Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 12
Der Vorfall wurde von den zahlreichen Gegnern, die ich auch außerhalb der Sozialdemokratie im Reichstag hatte, eifrig ausgenutzt; dazu kam, daß man die Diskussion in Gegenwart des Reichskanzlers zu Ende zu führen wünschte. Die Debatte über die Interpellation wurde deshalb nicht zu Ende geführt, sondern in verhältnismäßig früher Stunde vertagt.
In der nächsten Sitzung am Montag, 8. Oktober, wurde der zur dritten Lesung anstehende Nachtragsetat, der die Teilung des Reichsamts des Innern und die Schaffung einer besonderen Stelle für mich als Stellvertreter des Reichskanzlers vorsah, an den Hauptausschuß zurückverwiesen. Man wollte sich dort darüber unterhalten, ob man nach dem Vorgefallenen die für mich bestimmte Stelle nun doch noch ablehnen sollte, und außerdem wollte man vor einer Fortsetzung der Interpellationsdebatte im Plenum weitere Mitteilungen vom Kriegsminister über den Aufklärungsdienst im Heer, vom Reichskanzler über seine Stellung zur alldeutschen Agitation.
Die Aussprache in der Kommission verlief befriedigend. In meiner persönlichen Angelegenheit wurde anerkannt, daß sachlich an meiner Beantwortung der Interpellation kaum etwas auszustellen sei; aber es sei der Ton, der die Musik mache. Ich konnte meinerseits nur darauf hinweisen, daß in diesem Fall die von einem Teil des Reichstags gemachte Musik nicht ganz ohne Einfluß auf meinen Ton habe bleiben können. Der Nachtragsetat mit dem Vizekanzlerposten wurde schließlich vom Hauptausschuß erneut mit allen Stimmen gegen diejenigen der Sozialdemokraten angenommen. Der Weg für die Erledigung der Interpellation und des Nachtragsetats im Plenum schien auf das beste vorbereitet.
Aber die Plenarverhandlung des folgenden Tages brachte einen neuen unerwarteten Zwischenfall, der für die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis verhängnisvoll werden sollte.
Zum Verständnis dieses Zwischenfalles muß ich vorausschicken, daß im Juli oder August unter den Mannschaften der Hochseeflotte eine Verschwörung entdeckt worden war, die darauf hinausging, in einem noch zu bestimmenden Augenblicke durch gemeinschaftliche Gehorsamsverweigerung die Flotte lahmzulegen und dadurch den Frieden zu erzwingen. Von den Rädelsführern wurden einige zum Tode verurteilt -- wenn ich mich recht erinnere, sechs, wovon drei begnadigt wurden; andere erhielten schwere Freiheitsstrafen. Die Untersuchung ergab, daß die Rädelsführer dieses Komplotts sämtlich Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei waren, und daß ihre Werbung für das Komplott Hand in Hand ging mit der Werbung für die Unabhängige Sozialdemokratie; daß ferner die Rädelsführer des Komplotts in persönliche Beziehungen zu führenden Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratie, insbesondere den Abgeordneten Haase, Dittmann und Vogtherr getreten waren und von diesen reichlich mit Agitationsmaterial versehen worden waren. Nicht schlüssig erwiesen war, daß die Rädelsführer des Marinekomplotts die genannten sozialistischen Abgeordneten auch in ihre aufrührerischen und landesverräterischen Pläne eingeweiht hatten und von diesen nicht nur für die Werbetätigkeit zugunsten der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, sondern auch für jene verbrecherischen Pläne Aufmunterung und Unterstützung erhalten hatten. Der Reichsanwalt war infolgedessen zu der Ansicht gekommen, daß das Material zu einem strafrechtlichen Einschreiten gegen die drei Reichstagsabgeordneten nicht ausreiche.
Der Reichskanzler hatte im Laufe des September Vertrauensleuten der Reichstagsfraktionen von den Vorkommnissen eingehende Mitteilungen gemacht und ihnen durch den Reichsanwalt die Akten vortragen lassen. Man war zu der Ansicht gekommen, daß vor allem Weiteren eine Vervollständigung der Untersuchung und bis zu deren Abschluß -- schon in Rücksicht auf das Ausland -- die strengste Geheimhaltung notwendig sei. Die Vervollständigung der Untersuchung stieß insofern auf große Schwierigkeiten, als die Todesurteile an den Haupträdelsführern, die mit den drei Abgeordneten in Verbindung getreten waren, bereits vollstreckt waren. Bis zu der Tagung des Reichstags im Oktober war neues belastendes Material jedenfalls nicht zutage gefördert worden.
