Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch

Part 10

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Mein Entschluß, auf das Auswärtige Amt zu verzichten, war ohnedies gefaßt. Die Kandidatur des Botschafters in Konstantinopel, Herrn von Kühlmann, trat in den Vordergrund. Ich bat, mich an seiner Stelle als Botschafter nach der mir wohlbekannten und vertrauten Türkei zu schicken. Aber Kaiser und Kanzler wünschten mich in Berlin zu halten. Die schließlich gefundene Lösung war, daß ich meinem Wunsche entsprechend von der Leitung des Reichsamts des Innern, sobald dessen ins Auge gefaßte Teilung durchgeführt sei, befreit werden, jedoch allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers und Mitglied des preußischen Staatsministeriums bleiben sollte; als besondere Aufgabe war mir dabei die einheitliche Leitung der Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen zugedacht.

Mit dieser Lösung habe ich mich abgefunden; Freude habe ich nicht an ihr erlebt.

Während meine eigene Angelegenheit noch schwebte, wurde die Neubesetzung der freigewordenen und freiwerdenden Reichsämter und preußischen Ministerien verhandelt. Dabei erhielt der Zentrumsführer Dr. Spahn das preußische Justizministerium, der nationalliberale Landtagsabgeordnete Dr. v. Krause das Reichsjustizamt; der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Schiffer wurde Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt; der der Fortschrittlichen Volkspartei nahestehende und ihr genehme Straßburger Bürgermeister Dr. Schwander wurde als Staatssekretär des aus dem Reichsamt des Innern auszuscheidenden Reichswirtschaftsamts ins Auge gefaßt, ebenso der dem Zentrum nahestehende Kölner Oberbürgermeister Wallraf als Staatssekretär für das verbleibende Reichsamt des Innern; der Sozialdemokrat August Müller wurde zum Unterstaatssekretär im Kriegsernährungsamt ernannt. Auch abgesehen von diesen mit der »Parlamentarisierung« zusammenhängenden Ernennungen gab es einen starken Wechsel: Herr von Kühlmann wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amts; der Präsident des Kriegsernährungsamts von Batocki wurde durch den bisherigen Oberpräsidenten von Pommern, Herrn von Waldow, ersetzt; an die Stelle des Herrn Krätke wurde der Eisenbahndirektionspräsident Rüdlin an die Spitze des Reichspostamts berufen; das Finanzministerium übernahm an Stelle des Herrn Lentze der Regierungspräsident Hergt.

Auch in seine allernächste Umgebung zog der Kanzler neue Leute. Vor allem ernannte er zum Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei an Stelle des Herrn Wahnschaffe seinen früheren Mitarbeiter in der Reichsgetreidestelle, Herrn von Grävenitz. Der Chef der Reichskanzlei hat unter anderem die schwierige Aufgabe, den dauernden Kontakt zwischen dem Reichskanzler und den Parteien des Reichstags aufrechtzuerhalten, den Reichskanzler über Stimmungen und Verstimmungen; über Beschwerden und Wünsche des Parlaments zu unterrichten und den Absichten des Reichskanzlers bei den Parteien vorzuarbeiten. Für die Erfüllung dieser Aufgabe ist eine genaue Kenntnis des parlamentarischen Parketts und der parlamentarischen Persönlichkeiten erforderlich, zudem eine gute diplomatische Veranlagung. Herr von Grävenitz war, wie sein Herr und Meister selbst, ein guter preußischer Verwaltungsbeamter, brachte aber nicht die Eigenschaften mit, die ihn zum Chef der Reichskanzlei qualifiziert hätten. Dieser Mangel ist in der kurzen Zeit der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis sehr fühlbar gewesen.

Herr Michaelis stand mit dem Herzen zweifellos auf der Seite der rechtsgerichteten Minderheit des Reichstags. Trotzdem war er von dem ehrlichen Willen beseelt, loyal mit den aus Zentrum, Freisinnigen und Sozialdemokraten bestehenden, gelegentlich durch den Hinzutritt der Nationalliberalen verstärkten Mehrheitsparteien zusammenzuarbeiten. Später, bei seiner Abschiedsrede an die stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten, hat er selbst bekannt, daß er während seiner ganzen Kanzlerschaft schwer unter diesem Zwiespalt gelitten habe.

