Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch
Part 11
Die deutsche Regierung nahm also, ohne in eine Erörterung der Einzelheiten einzutreten, die in der päpstlichen Note ausgesprochenen Gedanken als eine »geeignete Unterlage« für Verhandlungen über den Frieden an, obwohl die Vorschläge des Papstes in der elsaß-lothringischen Frage die Integrität des Deutschen Reiches, in der Südtiroler und Triestiner Frage die Integrität der österreichisch-ungarischen Monarchie als offene Fragen behandelten. Ja, indem unsere Antwortnote mit Bezugnahme auf das päpstliche Rundschreiben ausdrücklich von »noch offenen Streitpunkten« sprach, setzte sie sich der Deutung aus, daß sie ihrerseits die elsaß-lothringischen Forderungen Frankreichs und die Aspirationen Italiens auf österreichische Gebietsteile als offene Fragen anerkenne. Im übrigen wurde durch die Bezugnahme dieses diplomatischen Dokuments auf die Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli diese von der Reichsregierung in betonter Weise als maßgebend für ihre Friedenspolitik bestätigt.
Trotzdem blieb die Papstnote, und ebenso unsere Antwort, ohne Widerhall bei den Regierungen unserer Feinde. Nur der Präsident Wilson gab -- schon Ende August -- eine formelle Antwort, die aber lediglich in einer heftigen Polemik gegen die deutschen »Machthaber« bestand. Diese Machthaber hätten erst heimlich ein Komplott der Unterjochung geschmiedet und dann ohne Achtung für Verträge, Recht und Ehre seine Durchführung versucht. Diese Macht könne nicht nach den Vorschlägen des Papstes behandelt werden. Das Wort der gegenwärtigen Machthaber Deutschlands könne keine Grundlage für einen dauernden Frieden der Gerechtigkeit und Menschlichkeit sein. »Wir müssen irgendeinen neuen Beweis der Ziele der großen Völker der Mittelmächte abwarten. Gott gebe, daß dieser Beweis bald erbracht werde!«
Die Ententeregierungen gaben dem Papst überhaupt keine Antwort. In Frankreich lehnten die Herren Painlevé, der neue Ministerpräsident, und Ribot, der das Auswärtige in dem neuen Kabinett erhalten hatte, am 18. und 19. September jede Äußerung zur Papstnote ab, da die Ententemächte seinerzeit Wilsons Frage nach ihren Kriegszielen ausführlich beantwortet hätten, während die Antwort der Zentralmächte noch ausstehe. Im übrigen sprachen sie viel von der »Desannexion von Elsaß-Lothringen«, der neuen Formel, die das französische Begehren nach den Reichslanden mit der russischen Formel von dem »Frieden ohne Annexionen« in Einklang bringen sollte. In England äußerte sich zu der Papstnote nur der frühere Premierminister Asquith in einer Rede vom 26. September, die in ihrem positiven Inhalt kaum etwas anderes war als eine Umschreibung der Ententenote an den Präsidenten Wilson vom 10. Januar 1917. In Rußland wies der neue Minister des Auswärtigen, Herr Tereschtschenko, am 28. September in einer Erklärung an die Presse die deutsche Antwort auf die Papstnote als ungenügend zurück und sprach Deutschland den ehrlichen Willen zum Frieden ab.
So führte der Schritt des Papstes nur zur Bestätigung der mit der Friedensresolution des Reichstags gemachten Erfahrung: Unsere eifrig dokumentierte Bereitwilligkeit, auf der vom Papst vorgeschlagenen, für uns nichts weniger als günstigen Grundlage in Friedensverhandlungen einzutreten, hatte auf der Gegenseite nur verstärkte Ablehnung und gesteigerten Kriegswillen zur Folge.
Der Reichskanzler und auch der Staatssekretär des Auswärtigen hatten für die Gefahren dieser Wirkung noch ein gewisses Gefühl. Ihre Äußerungen in dem Ende September abermals zusammengetretenen Hauptausschuß des Reichstags zeigten immerhin insofern eine gewisse Zurückhaltung, als sie sich auf Einzelheiten nicht festlegten und es ausdrücklich ablehnten, daß unsere Antwort auf die Papstnote etwa ein neues Friedensangebot bedeuten solle. Der Reichskanzler erklärte in der Sitzung vom 28. September, daß die Reichsleitung für mögliche Friedensverhandlungen, auch hinsichtlich Belgiens, in jeder Weise freie Hand habe. Dies war ein Versuch, die unerwünschte Wirkung abzuschwächen, die das rückhaltlose Bekenntnis zur Friedensresolution des Reichstags bei unseren Feinden auslöste. Aber ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Die Vorgänge in der Beratung mit dem Siebenerausschuß vom 10. September, ja sogar die wesentlichen Punkte aus der Beratung beim Kaiser am 11. September, waren sehr bald der deutschen und der internationalen Öffentlichkeit bekannt geworden. Jedermann, der sich mit den politischen Dingen beschäftigte, wußte, daß die »freie Hand«, von der Herr Michaelis sprach, im Falle ernsthafter Verhandlungen von dieser Freiheit nur den Gebrauch des Nachgebens gemacht hätte.