Für die Sitzung des Reichstags vom 9. Oktober war als erster Redner in der Fortsetzung der Interpellationsdebatte der Abgeordnete Dittmann vorgemerkt. Es war zu erwarten, daß er in der von ihm gewohnten scharfen Weise gegen das Hineintragen der alldeutschen Agitation in das Heer vorgehen werde, ohne sich dadurch beirren zu lassen, daß er selbst und seine Parteigenossen eine zum mindesten auf die Erschütterung der Disziplin und die Lähmung der Kampfeskraft gerichtete Agitation in die Marine hineingetragen hatten. Um hier vorzubeugen und zu warnen, hatte ich in meinen Ausführungen vom 6. Oktober ausdrücklich betont, daß die Politik von keiner Seite in die Armee hineingetragen werden dürfe, weder von rechts noch von links. Der Reichskanzler, der beabsichtigte, bei der Fortsetzung der Debatte seine in dem Hauptausschuß abgegebenen und dort als befriedigend anerkannten Erklärungen zu wiederholen, wollte nicht als erster das Wort ergreifen, sondern erst nach dem Abgeordneten Dittmann sprechen und diesem gegenüber den Standpunkt mit Nachdruck vertreten, daß der Abgeordnete Dittmann und seine Parteigenossen am allerwenigsten berechtigt seien, über politische Agitation im Heer Klage zu führen, und daß er, der Reichskanzler, am allerwenigsten eine politische Agitation in der bewaffneten Macht dulden werde, die auf eine Erschütterung des festen Gefüges und des guten Geistes von Heer und Flotte hinausgehe.
Hätte der Kanzler sich darauf beschränkt, so wäre er sowohl von den Unabhängigen Sozialdemokraten wie auch von den übrigen Parteien, deren Führer ja über die Vorkommnisse in der Marine und die Rolle des Herrn Dittmann bei diesen Vorkommnissen unterrichtet waren, verstanden worden und der allgemeinen Zustimmung sicher gewesen. Der Kanzler ging jedoch über diese Linie hinaus. Dem Abgeordneten Dittmann, der in seiner Rede außer den erwarteten Maßlosigkeiten auch die Todesurteile und Zuchthausstrafen gegen Matrosen, die angeblich »wegen Bekundung ihrer politischen Gesinnung« gefällt worden seien, vorgebracht hatte, antwortete er, indem er einmal Mitteilungen des Staatssekretärs von Capelle ankündigte, die begründen sollten, daß Herr Dittmann der letzte sei, der über Agitation im Heer und in der Marine sprechen dürfe; dann, indem er erklärte, sein Wort, daß er allen Parteien mit voller Objektivität gegenüberstehen wolle, gelte nur mit der Einschränkung, sofern diese Parteien nicht staatsgefährdende Ziele verfolgten; die Partei der Unabhängigen Sozialdemokratie stehe für ihn »jenseits dieser Linie«.
Nach dem Kanzler erhob sich der Staatssekretär von Capelle, um über die Vorkommnisse in der Marine zu sprechen. Er enthüllte die geplante Verschwörung und fügte hinzu:
»Es ist eine Tatsache, daß diese Leute Beziehungen mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei angeknüpft haben. Es steht aktenmäßig fest, daß der Hauptagitator hier im Reichstag im Fraktionszimmer der Unabhängigen Sozialdemokraten den Abgeordneten Dittmann, Haase und Vogtherr seine Pläne vorgetragen und Billigung gefunden hat. Die Abgeordneten haben zwar auf das äußerst Gefährliche des Vorgehens hingewiesen und zur größten Vorsicht gemahnt, aber ihre volle Unterstützung durch Übermittlung von Agitationsmaterial zur Aufreizung der Flotte zugesagt.«
Diese Erklärung mußte dahin verstanden werden, daß die Rädelsführer der Matrosenverschwörung den drei Abgeordneten ihren Plan der Lahmlegung der Flotte durch gemeinschaftliche Gehorsamsverweigerung mitgeteilt und für die Ausführung dieses Planes deren Billigung und Unterstützung erhalten hätten. Das war aber gerade der Punkt, für den auch jetzt noch ein schlüssiger Beweis nicht vorlag.