Zunächst hatte er mit seiner Unterwerfung unter die Friedensresolution und mit der Ankündigung der Parlamentarisierung einen gewissen Erfolg. Am Tag nach seiner Antrittsrede, am 20. Juli, wurde der Kriegskredit, an dessen Bewilligung sich alle die schweren Diskussionen angeknüpft hatten, mit allen Stimmen gegen diejenigen der Unabhängigen Sozialdemokraten bewilligt.

An demselben Tag sah der Kaiser bei mir im Reichsamt des Innern in Gegenwart der Minister, Staatssekretäre und stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten die Führer der einzelnen Reichstagsfraktionen einschließlich der Mehrheitssozialdemokraten. Es war das erstemal, daß der Kaiser in dieser Weise mit dem Reichstag in Berührung trat. Er unterhielt sich nahezu drei Stunden lang auf das angeregteste und unbefangenste mit den einzelnen Abgeordneten, ohne jedoch die akuten Fragen des Kanzlerwechsels, der Friedensresolution und der inneren Politik zu berühren.

Es war das einzige Mal, daß der Kaiser mit dem heutigen Reichspräsidenten Ebert zusammentraf. Ich hatte ihm erzählt, daß Herr Ebert vor kurzem seinen zweiten Sohn auf dem Schlachtfelde verloren habe. Nach der allgemeinen Begrüßung und Vorstellung sprach der Kaiser als einen der ersten Abgeordneten Herrn Ebert an und drückte ihm in schlichten und herzlichen Worten seine Teilnahme aus.

Nachträglich habe ich fast bedauert, dem Kaiser zu dieser Zusammenkunft geraten zu haben, die eine persönliche Fühlung zwischen Kaiser und Reichstag anbahnen und dadurch zum Ausgleich mancher Gegensätzlichkeiten beitragen sollte; denn es kam mir zu Ohren, daß Teilnehmer an der Zusammenkunft einige Äußerungen, die der Kaiser in seiner zwanglosen und burschikosen Art getan hatte, in vergröberter und entstellter Form verbreiteten, um Stimmung gegen den Kaiser zu machen.

Die militärische und politische Entwicklung unter der Kanzlerschaft Michaelis

In der Reichstagssitzung vom 19. Juli, in der Herr Michaelis sein Einverständnis mit der Friedensresolution erklärte, konnte er ein Telegramm des Feldmarschalls von Hindenburg vorlesen, in dem dieser über den erfolgreichen Beginn des Gegenstoßes gegen die in Galizien und Wolhynien vorgedrungenen Russen berichtete. In wenigen Tagen wuchs dieser Gegenstoß zu einem großen Siege. Schon am 25. Juli verloren die Russen Tarnopol, das sie ununterbrochen seit den ersten Wochen des Krieges gehalten hatten. Am 3. August wurde Czernowitz zurückerobert. In den folgenden Tagen und Wochen wurden die Russen fast überall über die ehemalige Reichsgrenze zurückgeworfen. So endete die Kerenski-Offensive in einer schweren Niederlage und in einer starken Demoralisation der russischen Südarmee. Durch tatkräftige deutsche Hilfe war abermals eine österreichische Niederlage gutgemacht, und die nordöstlichen Grenzlande unseres Verbündeten waren bis auf schmale Streifen vom Feinde befreit.

In jener Zeit, am 14. August, erschien der Graf Czernin zu Besprechungen über die Lage und die zu fassenden Beschlüsse in Berlin. Er brachte einen neuen Vorschlag zur Beendigung des Krieges mit: Österreich sei bereit, Galizien an Polen zu geben und sich an Gesamtpolen zugunsten Deutschlands zu desinteressieren, in der Weise, daß Deutschland berechtigt sein solle, sich Gesamtpolen politisch, militärisch und wirtschaftlich in jeder uns gut scheinenden Form anzugliedern. Dafür sollte Österreich-Ungarn in Rumänien die Vorhand haben -- ein Gedanke, der schon bei den Kreuznacher Besprechungen im Monat Mai eine Rolle gespielt hatte --, und außerdem sollte -- darauf lag der Nachdruck -- Deutschland zugunsten Frankreichs auf Elsaß-Lothringen verzichten. Jedoch müsse eine solche Abmachung in Rücksicht auf die österreichischen Polen vorläufig streng geheim bleiben.

