Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 13
Herr Haußmann gab sich die erdenklichste Mühe, mir die Unhaltbarkeit der Stellung des Herrn Michaelis und die unbedingte Einigkeit der Mehrheitsparteien und der Nationalliberalen in diesem Punkte klarzumachen. Als Reichskanzler empfahl er -- damals schon! -- in erster Reihe den Prinzen Max von Baden, an zweiter Stelle den Staatssekretär von Kühlmann. Gegen den Fürsten Bülow, für den von den Herren Erzberger und Stresemann starke Propaganda gemacht werde, seien der größte Teil des Zentrums, seine eigenen Parteifreunde und mit der größten Entschiedenheit die Sozialdemokraten.
Herr Michaelis hielt unterdessen an der Hoffnung fest, daß es ihm gelingen werde, einen Umschwung in der Stimmung der Parteien herbeizuführen. Er rechnete dabei auf die Unterstützung sozialdemokratischer Gewerkschaftskreise, mit denen er glaubte in guter Fühlung zu stehen.
Für Freitag, 26. Oktober, vormittag, wurden der Vizepräsident des Staatsministeriums von Breitenbach und ich zum Kaiser nach Potsdam zum Vortrag befohlen. Ich war auch jetzt noch entschlossen, dem Kaiser zu raten, Herrn Michaelis aus dem vorliegenden Anlaß nicht zu verabschieden, sich vielmehr Zeitpunkt und Umstände nach den Erfordernissen der äußeren und inneren Politik auszusuchen.
Vor der Fahrt nach Potsdam besuchte ich den Reichskanzler, um diesen von der Tatsache, daß der Kaiser mich zum Vortrag befohlen habe, zu unterrichten. Ich fand Herrn Michaelis in seiner bisherigen Zuversichtlichkeit stark erschüttert. Dazu hatte beigetragen eine Zeitungsmeldung über eine Audienz des bayrischen Gesandten Grafen Lerchenfeld beim Kaiser, die in Wirklichkeit überhaupt nicht stattgefunden hatte. Herr Michaelis sagte mir, daß er kürzlich bei einer Unterredung mit dem Grafen Lerchenfeld den bestimmten Eindruck gehabt habe, daß auch dieser ihn für reif zum Abgang halte. Das war keine Täuschung; auch mir gegenüber hatte sich Graf Lerchenfeld sehr entschieden in diesem Sinne ausgesprochen. Herr Michaelis nahm an, daß Graf Lerchenfeld auch dem Kaiser in diesem Sinne vorgetragen haben werde. Vor allem aber war Herr Michaelis zu der Überzeugung von der Unhaltbarkeit seiner Stellung dadurch gekommen, daß seine Verhandlungen mit den Gewerkschaftlern sich zerschlagen hatten. Diese hatten ihm eine Liste von Forderungen präsentiert, die, wie Herr Michaelis mir sagte, außerordentlich weit gingen und auch, soweit sie an sich vielleicht annehmbar wären, nicht als Bedingung für das Verbleiben des Kanzlers aufgestellt werden dürften.
Aus dieser Lage zog Herr Michaelis die Folgerung, indem er mich beauftragte, dem Kaiser den Vorschlag zu unterbreiten, daß der bayrische Ministerpräsident Graf Hertling zum Reichskanzler ernannt werden solle, während er, Herr Michaelis, als preußischer Ministerpräsident, wenigstens bis zur Erledigung der Wahlreform, auf seinem Posten bliebe.