Des Reichstags bemächtigte sich eine gewaltige Aufregung, die sich zunächst gegen die Unabhängigen Sozialdemokraten richtete, dann aber, als sich herausstellte, daß für den Hauptpunkt der schlüssige Beweis fehlte, gegen den Kanzler und den Staatssekretär des Reichsmarineamts. Die Erregung wurde dadurch verschärft, daß Herr Michaelis die von ihm im September über die Vorfälle in der Marine orientierten Parteien mit keinem Wort davon unterrichtet hatte, daß er im Gegensatz zu der damals mit ihnen vereinbarten Linie die Angelegenheit im Plenum des Reichstags vorbringen wolle. Es war wieder einmal eine unglückliche Improvisation. Der Kanzler hatte auch mir gegenüber, der ich noch unmittelbar vor der Sitzung mit ihm über die Entgegnung auf die zu erwartenden Dittmannschen Angriffe gesprochen hatte, kein Wort von einer Absicht gesagt, die Marineangelegenheit jetzt zu einem Vorstoß gegen die Unabhängigen Sozialdemokraten zu benutzen. Anderenfalls hätte ich ihm dringend abgeraten, die Angelegenheit in dieser Form und überhaupt ohne Vereinbarung mit den Parteien über eine gemeinschaftliche Stellungnahme im Reichstag zur Sprache zu bringen. Auf meine erstaunte Frage über den Anlaß zu diesem doch offenbar mit dem Staatssekretär des Reichsmarineamts verabredeten Vorstoß antwortete mir der Kanzler, auf dem Wege zu dem Sitzungssaale habe er Herrn von Capelle getroffen, der ihm gesagt habe, der Abgeordnete Dittmann werde die Verurteilungen in der Marine vorbringen, da müsse er doch klaren Wein einschenken; er habe sich damit einverstanden erklärt; seinerseits habe er es für richtig gehalten, in seiner Erwiderung auf die Dittmannsche Rede im voraus auf die Erklärungen des Herrn von Capelle hinzuweisen.
Ich tat während des Fortgangs der Sitzung in Unterhaltungen mit Führern der bürgerlichen Parteien mein möglichstes, um diese davon abzuhalten, aus dem vorliegenden Anlaß einen neuen Sturm gegen den Reichskanzler zu inszenieren. Man mochte das Vorgehen des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des Reichsmarineamts vom Standpunkt der Taktik, der Zweckmäßigkeit und der Rücksicht auf die Reichstagsparteien beurteilen wie man wollte, -- über die schweren Gefahren der Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten in der Marine und im Heer konnte sich kein politisch denkender Mensch einem Zweifel hingeben. Zudem sprach im vorliegenden Fall, wenn auch das letzte Glied in der Beweiskette fehlte, ein so hoher Grad von Wahrscheinlichkeit mindestens für eine moralische Mitschuld der Unabhängigen Sozialdemokraten an der Marineverschwörung, daß es mir geradezu ungeheuerlich erschien, wenn jetzt ein großer Teil der bürgerlichen Parteien sich anschickte, die Unabhängigen Sozialdemokraten als die gekränkte Unschuld zu schützen und sich gegen den Reichskanzler und Herrn von Capelle zu wenden. Und doch ließ die Mehrheit des Reichstags auch diesen Anlaß, ihre politische Unreife zu zeigen, nicht vorübergehen.