Solche taktischen Vorbehalte konnten unsere Feinde um so weniger beeindrucken, als am 2. Oktober, wenige Tage nach den Ausführungen der Herren Michaelis und von Kühlmann im Hauptausschuß des Deutschen Reichstags, der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen Graf Czernin in Budapest in Gegenwart des neuernannten ungarischen Ministerpräsidenten Dr. Wekerle in einer großes Aufsehen erregenden Tischrede ein Friedensprogramm entwickelte, das ein uneingeschränktes Bekenntnis zu einer neuen, auf internationalen Schiedsgerichten, Abrüstung und Freiheit der Meere aufgebauten Weltordnung und den erklärten Verzicht auf alle territorialen Sicherungen enthielt, und zwar in Formen, die nur als ein neues Friedensangebot aufgefaßt werden konnten.
In alldem trat immer mehr das Fehlen einer klaren Linie in unserer eigenen Politik und das Abhandenkommen der einheitlichen Marschroute mit unserem größten Bundesgenossen hervor. Es konnte gar nicht anders sein, als daß unsere Feinde aus diesen Anzeichen der Unsicherheit und Uneinigkeit immer neuen Mut schöpften.
Darin wurde auch nichts gebessert durch die Rede über unsere auswärtige Politik, die Herr von Kühlmann acht Tage nach der Czerninschen Kundgebung, am 9. Oktober 1917, im Plenum des Deutschen Reichstags hielt. Diese Rede war zunächst bemerkenswert durch das, was Herr von Kühlmann nicht sagte. Er sprach mit keinem Wort von den östlichen Fragen; ebensowenig von den Kriegszielen unserer Bundesgenossen. Scharf pointiert bezeichnete er die elsaß-lothringische Frage als das einzige Friedenshindernis, und in dieser Frage rief er ein stark betontes »Niemals!« in die Welt. Alle anderen Fragen, die in dem weitschichtigen Koalitionskrieg eine Rolle spielten, mochten sie uns angehen oder unseren Bundesgenossen, wurden damit als diskutabel bezeichnet, und gleichzeitig wurde der deutsch-französische Gegensatz für uns und unsere Mächtegruppe als der entscheidende Grund für die Fortführung des Krieges hingestellt. Herr von Kühlmann stellte sich also in der Beurteilung des entscheidenden Friedenshindernisses auf den seit dem Frühjahr 1917 von dem Grafen Czernin vertretenen Standpunkt, lehnte aber die von diesem gezogene Konsequenz des Verzichts auf Elsaß-Lothringen kategorisch ab. Frankreich, das um die Mitte des Jahres Zeichen von Verhandlungsbereitschaft gegeben hatte, wies jetzt jede Preisgabe seiner elsaß-lothringischen Forderungen weit von sich, England hatte sich auf Frankreichs elsaß-lothringische Forderung festgelegt, und auch die Vereinigten Staaten ließen erkennen, daß die Wiederangliederung Elsaß-Lothringens an Frankreich auch für sie eines der wesentlichen Kriegsziele sei.
Ein Versuch, der elsaß-lothringischen Frage durch Zugeständnisse an die elsaß-lothringische Bevölkerung, etwa durch die Gewährung der bundesstaatlichen Autonomie die Spitze abzubrechen, lag nahe. Die Mehrheitsparteien des Reichstags drängten auf eine solche Lösung, und Herr Michaelis hatte auch bereits gegen Ende August zugesagt, daß er sich über diese Frage mit den Verbündeten Regierungen ins Benehmen setzen werde. Die in einem früheren Stadium des Krieges erörterte Aufteilung der Reichslande unter Preußen, Bayern und vielleicht einige anderen Bundesstaaten war damals abgetan. Herr von Kühlmann schien der Autonomiegewährung zuzuneigen. Die gesamte Kriegslage hatte sich so zugespitzt, daß in dieser Frage alle die nicht geringen Bedenken innerpolitischer und militärischer Natur hinter den Erfordernissen der auswärtigen Politik hätten zurücktreten müssen, wenn solche Erfordernisse mit Entschiedenheit geltend gemacht worden wären. Aber daran fehlte es, und so blieb auch diese Frage in Schwebe, nicht nur während der kurzen Kanzlerschaft des Herrn Michaelis, sondern darüber hinaus auch während der ganzen Regierung des Grafen Hertling.