Sowohl Herr Michaelis wie Herr von Kühlmann lehnten dieses quid pro quo ab. Der Verzicht auf Elsaß-Lothringen erschien bei der damaligen militärischen Lage als eine Ungeheuerlichkeit, für die kein Anlaß vorlag und die dem deutschen Volk nicht zugemutet werden konnte. Auch die polnische Versuchung, die uns Graf Czernin vorführte, konnte uns nicht beeindrucken. Wir alle waren der Überzeugung, daß Polen für uns in keiner Form eine wünschenswerte Erwerbung sein würde. Niemand gelüstete es danach, im Westen altes deutsches Land mit einer fast ausschließlich deutschen Bevölkerung preiszugeben, um dafür im Osten ein Mehrfaches an nichtdeutschem Land mit einer nichtdeutschen Bevölkerung einzutauschen.

Graf Czernin war über die Ablehnung seines Vorschlags enttäuscht. Er richtete am Schlusse dieser Aussprache an uns die Frage, wie Deutschland sich stellen werde, wenn unsere Feinde uns den Status quo anbieten sollten. Der Reichskanzler erklärte seine Bereitwilligkeit, alsbald mit jedem feindlichen Staate in Verhandlungen einzutreten, der seine Forderungen auf deutsche Gebietsteile oder auf Gebietsteile unserer Bundesgenossen fallen lasse. Graf Czernin nahm von dieser Erklärung Akt.

Am Tage der Ankunft des Grafen Czernin in Berlin war dort das vom 1. August 1917 datierte Rundschreiben des Papstes Benedikt XV. an die Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker übergeben worden. Das war offenbar die Aktion, wegen der Monsignore Pacelli schon Ende Juni Herrn von Bethmann sondiert hatte.

In diesem Rundschreiben richtete der Papst an »diejenigen, welche die Geschicke der Nationen in ihren Händen halten«, unter Berufung auf seine politische Uninteressiertheit eine dringende Mahnung zum Frieden. Seine Aufforderung beschränkte sich nicht auf allgemeine Wendungen; sie bezeichnete vielmehr bestimmte Punkte, deren Klärung ihm als notwendige Grundlage für einen gerechten und dauerhaften Frieden erschien.

Voran stellte er den Grundgedanken, daß an die Stelle der materiellen Kraft der Waffen die moralische Kraft des Rechtes treten müsse; daraus folge ein billiges Einvernehmen zum Zweck gleichzeitiger und gegenseitiger Verminderung der Rüstungen, ferner die Einführung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Auf Grund dieser Vorherrschaft des Rechts sei jedes Hindernis für den Verkehr der Völker durch Sicherung der Freiheit und Gemeinsamkeit der Meere zu beseitigen. -- Von diesem Programm für das künftige Zusammenleben der Völker auf die Beendigung des gegenwärtigen Krieges übergehend, schlug das Rundschreiben vor, in der Frage der Kriegskosten den Grundsatz eines vollständigen und gegenseitigen Verzichts aufzustellen; ferner die beiderseitige Herausgabe der besetzten Gebiete zuzugestehen, was für Deutschland die Herausgabe Belgiens »mit Garantie seiner vollen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber gleichviel welcher Macht« bedeute, desgleichen die Räumung von Nordfrankreich; ebenso für die anderen kriegführenden Parteien »eine ähnliche Herausgabe der deutschen Kolonien«. Das Rundschreiben wandte sich dann zu den »strittigen territorialen Fragen«, die zwischen Italien und Österreich, Deutschland und Frankreich schwebten; hier sprach es die Hoffnung aus, »daß die streitenden Parteien in Anbetracht der unermeßlichen Vorteile, die ein mit Abrüstung verbundener, dauerhafter Friede bringt, gewillt seien, diese Fragen aus einer versöhnlichen Gesinnung heraus zu prüfen, dabei den Bestrebungen der Völker nach Maßgabe des Gerechten und Möglichen Rechnung zu tragen und die Sonderinteressen dem Allgemeinwohl der großen menschlichen Gemeinschaft einzuordnen«. Derselbe Geist der Billigkeit und Gerechtigkeit werde die Prüfung der anderen territorialen und politischen Fragen leiten müssen, namentlich der armenischen, der balkanischen und der polnischen Frage; insbesondere dem ehemaligen Königreich Polen müßten seine edlen geschichtlichen Überlieferungen und die von ihm während des Krieges erduldeten Leiden gerechterweise das Mitgefühl der Nationen gewinnen.