Ich hob gegenüber Herrn Michaelis die Bedenken der Trennung des Reichskanzleramtes und des preußischen Ministerpräsidiums hervor; aber ich konnte mich dem Argument nicht ganz verschließen, daß die Trennung als eine vorübergehende Ausnahmemaßregel, um den durch die Reichspolitik voll in Anspruch genommenen Kanzler von der Last der Durchbringung der preußischen Wahlreform zu befreien, schließlich hingenommen werden könne. Gegen den Grafen Hertling, der schon bei Bethmanns Abgang an erster Stelle in Betracht gezogen worden war, damals aber abgelehnt hatte, sprach sein hohes Alter. Für ihn sprach, daß er als Vorsitzender des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der auswärtigen Politik kein Neuling war; ferner daß er in den parlamentarischen Kreisen als alter und erfahrener Parlamentarier ein hohes Ansehen genoß und in dem Zentrum, der stärksten Partei des Reichstags, auf einen sicheren Rückhalt rechnen konnte, ein Umstand, der die dringend nötige Wiederkehr einigermaßen stabiler innerpolitischer Verhältnisse erhoffen ließ. Wenn Herr Michaelis als preußischer Ministerpräsident im Amte blieb, so war überdies der fatale Eindruck, als ob er den Unabhängigen Sozialdemokraten geopfert werde, wenigstens einigermaßen abgeschwächt.
Der Kaiser erklärte sich nach einer Erörterung der inneren und äußeren Lage mit dieser Lösung einverstanden und beauftragte mich, Herrn Michaelis davon zu verständigen, während er Herrn von Valentini den Auftrag gab, durch den Grafen Lerchenfeld den Grafen Hertling alsbald nach Berlin bitten zu lassen.
Graf Hertling kam am Sonntag, 28. Oktober, in Berlin an und hatte zunächst eine eingehende Aussprache mit Herrn Michaelis. Für den Nachmittag war er zum Kaiser befohlen. Ich sprach ihn vor der Audienz beim Grafen Lerchenfeld. Er war geneigt, den Kanzlerposten anzunehmen. Wegen der Fühlungnahme mit den Parteien riet ich ihm, sich beim Kaiser Bedenkzeit für seine endgültige Entschließung auszubitten und dann den Parteiführern zu sagen: Der Kaiser beabsichtigt, mich zum Reichskanzler zu ernennen; ich bin geneigt, anzunehmen, lege aber Wert darauf, mich vor meiner endgültigen Antwort an den Kaiser mit Ihnen über die Linien der zu verfolgenden Politik auszusprechen.
Um dem Grafen Hertling keinen Zweifel daran zu lassen, daß ich nicht wünschte, ihm mit meiner Person irgendwie ein Hindernis zu sein, schrieb ich ihm den nachstehenden Brief, den er bei der Rückkehr von der Audienz beim Kaiser vorfand:
Berlin, den 28. Oktober 1917.
Euer Exzellenz bitte ich, in dem Augenblick, in dem Sie im Begriffe sind, sich über die Annahme des Reichskanzleramtes zu entscheiden, nachstehendes vortragen zu dürfen.
Angesichts der schweren Euer Exzellenz bevorstehenden Aufgabe halte ich es für meine Pflicht, soweit es an mir liegt, jedes Hindernis, das einer gedeihlichen Wirksamkeit Eurer Exzellenz im Wege stehen könnte, beseitigen zu helfen. Meine Person in der Stellung als Stellvertreter des Reichskanzlers kann ein solches Hindernis sein. In den fast drei Jahren meiner Tätigkeit im Reichsdienst und namentlich in den siebzehn Monaten meiner Tätigkeit als Staatssekretär des Innern und allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers habe ich mir in Parlament und Presse Gegnerschaften zugezogen, die bei meinem Verbleiben im Amte für Euer Exzellenz eine ebenso unerwünschte wie vermeidbare Belastung bilden können. Euer Exzellenz brauchen außerdem in der Auswahl Ihrer Mitarbeiter und namentlich Ihres ersten Mitarbeiters volle Bewegungsfreiheit. Ich stelle deshalb mein Amt Euer Exzellenz zur Verfügung und erkläre mich bereit, Seiner Majestät dem Kaiser mein Entlassungsgesuch einzureichen, sobald Euer Exzellenz sich überzeugt haben sollten, daß mein Ausscheiden im Interesse der Sache liegt und Euer Exzellenz die Bewältigung der neuen großen Aufgabe erleichtert.