Unterdessen erneuerten die Westmächte ihre militärischen Anstrengungen. Die Anfang Juni eingeleitete, aber nach verhältnismäßig geringen Anfangserfolgen ins Stocken geratene Schlacht in Flandern lebte von neuem auf und erreichte Mitte August einen Höhepunkt. Um die gleiche Zeit setzte eine starke französische Offensive bei Verdun ein, in der die Franzosen örtliche Erfolge errangen. In Flandern ließen die englischen Angriffe vorübergehend nach. Die Offensive begann in der zweiten Septemberhälfte von neuem und dauerte mit kurzen Pausen bis in den November. Die Engländer gewannen in unsagbar blutigem Ringen Schritt für Schritt Boden, kamen aber schließlich auf den Höhen von Paschendaele zum Stehen. Um die Mitte des Oktober erfolgten starke französische Angriffe bei Soissons und am Chemin des Dames. Auch hier gelang es den Franzosen, in unsere Linien einzubrechen und uns vom Rücken des Damenweges herabzudrücken; aber unser System der »elastischen Verteidigung« vereitelte jeden entscheidenden Erfolg.
In der gleichen Zeit erneuerte unser Ostheer den Druck auf die Russen. Anfang September wurden die russischen Truppen an der Düna geworfen; am 3. September fiel Riga in unsere Hand. Um die Mitte des Oktober wurden Ösel und die benachbarten Inseln des Rigaischen Meerbusens besetzt. Die russische Front zeigte eine fortschreitende Auflösung. Auch die aus dem Innern Rußlands kommenden Nachrichten ließen einen baldigen Zusammenbruch der russischen Widerstandskraft erwarten.
Die zweite Kanzlerkrisis
Ehe der russische Zusammenbruch eintrat, kam die in Deutschland seit dem 22. August unter der Oberfläche schwelende Kanzlerkrisis zum offenen Ausbruch.
Schon in den Sitzungen des Hauptausschusses in den letzten Septembertagen hatten die Mehrheitsparteien zwar die Ausführungen des Staatssekretärs von Kühlmann mit großem und demonstrativem Beifall begrüßt, diejenigen des Reichskanzlers dagegen mit bemerkenswerter Kälte aufgenommen. Nicht nur, daß die Mehrheitsparteien Herrn Michaelis den mißglückten Versuch vom 22. August nachtrugen, die Fesseln der Friedensresolution zu lockern, -- es kam vielmehr hinzu, daß sie aus seinem bisherigen Auftreten den Schluß zogen, daß er dem schweren Amte des Reichskanzlers nicht gewachsen sei, und weiter, daß sich bei ihnen das zutreffende Gefühl verstärkt hatte, daß Herr Michaelis im Grunde seines Herzens den Rechtsparteien näherstehe als der Reichstagsmehrheit, mit der zu regieren er übernommen hatte.
Die hieraus sich ergebenden Konfliktsmöglichkeiten wurden verschärft durch die Gegenwirkung, die sich gegen die in der Friedensresolution des Reichstags zum Ausdruck gekommene Politik eingestellt hatte. Die Gründung der »Vaterlandspartei«, die den Kampf gegen die »Resolutionsmehrheit« und den »Verzichtfrieden« auf ihre Fahnen schrieb, der starke Zulauf, den die Vaterlandspartei gleich nach ihrer Gründung zu verzeichnen hatte, ihre eifrige Propaganda und ihre scharfen Angriffe gegen die Träger der Mehrheitspolitik, -- das alles erhitzte die Gemüter. Der Verdacht der Begünstigung der Vaterlandspartei durch die Reichsleitung und die preußische Staatsregierung oder zum mindesten durch deren Organe, vor allem aber durch die oberste Heeresleitung und die Militärverwaltung gab der täglich heißer werdenden Kampfstimmung eine Richtung gegen den für die Leitung der Reichspolitik verantwortlichen und ohnedies in seiner Gesinnung nicht unverdächtigen Reichskanzler.