Den Reigen eröffnete namens des Zentrums Herr Trimborn, der es in noch verhältnismäßig milder Form als recht »bedenklich und nicht angängig« bezeichnete, die Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten in ihrer Gesamtheit ohne weiteres mit den gegen die drei Abgeordneten erhobenen Beschuldigungen in Zusammenhang zu bringen; er sprach ferner die Erwartung aus, daß für diese Beschuldigungen hinreichend schlüssiges Material vorliege, das die Möglichkeit gebe, gegen die drei Abgeordneten wegen Hoch- und Landesverrats vorzugehen. Auch der Führer der Nationalliberalen, Dr. Stresemann, verlangte, daß gegen die drei Abgeordneten ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet werde. Der Abgeordnete Naumann, der für die Fortschrittliche Volkspartei sprach, ging erheblich weiter. Er protestierte feierlich dagegen, »daß man aus einem nicht vollzogenen Verfahren hier entehrende Folgerungen gegen jemand zieht, der zur deutschen Reichs- und Volksvertretung gehört«, und daß ein Vorgehen einzelner, selbst wenn es bewiesen sei, auf eine ganze Partei ausgedehnt werde; er fügte hinzu: »Durch das, was der Herr Reichskanzler vorhin gesagt hat, sind wir alle genötigt worden, nun für diese Partei und ihre Existenz recht einzutreten.«
Der Sprecher einer bürgerlichen Partei brachte es also zuwege, aus falsch verstandener Gerechtigkeit zu verlangen, daß der Reichstag, weil vom Regierungstisch eine Ungeschicklichkeit begangen worden war, für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei eintreten müsse, deren Agitation in Heer und Flotte, wie die Marineverschwörung gezeigt hatte, zum mindesten den Boden bereitete für eine Bewegung, die uns mitten im Krieg wehrlos machen mußte. Vergeblich bemühte sich der Reichskanzler, der in jener Sitzung noch zweimal das Wort nahm, seine mißverständlichen und mißverstandenen Worte von der »außerhalb der Linie stehenden« Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei auf den ihnen zugedachten Sinn zurückzuführen; vergeblich hob er hervor, daß es sich bei der ganzen Debatte um die Frage der politischen Agitation in der bewaffneten Macht handele, und daß er angesichts des Nebeneinandergehens der Werbung für den Aufruhr und Kriegsverrat und der Werbung für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei eine Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten in Heer und Flotte nicht dulden könne, -- es blieb dabei, daß die Reichstagsmehrheit den von der Regierungsbank gemachten taktischen Fehler weit übertrumpfte, indem sie, statt der Regierung beizuspringen, den Unabhängigen Sozialdemokraten als den zu Unrecht Angegriffenen Deckung gegen die Reichsregierung gewährte. Die, wenn auch der Mitwisserschaft und Mittäterschaft an dem Verbrechen des militärischen Aufruhrs und des Landesverrats nicht überführten, so doch immerhin schwer bloßgestellten und in ihrer Gefährlichkeit entlarvten Führer der Unabhängigen Sozialdemokratie standen dank des Versagens der bürgerlichen Mehrheitsparteien am Schluß jener verhängnisvollen Reichstagssitzung als die Triumphatoren da.
Daß bei diesem Verhalten der bürgerlichen Mehrheitsparteien die Mehrheitssozialisten einen doppelten Eifer zeigten, für die gekränkte Unschuld ihrer feindlichen Brüder einzutreten, konnte nicht wundernehmen. Der Abgeordnete Ebert ging mit ungewöhnlicher Schärfe mit dem Reichskanzler ins Gericht. Es sei unerhört, ohne die Angeschuldigten vorher zu unterrichten, plötzlich mit so schweren Anklagen vor aller Öffentlichkeit im Parlament hervorzutreten. Nach dem vorgetragenen Material seien die erhobenen Anklagen nicht gerechtfertigt. Wenn die Heeresleitung selbst die Politik in das Heer hineintrage, dann dürfe sie sich nicht beschweren, wenn »andere Parteigruppen« ebenfalls im Heer Propaganda trieben. Der Reichskanzler habe mit seiner Erklärung der ganzen Sache die Krone aufgesetzt: er habe kurzerhand eine ganze Partei außerhalb des Rechts gestellt (wovon gar keine Rede war). Dies sei ein Rückfall in die Ausnahmegesetzgebung. Eine solche Erklärung habe nur von einer Regierung erfolgen können, die sich ihrer großen Verantwortung nicht bewußt und ihrer großen Aufgabe in keiner Weise gewachsen sei; »und ich spreche es weiter offen aus,« fügte er hinzu, »jeder Tag, der das deutsche Volk früher von dieser Regierung befreit, wird von uns begrüßt werden.«
Das war eine Kampfansage in aller Form. Wer das Bestreben der bürgerlichen Mehrheitsparteien kannte, unter allen Umständen die geschlossene Front mit den Mehrheitssozialisten aufrechtzuerhalten, wer außerdem Bescheid wußte über die starken Kräfte, die in den bürgerlichen Mehrheitsparteien gegen die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis am Werke waren, der konnte nicht im Zweifel sein, welche Stunde geschlagen hatte.
Zwar wurde ein von den Sozialdemokraten beider Richtungen beantragtes Mißtrauensvotum gegen den Kanzler von den bürgerlichen Parteien abgelehnt, jedoch nur, weil man einen Kanzlersturz in offener Reichstagssitzung zu vermeiden wünschte; aber die bürgerlichen Mehrheitsparteien, einschließlich der Nationalliberalen, kamen überein, nach der unmittelbar bevorstehenden Vertagung des Reichstags Herrn Michaelis zu eröffnen, daß er nach ihrer Ansicht nicht Kanzler bleiben könne.