In der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Euer Exzellenz ergebenster
Helfferich.
Graf Hertling antwortete mir noch am gleichen Abend mit folgendem Schreiben:
Berlin, 28. Oktober 1917.
Euer Exzellenz hochgeschätztes Schreiben vom Heutigen habe ich zu erhalten die Ehre gehabt und beeile mich, Euer Exzellenz meinen herzlichsten Dank dafür auszusprechen. Die von Euer Exzellenz zum Ausdruck gebrachte Absicht, mir für den Fall der Übernahme des Reichskanzlerpostens die meiner harrenden Aufgaben in jeder Weise zu erleichtern, weiß ich im vollsten Maße aufs dankbarste zu würdigen. Wenn Euer Exzellenz dabei sogar an ein Ausscheiden aus Ihrer jetzigen Stellung denken, um dadurch etwaige Schwierigkeiten zu beheben, so möchte ich nicht säumen, Euer Exzellenz zu versichern, wie außerordentlich Wert ich darauf legen würde, die hervorragende Arbeitskraft Eurer Exzellenz nicht missen zu müssen oder sie jedoch für alle Fälle mir im Interesse des Reiches in irgendeiner Form erhalten zu wissen. In dem jetzigen Zeitpunkt, in dem die zur Entscheidung stehenden Fragen auch für mich noch vollkommen ungeklärt sind, bitte ich Euer Exzellenz nur nochmals, meinen alleraufrichtigsten Dank für die mir bezeugte wahrhaft freundschaftliche Gesinnung entgegenzunehmen.
In der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Euer Exzellenz ergebenster
Hertling.
Ich sah den Grafen Hertling auf seinen Wunsch noch einmal an demselben Abend und wiederholte ihm nicht nur meine Bereitwilligkeit, sondern sprach ihm jetzt meinen dringenden Wunsch aus, von jeder amtlichen Stellung befreit zu werden. Sein Antwortschreiben hatte mich in dieser Absicht nur bestärkt. Er seinerseits ersuchte mich angelegentlich, keinen vorzeitigen Entschluß zu fassen und meine Geschäfte so weiterzuführen, als ob eine Änderung nicht in Betracht käme.
Die Audienz beim Kaiser hatte den erwarteten Verlauf genommen. Insbesondere hatte Graf Hertling die Erlaubnis erhalten, sich vor seiner endgültigen Entscheidung mit den Parteiführern in Verbindung zu setzen.
Die Unterhaltung mit den Parteiführern stieß zunächst auf die Schwierigkeit, daß die Vertreter der Mehrheitsparteien, trotz der von ihnen heraufbeschworenen Kanzlerkrisis, zum Teil von Berlin abwesend waren; vor allem war für das Zentrum nur der Abgeordnete Erzberger anwesend, dessen Verhältnis zu dem Grafen Hertling kein ungetrübtes war und der bisher offen für die Kandidatur des Fürsten Bülow eingetreten war. Die Nachteile der Trennung des Kanzlerpostens und des preußischen Ministerpräsidiums wurden in den Vordergrund geschoben. Am Dienstag, 30. Oktober, erklärte deshalb Graf Hertling Herrn von Valentini und mir, daß er seine Mission als gescheitert ansehe und am Abend nach München zurückreisen wolle. Die Berliner Abendblätter erklärten die Kandidatur Hertling auf Grund seiner Besprechungen mit den Parteiführern für erledigt.
Graf Hertling ließ sich jedoch dazu bestimmen, zunächst noch die für den nächsten Tag in Aussicht genommene Unterredung mit dem Zentrumsführer Trimborn abzuwarten; außerdem übernahm es der Staatssekretär von Kühlmann im Einverständnis mit den Herren Michaelis und Graf Hertling, auf die Führer der Mehrheitsparteien einzuwirken.