In der Erregung der Mehrheitsparteien über die Agitation der Vaterlandspartei zeigte sich wieder einmal der unpolitische Sinn des Deutschen. Einer jeden Regierung, auch einer solchen, die einen Verständigungsfrieden, ja einen Verzichtfrieden zu machen entschlossen ist, kann eine starke nationale Bewegung nur willkommen sein. Sie steht bei allen Verhandlungen ungleich besser da, wenn sie dem anderen Teil vorhalten kann, wie schwer es ihr werden wird, Zugeständnisse vor dem eigenen Volke zu vertreten und zu rechtfertigen, als wenn der andere Teil in der Lage ist, sie darauf hinzuweisen, daß ihr Volk sich längst mit jedem Zugeständnis abgefunden habe, ja um des Friedens willen die weitestgehenden Zugeständnisse verlange. Angriffe, die aus einer, sei es auch überspannten nationalen Gesinnung kommen, müssen in solchen entscheidungsschweren Lagen hingenommen und ertragen werden, wenn sie die eigene Position gegenüber dem Verhandlungsgegner stärken; sie müssen hingenommen und ertragen werden nicht nur von den leitenden Staatsmännern, sondern auch von den Parteiführern, die den Ehrgeiz haben, die Politik mitzubestimmen. Darüber habe ich mich in den kritischen Tagen des Herrn Michaelis mehrfach mit leitenden Persönlichkeiten der Mehrheitsparteien ausgesprochen, um ihre Erregung gegen die Vaterlandspartei zu mildern und um ihnen begreiflich zu machen, daß der Kanzler, ohne der deutschen Sache zu schaden, gar nicht in der Lage sei, in der von ihnen gewünschten Weise gegen die Vaterlandspartei Stellung zu nehmen.
Für den 6. Oktober 1917 waren auf die Tagesordnung des Reichstags zwei Interpellationen gesetzt worden, die sich auf die angebliche »Agitation durch Vorgesetzte im Heer zugunsten alldeutscher Politik« und auf Verordnungen von Stellvertretenden Generalkommandos bezogen, »durch die das Vereins- und Versammlungsrecht einseitig zugunsten alldeutscher Propaganda gehandhabt wird«.
Es war zu erwarten, daß diese Interpellationen zu einer großen politischen Auseinandersetzung Anlaß geben würden, deren Ausgang für die Stellung des Reichskanzlers von entscheidender Bedeutung werden würde. Ich riet deshalb dem Reichskanzler auf das dringendste, die Beantwortung der Interpellationen selbst zu übernehmen. Herr Michaelis zeigte dafür keine Neigung. Er beabsichtigte, in der folgenden Woche über die auswärtige Politik zu sprechen, und blieb dabei, daß die Beantwortung der Interpellationen sich streng im Rahmen ihres lediglich das Verhalten militärischer Stellen betreffenden Wortlautes zu halten habe; deshalb müsse die Beantwortung in erster Linie durch den Kriegsminister erfolgen; nötigenfalls könne durch den als Staatssekretär des Innern in Aussicht genommenen, zunächst als Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern fungierenden Herrn Wallraf eine kurze ergänzende Erklärung abgegeben werden. Es gelang mir nicht, den Reichskanzler zu überzeugen, daß sich die Debatte nicht im Rahmen des Wortlauts der Interpellation werde halten lassen und daß sein persönliches Eingreifen um der Sache und um seiner selbst willen sich als notwendig herausstellen werde. Ich erreichte nur, daß Herr Michaelis zusagte, sich für alle Fälle während der Sitzung in seinem Arbeitszimmer im Reichstag bereithalten zu wollen.