Von Michaelis zu Graf Hertling
Im November sollte der Reichstag zur Bewilligung eines neuen Kriegskredits abermals zusammentreten. Schon am 22. Oktober versammelte sich die interfraktionelle Kommission der Mehrheitsparteien, diesmal unter Hinzutritt der Nationalliberalen, um über die Kanzlerkrisis zu beraten. Am folgenden Tag besuchten die Vertreter der Mehrheitsparteien den Chef des Zivilkabinetts des Kaisers, Herrn von Valentini, um diesem ihre Auffassung über die Lage darzulegen. Der Rücktritt des Herrn Michaelis wurde dabei als etwas Unvermeidliches behandelt. Die Herren ließen Herrn von Valentini ein Schriftstück zurück, das folgendermaßen lautete:
»Nach Rücksprache von Vertretern verschiedener Parteien des Reichstags mit dem Herrn Reichskanzler über die gesamte äußere und innere Lage sind wir gemeinschaftlich zu folgender Auffassung gelangt:
Sollte Seine Majestät der Kaiser zu dem Entschlusse kommen, einen Kanzlerwechsel eintreten zu lassen, so dient es dem höchsten Staatsinteresse, für ruhige innerpolitische Entwicklung bis Kriegsende volle Gewähr zu schaffen. Nur hierdurch kann diejenige Geschlossenheit hergestellt werden, deren das Volk in Waffen und in der Heimat dringend bedarf.
Der Weg zu diesem Ziel ist eine vertrauensvolle Verständigung über die äußere und innere Politik des Reiches bis zum Kriegsende. Die innerpolitischen Schwierigkeiten der letzten Monate sind auf den Mangel einer solchen Verständigung zurückzuführen.
Seine Majestät den Kaiser bitten wir daher, vor der von ihm zu treffenden Entschließung die zur Leitung der Reichsgeschäfte in Aussicht genommene Persönlichkeit zu beauftragen, sich mit dem Reichstag zu besprechen.«
In diesem Schriftstück wie in den mündlichen Unterhaltungen der Parteiführer mit Herrn von Valentini wurde der Versuch gemacht, die Personenfrage, die in dem Sinn der Verabschiedung des Herrn Michaelis ohne weiteres als entschieden angenommen wurde, gleichzeitig zu einer verfassungsrechtlichen Frage zu machen: Die Parteien wünschten bei der bevorstehenden Ernennung des neuen Reichskanzlers vor der Kaiserlichen Entscheidung mitsprechen zu dürfen, und zwar in Form einer Verhandlung mit dem neuen Reichskanzler über eine »vertrauensvolle Verständigung über die äußere und innere Politik des Reiches bis zum Kriegsende«. Dieser Wunsch war in die Form einer Bitte an den Kaiser gekleidet und trug so dem verfassungsmäßigen Rechte des Kaisers zur Ernennung des Reichskanzlers Rechnung. Auch sachlich war gegen den Wunsch, daß der neue Reichskanzler vor seiner endgültigen Ernennung mit den Parteien des Reichstags Fühlung nehmen möchte, nichts einzuwenden. Jeder, der in voller Kenntnis der Verhältnisse sich vor den Entschluß gestellt sah, die Leitung der Reichsgeschäfte zu übernehmen, mußte ohnedies aus sich heraus das Bedürfnis fühlen, vor seiner eigenen Entschließung über die Annahme des Kanzlerpostens sich darüber zu vergewissern, ob er mit dem Reichstag werde zusammenarbeiten können oder nicht. Immerhin wurde, wenn der Kaiser dem Wunsche der Führer der Mehrheitsparteien des Reichstags entsprechend die als neuen Reichskanzler in Aussicht genommene Persönlichkeit beauftragte, sich vor ihrer endgültigen Ernennung »mit dem Reichstag zu besprechen«, ein Vorgang geschaffen, der angesichts der großen Rolle, die Tradition und Übung im Verfassungsleben aller Völker spielen, künftighin als neues Recht in Anspruch genommen werden würde. Insofern war die Angelegenheit von nicht geringer Tragweite. Außerdem aber hatte der Kaiser sich erst noch zu entscheiden, ob er Herrn Michaelis, der noch kein Entlassungsgesuch eingereicht hatte und dazu auch keine Neigung zeigte, veranlassen wollte, um seinen Abschied zu bitten.