Herr Trimborn sagte dem Grafen Hertling die volle Unterstützung des Zentrums zu, sprach sich aber dabei mit Entschiedenheit gegen die Trennung des preußischen Ministerpräsidiums vom Amte des Reichskanzlers aus. Graf Hertling, der mir ursprünglich gesagt hatte, daß gerade die Entlastung von den Geschäften und Verantwortlichkeiten des preußischen Ministerpräsidiums ihm die Annahme des Reichskanzleramtes ermögliche, erklärte sich jetzt nach der Unterhaltung mit Herrn Trimborn bereit, Reichskanzler zu werden, wenn der Stein des Anstoßes beseitigt und ihm entsprechend den Wünschen der Mehrheitsparteien auch das preußische Ministerpräsidium übertragen werde. Sehr schweren Herzens entschloß sich der Kaiser, der angesichts der bevorstehenden Verfassungskämpfe in Preußen das Ministerpräsidium in preußische Hände zu legen wünschte, im Interesse einer glatten Erledigung der Kanzlerkrisis das Opfer seiner Überzeugung zu bringen und den Grafen Hertling auch als preußischen Ministerpräsidenten in Aussicht zu nehmen.
Die Position des Grafen Hertling war nun sehr stark. Er hatte das Zentrum hinter sich, ohne das die »Mehrheitsparteien« keine Mehrheit mehr waren; Herrn Erzberger, der die Kandidatur Hertling nicht offen bekämpfen konnte und der zu den eifrigsten Vertretern der Unmöglichkeit der »Trennung der Gewalten« gehörte, war mit der Entschließung des Kaisers und Königs, dem Grafen Hertling auch das preußische Ministerpräsidium zu übertragen, der Wind aus den Segeln genommen. Den anderen Mehrheitsparteien hatte Graf Hertling die Erfüllung ihrer sachlichen Forderungen zugesagt, vor allem die alsbaldige Einbringung der preußischen Wahlrechtsvorlage, die Milderung der Handhabung des Belagerungszustandes in bezug auf Zensur und Beschränkungen der Versammlungsfreiheit, die Wiedereinbringung des vor einigen Jahren gescheiterten Arbeitskammergesetzes und die Aufhebung des den Gewerkschaften anstößigen § 153 der Gewerbeordnung; dazu in der äußeren Politik die Innehaltung der in der Antwortnote an den Papst festgesetzten Richtlinien.
Am 1. November wurden mir die Allerhöchsten Orders über die Verabschiedung des Herrn Michaelis und die Ernennung des Grafen Hertling zum Reichskanzler zur Gegenzeichnung vorgelegt. Am gleichen Tage wurde die Ernennung des Grafen Hertling zum Präsidenten des Preußischen Staatsministeriums vollzogen.
Die »Parlamentarisierung«
Mit der Ernennung des Grafen Hertling war jedoch die Krisis nicht zu Ende. Denn nun präsentierten die Mehrheitsparteien, einschließlich der Nationalliberalen, mit großem Nachdruck ihre Forderungen auf »Parlamentarisierung« der Regierungen im Reich und in Preußen, indem sie sich auf Zusicherungen beriefen, die ihnen in den Verhandlungen über die Kandidatur des Grafen Hertling, insbesondere in den Besprechungen mit dem Staatssekretär von Kühlmann, gemacht worden seien.