Es kam, wie ich vorausgesehen hatte. Der sozialdemokratische Abgeordnete Landsberg begründete die Interpellationen in einer langen Rede. Gegen die leitenden Männer der Vaterlandspartei richtete er Vorwürfe, wie den, daß sie »sich von einem Eintreten für Verlängerung des Krieges nicht dadurch abhalten lassen, daß der Krieg ihnen materielle Vorteile bringt«; daß sie ungeheure Mittel aufwendeten, »um diejenige Atmosphäre in Deutschland zu erzeugen, in der der richtige Kriegsgewinnler sich erst wohl fühlt«; er gestatte sich, die Männer, deren Vermögensverhältnisse durch eine Verlängerung des Krieges günstig beeinflußt würden, »zur Scham zu rufen«; es gelte diesen Herren, »dem Volke die Parteien zu verekeln, die erkannt haben, daß Staat und Volk eine Einheit bilden müssen«. Nach längeren Ausführungen über die Kriegsziele und über den Streit um die Friedensresolution des Deutschen Reichstags stellte er die Behauptung auf, daß die Agitation der Vaterlandspartei und ähnlicher Gebilde durch die militärischen und zivilen Behörden begünstigt werde. An einer Reihe von Einzelfällen, in denen tatsächlich Übergriffe und Verstöße vorgekommen sein mochten, versuchte er diese Behauptung zu begründen. Mit besonderer Schärfe wandte er sich gegen den seit längerer Zeit von der obersten Heeresleitung organisierten vaterländischen Aufklärungsdienst in der Armee, den er zu Unrecht mit der Agitation der Vaterlandspartei in Verbindung brachte. Als später im Hauptausschuß des Reichstags die für diesen Aufklärungsdienst ausgegebenen Richtlinien in ihrem vollen Umfang mitgeteilt und erläutert wurden, wurde diese Organisation bis in die Reihen der Sozialdemokraten hinein als zweckmäßig, ja als notwendig anerkannt; jede politische Agitation war in diesen Richtlinien ausdrücklich verboten. Aber der Abgeordnete Landsberg hielt sich auch hier an Einzelfälle, die im Augenblick größtenteils nicht nachzuprüfen waren. Zum Schluß wendete er sich an den abwesenden Reichskanzler, der sich durch die Antwort auf die Papstnote, die »gute Arbeit« gewesen sei, auf die Politik der Reichstagsmehrheit festgelegt habe; das Schwert dürfe nicht verderben, was die Feder gutgemacht habe. Die Wirkung der alldeutschen Agitation könne sein, daß man den Noten des Reichskanzlers jeden Wert abspreche und ihn der Zweideutigkeit beschuldige. Deshalb müsse der Reichskanzler in seinem Interesse und im Interesse des Reiches gegen diese Agitation einschreiten. Der Reichskanzler habe gesagt, daß er sich die Führung nicht aus der Hand nehmen lasse; jetzt möge und müsse er beweisen, daß er führen wolle und führen könne.
Schon während der Rede des Abgeordneten Landsberg zeigte die Linke eine starke Erregung; mehrfach ertönten Rufe nach dem Reichskanzler. Während der Beantwortung der Interpellation durch den Kriegsminister von Stein wuchs die Erregung der Linken zu einem wahren Sturm an. General von Stein sprach in seiner kurzen, soldatischen, etwas barsch klingenden Art. Wiederholt wurde er minutenlang unterbrochen. Der Präsident mußte während seiner kurzen Darlegungen das Haus nicht weniger als achtmal zur Ruhe mahnen und zwei Ordnungsrufe an sozialdemokratische Zwischenrufer erteilen. Dabei sagte der Kriegsminister nichts, was auf eine normale Hörerschaft hätte herausfordernd wirken können. Aber der See raste wieder einmal. Den Höhepunkt erreichte die Szene, als der Kriegsminister von einem Flugblatt sprach, in dem selbst unsere toten Helden aus dem Deutsch-Französischen Kriege mit Schmutz beworfen würden. Als er über einen Zuruf, er solle das Flugblatt vorzeigen, mit Achselzucken hinwegging -- einfach weil er das Flugblatt im Augenblick nicht zur Hand hatte --, ertönten aus den sozialdemokratischen Reihen Rufe: »Er kneift! Er kneift!«
Schon gegen Schluß der Rede des Abgeordneten Landsberg hatte ich dem Reichskanzler sagen lassen, daß die Notwendigkeit seines persönlichen Eintretens vorliege. Während der Rede des Kriegsministers ließ ich diese Mitteilung durch den Chef der Reichskanzlei wiederholen. Aber als der General von Stein unter allgemeinem Aufruhr seine kurzen Ausführungen beendet hatte, war weder der Reichskanzler erschienen noch der Chef der Reichskanzlei zurückgekommen. Ich hatte den Eindruck, daß es ganz unmöglich sei, in dieser Lage durch den Unterstaatssekretär Wallraf die vereinbarte Erklärung verlesen zu lassen. Wenn der Kanzler nicht kam, mußte sein Stellvertreter einspringen und den allerdings kaum aussichtsvollen Versuch machen, der Besinnung wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen.