Und auch diese letztere Frage lag keineswegs einfach. Es handelte sich nicht nur um die Eignung des Herrn Michaelis zur Führung der Reichsgeschäfte, sondern auch um die Frage, ob der Anlaß für die Verabschiedung des Herrn Michaelis ein geeigneter war. Ich vertrat gegenüber Herrn von Valentini, der mich am 24. Oktober besuchte, den Standpunkt, daß der Anlaß der denkbar ungeeignetste sei. Die »Krisis« war unmittelbar veranlaßt durch das Auftreten des Reichskanzlers gegen die in ihrer Gefährlichkeit gar nicht hoch genug einzuschätzende Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten in Heer und Flotte. Es war schon schlimm genug, daß die bürgerlichen Mehrheitsparteien, verstärkt durch die Nationalliberalen, zusammen mit den Mehrheitssozialisten in dieser Frage gegen den Reichskanzler Stellung genommen hatten; schon das war eine unverantwortliche Förderung dieser unsere nationale Existenz untergrabenden Wühlarbeit. Der Schaden mußte aber ins Unermeßliche gesteigert werden, wenn der Kaiser einen Kanzler in die Wüste schickte, weil dieser es gewagt hatte -- wenn auch in nicht ganz geschickter Form --, gegen diese Wühlarbeit aufzutreten. Bei aller Loyalität, die ich dem Reichskanzler schuldete, konnte ich Herrn von Valentini nicht verhehlen, was ich auch gegenüber dem Kanzler selbst offen ausgesprochen hatte, daß auf die Dauer Herr Michaelis als Kanzler nicht zu halten sein werde; aber ebenso bestimmt sprach ich mich dahin aus, daß Herr Michaelis nicht vor den Triumphwagen der Unabhängigen Sozialdemokraten gespannt werden dürfe. Bei einiger Besonnenheit auf seiten der Reichstagsparteien hätte sich ein erträglicher Ausweg finden lassen müssen.
An der nötigen Besonnenheit aber fehlte es ganz und gar.
Schon zwei Tage nach dem ersten Schritt der Mehrheitsparteien bei Herrn von Valentini erschien dort der Zentrumsabgeordnete Trimborn als Beauftragter der Mehrheitsparteien von neuem, um das Erstaunen auszusprechen, daß trotz der bei Herrn von Valentini erhobenen Vorstellungen behauptet werde, Herr Michaelis solle bleiben, und um zu fragen, ob und wann die Mehrheitsparteien überhaupt eine Antwort zu erwarten hätten. Herr von Valentini zeigte sich seinerseits erstaunt über das Drängen; nachdem man zwei Tage zuvor ausdrücklich betont habe, man wolle dem Kaiser die Freiheit der Entschließung lassen, müsse man ihm auch die Zeit für eine Entschließung gewähren.
An dem Nachmittag desselben 25. Oktober besuchte mich der Abgeordnete Conrad Haußmann im Auftrag seiner in der interfraktionellen Besprechung vereinigten Kollegen, um folgende Anfragen an mich zu richten:
1. ob es richtig sei, daß ich mich dem Abgang des Herrn Michaelis widersetze, oder daß ich ihn jedenfalls noch bis zum Dezember halten wolle;
2. ob es richtig sei, daß ich einen Plan entworfen habe oder wenigstens befördere, der bezwecke, die Mehrheitssozialdemokraten aus Anlaß des nächsten Kriegskredits in die Opposition zu drängen und dann eine neue Mehrheit mit scharfer Frontstellung nach links zu bilden.
Ich habe Herrn Haußmann, der diese Fragen sehr offiziell an mich richtete, zunächst privatim und persönlich -- ich stand mit ihm persönlich stets auf einem guten Fuß -- meine Meinung über den Takt und die Klugheit solcher Fragen gesagt und ihm dann offiziell erklärt:
1. daß ich es ablehnen müßte, als Stellvertreter des Reichskanzlers und Staatssekretär irgendwelche Erklärungen über meine Stellung zu dem Bleiben oder Gehen des Reichskanzlers abzugeben;
2. daß ich es stets als einen wesentlichen Erfolg der Politik des Herrn von Bethmann Hollweg angesehen hätte, daß es gelungen sei, die Massen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und ihre parlamentarische Vertretung in der vaterländischen Front zu halten; ich hoffte, daß dieses auch weiterhin möglich sein werde.