dem Reichstag mitteilen:
»Die russische Regierung hat gestern von Zarskoje-Selo aus ein von dem Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Herrn Trotzki, und dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, Herrn Lenin, unterzeichnetes Funkentelegramm an die Regierungen und Völker der kriegführenden Länder gerichtet, worin sie vorschlägt, zu einem nahen Termin in Verhandlungen über einen Waffenstillstand und einen allgemeinen Frieden einzutreten. Ich stehe nicht an zu erklären, daß in den bisher bekannt gewordenen Vorschlägen der russischen Regierung diskutable Grundlagen für die Aufnahme von Verhandlungen erblickt werden können, und daß ich bereit bin, in solche einzutreten, sobald die russische Regierung hierzu bevollmächtigte Vertreter entsendet. Ich hoffe und wünsche, daß diese Bestrebungen bald festere Gestalt annehmen und uns den Frieden bringen werden.«
Der Ost-Friede