Das Rundschreiben war gewiß nicht von Parteinahme für den Bund der Mittelmächte eingegeben. Denn die Wiederherstellung des Status quo wurde nur zugunsten der Westmächte in der Forderung der unbedingten und vollständigen Rückgabe des von uns besetzten belgischen und nordfranzösischen Gebietes in vollem Umfang erhoben. Dagegen wurden Elsaß-Lothringen und das von Italien geforderte österreichische Gebiet als »strittige Fragen« behandelt, in denen ein versöhnliches und versöhnendes Entgegenkommen empfohlen wurde. Auch die polnischen Wünsche, die ohne Beeinträchtigung des österreichischen und auch des deutschen Besitzstandes nicht zu erfüllen waren, erhielten eine vorsichtige, aber unverkennbare Unterstützung. Im übrigen erwähnte das päpstliche Rundschreiben die Ostfragen nicht; das konnte als eine stillschweigende Andeutung aufgefaßt werden, daß Deutschland sich für Opfer im Westen Kompensationen im Osten suchen möchte.

Trotz des für Deutschland und Österreich nicht unbedenklichen Inhalts der päpstlichen Vorschläge bestand in den Berliner Besprechungen mit dem Grafen Czernin Übereinstimmung darüber, daß man versuchen müsse, auf Grund der päpstlichen Vorschläge zu Friedensverhandlungen zu kommen. Es wurde vereinbart, daß eine Verständigung über Inhalt und Zeitpunkt der zu erteilenden Antwort zwischen den beiden Regierungen stattfinden sollte.

Noch ehe die in Aussicht genommenen weiteren Besprechungen mit Wien über die Beantwortung der Papstnote eingeleitet werden konnten, bemächtigte sich der Hauptausschuß des Reichstags der Angelegenheit. Herr Dr. Südekum, der damals den Vorsitz führte, berief den Hauptausschuß -- soviel ich weiß, ohne vorherige Verständigung mit dem Reichskanzler -- auf den 22. August 1917. Ich erinnere daran, daß Graf Czernin in seiner Rede vom 11. Dezember 1918 Herrn Dr. Südekum neben Herrn Erzberger als denjenigen deutschen Abgeordneten bezeichnet hat, mit dem er vor der Friedensresolution des Reichstags Fühlung genommen hatte, um im Deutschen Reichstag einen »dauernden und kräftigen Verbündeten gegen die Eroberungspläne der Militärs« zu gewinnen.

In der vertraulichen Vorbesprechung, die am 21. August stattfand, war die Papstnote und die auf sie von der deutschen Regierung zu erteilende Antwort natürlich der wichtigste Gegenstand. In der Ablehnung einer Preisgabe Elsaß-Lothringens bestand Einigkeit. Dagegen gingen die Meinungen in der belgischen Frage erheblich auseinander. Die Mehrheitsparteien stellten ferner den Kanzler wegen der Worte »wie ich sie auffasse« in seiner Reichstagserklärung vom 19. Juli zur Rede. Der Kanzler erklärte, daß diese Worte eine Augenblickseingebung gewesen seien und daß es ihm ferngelegen habe, die Loyalität gegenüber den Mehrheitsparteien zu verletzen.

In der Sitzung des Hauptausschusses vom 21. August kam der Kanzler ohne zwingenden Anlaß auf diese Angelegenheit zurück, und zwar in Wendungen, die dahin verstanden wurden, er habe sich niemals vorbehaltlos auf den Boden der Friedensresolution des Reichstags gestellt und habe sich für verpflichtet gehalten, dies in seiner Erklärung zum Ausdruck zu bringen. Da er beim Verlesen seiner Erklärung das Gefühl gehabt habe, daß der den Mehrheitsparteien mitgeteilte Text dies vielleicht nicht genügend erkennen lasse, habe er jene beanstandeten Worte hinzugefügt.

Von diesem Augenblick an war die Stellung des neuen Kanzlers bei den Mehrheitsparteien so schwer erschüttert, daß man die neue Kanzlerkrisis vom 22. August datieren kann. Mit Mühe und Not wurde die Angelegenheit am Nachmittag durch einen Austausch von Erklärungen für den Augenblick zurechtgezogen. Dagegen fand der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Herr von Kühlmann, mit einer sehr geschickten und formgewandten Rede bei den Mehrheitsparteien großen Beifall. Sein in Anlehnung an die Papstnote formulierter Satz, daß in der Politik nicht nur die Macht, sondern auch das Recht eine Rolle spiele, und daß eine nur auf Macht begründete Politik zum Scheitern verurteilt sei, offenbarte zwar keine neue Weisheit, wurde aber von den Mehrheitsparteien als eine programmatische Absage an einen »Gewaltfrieden« und als ein grundsätzliches und klares Bekenntnis zu dem »Frieden der Verständigung und des Ausgleichs« der Reichstagsresolution aufgefaßt.