Herr von Kühlmann hatte allerdings am 30. Oktober den Auftrag erhalten, den Führern der Mehrheitsparteien die in der auswärtigen Politik liegenden Gründe für eine glatte und rasche Erledigung der Kanzlerkrisis und speziell für die Kanzlerschaft des Grafen Hertling klarzumachen. Er hatte keinerlei Auftrag, Fragen der inneren Politik und Fragen der Besetzung von Minister- und Staatssekretärsposten mit den Parteiführern zu besprechen. Es stellte sich heraus, daß Herr von Kühlmann sich gleichwohl in eine solche Erörterung eingelassen hatte, und zwar so weit, daß die Mehrheitsparteien behaupteten, von ihm bestimmte Zusicherungen empfangen zu haben. So beriefen sich die Nationalliberalen darauf, daß ihnen die Ernennung des preußischen Abgeordneten Dr. Friedberg zum Vizepräsidenten des Preußischen Staatsministeriums zugesagt worden sei, und die Sozialdemokraten wie die Fortschrittler wollten verstanden haben, daß der Wunsch, den Abgeordneten von Payer zum Vizekanzler ernannt zu sehen, auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Als mir das zu Ohren kam, bat ich erneut den Grafen Hertling, mein Abschiedsgesuch dem Kaiser zu unterbreiten, erhielt aber noch am 31. Oktober abends vom Grafen Hertling die Antwort, von meinem Rücktritt könne gar keine Rede sein; in seinen Verhandlungen mit den Parteiführern sei von meiner Person und einem Wechsel in dem Posten des Vizekanzlers überhaupt mit keinem Wort gesprochen worden. Auch der Kaiser ließ mich wissen, daß er fest auf mein Verbleiben in meinem Amt als Stellvertreter des Reichskanzlers rechne und nur in dieser Voraussetzung sich mit der Kombination Hertling einverstanden erklärt habe.
In den folgenden Tagen beauftragte mich der nun zum Reichskanzler ernannte Graf Hertling mit der Leitung der Besprechungen über die östlichen Kriegsziele, die für den 2. und 3. November angesetzt waren und an denen außer den Chefs der sämtlichen Reichsämter und preußischen Ministerien auch der Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff teilnahmen. Die Besprechungen waren um so wichtiger, als für den 5. November Graf Czernin seinen Besuch angesagt hatte, um in erneute Verhandlungen über die polnische Frage, und zwar im Sinne der Angliederung Polens an die habsburgische Monarchie, einzutreten. Ebenso übertrug mir der Reichskanzler die Leitung der Besprechungen mit dem Grafen Czernin, die am 6. November im Beisein des Feldmarschalls von Hindenburg und des Generals Ludendorff stattfanden.
Diese Verhandlungen führten zu keinem endgültigen Ergebnis. Zwar hatte der Kaiser in einem am Montag, 5. November, im Schloß Bellevue stattgehabten Kronrat unter gewissen Voraussetzungen, die sich auf Grenzregulierung und Sicherung unserer Wirtschafts- und Verkehrsinteressen in Polen bezogen, seine grundsätzliche Zustimmung zu der sogenannten austro-polnischen Lösung gegeben, in der Absicht, dadurch ernste Friktionen mit der Donaumonarchie zu vermeiden und Österreich-Ungarn für das herannahende letzte und schwerste Stadium des Krieges so fest wie möglich an uns zu binden. Aber über diese Voraussetzungen ließ sich in den Besprechungen mit dem Grafen Czernin, da dieser weder in den Fragen der militärischen Grenzsicherung noch in den Wirtschafts- und Verkehrsangelegenheiten eine endgültige Stellung nehmen konnte, eine Einigung nicht erzielen. Es wurden vielmehr weitere Verhandlungen unter Zuziehung auch der österreichisch-ungarischen militärischen Stellen und der Ministerpräsidenten der beiden Reichshälften ins Auge gefaßt.