Ich bat also an Stelle des bereits gemeldeten Herrn Wallraf ums Wort. Noch ehe ich anfing zu sprechen, wurde ich von der Linken mit lärmenden Zurufen und mit erneuten Rufen nach dem Reichskanzler begrüßt. Ich stellte in Kürze fest, daß der Reichskanzler mit dem Kriegsminister und allen militärischen Stellen darüber einig sei, daß die Politik nicht in die Armee hineingetragen werden dürfe; ich setzte aus gutem Grunde hinzu: »von keiner Seite, weder von rechts noch von links! Das unterstreiche ich mit allem Nachdruck.« Damit sei der Rahmen für den Aufklärungsdienst in der Armee gegeben; wo die Grenze überschritten werde, sei es Sache der vorgesetzten Stellen, einzuschreiten; daß dies geschehen solle, habe der Kriegsminister ausdrücklich und bestimmt zugesagt. Was die Beamten anlange, so wolle ich den Begründer der Interpellation nicht dahin verstehen, daß er beabsichtige, den Beamten die Freiheit der politischen Gesinnung und Betätigung abzusprechen; das würde ja auch im Widerspruch stehen zu den Traditionen seiner Partei. Den Beamten müsse es freistehen, innerhalb der Grenzen, die ihnen durch ihren Treueid, ihre Beamtenpflicht, ihren Takt und ihre Zugehörigkeit zu unserer staatsbürgerlichen Gemeinschaft gezogen seien, ihre politische Gesinnung zu betätigen. Eine weitere Grenze sei dieser Betätigung darin gezogen, daß kein Beamter seine amtliche Stellung durch Ausübung eines politischen Druckes auf die ihm unterstellten oder sonstwie von ihm abhängigen Personen mißbrauchen dürfe. Wo ein solcher Mißbrauch sich zeige, sei der Reichskanzler entschlossen, für Remedur zu sorgen. In dieser seiner Auffassung wisse sich der Reichskanzler einig auch mit den Bundesregierungen, speziell mit der preußischen Regierung. Zu der Stellung des Reichskanzlers gegenüber der Vaterlandspartei übergehend, lehnte ich es gemäß den Intentionen des Reichskanzlers ab, aus Anlaß der Interpellation in eine große politische Debatte über die Kriegsziele usw. einzutreten; zu dieser Debatte werde in der kommenden Woche in Gegenwart des Reichskanzlers Gelegenheit sein. Als ich am Schluß meiner fortgesetzt von Zwischenrufen unterbrochenen Ausführungen die Hoffnung aussprach, daß meine Erklärungen die Interpellanten beruhigen könnten, umtoste mich lärmender Widerspruch. Ich antwortete:
»Meine Herren, wenn Sie in die Männer, die an der Spitze der Heeresverwaltung und an der Spitze der Reichsleitung stehen, nicht das Vertrauen haben, daß sie ihre Worte wahrmachen« -- abermals ertönten heftige »Nein!«-Rufe -- »dann hat es keinen Zweck, daß ich vor Ihnen Worte mache.«
Ich hatte gegen meine Gewohnheit nicht von meinem Platz am Bundesratstische, sondern von der Tribüne aus gesprochen, wohin ich mich während der Rede des Kriegsministers begeben hatte, um in der herrschenden Unruhe besser verstehen zu können. Nachdem ich unter lebhaftem Beifall von rechts und lärmenden Zurufen von links geschlossen hatte, ging ich an meinen Platz zurück. Es wurde mir später nachgesagt, mein Abgang von der Tribüne sei mit einer Geste erfolgt, die an Götz von Berlichingen erinnert habe. Einer solchen Geste bin ich mir nicht bewußt; aber allerdings verließ ich die Tribüne stark degoutiert. Die Beschimpfungen des Kriegsministers, der als Heerführer in der Somme-Schlacht unter den schwierigsten Verhältnissen seinen Mann gestanden hatte und der als gerader und aufrechter Charakter auch gegenüber dem schärfsten politischen Gegner Anspruch auf persönliche Achtung hatte; die Unmöglichkeit einer sachlichen und ruhigen Behandlung innerer Fragen im Angesicht der äußeren Feinde und in einem Zeitpunkt, in dem draußen an der Flandernfront neue Kämpfe schwerster Art entbrannt waren; das wüste Schreien und Toben bei meinen in der Sache entgegenkommenden, in der Form ruhigen und in keiner Weise herausfordernden Ausführungen; die erbärmliche Heuchelei der linkssozialistischen Lärmmacher, die -- wie mir bekannt war -- in Heer und Flotte eine skrupellose Agitation betrieben und sich nun über die angebliche Förderung der alldeutschen Propaganda entrüsteten, -- das alles erfüllte mich mit Bitterkeit und Widerwillen.