An demselben 22. August machte der Reichskanzler dem Reichstag ein weitgehendes Zugeständnis: Er kündigte an, daß er beabsichtige, zum Zweck der Herstellung einer engeren Fühlung und eines besseren Vertrauensverhältnisses zwischen Reichsleitung und Reichstag in den Fragen der auswärtigen Politik einen aus Vertretern der Parteien bestehenden Beirat zu berufen, dessen Aufgabe es sein sollte, mit der Reichsleitung »Dinge, die im Werden sind, durchzuberaten und zu einer Lösung zu führen, die der Öffentlichkeit übergeben werden kann«. Als erste Aufgabe sollte diesem Beirat die Feststellung der Antwort auf die Papstnote zugewiesen werden. In dieser nicht unbedenklichen Form nahm also der Kanzler den Gedanken des »Reichsrats«, den er zunächst hatte fallen lassen, wieder auf. Den Parteien des Reichstags wurde damit auf die Leitung der auswärtigen Politik des Reiches grundsätzlich ein bestimmender Einfluß eingeräumt.

Auf Grund dieser Zusage des Reichskanzlers wurde von den Reichstagsparteien die sogenannte »Siebenerkommission« eingesetzt, in der das Zentrum und die Sozialdemokraten durch je zwei, die Konservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen durch je ein Mitglied vertreten waren. Zur dauernden Einrichtung ist die »Siebenerkommission« nicht geworden. Soviel ich weiß, wurde sie nur ein einziges Mal, eben zur Feststellung der Antwort auf die Papstnote, einberufen, und zwar auf Montag, 10. September 1917.

Ich habe dieser Sitzung nicht beigewohnt, da ich am 5. September -- zum erstenmal, seit ich Anfang 1915 das Reichsschatzamt übernommen hatte -- in Urlaub gegangen war und das Telegramm des Kanzlers, das mich zu der Sitzung zurückrief, nicht mehr rechtzeitig erhalten hatte.

Ich kam erst am Abend des 10. September in Berlin an und erfuhr, daß die Erörterung sich hauptsächlich um die Frage gedreht habe, ob in der Antwort an den Papst ein ausdrücklicher Verzicht auf Belgien ausgesprochen werden solle oder nicht. Der Kanzler und der Staatssekretär des Auswärtigen hatten erneut erklärt, und zwar auf Grund eines Vortrages beim Kaiser, daß keinerlei Erwerbung belgischer Gebietsteile beabsichtigt sei; aus taktischen Gründen empfahlen sie jedoch, von einer ausdrücklichen Erklärung dieses Standpunktes in der im übrigen allgemein gehaltenen Antwort an den Papst abzusehen, und sie fanden hierfür die Zustimmung der Mehrheit des Siebenerausschusses. Entscheidendes Gewicht legten dagegen die Mehrheitsparteien darauf, daß in der Antwort auf die Papstnote ausdrücklich auf die Friedensresolution des Reichstags Bezug genommen werde.

Für den nächsten Tag hatte der Kaiser im Schloß Bellevue eine Beratung über die allgemeine Lage und insbesondere über die belgische Angelegenheit angesetzt, zu der außer dem Reichskanzler und mir die Staatssekretäre von Kühlmann und Graf Roedern, die Staatsminister von Breitenbach und von Waldow, der Generalfeldmarschall von Hindenburg, der General Ludendorff, der Chef des Admiralstabs von Holtzendorff, der Staatssekretär des Reichsmarineamts von Capelle und der Generalgouverneur von Belgien Generaloberst von Falkenhausen befohlen waren. Auch der Kronprinz nahm an der Beratung teil. Der Reichskanzler und Herr von Kühlmann machten geheimnisvolle Andeutungen über eine Friedensmöglichkeit, die sich neuerdings eröffnet habe, und zwar durch Mitteilungen eines von England beauftragten neutralen Vertreters. Voraussetzung für Friedensverhandlungen sei unser völliger und bedingungsloser Verzicht auf Belgien; sie befürworteten diesen Verzicht. Demgegenüber setzte sich der Chef des Admiralstabs dafür ein, daß jeder Friede uns die flandrische Küste bringen müsse. Die Herren von der Obersten Heeresleitung gaben zwar die flandrische Küste preis, General Ludendorff betonte jedoch die militärische Wichtigkeit einer Angliederung der Festung Lüttich und ihrer Umgegend. Der Kaiser entschied schließlich im Sinne des Kanzlers, mit dem Vorbehalt, daß die belgische Frage erneut geprüft werden müsse, wenn der Verzicht auf Belgien nicht bis zum Jahresende den Friedensschluß ermögliche. Der Kronprinz, der in der Sitzung selbst nicht das Wort ergriff, sprach sich nach der Beratung mir gegenüber dahin aus, daß nach seiner Ansicht jede Möglichkeit, zu einem anständigen Frieden zu kommen, ergriffen werden müsse, und daß der Friede an keiner an sich noch so wichtigen Einzelforderung scheitern dürfe.