Unterdessen versteiften sich die Mehrheitsparteien immer mehr auf ihre Parlamentarisierungsforderungen. Schon am Sonntag, 4. November, teilte mir der Abgeordnete Haußmann mit, diese Wünsche, die auf Grund der Unterhaltungen mit Herrn von Kühlmann Gestalt angenommen hätten, müßten im Interesse eines ruhigen Zusammenarbeitens von Reichsleitung und Reichstag erfüllt werden. Die Fortschrittler hätten ursprünglich dem Verlangen nach Ministerposten kühl gegenübergestanden; als aber Dr. Friedberg nach Kühlmanns Erklärungen ernstlich als Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums in Betracht gekommen sei, und nachdem die Sozialdemokraten, für sich selbst auf einen Ministerposten verzichtend, den Fortschrittlern ihre Unterstützung für die Forderung nach einem preußischen Ministerposten und dem Posten des Vizekanzlers angeboten hätten, könne die Fortschrittliche Volkspartei nicht bei ihrer Zurückhaltung bleiben; seine Freunde wünschten aber, daß ich dem Reichsdienst erhalten bliebe, und ich müsse helfen, eine Lösung zu finden.
Am Montag, 5. November, ermächtigte der Kaiser den Grafen Hertling, mit Herrn Dr. Friedberg wegen Übernahme des Vizepräsidiums des Preußischen Staatsministeriums in Verbindung zu treten. Am Abend des folgenden Tages teilte Graf Hertling in einer Besprechung, an der die meisten Staatssekretäre und preußischen Minister teilnahmen, mit, daß Herr Friedberg abgelehnt habe, und zwar weil ihm die inzwischen angemeldeten Ansprüche der Mehrheitsparteien zu weit zu gehen schienen und er sich nicht als Druckmittel für übertriebene Forderungen mißbrauchen lassen wolle. In dieser Besprechung erklärte ich dem Kanzler erneut, daß ich nichts sehnlicher wünschte als meinen Rücktritt; ich fügte aber hinzu, daß ich nicht daran dächte, ihn oder gar die Krone im Stich zu lassen; wenn man glaube, mich zu brauchen, stehe ich zur Verfügung; dann aber müßte ich für mich die ungeminderte Autorität meiner bisherigen Stellung als Vizekanzler beanspruchen.
Einen Augenblick schien es so, als ob die Ablehnung des preußischen Ministerpräsidiums durch Herrn Friedberg und die scharf gegen links Front nehmende Begründung dieses Schrittes durch die »Nationalliberale Korrespondenz« ein Abrücken der Nationalliberalen von den Mehrheitsparteien zur Folge haben würde. Aber den Bemühungen einiger Parteifreunde des Herrn Friedberg, die unter allen Umständen die »Parlamentarisierung« herbeiführen wollten, gelang es, einen neuen Umschwung herbeizuführen. Am Tag nach seiner Ablehnung war Herr Friedberg bereit, das Vizepräsidium, falls die anderen schwebenden Fragen befriedigend erledigt würden, doch noch anzunehmen.
Ich hatte am Nachmittag des gleichen Tages, des 7. November, abermals den Besuch des Abgeordneten Haußmann, der mir u. a. berichtete, daß in der interfraktionellen Kommission eine von ihm veranlaßte Erörterung über meine Person stattgefunden habe; dabei sei von allen Seiten, auch von den Sozialdemokraten, zum Ausdruck gebracht worden, daß keinerlei persönliche Animosität gegen mich vorliege, daß man meine Leistungen anerkenne und wünsche, daß ich auch unter der neuen Ordnung der Dinge an leitender Stelle im Reichsdienst bleibe. Da nun aber einmal Übereinstimmung darüber bestehe, daß Herr von Payer Vizekanzler werden müsse, sei man auf den Gedanken der Schaffung eines neuen Reichsamtes gekommen, dem die Bearbeitung der Angelegenheiten der besetzten Gebiete und der auf die Friedensverhandlungen bezüglichen Fragen zugewiesen werden solle. Dieses neue Reichsamt solle mir angeboten werden, und gleichzeitig sollte ich die Mitgliedschaft des Preußischen Staatsministeriums behalten. Die Mitglieder der interfraktionellen Kommission seien ausnahmslos mit diesem Vorschlage einverstanden gewesen, und der Vorschlag solle am Abend den vom Reichskanzler mit den weiteren Verhandlungen beauftragten Staatssekretären Graf Roedern und von Kühlmann überbracht werden.
Ich antwortete Herrn Haußmann, daß mir das Einverständnis derjenigen Person zu fehlen scheine, auf die es doch in erster Linie ankomme, und das sei ich selbst. Ich sei bereit, zu gehen, wenn Kanzler und Kaiser mich gehen ließen; aber ich sei nicht bereit, ein anderes Amt zu übernehmen.
Nach dem Besuch des Herrn Haußmann begab ich mich zum Grafen Hertling; ich bestand darauf, daß im Interesse der Sache wie auch meiner Person endlich in dem einen oder anderen Sinne Klarheit geschaffen werden müsse. Ich hätte nach wie vor in erster Linie den Wunsch, meinen Abschied zu erhalten; aber ich hätte keine Neigung, mich weiterhin in parlamentarischen Besprechungen und Verhandlungen zwischen meinen Kollegen und den Parteiführern als »corpus vile« behandeln und mich täglich dreimal in der Berliner Presse als lästigen Kleber hinstellen zu lassen. Ich könne mir auch nicht denken, daß die Autorität des Kanzlers und der Krone aus dieser Art der Behandlung der Besetzung wichtiger Reichs- und Staatsämter ohne starke Einbuße hervorgehen könne. Graf Hertling antwortete mir, er teile vollkommen meine Ansicht; es müsse unter allen Umständen jetzt Schluß gemacht werden; um sechs Uhr abends sollten die Staatssekretäre Graf Roedern und von Kühlmann die Parteiführer empfangen, aber lediglich, um sie anzuhören und ihnen für den nächsten Tag die endgültigen Entschließungen in Aussicht zu stellen. Ich möchte mich durch keine Zeitungsangriffe und Zwischenträgereien irremachen lassen; er wie der Kaiser rechneten unbedingt darauf, daß ich in meinem Amte ausharrte.
Um sechs Uhr eröffneten die Vertreter der Mehrheitsparteien und der Nationalliberalen den Staatssekretären Graf Roedern und von Kühlmann, sie wünschten die Ernennung Friedbergs zum preußischen Vizepräsidenten und Payers zum Vizekanzler; beide Herren seien zur Übernahme dieser Posten bereit; die Besetzung eines preußischen Ministerpostens mit einem Fortschrittler sei einstweilen zurückgestellt, aber nicht aufgegeben; ich solle Staatssekretär für die besetzten Gebiete und die Friedensvorbereitungen werden. In diesen Forderungen seien Nationalliberale, Fortschrittler, Zentrum und Mehrheitssozialdemokraten solidarisch.
Am Abend teilte mir Graf Roedern mit, der Kanzler habe ihn und Herrn von Kühlmann beauftragt, am nächsten Vormittag den Parteiführern folgende Lösung als endgültig mitzuteilen: Friedberg wird Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums; Helfferich bleibt Vizekanzler; von Payer wird Staatssekretär ohne Portefeuille mit der speziellen Aufgabe der Pflege der Beziehungen zwischen Reichsleitung und Parlament. Wenn die Fraktionsführer sich damit nicht befriedigt erklärten, so solle ihnen gesagt werden, daß der Kanzler die Wünsche des Parlaments nicht über die sachlichen Erwägungen stellen könne, die schließlich bei der Besetzung der wichtigsten Reichs- und Staatsämter ausschlaggebend bleiben müßten, und daß er unter den obwaltenden Umständen darauf verzichten müsse, jetzt überhaupt irgendwelche Personalveränderungen dem Kaiser und König vorzuschlagen. Graf Roedern schloß an diese Mitteilung die erneute dringende Bitte, ich möchte von der Einreichung eines Abschiedsgesuchs Abstand nehmen.