Die angebliche Friedensbereitschaft Englands entpuppte sich bald als ein »Mißverständnis«. Es entspann sich später ein Streit darüber, ob Deutschland oder England die Initiative zu einem neuen Friedensschritt ergriffen habe. Die englische Regierung lehnte es kategorisch ab, irgendeiner neutralen Regierung Andeutungen über ihre Friedensbereitschaft gemacht zu haben[2].

[2] Siehe die Mitteilungen von Wolffs Telegraphischem Bureau vom 13. und 17. Dezember 1917. -- Im =Nachtrag= komme ich eingehender auf diese Angelegenheit zurück.

Unsere Antwort auf die Papstnote wurde am 21. September veröffentlicht. Sie betonte die in 26 Jahren segensreicher Regierung bewährte Friedensliebe des Deutschen Kaisers und den »werktätigen Willen zum Frieden« des deutschen Volkes; eine »unheilvolle Verkettung von Ereignissen« habe im Jahre 1914 einen hoffnungsvollen Entwicklungsgang jäh unterbrochen und Europa in einen blutigen Kampfplatz umgewandelt. Die Kaiserliche Regierung habe die in der Kundgebung des Papstes gegebenen Anregungen einer ernsten und gewissenhaften Prüfung unterzogen; die besonderen Maßnahmen, die sie in engster Fühlung mit der Vertretung des deutschen Volkes für die Beratung und Beantwortung der aufgeworfenen Frage getroffen habe -- gemeint war die Heranziehung des Siebenerausschusses --, legten davon Zeugnis ab, wie sehr es ihr am Herzen liege, im Einklang mit den Wünschen des Papstes und der Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli brauchbare Grundlagen für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu finden. Mit besonderer Wärme eignete sich die Antwort die in der Note des Papstes ausgesprochene Überzeugung an, daß künftig an die Stelle der materiellen Macht der Waffen die moralische Macht des Rechts treten müsse. »Wir teilen die Auffassung Seiner Heiligkeit,« so hieß es weiter, »daß bestimmte Regeln und gewisse Sicherheiten für eine gleichzeitige und gegenseitige Begrenzung der Rüstungen zu Wasser, zu Land und in der Luft sowie für die wahre Freiheit und Gemeinsamkeit der hohen See diejenigen Gegenstände darstellen, bei deren Behandlung der neue Geist, der künftig im Verhältnis der Staaten zueinander herrschen soll, den ersten verheißungsvollen Ausdruck finden müßte. Es würde sich sodann ohne weiteres die Aufgabe ergeben, auftauchende internationale Meinungsverschiedenheiten nicht durch das Aufgebot der Streitkräfte, sondern durch friedliche Mittel, insbesondere auf dem Wege des Schiedsverfahrens, entscheiden zu lassen, dessen hohe friedenstiftende Wirkung wir mit Seiner Heiligkeit voll anerkennen. Die Kaiserliche Regierung wird dabei jeden Vorschlag unterstützen, der mit den Lebensinteressen des Deutschen Reiches und Volkes vereinbar ist.« Wenn die Völker zu ihrem Heil erkannt haben würden, daß es gelte, mehr das Einigende als das Trennende in ihren Beziehungen zu betonen, werde es ihnen gelingen, auch die einzelnen noch offenen Streitpunkte so zu regeln, daß jedem Volke befriedigende Daseinsbedingungen geschaffen würden und damit eine Wiederkehr der großen Völkerkatastrophe ausgeschlossen erscheine. »Diese ernste und aufrichtige Überzeugung« -- so schloß die Note -- »ermutigt uns zu der Zuversicht, daß auch unsere Gegner in den von Seiner Heiligkeit zur Erwägung unterbreiteten Gedanken eine geeignete Unterlage sehen möchten, um unter Bedingungen, die dem Geiste der Billigkeit und der Lage Europas entsprechen, der Vorbereitung eines künftigen Friedens näherzutreten.«